Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Die Zeiten, in denen die Gefaengnisse als "Verbrecherschulen"
bezeichnet werden durften, sind laengst vorueber.
In unseren Strafanstalten geht es nicht weniger moralisch
und nicht weniger human als in der Freiheit zu.
Das, was man einst als "Verbrecherwelt" brandmarkte,
gibt es nicht mehr. Die Bewohnerschaft der
heutigen Strafhaeuser rekrutiert sich aus allen Staenden
des Volkes. Sie setzt sich in Beziehung auf Beruf und
Intelligenz aus denselben Prozentsaetzen zusammen wie die
der "Unbestraften".
An der Tat des Einzelnen ist auch die Gesamtheit schuld.
Sie hat ihn um ihrer selbst willen zu "ent"-schuldigen.
Der deutsche Richterstand ist sich der Wahrheit dieses
Satzes wohlbewusst. Ich habe keinen einzigen Richter
kennen gelernt, auch unter denen, welche gegen mich
entschieden, dem ich einen Vorwurf machen koennte. Die
zahlreichen Prozesse, zu denen meine Gegner mich foermlich
zwingen, geben mir reichlich Gelegenheit, Erfahrungen
zu machen, und ich muss sagen, dass ich alle diese
Herren, sowohl Straf- als auch Zivilrichter, nur
hochachten kann. Ich habe sogar den Fall erlebt, dass ein
Dresdener Richter mir recht gab, obwohl alle seine
Verwandten und Bekannten gegen mich waren und ihn in
diesem Sinne zu beeinflussen suchten. Welche Genugtuung
und welch ein Vertrauen zu dem ganzen Richterstand
dies erweckt, das weiss nur der, der Gleiches wie
ich erlebte.
In Beziehung auf den Strafvollzug habe ich dasselbe
auszusprechen. Ich habe waehrend meiner Gefangenschaft
nicht einen einzigen Oberbeamten oder Aufseher
kennen gelernt, der mir in Beziehung auf Gerechtigkeit
und Humanitaet Grund zu irgend einem Tadel gegeben
haette. Ich behaupte sogar, dass die Aufseher die Strenge
des Dienstes viel staerker empfinden als der Gefangene
selbst. Ich habe Hunderte von Malen eine Guete, eine
Geduld und Langmut bewundert, welche mir unmoeglich
gewesen waere. Das Gefaengnis ist kein Konzerthaus und
kein Tanzsalon, sondern eine sehr, sehr ernste Staette, in
welcher der Mensch zur Erkenntnis seiner selbst zu kommen
hat. Derjenige Detinierte, der so verstaendig ist, sich dies
zu sagen, wird niemals Grund zur Klage, sondern alle
moegliche Hilfe finden, das, was ihm vorzuwerfen war,
vergessen zu machen. Es gab Beamte, die ich herzlich
lieb gewann, und ich bin vollstaendig ueberzeugt, dass ihre
Erwiderung dieser meiner Zuneigung nicht etwa nur
vorgetaeuscht, sondern ehrlich und aufrichtig war.
Wenn die Erfolge unserer Rechtsprechung und unseres
Strafvollzuges trotzdem nicht solche sind, wie wir sie uns
wuenschen, so tragen wahrlich nicht die Richter und auch
nicht die Strafanstaltsbeamten die Schuld, sondern die
Ursachen sind ganz anderswo zu suchen, naemlich in der
Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung, in der toerichten
Selbstgerechtigkeit des lieben Naechsten, in gewissen, allzu tief
eingefressenen Vorurteilen und nicht zum geringsten auch
in unserer sogenannten, hochgepriesenen "Kriminalpsychologie",
an welche nur gewisse Fachleute glauben, nicht
aber der wirkliche Menschenkenner und noch viel weniger
der, um den es sich hier eigentlich handelt, naemlich der
sogenannte -- -- -- Verbrecher.
Dies sind die Quellen, aus denen immer wieder neue
Straftaten und neue Rueckfaelle fliessen, obgleich doch sonst
alles moegliche geschieht, diese trueben Wasser einzudaemmen
und nach und nach zum Versiegen zu bringen. Soll ich
sie mit Beispielen belegen und damit sogleich bei der
letzten, der "Kriminalpsychologie", beginnen, so liegen vor
mir mehrere Werke dieses hochinteressanten, aeusserst
strittigen Faches aufgeschlagen, deren Inhalt von Beweisen
dessen, was ich behaupte, geradezu wimmelt. Einer der
Herren Verfasser, ein bekannter Staatsanwalt, zeichnet
sich durch seine zahlreichen Versuche aus, die Gesetzgebung
und den Strafvollzug in mildere, humanere Bahnen zu
lenken. Er hat sich dadurch einen Namen gemacht. Er
wird, wann und wo es sich um diese Humanisierung
handelt, oft genannt und wuerde ein Segen auf diesem
Gebiete sein, wenn er nicht als Kriminalpsychologe das
wieder zerstoerte, was er als Vorkaempfer der Humanitaet
aufzubauen strebt. Ich nenne auch hier keinen Namen,
denn es kommt mir nicht auf die Person, sondern auf die
Sache an. Als Menschenfreund im hoechsten Grade
beachtenswert, kann er als "Seelenforscher" in fast noch
hoeherem Grade unbedachtsam und grausam sein. Indem
er seine oeffentlichen Behauptungen mit Beweisen zu belegen
versucht, laesst er sich so weit hinreissen, Personen,
die vor dreissig und noch mehr Jahren bestraft worden
sind, nun aber sich in muehsam errungener, oeffentlicher
Stellung befinden, mit in seine "psychiatrischen"
Betrachtungen zu ziehen und sie in seinen Schriften derart
kenntlich zu machen, dass jedermann weiss, wen er meint.
Von einem Rechtsanwalt hierueber zur Rede gestellt,
antwortete er, dass er als Wissenschaftler hierzu berechtigt
sei; es gebe einen Paragraphen, der ihm das erlaube.
Ich unterlasse es, kritische Bemerkungen hieran zu knuepfen.
Aber selbst wenn es wahr waere, dass es einen solchen
Paragraphen gibt, wer zwingt den Herrn Staatsanwalt,
einen derartigen Paragraphen zuliebe gegen seine eigene,
sonstige Humanitaet zu handeln und Menschen, die ihm
nie etwas zuleid taten und deren Schutz ihm als dem
Vertreter des Staates obzuliegen hatte, bei lebendigem
Leibe mit dem Messer zu zerschneiden? Falls dieser
Paragraph in Wirklichkeit vorhanden ist, so wird es fuer
den Reichstag hoechste Zeit, ihn einer ernsten Pruefung zu
unterwerfen. Wenn jeder einstige Strafgefangene, mag
er sich noch so hoch emporgearbeitet haben, durch das
Gesetz gezwungen ist, es sich gefallen zu lassen, dass die
Herren Kriminalpsychologen ihn oeffentlich an den
wissenschaftlichen Pranger stellen, so darf man sich gewiss nicht
darueber wundern, dass die Kriminalistik keine Neigung
zur Besserung zeigt. Ich werde im Verlaufe meiner
Darstellungen auf diesen Punkt zurueckkommen muessen.
Was die Mangelhaftigkeit der Gesetzgebung betrifft,
so brauche ich hier nur auf die voellige Schutzlosigkeit der
Vorbestraften gewissen Rechtsanwaelten gegenueber
hinzuweisen. Der groesste Schurke kann durch seinen Anwalt
in den Besitz der diskreten Akten dessen gelangen, den er
verderben will; das wird dann veroeffentlicht, und der
arme Teufel ist verloren! A. ist ein Schuft; B. ist ein
Ehrenmann, aber leider vorbestraft. A. hat die Absicht,
den B. zu vernichten. Er braucht ihn bloss zu beleidigen
und sich von ihm verklagen zu lassen. Er verlangt dann
als Beschuldigter, dass die Strafakten des Klaegers vorgelegt
werden. Das geschieht. Sie werden in oeffentlicher
Verhandlung vorgelesen. A. bekommt zehn Mark
Beleidigungsstrafe; B. aber ist in die fruehere Verachtung
und in das fruehere Elend zurueckgeworfen und wird nun
darauf schwoeren, dass fuer den einmal Bestraften alle Vorsaetze,
sich zu "bessern", nutzlos sind. Wenn er nun rueckfaellig
wird, ist es gewiss kein Wunder. Es gibt leider
nicht wenige Rechtsanwaelte, welche ganz ohne Bedenken
zu dem hoechst unfairen Mittel greifen, die Prozesse, die
in sachlicher Weise nicht zu gewinnen sind, in persoenlich
gehaessiger, ruecksichtsloser Weise zu fuehren. Auch ich selbst
habe es mit solchen Gegnern zu tun gehabt, aber immer
gesehen, dass unsere Richter sich durch derartigen Schmutz
niemals beeinflussen lassen. Ich bin ueberzeugt, dass gerade
diese Herren es mit Freuden begruessen wuerden, wenn
endlich jene gesetzlichen Bestimmungen in Wegfall kaemen,
durch welche es, wie bereits gesagt, jedem Schurken
ermoeglicht ist, laengst Vergangenes und laengst Gesuehntes
wieder aufzudecken. Dann wuerde die bedeutende Zahl der
sogenannten Erbitterungsrueckfaelle wohl bald in Wegfall
kommen.
Dass ich die toerichte Selbstgerechtigkeit des "lieben
Naechsten" anfuehrte, geschah mit vollstem Rechte. Sie ist
und bleibt die Hauptursache der Missstaende, die hier zu
besprechen sind. Ich will keineswegs behaupten, dass dies
auf einem ethischen Mangel beruht. Ich meine vielmehr,
es liegen alte Vorurteile vor, die sich so tief eingefressen
haben, dass man sie gar nicht mehr als Vorurteile
erkennt, sondern fuer Wahrheiten haelt, an denen niemand
zu ruetteln vermag. Der "Verbrecher" war einst vogelfrei;
er ist es auch noch heute. Ein jeder hackt auf ihn ein;
ist es nicht offen, so geschieht es doch heimlich. Er suche
Arbeit, er suche Hilfe, er suche Recht, so wird er jedem
andern nachgesetzt. Es gibt im Leben hundert und
aberhundert Punkte, von denen aus er als minderwertiger
Mensch betrachtet und behandelt wird, und es bedarf von
seiner Seite einer ungewoehnlichen Seelenruhe und einer
seltenen Willenskraft, dies immer wieder und immer
weiter zu ertragen, ohne sich auf die alte Bahn zurueckwerfen
zu lassen. Die groesste Gefahr fuer ihn liegt darin,
dass ihm von dem lieben Naechsten das Ehrgefuehl nach
und nach abgestumpft oder gar getoetet wird. Laesst er es
so weit kommen, so ist er verloren, und die Kriminalistik
gibt ihr entweder erbittertes oder vollstaendig gleichgueltig
gewordenes Opfer nie wieder her. Dies wird und kann
gar nicht anders werden, so lange an dem alten, ebenso
unsinnigen wie grausamen Vorurteil festgehalten wird,
dass jeder bestrafte Mensch fuer die ganze Zeit seines
Lebens als "Verbrecher" zu betrachten sei. Kuerzlich kam
in Charlottenburg der Fall vor, dass jemand, der vor
ueber vierzig Jahren bestraft worden war, sich seitdem
aber gut gefuehrt hatte, von einem uebelwollenden Menschen
als "geborener Verbrecher" bezeichnet wurde. Der
Beleidigte verklagte den Beleidiger, doch dieser wurde
freigesprochen. Heisst das nicht, einen armen Menschen, der
sich mit aeusserster Willenskraft aus dem Abgrund
emporgearbeitet und vierzig Jahre lang oben bewaehrt hat, mit
brutaler Gewalt wieder hinunterwerfen? -- --
Da unten lag auch ich. Indem ich hierueber weiter
berichte, ist es keineswegs meine Absicht, dies in der
Weise zu tun, wie aufregungsbeduerftige, sensationsluesterne
Leser es wuenschen. Es ist mehr als genug, wenn man
solche Dinge nur einmal erlebt. Ist man gezwungen, sie
zum zweitenmale zu erleben, indem man sie fuer andere
niederschreibt, so besitzt man gewiss die Berechtigung, sich
so kurz wie moeglich zu fassen. Von dieser Berechtigung
mache ich hiermit Gebrauch.
Ich fand bei meiner Einlieferung in die Strafanstalt
eine ernste, aber keineswegs verletzende Aufnahme. Wer
hoeflich ist, sich den Hausgesetzen fuegt und nicht dummer
Weise immerfort seine Unschuld beteuert, wird nie ueber
Haerte zu klagen haben. Was die Beschaeftigung betrifft,
die man fuer mich auswaehlte, so wurde ich der Schreibstube
zugeteilt. Man kann hieraus ersehen, wie fuersorglich
die Verhaeltnisse der Gefangenen von der Direktion
beruecksichtigt werden. Leider aber hatte diese Fuersoge in
meinem Falle nicht den erwarteten Erfolg. Naemlich ich
versagte als Schreiber so vollstaendig, dass ich als
unbrauchbar erfunden wurde. Ich hatte als Neueingetretener
das Leichteste zu tun, was es gab; aber auch das brachte
ich nicht fertig. Das fiel auf. Man sagte sich, dass es
mit mir eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse,
denn schreiben musste ich doch koennen! Ich wurde Gegenstand
besonderer Beachtung. Man gab mir andere Arbeit,
und zwar die anstaendigste Handarbeit, die man hatte.
Ich kam in den Saal der Portefeuillearbeiter und wurde
Mitglied einer Riege, in welcher feine Geld- und
Zigarrentaschen gefertigt wurden. Diese Riege bestand mit mir
aus vier Personen, naemlich einem Kaufmann aus Prag,
einem Lehrer aus Leipzig, und was der vierte war, das
konnte ich nicht erfahren; er sprach niemals davon. Diese
drei Mitarbeiter waren liebe, gute Menschen. Sie arbeiteten
schon seit laengerer Zeit zusammen, standen bei den
Vorgesetzten in gutem Ansehen und gaben sich alle
moegliche Muehe, mir die Lehrzeit und ueberhaupt die schwere
Zeit so leicht wie moeglich zu machen. Nie ist ein
unschoenes oder gar verbotenes Wort zwischen uns gefallen.
Unser Arbeitssaal fasste siebzig bis achtzig Menschen. Ich
habe unter ihnen nicht einen einzigen bemerkt, dessen
Verhalten an die Behauptung erinnert haette, dass das
Gefaengnis die hohe Schule der Verbrecher sei. Im
Gegenteil! Jeder einzelne war unausgesetzt bemueht, einen
moeglichst guten Eindruck auf seine Vorgesetzten und
Mitgefangenen zu machen. Vom Schmieden schlimmer Plaene
fuer die Zukunft habe ich waehrend meiner ganzen
Gefangenschaft niemals etwas gehoert. Haette irgend einer
gewagt, so etwas zu verlautbaren, so waere er, wenn nicht
angezeigt, so doch auf das energischste zurueckgewiesen
worden.
Der Aufseher dieses Saales oder, wie es dort genannt
wurde, dieser Visitation hiess Goehler. Ich nenne
seinen Namen mit grosser, aufrichtiger Dankbarkeit. Er
hatte mich zu beobachten und kam, obwohl er von Psychologie
nicht das geringste verstand, nur infolge seiner
Humanitaet und seiner reichen Erfahrung meinem inneren
Wesen derart auf die Spur, dass seine Berichte ueber mich,
wie sich spaeter herausstellte, die Wahrheit fast erreichten.
Er hatte, wie wohl alle diese Aufseher, frueher beim
Militaer gestanden, und zwar bei der Kapelle, als erster
Pistonblaeser. Darum war ihm das Musik- und Blaeserkorps
der Gefangenen anvertraut. Er gab des Sonntags
in den Visitationen und Gefaengnishoefen Konzerte,
die er sehr gut dirigierte. Auch hatte er bei Kirchenmusik
die Saenger mit seiner Instrumentalmusik zu begleiten.
Leider aber besass weder er noch der Katechet,
dem das Kirchenkorps unterstand, die noetigen theoretischen
Kenntnisse, die Stuecke, welche gegeben werden sollten, fuer
die vorhandenen Kraefte umzuarbeiten oder, wie der
fachmaennische Ausdruck heisst, zu arrangieren. Darum hatten
beide Herren schon laengst nach einem Gefangenen gesucht,
der diese Luecke auszufuellen vermochte; es war aber keiner
vorhanden gewesen.
Jetzt nun kam der Aufseher Goehler infolge seiner
Beobachtung meines seelischen Zustandes auf die Idee, mich
in sein Blaeserkorps aufzunehmen, um zu sehen, ob das
vielleicht von guter Wirkung auf mich sei. Er fragte bei
der Direktion an und bekam die Erlaubnis. Dann fragte
er mich, und ich sagte ganz selbstverstaendlich auch nicht
nein. Ich trat in die Kapelle ein. Es war gerade nur
das Althorn frei. Ich hatte noch nie ein Althorn in den
Haenden gehabt, blies aber schon bald ganz wacker mit.
Der Aufseher freute sich darueber. Er freute sich noch
mehr, als er erfuhr, dass ich Kompositionslehre getrieben
habe und Musikstuecke arrangieren koenne. Er meldete das
sofort dem Katecheten, und dieser nahm mich unter die
Kirchensaenger auf. Nun war ich also Mitglied sowohl
des Blaeser- als auch des Kirchenkorps und beschaeftigte
mich damit, die vorhandenen Musikstuecke durchzusehen und
neue zu arrangieren. Die Konzerte und Kirchenauffuehrungen
bekamen von jetzt an ein ganz anderes Gepraege.
Ich muss erwaehnen, dass diese musikalischen Arbeiten
nur Nebenarbeiten waren. Ich wurde durch sie keineswegs
von dem Arbeitspensum entbunden, welches jeder
Gefangene pro Tag zu liefern hat, wenn er vermeiden
will, sich Unannehmlichkeiten auszusetzen. Dieses Pensum
ist nicht zu hoch gestellt; ein jeder Arbeitswillige kann es
liefern. Wer geschickt ist, der liefert es sogar in wenigen
Stunden. Darum blieb mir reichlich genug Zeit fuer
meine kompositionelle Beschaeftigung uebrig, die ich nicht
aufgab, auch als ich aus der Visitation der
Portefeuillearbeiter versetzt worden war. Es wurde mir naemlich
mein inniger Wusch erfuellt, isoliert zu werden.
Ich hatte gleich bei meiner Einlieferung gebeten, eine
Zelle fuer mich allein zu bekommen; die Erfuellung dieses
Wunsches war aber nicht angaengig gewesen. Erst nun,
da man ueber mich zu einem psychologisch abgeschlossenen
Resultate kam, wurde ich in das Isolierhaus versetzt und
unmittelbar neben dem Arbeitsraume des Inspektors
desselben einquartiert. Er war ein hochgebildeter, sehr
pflichtbewusster und humaner Herr, dessen besonderer Schreiber
ich wurde. Das war eine Stelle, die es bis dahin noch
nicht gegeben hatte. Ich mache hier auf den psychologisch
bedeutungsvollen Umstand aufmerksam, dass ich zur Zeit
meiner Einlieferung vollstaendig unfaehig gewesen war,
Schreiber zu sein, nun aber fuer faehig gehalten wurde,
eine Schreiberstelle zu bekleiden, welche grosse geistige Um-
und Einsicht erforderte und die hoechste Vertrauensstelle
war, die es in der ganzen Anstalt gab. Mein Inspektor
war naemlich neben seiner Direktion des Isolierhauses
noch beruflich schriftstellerisch taetig. Diese seine Taetigkeit
bezog sich auf die besondere Statistik unserer Anstalt und
auf das Wesen und die Aufgaben des Strafvollzuges
ueberhaupt. Er schrieb die hierauf bezueglichen Berichte
und stand mit allen hervorragenden Maennern des
Strafvollzuges in lebhafter Korrespondenz. Meine Aufgabe
war, die statistischen Ziffern zu ermitteln, sie auf ihre
Zuverlaessigkeit zu untersuchen, sie zusammenzustellen, zu
vergleichen und dann die Resultate aus ihnen zu ziehen.
Das war an und fuer sich eine sehr schwere, anstrengende
und scheinbar langweilige Beschaeftigung mit leblosem
Ziffernwerk; aber diese Ziffern zu Gestalten zusammenzusetzen
und diesen Gestalten Leben und Seele einzuhauchen,
ihnen Sprache zu verleihen, das war im hoechsten Grade
interessant, und ich darf wohl sagen, dass ich da viel, sehr
viel gelernt habe und dass mich diese Arbeiten in stiller,
einsamer Zelle in Beziehung auf Menschheitspsychologie
viel weiter vorwaerts gebracht haben, als ich ohne
diese Gefangenschaft jemals gekommen waere. Dass mir
hierzu nur die besten und zuverlaessigsten Unterlagen zu
Gebote standen, versteht sich ganz von selbst. Es sind mir
da ganz eigenartige Lichter aufgegangen. Ich habe da
in die tiefsten Tiefen des Menschenlebens geschaut und
Dinge gesehen, die andere niemals sehen werden, weil sie
keine Augen dafuer haben. Ich habe da erkannt, dass
Grossmutters Maerchen die Wahrheit sagt, dass es ein
Dschinnistan und ein Ardistan gibt, ein ethisches Hochland
und ein ethisches Tiefland, und dass die Hauptbewegung,
an der wir alle teilzunehmen haben, nicht von
oben nach unten geht, sondern von unten nach oben,
empor, empor zur Befreiung von der Suende, hinauf,
hinauf zur Edelmenschlichkeit. Diese Erkenntnis ist mir
von groesstem Segen gewesen; sie hat auch mich selbst
befreit. Ich habe die in mir schreienden Stimmen, von
denen ich weiter oben sprach, auch in der Zelle
vernommen. Ich habe mit ihnen gekaempft und sie stets zum
Schweigen gebracht. Sie kehrten zwar zurueck; sie liessen
sich wieder hoeren, doch in immer laengern Zwischenraeumen,
bis ich endlich annehmen konnte, dass sie ganz und fuer
immer stumm geworden seien.
Ausserdem hatte ich die Bibliothek der Gefangenen
zu verwalten, und auch die Bibliothek der Beamten stand
mir offen. Die Werke der letzteren bezogen sich nicht etwa
nur auf Strafrecht und auf Strafvollzug, sondern es waren
alle Wissenschaften vertreten. Ich habe diese koestlichen,
inhaltsreichen Buecher nicht nur gelesen, sondern studiert
und sehr viel daraus gewonnen. Und es waren nicht nur
die Werke der Anstaltsbibliotheken, die mir zur
Verfuegung standen, sondern man zeigte sich auch gern
bereit, mir solche von auswaerts zugaengig zu machen. Es
war mir ein unwiderstehliches Beduerfnis, die Ruhe und
Ungestoertheit der Zelle so viel wie moeglich fuer mein
geistiges Vorwaertskommen auszunutzen, und die Beamten
hatten ihre Freude daran, mir hierzu in jeder, den
Anstaltsgesetzen nicht widersprechenden Weise behilflich zu sein.
So verwandelte sich fuer mich die Strafzeit in eine
Studienzeit, zu der mir groessere Sammlung und groessere
Vertiefungsmoeglichkeit geboten war, als ein Hochschueler
jemals in der Freiheit findet. Ich werde ueber diesen grossen,
unschaetzbaren Gewinn, den die Gefangenschaft mir brachte,
noch fernerhin sprechen. Noch heut bin ich ganz
besonders dankbar dafuer, dass es mir nicht verboten war,
mir fremdsprachige Grammatiken anzuschaffen und hierdurch
den eigentlichen Grund zu meinen spaeteren Reisearbeiten
zu legen, die aber bekanntlich gar keine Reisearbeiten
sind, sondern ein ganz anderes, bis jetzt unbebautes
Genre bilden sollen. Doch ist es fuer jetzt nicht
meine Absicht, mich ueber diese meine Studien zu verbreiten,
sondern ich habe mich hier allein und ganz besonders
mit dem Umstand zu befassen, dass die mir anvertraute
Verwaltung der Gefangenenbibliothek mir Gelegenheit
zu hoechst wichtigen Beobachtungen und Erfahrungen
gab, unter deren Einfluss meine schriftstellerische
Taetigkeit sich zu der gestaltete, die sie geworden ist.
Wenn ich behaupte, dass ich die literarischen Beduerfnisse,
oder sagen wir, die Lesebeduerfnisse der Volksseele
kennen lernte, so bitte ich, diese Behauptung ernst
zu nehmen. Man soll nicht sagen, dass jeder
Volksbibliothekar und jeder Leihbibliothekar genau dieselben
Erfahrungen machen koenne, denn das ist nicht wahr.
Ein Leser in Freiheit und ein Leser in Haft, das sind
zwei ganz verschiedene Gestalten. Bei dem Letzteren kann
das Lesen geradezu zum seelischen Existenzbeduerfnisse
werden. Sein Wesen wendet sich, es kehrt sich um. Die
aeussere Persoenlichkeit hat unter der Anstaltszucht ihre
Geltung aufgegeben; die innere tritt hervor. Und diese
ist es, die von dem Beamten, von der Anstaltserziehung
erkannt und gepackt werden muss, wenn der menschlich
grosse, humane Zweck der Strafe erreicht werden soll,
moralische Erhebung und Festigung, Aussoehnung zwischen
der Gesellschaft und dem sogenannten Verbrecher, die
sich beide aneinander versuendigten. Dieses Hervortreten
der innern Persoenlichkeit ist in der Freiheit eine Ausnahme,
in der Gefangenschaft aber die Regel. Der Gefangene
hat waehrend seiner Detention auf alle seine leiblichen
Sonderrechte zu verzichten. In leiblicher Beziehung
ist er nicht mehr Person, sondern nur noch Sache, eine
Nummer, die in den Buechern eingetragen wird und bei
der man ihn auch nennt. Um so kraeftiger, ja ungestuemer
tritt seine innere Gestalt, seine Seele hervor, um sich,
ihre Rechte und Beduerfnisse geltend zu machen. Der
Leib ist gezwungen, sich in die Gefaengniskleidung und
Gefaengniskost zu fuegen. Wehe, wenn man den Fehler
begeht, den gleichen Zwang auch auf die Seele ausueben
zu wollen! Sie strebt mit Macht heraus aus dem
Gefaengniskleide, und sie verlangt mit Heisshunger nach einer
Kost, an der sie ethisch gesunden und erstarken kann, um
sich von den Fesseln, in denen sie bisher schmachtete, zu
befreien. Man glaube mir, kein Straefling wuenscht das
Boese fuer sich; sie alle wuenschen das Gute. Im tiefsten
Herzensgrunde hat jeder den Trieb, nicht nur koerperlich
sondern auch moralisch frei zu sein, sogar der scheinbar
Unverbesserliche. Woher aber soll diese nackte, hungrige
Seele sich gut kleiden und gut naehren, naemlich gut im
ethischen Sinne? Aus sich selbst heraus? Aus den
sonntaeglichen Anstaltspredigten? Aus den wenigen, kurzen
Besuchen der Anstaltsgeistlichen und anderer Beamten?
Aus dem Zusammenleben mit den Strafgefaehrten? Man
beantworte diese Fragen, wie man will, die Hauptquelle
aller Erziehung, Besserung und Emporhebung kann bei
derartig gegebenen Verhaeltnissen nur die Bibliothek sein.
Der Gefangene, der sich so fuehrt, dass ihm das Lesen
nicht verboten werden muss, bekommt pro Woche ein Buch.
Der Inhalt desselben bildet sieben Tage lang die seelische
Kost fuer den nach Nahrung Schmachtenden. Er darf
sich das Buch nicht waehlen; er muss nehmen, was er
bekommt. Was man ihm gibt, kann ihm zum Glueck, kann
ihm zum Unglueck werden, kann ihm Belehrung oder Strafe
sein, kann ihn zur Selbsterkenntnis und zur Einsicht bringen,
ihn aber auch empoeren und verhaerten. Einer meiner
Mitgefangenen, ein geistreicher Bankier, hatte dreiviertel Jahre
lang weiter nichts als alte "Frauendorfer Blaetter" zu
lesen bekommen, trockene Unterweisungen im Gartenbau,
die ihn weder interessieren noch ihm irgendeinen Nutzen
bringen konnten. Er trug es in steigender Erbitterung,
bis ich die Bibliothek ueberkam [sic] und ihm Passenderes gab.
Einen Schauspieler, der ein Feuerkopf war, hatten Jeremias
Gotthelfs Erzaehlungen derart ausser sich gebracht,
dass er nahe daran stand, wegen Ungebuehr bestraft zu
werden. Das letzte, was er hatte lesen muessen, hatte
den Titel gehabt "Wie fuenf Maedchen im Branntwein
jaemmerlich umkommen." Als ich ihm einen Band von
Edmund Hoefer gab, war er so froh, als ob ich ihm ein Vermoegen
geschenkt haette. Ein sozialdemokratischer Klempnermeister
war einer langen Reihe von Erbauungsbuechern
zum Opfer gefallen. Er schwor mir wuetend zu, dass es
schon um dieser Buecher willen keinen Herrgott geben
koenne. Er habe nur aus bitterer Not Bankrott gemacht;
die Verfasser und Herausgeber dieser Schriften aber seien
aus Selbstgerechtigkeit und Uebermut bankrott und
verdienten wenigstens dieselbe Gefaengnisstrafe wie er.
Aus solchen Beispielen geht hervor, wie genau ich
zunaechst meine Bibliothek und sodann auch die Beduerfnisse
ihrer Leser kennen zu lernen hatte. Das war mit
ernsten und schwierigen psychologischen Erwaegungen
verbunden und fuehrte zu dem betruebenden Schlussresultate,
dass eigentlich solche Buecher, wie wir sie brauchten,
nur ganz wenige vorhanden waren. Sie fehlten nicht
nur in unserer Gefaengnisbibliothek, sie fehlten auch
ueberhaupt in der Literatur. Ich dachte an meine Knabenzeit,
an die Traktaetchen, die ich da gelesen und an den Schund,
der mich da vergiftet hatte; ich dachte weiter, und ich
verglich. Da daemmerte in mir eine Erkenntnis auf. Sind
nur die Bewohner der Strafanstalten detiniert? Ist nicht
eigentlich jeder Mensch ein Gefangener? Stecken nicht
Millionen von Menschen hinter Mauern, die man zwar
nicht mit den Augen sieht, die aber doch nur allzu
fuehlbar vorhanden sind? Ist es nur fuer die Bewohner der
Strafanstalt der Leib, der gebaendigt werden muss, damit
der hoehere, von oben stammende Teil unseres Wesens zur
Geltung kommen moege? Muss nicht ueberhaupt bei allen
Sterblichen, also bei der ganzen Menschheit, alles Niedrige
gefesselt werden, damit die hierdurch die Freiheit
gewinnende Seele sich zum hoechsten irdischen Ideale, zur
Edelmenschlichkeit, erheben koenne? Und sind es nicht die
Religion, die Kunst, die Literatur, die uns aus solcher
Tiefe zu solcher Hoehe fuehren sollen? Die Literatur, der
auch ich, der an die enge Zelle geschmiedete Gefangene,
mit angehoere!
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