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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).


Books: Mein Leben und Streben

K >> Karl May >> Mein Leben und Streben

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"Sie sind arretiert! Wissen Sie das?"

"Nein," antwortete ich, toedlich erschrocken.
"Warum?"

"Sie sollen Ihrem Mietkameraden seine Taschenuhr
gestohlen haben! Wenn man sie bei Ihnen findet,
bekommen Sie Gefaengnis und werden als Lehrer
abgesetzt!"

Mir flimmerten die Augen. Ich hatte das Gefuehl,
als habe mich jemand mit einer Keule auf den Kopf
geschlagen. Ich dachte an den gestrigen Abend, an meine
Gedanken vor dem Einschlafen, und nun ploetzlich Absetzung
und Gefaengnis!

"Aber die ist ja gar nicht gestohlen, sondern nur
geborgt!" stammelte ich, indem ich sie aus der Tasche zog.

"Das glaubt man Ihnen nicht! Weg damit! Geben
Sie sie ihm heimlich wieder, doch lassen Sie sie jetzt nicht
sehen! Schnell, schnell!"

Meine Bestuerzung war unbeschreiblich. Ein einziger
klarer, ruhiger Gedanke haette mich gerettet, aber er blieb
aus. Ich brauchte die Uhr einfach nur vorzuzeigen und
die Wahrheit zu sagen, so war alles gut; aber ich stand
vor Schreck wie im Fieber und handelte wie im Fieber.
Die Uhr verschwand, nicht wieder in der Tasche, sondern
im Anzuge, wohin sie nicht gehoerte, und kaum war dies
geschehen, so kehrte der Gendarm zurueck, um mich
abzuholen. Mache ich es mit dem, was nun geschah, so
kurz wie moeglich! Ich beging den Wahnsinn, den Besitz
der Uhr in Abrede zu stellen; sie wurde aber, als man
nach ihr suchte, gefunden. So vernichtete mich also die
Luege, anstatt dass sie mich rettete; das tut sie ja immer;
ich war ein -- -- -- Dieb! Ich wurde nach Chemnitz
vor den Untersuchungsrichter geschafft, brachte die
Weihnachtsfeiertage anstatt bei den Eltern hinter Schloss und
Riegel zu und wurde zu sechs Wochen Gefaengnis verurteilt.
Ob und womit ich mich verteidigt habe; ob ich
zur Berufung, zur Appellation, zu irgendeinem Rechtsmittel,
zu einem Gnadengesuche, zu einem Anwalt meine
Zuflucht nahm, das weiss ich nicht zu sagen. Jene Tage
sind aus meinem Gedaechtnisse entschwunden, vollstaendig
entschwunden. Ich moechte aus wichtigen psychologischen
Gruenden gern Alles so offen und ausfuehrlich wie moeglich
erzaehlen, kann das aber leider nicht, weil das Alles infolge
ganz eigenartiger, seelischer Zustaende, ueber die ich
im naechsten Kapitel zu berichten haben werde, aus meiner
Erinnerung ausgestrichen ist. Ich weiss nur, dass ich
mich vollstaendig verloren hatte und dass ich mich dann
in der Pflege der Eltern und besonders der Grossmutter
wiederfand. Als ich mich muehsam erholt hatte und wieder
kraeftig genug auf den Beinen war, bin ich nach Altchemnitz
gegangen, um mein beschaedigtes Gedaechtnis wieder
aufzufrischen. Es war in Beziehung auf die Oertlichkeiten
vergebens; ich erkannte nichts, weder die Fabrik,
noch meine damalige Wohnung, noch irgendeine Stelle,
an der ich ganz unbedingt gewesen war. Aber ploetzlich
stand er vor mir, mein Wohnungsgenosse, der Buchhalter.
Er kam mir auf der Strasse entgegen und hielt den
Schritt an, als wir uns erreichten. Den erkannte ich
sofort, er mich auch, obgleich er versicherte, dass ich ganz
anders aussehe als frueher, so ausserordentlich leidend.
Er gab mir die Hand und bat mich, ihm zu verzeihen.
So, wie es gekommen sei, das habe er keineswegs gewollt.
Es tue ihm unendlich leid, mir meine Karriere verdorben
zu haben! Ich sah ihn gross an. Mir meine Karriere
verdorben? Haette das ueberhaupt Jemand gekonnt?
Selbst wenn der Staat mich nicht mehr anstellen will,
gibt es doch Privatstellen genug, die besser bezahlt werden
als diejenigen des Staates. Und meine Absicht war es
ja niemals gewesen, Volks- oder gar Fabrikschullehrer zu
bleiben; ich hatte ganz Anderes geplant und plante das
auch noch heut. Ich liess den Mann mitten auf der
Strasse stehen und entfernte mich, ohne ihm einen
Vorwurf zu machen.

Ja, ich ging fort, aber wohin?! Das ahnte ich
damals nicht. Ich habe im letzten Verlaufe dieser
Darstellung gesagt, dass die Abgruende hinter mir lagen, vor
mir aber keine, und dass ich die Absicht hegte, Grosses zu
leisten, vorher aber Grosses zu lernen. Das Erstere war
falsch. Die Abgruende lagen ganz im Gegenteile nicht
hinter mir, sondern vor mir. Und das Grosse, was ich
zu lernen und zu leisten hatte, war, in diese Abgruende
zu stuerzen, ohne zu zerschmettern, und jenseits frei
hinaufzusteigen, ohne jemals wieder zurueckzufallen. Dies ist die
schwerste Aufgabe, die es fuer einen Sterblichen gibt, und
ich glaube, ich habe sie geloest. -- -- --

_________


V.
Im Abgrunde.

_____

Ich komme nun zu der Zeit, welche fuer mich und fuer jeden
Menschenfreund die schrecklichste, fuer den Psychologen
aber die interessanteste ist. Es liegt mir in der schreibenden
Hand und in der Feder, der vorliegenden Darstellung
jene psychologische oder gar kriminalpsychologische Faerbung
zu geben, welche am besten geeignet waere, das, was damals
in mir vorgegangen ist, fuer den Fachmann begreiflich
zu machen; aber ich schreibe hier nicht fuer den seelenkundigen
Spezialisten, sondern fuer die Welt, in der meine
Buecher gelesen werden, und habe mich also aller Versuche,
Psychologie zu treiben, zu enthalten. Ich werde infolge
dessen alle Fachausdruecke vermeiden und lieber einen
bildlichen Ausdruck in Anwendung bringen als einen, der
nicht allgemein verstaendlich ist.

Die im letzten Kapitel erzaehlte Begebenheit hatte wie
ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag ueber den
Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht.
Und ich brach zusammen! Ich stand zwar wieder
auf, doch nur aeusserlich; innerlich blieb ich in dumpfer
Betaeubung liegen; wochenlang, ja monatelang. Dass es
grad zur Weihnachtszeit geschehen war, hatte die Wirkung
verdoppelt. Ob ich mich an einen Rechtsanwalt wendete,
ob ich Berufung eingelegt, appelliert oder sonst irgend ein
Rechtsmittel ergriffen habe, das weiss ich nicht. Ich weiss
nur noch, dass ich sechs Wochen lang in einer Zelle wohnte,
zwei andere Maenner mit mir. Sie waren Untersuchungsgefangene.
Man schien mich also fuer ungefaehrlich zu
halten, sonst haette man mich nicht mit Personen
zusammengesperrt, die noch nicht abgeurteilt waren. Der Eine
war ein Bankbeamter, der Andere ein Hotelier. Weshalb
sie in Untersuchung sassen, das kuemmerte mich nicht. Sie
zeigten sich lieb zu mir und gaben sich Muehe, mich aus
dem Zustande innerlicher Versteinerung, in dem ich mich
befand, emporzuheben, doch vergeblich. Ich verliess die
Zelle nach Beendigung meiner Haft mit derselben
Empfindungslosigkeit, in der ich sie betreten hatte. Ich ging
heim, zu den Eltern.

Weder dem Vater noch der Mutter noch der Grossmutter
noch den Schwestern fiel es ein, mir Vorwuerfe
zu machen. Und das war geradezu entsetzlich! Als ich
damals in meinem kindlichen Unverstand nach Spanien
wollte und Vater mich heimholte, hatte ich mir vorgenommen,
ihn niemals wieder mit Aehnlichem zu betrueben, und es
war so ganz anders und so viel schlimmer gekommen!
Um meine Zukunft oder um eine Anstellung war es mir
nicht; die haette ich zu jeder Zeit erhalten koennen. Nun
da es so stand, handelte es sich fuer mich darum, nicht
erst seitwaerts abzuschweifen, sondern gleich jetzt und fuer
immer in den Weg einzubiegen, an dessen anderem Ende
die Ideale lagen, die ich seit meiner Knabenzeit im tiefsten
Herzen trug. Schriftsteller werden, Dichter werden! Lernen,
lernen, lernen! Am Grossen, Schoenen, Edlen mich
emporarbeiten aus der jetzigen tiefen Niedrigkeit! Die Welt
als Buehne kennen lernen, und die Menschheit, die sich
auf ihr bewegt! Und am Schlusse dieses schweren,
arbeitsreichen Lebens fuer die andere Buehne schreiben, fuer das
Theater, um dort die Raetsel zu loesen, die mich schon seit
fruehester Kindheit umfangen hatten und die ich heut zwar
fuehlte, aber noch lange, lange, lange nicht begriff!

Dieser sich in mir vollziehende Gedanken- oder Willensvorgang
war nicht etwa ein klarer, kurz und buendig sich
aussprechender, o nein, denn es herrschte jetzt in mir das
strikte Gegenteil von Klarheit; es war Nacht; es gab
nur wenige freie Augenblicke, in denen ich weitersah,
als grad der heutige Tag mich sehen liess. Diese Nacht
war nicht ganz dunkel; sie hatte Daemmerlicht. Und
sonderbar, sie erstreckte sich nur auf die Seele, nicht auch
auf den Geist. Ich war seelenkrank, aber nicht geisteskrank.
Ich besass die Faehigkeit zu jedem logischen Schlusse,
zur Loesung jeder mathematischen Aufgabe. Ich hatte
den schaerfsten Einblick in alles, was ausser mir lag; aber
sobald es sich mir naeherte, um zu mir in Beziehung zu
treten, hoerte diese Einsicht auf. Ich war nicht imstande,
mich selbst zu betrachten, mich selbst zu verstehen, mich
selbst zu fuehren und zu lenken. Nur zuweilen kam ein
Augenblick, der mir die Faehigkeit brachte, zu wissen, was
ich wollte, und dann wurde dieses Wollen festgehalten bis
zum naechsten Augenblicke. Es war ein Zustand, wie ich
ihn noch bei keinem Menschen gesehen und in keinem
Buche gelesen hatte. Und ich war mir dieses seelischen
Zustandes geistig sehr wohl bewusst, besass aber nicht
die Macht, ihn zu aendern oder gar zu ueberwinden. Es
bildete sich bei mir das Bewusstsein heraus, dass ich kein
Ganzes mehr sei, sondern eine gespaltene Persoenlichkeit,
ganz dem neuen Lehrsatze entsprechend, nicht Einzelwesen,
sondern Drama ist der Mensch. In diesem Drama gab
es verschiedene, handelnde Persoenlichkeiten, die sich bald
gar nicht, bald aber auch sehr genau voneinander
unterschieden.

Da war zunaechst ich selbst, naemlich ich, der ich das
Alles beobachtete. Aber wer dieses Ich eigentlich war
und wo es steckte, das vermochte ich nicht zu sagen. Es
besass grosse Aehnlichkeit mit meinem Vater und hatte
alle seine Fehler. Ein zweites Wesen in mir stand stets
nur in der Ferne. Es glich einer Fee, einem Engel,
einer jener reinen, beglueckenden Gestalten aus Grossmutters
Maerchenbuche. Es mahnte; es warnte. Es laechelte,
wenn ich gehorchte, und es trauerte, wenn ich ungehorsam
war. Die dritte Gestalt, natuerlich nicht koerperliche, sondern
seelische Gestalt, war mir direkt widerlich. Fatal, haesslich,
hoehnisch, abstossend, stets finster und drohend; anders habe
ich sie nie gesehen, und anders habe ich sie nie gehoert.
Denn ich sah sie nicht nur, sondern ich hoerte sie auch; sie
sprach. Sie sprach oft ganze Tage und ganze Naechte
lang in einem fort zu mir. Und sie wollte nie das Gute,
sondern stets nur das, was boes und ungesetzlich war.
Sie war mir neu; ich hatte sie nie gesehen, sondern erst
jetzt, seitdem ich innerlich gespalten war. Aber wenn sie
einmal still war und ich darum Zeit fand, sie unbemerkt
und aufmerksam zu betrachten, dann kam sie mir so vertraut
und so bekannt vor, als ob ich sie schon tausendmal
gesehen haette. Dann wechselte ihre Gestalt, und es wechselte
auch ihr Gesicht. Bald stammte sie aus Batzendorf,
aus dem Kegelschub oder aus der Luegenschmiede. Heut
sah sie aus wie Rinaldo Rinaldini, morgen wie der
Raubritter Kuno von der Eulenburg und uebermorgen
wie der fromme Seminardirektor, als er vor meinem
Talgpapiere stand.

Diese inneren Beobachtungen machte ich nicht mit
einem Male, sondern nach und nach. Es vergingen viele,
viele Monate, bis sie sich in mir so weit entwickelt hatten,
dass ich sie mit dem geistigen Auge fassen und durch das
Gedaechtnis festhalten konnte. Und da begann ich zu
begreifen, um was es sich eigentlich handelte. Was sich in
jedem Menschen vollzieht, ohne dass er es bemerkt oder
auch nur ahnt, das vollzog sich in mir, indem ich es sah
und hoerte. War dies ein Vorzug, eine Gottesgnade?
Oder war ich verrueckt? Dann aber jedenfalls nicht geistig,
sondern seelisch verrueckt, denn ich machte diese Beobachtungen
mit einer Objektivitaet und Kaltbluetigkeit, als ob es sich
nicht um mich selbst, sondern um einen ganz anderen, mir
vollstaendig fremden Menschen handle. Und ich lebte das
gewoehnliche, alltaegliche Leben ganz so, wie jede gesunde
Person es lebt, die von derartigen psychologischen
Vorgaengen nicht angefochten wird. Es kehrte mir die Kraft
und der Wille zum Leben zurueck. Ich arbeitete. Ich
gab Unterricht in Musik und fremden Sprachen. Ich
dichtete; ich komponierte. Ich bildete mir eine kleine
Instrumentalkapelle, um das, was ich komponierte,
einzuueben und auszufuehren. Es leben noch heut Mitglieder
dieser Kapelle. Ich wurde Direktor eines Gesangvereins,
mit dem ich oeffentliche Konzerte gab, trotz meiner Jugend.
Und ich begann, zu schriftstellern. Ich schrieb erst
Humoresken, dann "Erzgebirgische Dorfgeschichten". Ich hatte
nicht die geringste Not, Verleger zu finden. Gute, packende
Humoresken sind aeusserst selten und werden hoch bezahlt.
Die meinigen gingen aus einer Zeitung in die andere.
Es war eine Freude, zu sehen, wie sich das so vortrefflich
entwickelte. Aber diese Freude wurde in der grausamsten
Weise durch eine andere Entwicklung vergaellt, die sich
zu gleicher Zeit und dem konform in meinem Innern
vollzog. Die Spaltung dort griff weiter um sich. Jede
Empfindung, jedes Gefuehl schien Form annehmen zu
wollen. Es wimmelte von Gestalten in mir, die mitsorgen,
mitarbeiten, mitschaffen, mitdichten und mitkomponieren
wollten. Und jede dieser Gestalten sprach; ich musste sie
hoeren. Es war zum Wahnsinnigwerden! Wie es frueher
ausser mir selbst nur zwei Gestalten gegeben hatte, die
helle und die dunkle, so jetzt ausser mir zwei Gruppen.
Und je laenger es dauerte, dass sie sich von einander
unterschieden, um so deutlicher erkannte ich sie. Es kaempften
da zwei einander feindliche Heerlager gegen einander:
Grossmutters helle, lichte Bibel- und Maerchengestalten
gegen die schmutzigen Daemonen jener unglueckseligen
Hohensteiner Leihbibliothek. Ardistan gegen Dschinnistan. Die
uebererbten Gedanken des Sumpfes, in dem ich geboren
wurde, gegen die beglueckenden Ideen des Hochlandes,
nach dem ich strebte. Die Miasmen einer vergifteten
Kinder- und Jugendzeit gegen die reinen, beseligenden
Wuensche und Hoffnungen, mit denen ich in die Zukunft
schaute, die Luege gegen die Wahrheit, das Laster gegen
die Tugend, die eingeborene menschliche Bestie gegen die
Wiedergeburt, nach der jeder Sterbliche zu streben hat,
um zum Edelmenschen zu werden.

Solche innere Kaempfe hat jeder denkende Mensch,
der vorwaerts strebt, durchzumachen. Bei ihm sind es
Gedanken und Empfindungen, die gegeneinander streiten.
Bei mir aber hatten diese Gedanken und Regungen sich
zu sichtbaren und hoerbaren Gestalten verdichtet. Ich sah
sie bei geschlossenen Augen, und ich hoerte sie, bei Tag und
bei Nacht; sie stoerten mich aus der Arbeit; sie weckten
mich aus dem Schlafe. Die dunklen waren maechtiger
als die hellen; gegen ihre Zudringlichkeit gab es keinen
Widerstand. In gewoehnlichen Stunden herrschte Ruhe
in mir; da gab es keinen Konflikt. Sobald ich aber zu
arbeiten begann, erwachte Gestalt um Gestalt. Eine jede
wollte die Arbeit so, wie sie es wuenschte. Auch kam
es sehr auf das Thema an, welches ich behandelte. Gegen
eine lustige Humoreske hatte niemand etwas. Die konnte
ich ohne Streit und Stoerung vollenden. Bei einer ernsten
Dorfgeschichte aber erhoben sich zahlreiche Stimmen fuer
und gegen mich. In diesen Dorfgeschichten wies ich
regelmaessig nach, dass Gott nicht mit sich spotten laesst,
sondern genauso straft, wie man suendigt. Hiergegen
empoerten sich gewisse Gestalten in mir. Den groessten
Widerstand aber fand ich, sobald ich in meinen Arbeiten
oder meiner Lektuere noch hoehere Linien bestieg. Wenn
ich mir ein religioes oder ethisch oder aesthetisch hohes
Thema stellte, empoerte sich die dunkle Gestalt in mir mit
aller Macht dagegen und bereitete mir Qualen, die ganz
unaussprechlich sind. Um zu zeigen, in welcher Weise
das vor sich ging und was fuer Qualen das waren, will
ich ein erlaeuterndes Beispiel bringen: Ich hatte den Auftrag
erhalten, eine Parodie von "des Saengers Fluch"
von Uhland zu schreiben. Ich tat es. Die Parodie bekam
den Titel "des Schneiders Fluch". Ein Schneider
verfluchte einen Schuster, sein baufaelliges Haeuschen und
winziges Gaertchen, in dem nur zwei Stachelbeerbuesche
standen. Bei der Verfluchung des Haeuschens kam es
zu folgenden Zeilen:

"Die Hypotheken lauern
Schon heut auf euern Sturz.
Ihr hoerts, verruchte Mauern,
Ich mach' es mit euch kurz!"

Diese Parodie dichtete ich, ohne innerlich dabei gestoert zu
sein. Gegen so niedrige Sachen gab es nicht die geringste
Empoerung in mir. Nur die lichte Gestalt verschwand;
sie trauerte, denn mein Koennen reichte zu Besserem und
Edlerem aus. Einige Zeit spaeter hatte ich ein Lehrgedicht
zu schreiben, von dem mir jetzt nur noch folgende Strophen
gegenwaertig sind:

"Wenn ihr erst selbst das Wort verstanden,
Das euer Heiland euch gelehrt
Und es in euren eig'nen Landen
Befolgt und mit Gehorsam ehrt,
Dann einet sich zu einem Strome
Die Menschheit all von nah und fern
Und kniet anbetend in dem Dome
Der Schoepfung vor dem einen Herrn.
Dann wird der Glaube triumphieren,
Der einen Gott und Vater kennt;
Die Namen sinken, und es fuehren
Die Wege all zum Firmament."

Kaum hatte ich mich hingesetzt, um die Disposition zu
diesem hochstrebenden Gedicht niederzuschreiben, so trat
eine seltene Klarheit in mir ein, ich sah das frohe Laecheln
der lichten Gestalt, und hundert schoene, edle Gedanken
eilten herbei, um von mir aufgenommen zu werden. Ich griff
zur Feder. Da aber war es ploetzlich, als ob ein schwarzer
Vorhang in mir niederfalle. Die Klarheit war vorueber;
die lichte Gestalt verschwand; die dunkle tauchte auf,
hoehnisch lachend, und ueberall, durch mein ganzes inneres
Wesen, erscholl es wie mit hundert Stimmen "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders
Fluch u. s. w.!" So klang es stunden- und stundenlang
in mir fort, endlos, unaufhoerlich und ohne die geringste
Pause, nicht etwa nur in der Einbildung, sondern wirklich,
wirklich. Es war, als ob diese Stimmen nicht in mir,
sondern grad vor meinem aeussern Ohr ertoenten. Ich
gab mir alle Muehe, sie zum Schweigen zu bringen, doch
war das, solange ich die Feder in der Hand hielt und
zum Schreiben sitzen blieb, vergeblich. Auch als ich
aufstand, klangen sie fort, und nur als mir der Gedanke kam,
auf das Lehrgedicht zu verzichten, trat augenblicklich
Schweigen ein. Da ich aber mein Versprechen, es anzufertigen,
halten musste, so griff ich bald wieder zur Feder.
Sofort erklang der Stimmenchor von neuem "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch!" und als ich
trotzdem alle meine Gedanken auf meine Aufgaben konzentrierte,
kamen die lautgebruellten Saetze hinzu "Die Hypotheken
lauern, die Hypotheken lauern; ihr hoerts, verruchte
Mauern, ihr hoerts, verruchte Mauern!" Das ging den
ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch und auch dann
noch immer weiter. Kein anderer Mensch sah und hoerte
es; Niemand ahnte, was und wie furchtbar ich litt.
Jeder Andere haette das als Wahnsinn bezeichnet, ich aber
nicht. Ich blieb kaltbluetig und beobachtete mich. Ich
setzte es trotz aller Gegenwehr durch, dass mein Gedicht
zur vereinbarten Zeit fertig wurde. Aber derartige Siege
hatte ich immer sehr teuer zu bezahlen; ich brach dann
innerlich zusammen.

Leider erstreckte sich diese gewalttaetige Verhinderung
meiner guten Vorsaetze nicht nur auf meine Studien und
Arbeiten, sondern noch viel mehr und ganz besonders auch
auf meine Lebensfuehrung, auf mein alltaegliches Tun.
Es war, als ob ich aus jener Zelle, in der ich sechs
Wochen lang eingekerkert gewesen war, eine ganze Menge
unsichtbarer Verbrecherexistenzen mit heimgebracht haette,
die es nun als ihre Aufgabe betrachteten, sich bei mir
einzunisten und mich ihnen gleichgesinnt zu machen. Ich
sah sie nicht; ich sah nur die finstere, hoehnische
Hauptgestalt aus dem heimatlichen Sumpf und den Hohensteiner
Schundromanen; aber sie sprachen auf mich ein; sie
beeinflussten mich. Und wenn ich mich dagegen straeubte,
so wurden sie lauter, um mich zu betaeuben und so zu
ermueden, dass ich die Kraft zum Widerstand verlor. Die
Hauptsache war, dass ich mich raechen sollte, raechen an
dem Eigentuemer jener Uhr, der mich angezeigt hatte, nur
um mich aus seiner Wohnung loszuwerden, raechen an
der Polizei, raechen an dem Richter, raechen am Staate,
an der Menschheit, ueberhaupt an jedermann! Ich war
ein Mustermensch, weiss, rein und unschuldig wie ein
Lamm. Die Welt hatte mich betrogen um meine Zukunft,
um mein Lebensglueck. Wodurch? Dadurch, dass
ich das blieb, wozu sie mich gemacht hatte, naemlich ein
Verbrecher.

Das war es, was die Versucher in meinem Innern
von mir forderten. Ich wehrte mich, so viel ich konnte,
so weit meine Kraefte reichten. Ich gab allem, was ich
damals schrieb, besonders meinen Dorfgeschichten, eine
ethische, eine streng gesetzliche, eine koenigstreue Tendenz.
Das tat ich, nicht nur andern sondern auch mir selbst
zur Stuetze. Aber wie schwer, wie unendlich schwer ist
mir das geworden! Wenn ich nicht tat, was diese lauten
Stimmen in mir verlangten, wurde ich von ihnen mit
Hohngelaechter, mit Fluechen und Verwuenschungen
ueberschuettet, nicht nur stundenlang, sondern halbe Tage und
ganze Naechte lang. Ich bin, um diesen Stimmen zu
entgehen, aus dem Bett gesprungen und hinaus in den Regen
und das Schneegestoeber gelaufen. Es hat mich
fortgetrieben, wie weit, wie weit! Ich bin aus der Heimat
fort, um mich zu retten, kein Mensch wusste, wohin, doch
es zog mich wieder und immer wieder zurueck. Niemand
erfuhr, was in mir vorging und wie un- oder gar
uebermenschlich ich kaempfte, weder Vater noch Mutter noch
Grossmutter noch eine der Schwestern. Und noch viel
weniger ein anderer, ein fremder Mensch; man haette mich
ja doch nicht verstanden, sondern mich einfach fuer
uebergeschnappt erklaert. Ob irgend Jemand an meiner Stelle
das ausgehalten haette, dass weiss ich nicht, ich glaube es
aber kaum. Ich war sowohl koerperlich als auch geistig
ein kraeftiger, sogar ein sehr kraeftiger Mensch, aber ich
wurde dennoch mueder und mueder. Es kamen zunaechst
Tage, dann aber ganze Wochen, in denen es vollstaendig
dunkel in mir wurde; da wusste ich kaum oder oft auch
gar nicht, was ich tat. In solchen Zeiten war die lichte
Gestalt in mir vollstaendig verschwunden. Das dunkle
Wesen fuehrte mich an der Hand. Es ging immerfort
am Abgrund hin. Bald sollte ich dies, bald jenes tun,
was doch verboten war. Ich wehrte mich zuletzt nur
noch wie im Traum. Haette ich den Eltern oder doch
wenigstens Grossmutter gesagt, wie es um mich stand, so
waere der tiefe Sturz, dem ich entgegentrieb, gewisslich
unterblieben. Und er kam, nicht daheim in der Heimat,
sondern in Leipzig, wohin mich eine Theaterangelegenheit
fuehrte. Dort habe ich, der ich gar nichts derartiges brauchte,
Rauchwaren gekauft und bin mit ihnen verschwunden, ohne
zu bezahlen. Wie ich es angefangen habe, dies fertig zu
bringen, das kann ich nicht mehr sagen; ich habe es
wahrscheinlich auch schon damals nicht gewusst. Denn fuer mich
ist es sicher und gewiss, dass ich ganz unmoeglich bei klarem
Bewusstsein gehandelt haben kann. Ich weiss von der
darauf folgenden Gerichtsverhandlung gar nichts mehr,
weder im Einzelnen noch im Ganzen. Ich kann mich
auch nicht auf den Wortlaut des Urteils besinnen. Ich
habe bis jetzt geglaubt, dass die Strafe vier Jahre
Gefaengnis betragen habe; nach dem aber, was jetzt hierueber
in den Zeitungen steht, ist es noch ein Monat darueber
gewesen. Doch das ist Nebensache. Hauptsache ist, dass
der Abgrund nicht vergeblich fuer mich offengestanden hatte.
Ich war hinabgestuerzt; ich wurde in das Landesgefaengnis
Zwickau eingeliefert.

Ehe ich mich ueber diese meine Detentien verbreite,
habe ich mich gegen einige Vorurteile und falsche
Anschauungen zu wenden, die sich gegen Alles, was mit dem
Strafvollzug zusammenhaengt, richten und mit denen nun
doch endlich einmal aufgeraeumt werden sollte. Ich habe
manchen gebildeten Mitgefangenen in begreiflicher, aber
unberechtigter Erbitterung drohen hoeren, dass er nach seiner
Entlassung ein Buch ueber seine Gefangenschaft schreiben
werde, um die ebenso schweren wie unzaehligen Maengel
unserer Rechtspflege und unseres Strafvollzuges aufzudecken.
Ein verstaendiger Mann laechelt ueber solche Drohungen,
die zwar ausgesprochen, aber nur hoechst selten ausgefuehrt
werden. Jeder entlassene Gefangene, der Ehrgefuehl
besitzt, ist froh, die Zeit der Strafe hinter sich zu
haben. Es faellt ihm nicht ein, das, was bisher doch nur
wenige wussten, nun, da es ueberstanden ist, an die volle
Oeffentlichkeit zu bringen. Er schweigt also. Und das
ist gut, weil sein Buch, wenn er es schriebe, gewiss
beweisen wuerde, dass unter tausend Gefangenen kaum einer
ist, der ueber sich und seine Bestrafung unbefangen und
sachgemaess zu urteilen vermag. Ich aber glaube, mich
zu dieser Sachlichkeit und Unbefangenheit emporgearbeitet
zu haben; ich halte mein Urteil fuer wohlerwogen und
richtig und fuehle mich verpflichtet, hier folgende Punkte
festzustellen:

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