Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Nach diesen allgemeinen Bemerkungen kann ich nun
zu mir selbst zurueckkehren und zu jener Morgenfruehe, in
der ich aus Ernsttal fortging, um mir bei einem edeln
spanischen Raeuberhauptmann Hilfe zu holen. Man glaube
ja nicht, dass dies eine "verrueckte" Idee gewesen sei. Ich
war geistig kerngesund. Meine Logik war zwar noch
kindlich, aber doch schon wohlgeuebt. Der Fehler lag
daran, dass ich infolge des verschlungenen Leseschundes den
Roman fuer das Leben hielt und darum das Leben nun
einfach als Roman behandelte. Die ueberreiche Phantasie,
mit der mich die Natur begabte, machte die Moeglichkeit
dieser Verwechslung zur Wirklichkeit.
Meine Reise nach Spanien dauerte nur einen Tag.
In der Gegend von Zwickau wohnten Verwandte von
uns. Bei ihnen kehrte ich ein. Sie nahmen mich freundlich
auf und veranlassten mich, zu bleiben. Inzwischen
hatte man daheim meinen Zettel gefunden und gelesen.
Vater wusste, nach welcher Richtung hin Spanien liegt.
Er dachte sofort an die erwaehnten Verwandten und
machte sich in der Ueberzeugung, mich sicher dort
anzutreffen, sofort auf den Weg. Als er kam, sassen wir
rund um den Tisch, und ich erzaehlte in aller
Herzensaufrichtigkeit, wohin ich wollte, zu wem und auch warum.
Die Verwandten waren arme, einfache, ehrliche Webersleute.
Von Phantasie gab es bei ihnen keine Spur. Sie
waren ueber mein Vorhaben einfach entsetzt. Hilfe bei
einem Raeuberhauptmann suchen! Sie wussten sich zunaechst
keinen Rat, was sie mit mir anfangen sollten,
und da war es wie eine Erloesung fuer sie, als sie meinen
Vater hereintreten sahen. Er, der jaehzornige, leicht
ueberhitzige Mann, verhielt sich ganz anders als gewoehnlich.
Seine Augen waren feucht. Er sagte mir kein einziges
Wort des Zornes. Er drueckte mich an sich und sagte:
"Mach so Etwas niemals wieder, niemals!" Dann ging
er nach kurzem Ausruhen mit mir fort -- -- wieder heim.
Der Weg betrug fuenf Stunden. Wir sind in dieser
Zeit still nebeneinander hergegangen; er fuehrte mich an
der Hand. Nie habe ich deutlicher gefuehlt wie damals,
wie lieb er mich eigentlich hatte. Alles, was er vom
Leben wuenschte und hoffte, das konzentrierte er auf mich.
Ich nahm mir heilig vor, ihn niemals wieder ein solches
Leid, wie das heutige, an mir erleben zu lassen. Und
er? Was mochten das wohl fuer Gedanken sein, die jetzt
in ihm erklangen? Er sagte nichts. Als wir nach
Hause kamen, musste ich mich niederlegen, denn ich kleiner
Kerl war zehn Stunden lang gelaufen und ausserordentlich
muede. Von meinem Ausflug nach Spanien wurde
nie ein Wort gesprochen; aber das Kegelaufsetzen und
das Lesen jener verderblichen Romane hoerte auf. Als
dann die Zeit gekommen war, stellte sich die noetige Hilfe
ein, ohne aus dem Lande der Kastanien geholt werden
zu muessen. Der Herr Pastor legte ein gutes Wort fuer
mich bei unserem Kirchenpatron, dem Grafen von Hinterglauchau,
ein, und dieser gewaehrte mir eine Unterstuetzung
von fuenfzehn Talern pro Jahr, eine Summe, die man fuer
mich fuer hinreichend hielt, das Seminar zu besuchen. Zu
Ostern 1856 wurde ich konfirmiert. Zu Michaelis bestand
ich die Aufnahmepruefung fuer das Proseminar zu
Waldenburg und wurde dort interniert.
Also nicht Gymnasiast, sondern nur Seminarist!
Nicht akademisches Studium, sondern nur Lehrer werden!
Nur? Wie falsch! Es gibt keinen hoeheren Stand als
den Lehrerstand, und ich dachte, fuehlte und lebte mich
derart in meine nunmehrige Aufgabe hinein, dass mir
Alles Freude machte, was sich auf sie bezog. Freilich
stand diese Aufgabe nur im Vordergrund. Im Hintergrunde,
hoch ueber sie hinausragend, hob sich das ueber
alles Andere empor, was mir seit jenem Abende, an dem
ich den Faust gesehen hatte, zum Ideal geworden war:
Stuecke fuer das Theater schreiben! Ueber das Thema
Gott, Mensch und Teufel! Konnte ich das als Lehrer
nicht ebenso gut wie als gewesener Akademiker? Ganz
gewiss, vorausgesetzt freilich, dass die Gabe dazu nicht
fehlte. Wie stolz ich war, als ich zum ersten Male die
gruene Muetze trug! Wie stolz auch meine Eltern und
Geschwister! Grossmutter drueckte mich an sich und bat:
"Denk immer an unser Maerchen! Jetzt bist du
noch in Ardistan; du sollst aber hinauf nach Dschinnistan.
Dieser Weg wird heut beginnen. Du hast zu steigen.
Kehre dich niemals an die, welche dich zurueckhalten
wollen!"
"Und die Geisterschmiede?" fragte ich. "Muss ich
da hinein?"
"Bist du es wert, so kannst du sie nicht umgehen,"
antwortete sie. "Bist du es aber nicht wert, so wird
dein Leben ohne Kampf und ohne Qual verlaufen."
"Ich will aber hinein; ich will!" rief ich mutig aus.
Da legte sie mir ihre Hand auf das Haupt und
sagte laechelnd:
"Das steht bei Gott. Vergiss ihn nicht! Vergiss
ihn nie in deinem Leben!"
Diesem Rat bin ich gehorsam gewesen, muss aber,
falls ich ehrlich sein will, eingestehen, dass mir das
niemals schwer geworden ist. Ich kann mich nicht besinnen,
dass ich je mit dem Zweifel oder gar mit dem Unglauben
zu ringen gehabt haette. Die Ueberzeugung, dass es einen
Gott gebe, der auch ueber mich wachen und mich nie verlassen
werde, ist, sozusagen, zu jeder Zeit eine feste,
unveraeusserliche Ingredienz meiner Persoenlichkeit gewesen,
und ich kann es mir also keineswegs als ein Verdienst
anrechnen, dass ich diesem meinem lichten, schoenen
Kinderglauben niemals untreu geworden bin. Freilich, so ganz
ohne alle innere Stoerung ist es auch bei mir nicht
abgegangen; aber diese Stoerung kam von aussen her und
wurde nicht in der Weise aufgenommen, dass sie sich haette
festsetzen koennen. Sie hatte ihre Ursache in der ganz
besonderen Art, in welcher die Theologie und der
Religionsunterricht am Seminar behandelt wurde. Es gab
taeglich Morgen- und Abendandachten, an denen jeder
Schueler unweigerlich teilnehmen musste. Das war ganz
richtig. Wir wurden sonn- und feiertaeglich in corpore
in die Kirche gefuehrt. Das war ebenso richtig. Es gab
ausserdem bestimmte Feierlichkeiten fuer Missions- und
aehnliche Zwecke. Auch das war gut und zweckentsprechend.
Und es gab fuer saemtliche Seminarklassen einen
wohldurchdachten, sehr reichlich ausfallenden Unterricht in
Religions-, Bibel- und Gesangbuchslehre. Das war ganz
selbstverstaendlich. Aber es gab bei alledem Eines nicht,
naemlich grad das, was in allen religioesen Dingen die
Hauptsache ist; naemlich es gab keine Liebe, keine Milde,
keine Demut, keine Versoehnlichkeit. Der Unterricht war
kalt, streng, hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie.
Anstatt zu begluecken, zu begeistern, stiess er ab. Die
Religionsstunden waren diejenigen Stunden, fuer welche
man sich am allerwenigsten zu erwaermen vermochte.
Man war immer froh, wenn der Zeiger die Zwoelf
erreichte. Dabei wurde dieser Unterricht von Jahr zu
Jahr in genau denselben Absaetzen und genau denselben
Worten und Ausdruecken gefuehrt. Was es am heutigen
Datum gab, das gab es im naechsten Jahre an demselben
Tage ganz unweigerlich wieder. Das ging wie eine alte
Kuckucksuhr; das klang alles so sehr nach Holz, und
das sah alles so aus wie gemacht, wie fabriziert. Jeder
einzelne Gedanke gehoerte in sein bestimmtes Dutzend und
durfte sich beileibe nicht an einer andern Stelle sehen
lassen. Das liess keine Spur von Waerme aufkommen;
das toetete innerlich ab. Ich habe unter allen meinen
Mitschuelern keinen einzigen gekannt, der jemals ein
sympathisches Wort ueber diese Art des Religionsunterrichts
gesagt haette. Und ich habe auch keinen gekannt, der so
religioes gewesen waere, aus freien Stuecken einmal die
Haende zu falten, um zu beten. Ich selbst habe stets und
bei jeder Veranlassung gebetet; ich tue das auch noch
heut, ohne mich zu genieren; aber damals im Seminar
habe ich das geheim gehalten, weil ich das Laecheln meiner
Mitschueler fuerchtete.
Ich haette gern ueber diese religioesen Verhaeltnisse
geschwiegen, durfte dies aber nicht, weil ich die Aufgabe
habe, Alles aufrichtig zu sagen, was auf meinen inneren
und aeusseren Werdegang von Einfluss war. Dieses
Seminarchristentum kam mir ebenso seelenlos wie streitbar
vor. Es befriedigte nicht und behauptete trotzdem,
die einzige reine, wahre Lehre zu sein. Wie arm und
wie gottverlassen man sich da fuehlte! Die Andern nahmen
das gar nicht etwa als ein Unglueck hin; sie waren gleichgueltig;
ich aber mit meiner religioesen Liebesbeduerftigkeit
fuehlte mich erkaeltet und zog mich in mich selbst zurueck.
Ich vereinsamte auch hier, und zwar mehr, viel mehr
als daheim. Und ich wurde hier noch klassenfremder,
als ich es dort gewesen war. Das lag teils in den
Verhaeltnissen, teils aber auch an mir selbst.
Ich wusste viel mehr als meine Mitschueler. Das
darf ich sagen, ohne in den Verdacht der Prahlerei
zu fallen. Denn was ich wusste, das war eben nichts
weiter als nur Wust, eine regellose, ungeordnete
Anhaeufung von Wissensstoff, der mir nicht den geringsten
Nutzen brachte, sondern mich nur beschwerte. Wenn ich
mir ja einmal von dieser meiner unfruchtbaren
Vielwisserei etwas merken liess, sah man mich staunend an
und laechelte darueber. Man fuehlte instinktiv heraus, dass
ich weniger beneidens- als vielmehr beklagenswert sei.
Die andern, meist Lehrersoehne, hatten zwar nicht so viel
gelernt, aber das, was sie gelernt hatten, lag wohlaufgespeichert
und wohlgeordnet in den Kammern ihres Gedaechtnisses,
stets bereit, benutzt zu werden. Ich fuehlte,
dass ich gegen sie sehr im Nachteil stand, und straeubte
mich doch, dies mir und ihnen einzugestehen. Meine
stille und fleissige Hauptarbeit war, vor allen Dingen
Ordnung in meinem armen Kopf zu schaffen, und das
ging leider nicht so schnell, wie ich es wuenschte. Das,
was ich aufbaute, fiel immer wieder ein. Es war
wie ein muehsames Graben durch einen Schneehaufen
hindurch, dessen Massen immer wieder nachrutschten. Und
dabei gab es einen Gegensatz, der sich absolut nicht
beseitigen lassen wollte. Naemlich den Gegensatz zwischen
meiner ausserordentlich fruchtbaren Phantasie und der
Trockenheit und absoluten Poesielosigkeit des hiesigen
Unterrichts. Ich war damals noch viel zu jung, als
dass ich eingesehen haette, woher diese Trockenheit kam.
Man lehrte naemlich weniger das, was zu lernen war,
als vielmehr die Art und Weise, in der man zu lernen
hatte. Man lehrte uns das Lernen. Hatten wir das
begriffen, so war das Fernere leicht. Man gab uns
lauter Knochen; daher die geradezu schmerzende Trockenheit
des Unterrichts. Aber aus diesen Knochen fuegte
man die Skelette der einzelnen Wissenschaften zusammen,
deren Fleisch dann spaeter hinzuzufuegen war. Bei mir
aber hatte sich bisher grad das Umgekehrte ereignet: Ich
hatte mir zwar eine Unmasse von Fleisch zusammengeschleppt,
aber keinen einzigen tragenden, stuetzenden
Knochen dazu. In meinem Wissen fehlte das feste
Gerippe. Ich war in Beziehung auf das, was ich geistig
besass, eine Qualle, die weder innerlich noch aeusserlich
einen Halt besass und darum auch keinen Ort, an dem
sie sich daheim zu fuehlen vermochte. Und das Schlimmste
hierbei war: das knochenlose Fleisch dieser Qualle war
nicht gesund, sondern krank, schwer krank; es war von
den Schundromanen des Kegelhausbesitzers vergiftet. Das
begann ich jetzt erst eigentlich einzusehen und fuehlte mich
umso ungluecklicher dabei, als ich mit keinem Menschen
davon sprechen konnte, ohne mich dadurch blosszustellen.
Grad die Trockenheit und, ich muss wohl sagen, die
Seelenlosigkeit dieses Seminarunterrichtes war es, welche
mich zu der Erkenntnis meiner Vergiftung fuehrte. Ich
fand fuer die Skelette, die uns geboten wurden, damit
wir sie beleben moechten, kein gesundes Fleisch in mir.
Alles, was ich zusammenfuegte und was ich mir innerlich
aufzubauen versuchte, wurde formlos, wurde haesslich,
wurde unwahr und ungesetzlich. Ich begann, Angst vor
mir zu bekommen, und arbeitete unausgesetzt an meiner
seelischen Gestalt herum, mich innerlich zu saeubern, zu
reinigen, zu ordnen und zu heben, ohne fremde Hilfe in
Anspruch nehmen zu muessen, die es ja auch gar nicht
gab. Ich haette mich wohl gern einem unserer Lehrer
anvertraut, aber die waren ja alle so erhaben, so kalt,
so unnahbar, und vor allen Dingen, das fuehlte ich heraus,
keiner von ihnen haette mich verstanden; sie waren keine
Psychologen. Sie haetten mich befremdet angesehen und
einfach stehen lassen.
Hierzu kam der angeborene, unwiderstehliche Drang
nach geistiger Betaetigung. Ich lernte sehr leicht und
hatte demzufolge viel Zeit uebrig. So dichtete ich im
Stillen; ja, ich komponierte. Die paar Pfennige, die ich
eruebrigte, wurden in Schreibpapier angelegt. Aber was
ich schrieb, das sollte keine Schuelerarbeit werden, sondern
etwas Brauchbares, etwas wirklich Gutes. Und was
schrieb ich da? Ganz selbstverstaendlich eine
Indianergeschichte! Wozu? Ganz selbstverstaendlich, um gedruckt
zu werden! Von wem? Ganz selbstverstaendlich von der
"Gartenlaube", die vor einigen Jahren gegruendet worden
war, aber schon von Jedermann gelesen wurde. Da war
ich sechzehn Jahre alt. Ich schickte das Manuskript ein.
Als sich eine ganze Woche lang nichts hierauf ereignete,
bat ich um Antwort. Es kam keine. Darum schrieb
ich nach weiteren vierzehn Tagen in einem strengeren
Tone, und nach weiteren zwei Wochen verlangte ich mein
Manuskript zurueck, um es an eine andere Redaktion zu
senden. Es kam. Dazu ein Brief von Ernst Keil selbst
geschrieben, vier grosse Quartseiten lang. Ich war fern
davon, dies so zu schaetzen, wie es zu schaetzen war. Er
kanzelte mich zunaechst ganz tuechtig herunter, so dass ich
mich wirklich aufrichtig schaemte, denn er zaehlte mir hoechst
gewissenhaft alle Missetaten auf, die ich, natuerlich ohne
es zu ahnen, in der Erzaehlung begangen hatte. Gegen
den Schluss hin milderten sich die Vorwuerfe, und am
Ende reichte er mir, dem dummen Jungen, vergnuegt die
Hand und sagte mir, dass er nicht uebermaessig entsetzt
sein werde, wenn sich nach vier oder fuenf Jahren wieder
eine Indianergeschichte von mir bei ihm einstellen sollte.
Er hat keine bekommen; aber daran trage nicht ich die
Schuld, sondern die Verhaeltnisse gestatteten es nicht. Das
war der erste literarische Erfolg, den ich zu verzeichnen
habe. Damals freilich hielt ich es fuer einen absoluten
Misserfolg und fuehlte mich sehr ungluecklich darueber.
Inzwischen verging die Zeit. Ich stieg aus dem Proseminar
in die vierte, dritte und zweite Seminarklasse, und in
dieser zweiten Klasse war es, wo mich jenes Schicksal
ueberfiel, aus welchem meine Gegner so ueberklingendes
Kapital geschlagen haben.
Es herrschte im Seminar der Gebrauch, dass die
Angelegenheiten jeder Klasse reihum zu besorgen waren, von
jedem eine Woche lang. Darum wurde der Betreffende
als "Wochner" bezeichnet. Ausserdem gab es in der ersten
Klasse einen "Ordnungswochner" und in der zweiten einen
"Lichtwochner", welch letzterer die Beleuchtung der
Klassenzimmer zu uebersehen hatte. Diese Beleuchtung geschah
damals mit Hilfe von Talglichtern, von denen, wenn eines
niedergebrannt war, ein anderes neu aufgesteckt wurde.
Der Lichtwochner hatte taeglich die Saeuberung der alten,
wertlosen Leuchter vorzunehmen und insbesondere die
Dillen von den steckengebliebenen Docht- und Talgresten
zu reinigen. Diese Reste wurden entweder einfach
weggeworfen oder von dem Hausmanne zu Stiefel- oder
anderer Schmiere zusammengeschmolzen. Sie waren
allgemein als wertlos anzusehen.
Es war anfangs der Weihnachtswoche, als die Reihe,
Lichtwochner zu sein, an mich kam. Ich besorgte diese
Arbeit wie jeder andere. Am Tage vor dem
Weihnachtsheiligenabende begannen unsere Ferien. Am Tage
vorher kam eine meiner Schwestern, um meine Waesche
abzuholen und das wenige Gepaeck, welches ich mit in die
Ferien zu nehmen hatte. Sie tat dies stets, so oft es
Ferien gab. Der Weg, den sie da von Ernsttal nach
Waldenburg machte, war zwei Stunden lang. So auch
jetzt. Als sie dieses Mal kam, war ich grad beim Reinigen
der Leuchter. Sie war traurig. Es stand nicht gut
daheim. Es gab keine Arbeit und darum keinen Verdienst.
Mutter pflegte, wie selbst die aermsten Leute, fuer das
Weihnachtsfest wenigstens einige Kuchen zu backen. Das
hatte sie heuer kaum erschwingen koennen. Aber bescheert [sic]
werden konnte nichts, gar nichts, denn es fehlte das Geld
dazu. Es gab keine Lichter fuer den Weihnachtsleuchter.
Sogar die hoelzernen Engel der kleineren Schwestern sollten
ohne Lichte sein. Zu diesen Engeln gehoerten drei kleine
Lichte, das Stueck fuer fuenf oder sechs Pfennige; aber
wenn diese achtzehn Pfennige zu andern, notwendigeren
Dingen gebraucht wurden, so hatte man sich eben zu
fuegen. Das tat mir wehe. Der Schwester stand das
Weinen hinter den Augen. Sie sah die Talgreste, die ich
soeben aus den Dillen und von den Leuchtern herabgekratzt
hatte. "Koennte man denn nicht daraus einige
Pfenniglichte machen?" fragte sie. "Ganz leicht,"
antwortete ich. "Man braucht dazu eine Papierroehre und
einen Docht, weiter nichts. Aber brennen wuerde es schlecht,
denn dieses Zeug ist nur noch hoechstens fuer Schmiere zu
gebrauchen." "Wenn auch, wenn auch! Wir haetten doch
eine Art von Licht fuer die drei Engel. Wem gehoert
dieser Abfall?" "Eigentlich Niemandem. Ich habe ihn
zum Hausmann zu schaffen. Ob der ihn wegwirft oder
nicht, ist seine Sache." "Also waere es wohl nicht
gestohlen, wenn wir uns ein bisschen davon mit nach Hause
naehmen?" "Gestohlen. Laecherlich! Faellt keinem
Menschen ein! Der ganze Schmutz ist nicht drei Pfennige
wert. Ich wickle dir ein wenig davon ein. Daraus
machen wir drei kleine Weihnachtslichte."
Gesagt, getan! Wir waren nicht allein. Ein anderer
Seminarist stand dabei. Einer aus der ersten Klasse,
also eine Klasse ueber mir. Es widerstrebt mir, seinen
Namen zu nennen. Sein Vater war Gendarm. Dieser
wackere Mitschueler sah alles mit an. Er warnte mich
nicht etwa, sondern er war ganz freundlich dabei, ging
fort und -- -- -- zeigte mich an. Der Herr Direktor
kam in eigener Person, den "Diebstahl" zu untersuchen.
Ich gestand sehr ruhig ein, was ich getan hatte, und gab
den "Raub", den ich begangen hatte, zurueck. Ich dachte
wahrhaftig nichts Arges. Er aber nannte mich einen
"infernalischen Charakter" und rief die Lehrerkonferenz
zusammen, ueber mich und meine Strafe zu entscheiden.
Schon nach einer halben Stunde wurde sie mir verkuendet.
Ich war aus dem Seminar entlassen und konnte
gehen, wohin es mir beliebte. Ich ging gleich mit der
Schwester -- -- -- in die heiligen Christferien -- --
-- ohne Talg fuer die Weihnachtsengel -- -- -- es waren
das sehr truebe, dunkle Weihnachtsfeiertage. Ich habe
wohl ueberhaupt schon gesagt, dass grad Weihnacht fuer
mich oft eine Zeit der Trauer, nicht der Freude gewesen
sei. An diesen Weihnachtstagen loeschten heilige Flammen
in mir aus, Lichter, die mir wert gewesen waren. Ich
lernte zwischen Christentum und seinen Bekennern
unterscheiden. Ich hatte Christen kennengelernt, die
unchristlicher gegen mich verfahren waren, als Juden, Tuerken
und Heiden verfahren wuerden.
Gluecklicherweise zeigte sich das Ministerium des Kultus
und oeffentlichen Unterrichtes, an welches ich mich wendete,
verstaendiger und humaner als die Seminardirektion. Ich
erlangte ohne weiteres die Genehmigung, meine unterbrochenen
Studien auf dem Seminar in Plauen fortzusetzen.
Ich kam dort in dieselbe Klasse, also in die zweite,
und bestand nach zurueckgelegter erster Klasse das Lehrerexamen,
worauf ich meine erste Stelle in Glauchau erhielt,
bald aber nach Altchemnitz kam, und zwar in eine
Fabrikschule, deren Schueler ausschliesslich aus ziemlich
erwachsenen Fabrikarbeitern bestanden. Hier haben meine
Bekenntnisse zu beginnen. Ich lege sie ab, ohne Scheu,
der Wahrheit gemaess, als ob ich mich nicht mit mir selbst,
sondern mit einer andern, mir fremden Person beschaeftigte.
Ich komme auf die Armut meiner Eltern zurueck.
Das Examen hatte einen Frackanzug erfordert, fuer unsere
Verhaeltnisse eine kostspielige Sache. Hierzu kam, da ich
als Lehrer nicht mehr wie als Schueler herumlaufen
konnte, eine wenn auch noch so bescheidene
Ausstattung an Waesche und andern notwendigen Dingen.
Das konnten meine Eltern nicht bezahlen; ich musste es
auf mein Konto nehmen; das heisst, ich borgte es mir,
um es von meinem Gehalte nach und nach abzuzahlen.
Da hiess es sparsam sein und jeden Pfennig umdrehen,
ehe er ausgegeben wurde! Ich beschraenkte mich auf das
Aeusserste und verzichtete auf jede Ausgabe, die nicht
absolut notwendig war. Ich besass nicht einmal eine Uhr,
die doch fuer einen Lehrer, der sich nach Minuten zu
richten hat, fast unentbehrlich ist.
Der Fabrikherr, dessen Schule mir anvertraut worden
war, hatte kontraktlich fuer Logis fuer mich zu sorgen. Er
machte sich das leicht. Einer seiner Buchhalter besass
auch freies Logis, Stube mit Schlafstube. Er hatte bisher
beides allein besessen, nun wurde ich zu ihm einquartiert;
er musste mit mir teilen. Hierdurch verlor er
seine Selbstaendigkeit und seine Bequemlichkeit; ich genierte
ihn an allen Ecken und Enden, und so laesst es sich gar
wohl begreifen, dass ich ihm nicht sonderlich willkommen
war und ihm der Gedanke nahelag, sich auf irgend eine
Weise von dieser Stoerung zu befreien. Im uebrigen kam
ich ganz gut mit ihm aus. Ich war ihm moeglichst gefaellig
und behandelte ihn, da ich sah, dass er das wuenschte,
als den eigentlichen Herrn des Logis. Das verpflichtete
ihn zur Gegenfreundlichkeit. Die Gelegenheit hierzu fand
sich sehr bald. Er hatte von seinen Eltern eine neue
Taschenuhr bekommen. Seine alte, die er nun nicht mehr
brauchte, hing unbenutzt an einem Nagel an der Wand.
Sie hatte einen Wert von hoechstens zwanzig Mark. Er
bot sie mir zum Kaufe an, weil ich keine besass; ich lehnte
aber ab, denn wenn ich mir einmal eine Uhr kaufte, so
sollte es eine neue, bessere sein. Freilich stand dies noch
in weitem Felde, weil ich zuvor meine Schulden abzuzahlen
hatte. Da machte er selbst mir den Vorschlag,
seine alte Uhr, wenn ich in die Schule gehe, zu mir zu
stecken, da ich doch zur Puenktlichkeit verpflichtet sei. Ich
ging darauf ein und war ihm dankbar dafuer. In der
ersten Zeit hing ich die Uhr, sobald ich aus der Schule
zurueckkehrte, sofort an den Nagel zurueck. Spaeter unterblieb
das zuweilen; ich behielt sie noch stundenlang in der
Tasche, denn eine so auffaellige Betonung, dass sie nicht
mir gehoere, kam mir nicht gewissenhaft, sondern laecherlich
vor. Schliesslich nahm ich sie sogar auf Ausgaengen
mit und hing sie erst am Abende, nach meiner Heimkehr,
an Ort und Stelle. Ein wirklich freundschaftlicher oder
gar herzlicher Umgang fand nicht zwischen uns statt. Er
duldete mich notgedrungen und liess es mich zuweilen
absichtlich merken, dass ihm die Teilung seiner Wohnung
nicht behage.
Da kam Weihnacht. Ich teilte ihm mit, dass ich
die Feiertage bei den Eltern zubringen wuerde, und
verabschiedete mich von ihm, weil ich nach Schluss der Schule
gleich abreisen wollte, ohne erst in die Wohnung
zurueckzukehren. Als die letzte Schulstunde vorueber war, fuhr
ich nach Ernsttal, nur eine Bahnstunde lang, also gar
nicht weit. Die Uhr zurueckzulassen, daran hatte ich in
meiner Ferienfreude nicht gedacht. Als ich bemerkte; dass
sie sich in meiner Tasche befand, war mir das sehr
gleichgueltig. Ich war mir ja nicht der geringsten unlautern
Absicht bewusst. Dieser Abend bei den Eltern war ein
so gluecklicher. Ich hatte die Schuelerzeit hinter mir; ich
besass ein Amt; ich bekam Gehalt. Der Anfang zum
Aufstieg war da. Morgen war heiliger Abend. Wir
begannen schon heut die Christbescherung vorzubereiten.
Dabei sprach ich ueber meine Zukunft, ueber meine Ideale,
die fuer mich alle im hellsten Weihnachtsglanze standen.
Der Vater schwaermte mit. Die Mutter war stillgluecklich.
Grossmutters alte, treue Augen strahlten. Als wir
endlich zur Ruhe gegangen waren, lag ich noch lange Zeit
wach im Bette und hielt Rechenschaft ueber mich. Meine
innere Unklarheit wurde mir zum ersten Male wirklich
bewusst. Ich sah die Abgruende hinter mir gaehnen, vor
mir aber keinen mehr, denn mein Weg schien zwar schwer
und muehevoll, aber voellig frei zu sein: Schriftsteller
werden; Grosses leisten, aber vorher Grosses lernen! Alle
inneren Fehler, welche die Folgen meiner verkehrten
Erziehung waren, nach und nach herauswerfen, damit Platz
fuer Neues, Besseres, Richtigeres, Edles werde! In diesen
Gedanken schlief ich ein, und als ich frueh erwachte, war
der Vormittag schon fast vorueber, und ich musste nach
dem Hohensteiner Christmarkt, um noch einige kleine
Einkaeufe zur Bescherung fuer die Schwestern zu machen.
Dort traf ich einen Gendarm, der mich fragte, ob ich
der Lehrer May sei. Als ich dies bejahte, forderte er
mich auf, mit ihm nach dem Rathause zu kommen, zur
Polizei, wo man eine Befragung fuer mich habe. Ich
ging mit, vollstaendig ahnungslos. Ich wurde zunaechst
in die Wohnstube gefuehrt, nicht in das Bureau. Da sass
eine Frau und naehte. Wessen Frau, darueber bitte ich,
schweigen zu duerfen. Sie war eine gute Bekannte meiner
Mutter, eine Schulkameradin von ihr, und sah mich mit
angstvollen Augen an. Der Gendarm gebot mir, mich
niederzusetzen, und ging fuer kurze Zeit hinaus, seine
Meldung zu machen. Das benutzte die Frau, mich hastig
zu fragen:
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