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Books: Mein Leben und Streben

K >> Karl May >> Mein Leben und Streben

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Das Schlimmste an dieser Lektuere war, dass sie in
meine spaetere Knabenzeit fiel, wo alles, was sich in meiner
Seele festsetzte, fuer immer festgehalten wurde. Hierzu kam
die mir angeborene Naivitaet, die ich selbst heute noch in
hohem Grade besitze. Ich glaubte an das, was ich da
las, und Vater, Mutter und Geschwister glaubten es mit.
Nur Grossmutter schuettelte den Kopf, und zwar je laenger,
desto mehr; sie wurde aber von uns andern ueberstimmt.
Es war uns in unserer Armut ein Hochgenuss, von "edlen"
Menschen zu lesen, die immerfort Reichtuemer verschenkten.
Dass sie diese Reichtuemer vorher andern abgestohlen und
abgeraubt hatten, das war ihre Sache; uns irritierte das
nicht! Wenn wir lasen, wieviel beduerftige Menschen durch
so einen Raeuberhauptmann unterstuetzt und gerettet worden
seien, so freuten wir uns darueber und bildeten uns ein,
wie schoen es waere, wenn so ein Himlo Himlini ploetzlich
hier bei uns zur Tuer hereintraete, zehntausend blanke Taler
auf den Tisch zaehlte und dabei sagte; "Das ist fuer euren
Knaben; er mag studieren und ein Dichter werden, der
Theaterstuecke schreibt!" Das letztere war mir naemlich,
seit ich den "Faust" gesehen hatte, zum Ideal geworden.

Ich muss bekennen, dass ich diese verderblichen Buecher
nicht nur las, sondern auch vorlas, naemlich zunaechst
meinen Eltern und Geschwistern und sodann auch in anderen
Familien, die ganz versessen darauf waren. Es ist
gar nicht zu sagen, welchen unendlichen Schaden eine
einzige solche Scharteke herbeifuehren kann. Alles Positive
geht verloren, und schliesslich bleibt nur die traurige
Negation zurueck. Die Rechtsbegriffe und Rechtsanschauungen
veraendern sich; die Luege wird zur Wahrheit, die
Wahrheit zur Luege. Das Gewissen stirbt. Die Unterscheidung
zwischen gut und boes wird immer unzuverlaessiger!
das fuehrt schliesslich zur Bewunderung der verbotenen Tat,
die scheinbar Hilfe bringt. Damit ist man aber nicht
etwa schon ganz unten im Abgrunde angelangt, sondern
es geht noch tiefer, immer tiefer, bis zum aeussersten
Verbrechertum.

Das war zur Zeit, als bestimmt werden musste, was
nach der Konfirmation aus mir zu werden hatte. Ich
wollte so unendlich gern auf das Gymnasium, dann auf
die Universitaet. Aber hierzu fehlten nicht mehr als alle
Mittel. Ich musste mit meinen Wuenschen weit herunter
und kam zuletzt beim Volksschullehrer an. Aber auch hierzu
waren wir zu arm. Wir sahen uns nach Hilfe um. Der
Herr Kaufmann Friedrich Wilhelm Layritz, mit dem
Herrn Stadtrichter gleichen Namens, aber nicht mit ihm
verwandt, war ein sehr reicher und sehr frommer Mann.
Man hatte ihm zwar noch keine Wohltat nachweisen
koennen, aber er versaeumte keinen Kirchgang, sprach gern
von Humanitaet und Naechstenliebe und war unser
Gevatter. Wir hatten uns nach allem erkundigt und uns
einen Ueberschlag gemacht. Wenn wir recht arbeiteten,
recht sparten, recht hungerten und ich auf dem Seminar
keinen Pfennig unnuetz ausgab, so bedurften wir nur eines
Zuschusses von fuenf bis zehn Talern pro Jahr. Das
hatten wir ausgerechnet. Freilich stimmte es nicht; aber
wir glaubten, dass es stimme. Meine Eltern hatten nie
auch nur einen Pfennig geborgt; jetzt waren sie mir zu
Liebe zu einer Anleihe entschlossen. Mutter ging zum
Herrn Layritz. Er setzte sich in den Lehnstuhl, faltete
die Haende und liess sich ihr Anliegen vortragen. Sie
schilderte ihm alles und bat, uns fuenf Taler zu borgen,
nicht gleich jetzt, sondern dann, wenn wir sie brauchten,
also wenn ich die Aufnahmepruefung bestanden haben
wuerde. Bis dahin aber war noch lange, lange Zeit.
Da antwortete er, ohne sich lange zu besinnen: "Meine
liebe Frau Gevatter, es ist wahr, ich bin reich, und Sie
sind arm, sehr arm. Aber Sie haben denselben Gott,
den auch ich habe, und wie er mir bis hierher geholfen
hat, wo wird er auch Ihnen weiterhelfen. Ich habe auch
Kinder wie Sie und muss fuer sie sorgen. Ich kann Ihnen
also die fuenf Taler nicht leihen. Aber gehen Sie getrost
nach Hause, und beten Sie recht fleissig, so wird sich ganz
gewiss zur rechten Zeit jemand finden, der sie uebrig hat
und sie Ihnen gibt!"

Das war abends. Ich sass da und las in einem
Raeuberbuche. Da kam Mutter heim und erzaehlte, was
Herr Layritz gesagt hatte. Sie weinte mehr aus
Empoerung ueber solche Art der Froemmigkeit, als ueber die
Abweisung selbst. Vater sass lange Zeit still; dann stand
er auf und ging. Unter der Tuer aber sagte er: "Einen
solchen Versuch machen wir nicht mehr! Karl geht auf
das Seminar, und wenn ich mir die Haende blutig arbeiten
soll!" Als er fort war, sassen wir andern noch
lange Zeit traurig beisammen. Dann gingen wir schlafen.
Ich schlief aber nicht, sondern ich wachte. Ich sann auf
Hilfe. Ich rang nach einem Entschlusse. Das Buch,
in dem ich gelesen hatte, fuehrte den Titel "Die
Raeuberhoehle an der Sierra Morena oder der Engel aller
Bedraengten." Als Vater nach Hause gekommen und dann
eingeschlafen war, stieg ich aus dem Bett schlich mich
aus der Kammer und zog mich an. Dann schrieb ich
einen Zettel: "Ihr sollt euch nicht die Haende blutig
arbeiten; ich gehe nach Spanien; ich hole Hilfe!" Diesen
Zettel legte ich auf den Tisch, steckte ein Stueckchen
trockenes Brot in die Tasche, dazu einige Groschen von
meinem Kegelgeld, stieg die Treppe hinab, oeffnete die
Tuer, atmete da noch einmal tief und schluchzend auf,
aber leise, leise, damit ja niemand es hoere, und ging dann
gedaempften Schrittes den Marktplatz hinab und die
Niedergasse hinaus, den Lungwitzer Weg, der ueber
Lichtenstein nach Zwickau fuehrte, nach Spanien zu, nach
Spanien, dem Lande der edlen Raeuber, der Helfer aus
der Not. -- -- --

_________


IV.
Seminar- und Lehrerzeit.

_____

Keine Pflanze zieht das, was sie in ihren Zellen und
in ihren Fruechten aufzuspeichern hat, aus sich selbst
heraus, sondern aus dem Boden, dem sie entsprossen ist,
und aus der Atmosphaere, in der sie atmet. Pflanze ist in
dieser Beziehung auch der Mensch. Koerperlich ist er freilich
nicht angewachsen, aber geistig und seelisch wurzelt
er, und zwar tief, sehr tief, tiefer als mancher Baumriese
in kalifornischer Erde. Darum ist kein Mensch fuer das,
was er in seiner Entwicklungszeit tut, in vollem Masse
verantwortlich zu machen. Ihm alle seine Fehler vollauf
anzurechnen, wuerde ebenso falsch sein wie die Behauptung,
dass er alle seine Vorzuege nur allein sich selbst verdanke.
Nur wer den Heimatboden und die Jugendatmosphaere
eines "Gewordenen" genau kennt und richtig zu
beurteilen weiss, ist imstande, einigermassen nachzuweisen,
welche Teile eines Lebensschicksales aus den gegebenen
Verhaeltnissen und welche Teile aus dem rein persoenlichen
Willen des Betreffenden geflossen sind. Es war eine der
groessten Grausamkeiten der Vergangenheit, jedem armen
Teufel, den die Verhaeltnisse zur Verletzung der Gesetze
fuehrten, zu seiner eigenen, vielleicht geringen Schuld auch
noch die ganze, schwere Last dieser Verhaeltnisse mit
aufzubuerden. Es gibt leider auch heute mehr als genug
Menschen, welche diese Grausamkeit sogar jetzt noch
begehen, ohne zu ahnen, dass sie selbst es sind, die, wenn
es hier Gesetze gaebe, mit verantwortlich gemacht werden
muessten. Und gewoehnlich sind es nicht etwa die
Fernstehenden, sondern grad die lieben "Naechsten", welche
Stein um Stein auf den andern werfen, obgleich die
Einfluesse, denen er unterlegen ist, besonders auch von ihnen
mit ausgegangen sind. Sie tragen also an der Schuld,
die sie auf ihn werfen, selbst mit Schuld.

Wenn ich es hier unternehme, die Verhaeltnisse, aus
denen ich erwuchs, einer ungefaerbten Pruefung zu unterwerfen,
so geschieht das nicht etwa in der Absicht, irgend
welchen Teil meiner eigenen Schuld von mir ab und auf
andere zu werfen, sondern nur, um einmal durch ein laut
sprechendes Beispiel zu zeigen, wie vorsichtig man sein
muss, wenn man sich die Aufgabe stellt, eine menschliche
Existenz nach ihrer Entstehung und Entwicklung hin genau
zu untersuchen.

Hohenstein und Ernsttal waren damals zwei so nahe
bei einander liegende Staedtchen, dass sie stellenweise ihre
Gaesschen wie die Finger zweier gefalteter Haende zwischen
einander hineinschoben. In Hohenstein wurde der
Naturphilosoph Gotthilf Heinrich von Schubert geboren, dessen
Werke zunaechst unter Schellingschem Einflusse entstanden,
dann aber sich dem pietistisch-asketischen Mystizismus
zuwendeten. Seine Vaterstadt hat ihm ein Denkmal gesetzt.
Aus Ernsttal stammt der verdienstvolle Philosoph und
Publizist Poelitz, dessen Bibliothek ueber 30 000 Baende
zaehlte, die er der Stadt Leipzig vermachte. Ich habe es
hier weniger mit Hohenstein als vielmehr mit Ernsttal
zu tun, in dem ich, wie der Hobble-Frank sich auszudruecken
pflegt, "das erste Licht der Welt erblickte". Die
ersten und aeltesten Eindruecke meiner Kindheit sind
diejenigen einer beklagenswerten Armut, und zwar nicht nur
in materieller, sondern auch in anderer Beziehung.
Niemals in meinem Leben habe ich so viel geistige
Anspruchslosigkeit beisammen gesehen wie damals. Der
Buergermeister war ein unstudierter Mann. Es gab zwar einen
Nachtwaechter, aber die Bewohner hatten sich reihum an
der Nachtwache zu beteiligen. Die Hauptbeschaeftigung
bildete die Weberei. Der Verdienst war kaerglich, ja oft
ueberkaerglich zu nennen. Zu gewissen Zeiten gab es
wochen-, zuweilen sogar monatelang wenig oder gar keine
Arbeit. Da sah man Frauen in den Wald gehen und
Koerbe voll Reisig heimschleppen, um im Winter Feuerung
zu haben. Des Nachts konnte man auf einsamen Pfaden
Maennern begegnen, welche Baumstaemme nach Hause trugen,
die noch waehrend der Nacht zu Feuerholz zersaegt und
zerhackt werden mussten, damit, wenn die Haussuchung
kam, nichts gefunden werden koenne. Es galt fuer die
armen Weber, fleissig zu sein, um den Hunger abzuwehren.
Am Sonnabend war Zahltag. Da trug ein jeder sein
"Stueck zu Markte". Fuer jeden Fehler, der sich zeigte,
gab es einen bestimmten Lohnabzug. Da brachte gar
mancher weniger heim, als er erwartet hatte. Dann
wurde ausgeruht. Der Sonnabend Abend war der
Heiterkeit und -- -- -- dem Schnaps gewidmet. Man
fand sich beim Nachbar ein. Da ging die Bulle rundum.
Bulle ist Abkuerzung von Bouteille. In einigen Familien
sang man dazu, aber was fuer Lieder oft! In andern
regierte die Karte. Da wurde "gelumpt", "geschafkopft"
oder gar "getippt". Das letztere ist ein verbotenes
Gluecksspiel, dem mancher den Verdienst der ganzen Woche opferte.
Man trank dazu aus einem einzigen Glas. Dieses ging
von Hand zu Hand, von Mund zu Mund. Auch waehrend
der Sonntagsausgaenge und ueberhaupt bei jedem
Gang in das Freie war man mit Branntwein versehen.
Da sass man im Gruenen und trank. Schnaps war
ueberall dabei; man mochte ihn nicht entbehren. Man
betrachtete ihn als den einzigen Sorgenbrecher und nahm
seine schlimmen Wirkungen hin, als ob sich das so ganz
von selbst verstaende.

Freilich gab es auch sogenannte bessere Familien, ueber
die der Alkohol keine Macht besass, aber die waren in
ganz geringer Zahl. Patriziergeschlechter gab es in beiden
Staedtchen nicht. In Hohenstein wohnten einige Familien,
die man hoeher schaetzte als andere, in Ernsttal aber nicht.
Die Pfarrer und die Aerzte waren die einzigen akademisch
gebildeten Personen, hierzu kam vielleicht ein Rechtsanwalt,
dessen Liquidationen absolut nicht das Geschick besassen,
sich in klingende Einnahmen zu verwandeln. So war
die ganze Lebensfuehrung ueberhaupt eine ungemein niedrige
und der allgemeine Umgangston auf eine Note gestimmt,
die man jetzt kaum mehr fuer moeglich haelt. Im persoenlichen
Verkehr waren Spitznamen oft gebraeuchlicher als
die wirklichen, richtigen Namen. Als einziges Beispiel,
welches ich da anfuehre, diene der Name Wolf. Es gab
einen Weisskopfwolf, einen Rotkopfwolf, einen Daniellobwolf,
einen Schlagwolf und noch eine Menge andersgenannter
Woelfe. Die Haeuser waren klein, die Gassen
eng. Ein jeder konnte in die Fenster des andern sehen
und alles beobachten, was geschah. So wurde es fast
zur Unmoeglichkeit, Geheimnisse voreinander zu haben. Und
da kein Mensch ohne Fehler ist, so hatte ein jeder seinen
Nachbar im Sacke. Man wusste alles, aber man schwieg.
Nur zuweilen, wenn man es fuer noetig hielt, liess man
ein Woertchen fallen, und das war genug. Man kam
dadurch zur immerwaehrenden, aber stillen Hechelei [sic], zur
niedrigen Ironie, zu einem scheinbar gutmuetigen Sarkasmus,
welcher aber nichts Reelles an sich hatte. Das
war ungesund und griff immer weiter um sich, ohne dass
man es beachtete. Das aetzte; das wirkte wie Gift. So
hatte sich aus den sonnabendlichen Kartenspielen ein
lichtscheues Unternehmen gebildet, welches den Zweck verfolgte,
verbotenes, ja sogar falsches, betruegerisches Kartenspiel
zu pflegen. Die Betreffenden kamen zusammen, um
sich in der Zubereitung und im Gebrauch von falschen
Karten zu ueben. Sie etablierten sich in einer vor der
Stadt gelegenen Wirtschaft. Sie schickten Zubringer
aus, um Opfer einzufangen. Da sass man naechtelang
und spielte um hohe Einsaetze. Mancher kam da mit
vollen Taschen und ging mit leeren fort. Dieses Treiben
war im Staedtchen wohlbekannt. Man erzaehlte sich von
jedem neuen Coup, der gemacht worden war. Man
sprach von den erbeuteten Summen, und man freute sich
darueber, anstatt dass man diese Betruegereien verwarf.
Man verkehrte mit den Falschspielern wie mit ehrlichen
Leuten. Man leistete ihnen Vorschub. Ja, man achtete,
man ruehmte ihre Pfiffigkeit, und man verriet nicht das
geringste von allem, was man von ihnen wusste. Dass
hierdurch eigentlich das ganze Staedtchen an dem Betruge
gegen die herbeigeschleppten Opfer beteiligt wurde und
dass jedermann, der von diesen Gaunereien wusste, sich,
streng genommen, als Hehler zu betrachten hatte, das
leuchtete keinem Menschen ein. Wer damals gesagt haette,
dass dies einen beklagenswerten, allgemeinen moralischen
Tiefstand bedeute, der waere wohl ausgelacht worden, oder
gar noch Schlimmeres. Das allgemeine Rechtsgefuehl war
irregefuehrt. Man bewunderte die Falschspieler, wie man
die Rinaldo Rinaldini's und die Himlo Himlini's der
alten Leihbibliothek bewunderte, deren Baende man
verschlang, weil sie die einzige war, die es in den beiden
Staedtchen gab. Ich habe niemals gehoert, dass der
Buergermeister, der Pfarrer oder ein sonst hierzu berufener
Beamter einen dieser Falschspieler zu sich kommen liess, um
ihn zu verwarnen, und von dem boesen Beispiele, welches der
ganzen Gemeinde gegeben wurde, abzulassen. Man duldete
es. Man ging schweigend darueber hinweg. Die Jugend
aber, die das alles mit ansah und mit anhoerte, musste
den Eindruck gewinnen, dass diese Betruegereien
bewundernswerte und sehr gut lohnende Taten seien, und
so ein Eindruck wird nie wieder verwischt. Mir wurde
einst von einem Juristen gesagt, ich sei in einem Sumpf
geboren worden. Ob dieser Herr wohl recht gehabt hat
oder nicht?

Zwei eigenartige Gewaechse dieses Sumpfes waren
die beiden Namen "Batzendorf" und die "Luegenschmiede".
Der erstere leitet sich auf die bekannte, alte sueddeutsche
und schweizer Scheidemuenze, Batzen genannt, zurueck.
Batzendorf war eine fingierte Dorfgemeinde, der jeder
Einwohner Ernsttals beitreten konnte. Es war ein Jux,
aber ein Jux, der haeufig zum Ausarten kam. Batzendorf
hatte seinen eigenen Gemeindevorstand, seinen eigenen
Pfarrer, seine eigene Gemeindeverwaltung, das alles
aber von der heiter sein sollenden Seite genommen. Das
allerkleinste Haeuschen Ernsttals, das der alten
Gemuesehaendlerin Dore Wendelbrueck, wurde zum Batzendorfer
Rathause erhoben. Eines Morgens stand ein Turm darauf,
den man aus Latten und Zigarrenkistchen gezimmert
und der alten Dore auf das Dach gesetzt hatte, ohne sie
zu fragen. Sie war aber sehr stolz darauf. Die Wirtin
zum Meisterhaus war Dorfnachtwaechter. Sie musste die
Stunden ansagen und tuten. Jede Behoerde und jede
Charge war vertreten, bis tief herunter zum Kartoffel-
und zum Schotenwaechter, auch das alles in das Komische
gezogen. Des Sonnabends war Versammlungstag. Da
kam die Gemeinde zusammen, und es wurden die tollsten
Sachen ausgeheckt, um dann wirklich ausgefuehrt zu
werden: Taufen fuenfzigjaehriger Saeuglinge, Verheiratung
zweier Witwen miteinander, eine Spritzenprobe ohne
Wasser, Neuwahl einer Gemeindegans, oeffentliche Pruefung
eines neuen Bandwurmmittels und aehnliche tolle, oft
sogar sehr tolle Sachen. Der Herr Stadtrichter Layritz
war alt geworden und duldete das. Der Herr Pastor
war noch aelter und glaubte von allem das Beste. Er
sagte immer: "Nur nicht uebertreiben, nur nicht uebertreiben!"
Damit glaubte er, seiner Pflicht genuegt zu haben.
Der Herr Kantor schuettelte den Kopf. Er war zu bescheiden,
oeffentlich mit einem Tadel hervorzutreten. Aber
unter vier Augen hatte er den Mut, meinen Vater zu
warnen: "Machen Sie nicht mit, Herr Nachbar, machen
Sie ja nicht mit! Es ist nicht gut fuer Sie und auch nicht
gut fuer den Karl. Was man da treibt, ist alles weiter
nichts als Persiflage, Ironie, Verhoehnung und
Verspottung von Dingen, an deren Heiligkeit ja niemand
ruehren soll! Und zumal Kinder sollen so etwas nie zu
sehen noch zu hoeren bekommen!"

Er hatte sehr, sehr Recht. Dieses "Batzendorf",
in dem man nur mit Batzengeld zahlen durfte, hat eine
ganze Reihe von Jahren bestanden und manche stille,
heimliche, doch um so boesere Wirkung gehabt. Da lockerten
sich "die Bande frommer Scheu". Da gab es woechentlich
etwas Neues. Wir Kinder verfolgten die Albernheiten
der Erwachsenen mit riesigem Interesse und hoehnten
und persiflierten mit, freilich ohne uns dessen bewusst
zu werden. Das ging so fort, bis ein neuer, strammer
Zug in die Ortsverwaltung und in die Kirchenleitung
kam, und Batzendorf an sich selbst zugrunde ging. Aber
einen Nutzen hatte es keinem Menschen gebracht. Es war
eine Versumpfung, in welche nicht nur die Alten gestiegen
sind, sondern wir Jungen wurden auch mit hinein gefuehrt
und haben sehr viel von unserer Kindlichkeit drin
stecken lassen muessen. Dem Unbegabten schadet das weniger;
in dem Begabten aber wirkt es fort und nimmt in seinem
Innern Dimensionen an, die spaeter, wenn sie zutage
treten, nicht mehr einzudaemmen sind.

Die "Luegenschmiede" war etwas neueren Datums.
Indem ich von ihr spreche, nenne ich absichtlich keine
Namen. Ich will das, was ich sage, nur gegen die Sache
selbst, nicht aber gegen Personen richten. Es gab in
Ernsttal einige juengere Leute, welche ausserordentlich
satirisch begabt waren. An sich sehr achtbare, liebenswuerdige
Menschen, haetten sie in andern, groesseren Verhaeltnissen
durch diese Begabung ihr Glueck machen koennen,
so aber blieben sie unten in den kleinen Verhaeltnissen
hangen und konnten also auch nur Kleinliches und
Gewoehnliches, oft sogar nur sehr Triviales leisten. Es war
wirklich schade um sie!

Einer von ihnen, vielleicht der Unternehmendste und
Witzigste, brachte es zum Hausbesitzer und hatte die
Kuehnheit, in diesem Ernsttal, wo so wenig Sinn und
Mittel fuer Delikatessen vorhanden waren, ein Delikatessengeschaeft
zu errichten, aber natuerlich mit Restauration,
denn ohne diese waere es ganz unmoeglich gegangen. Diese
Restauration hatte zunaechst keinen besonderen Namen;
aber nicht lange, so wurde ihr einer gegeben, und zwar
ein sehr bezeichnender. Man nannte sie die Luegenschmiede
und ihren Besitzer, den Wirt, den Luegenschmied.
Weshalb? Sowohl dem Wirte als auch seinen Stammgaesten
sass allen der Schalk im Nacken. Ein Anderer
konnte oefters dort verkehren, ohne dass er etwas davon
bemerkte. Aber ploetzlich brach es ueber ihn los, ploetzlich,
ganz unerwartet und mit einer Sicherheit, der nicht zu
widerstehen war. Er wurde "gemacht", wie man es
nannte. Man hatte seine schwaechste Seite und seinen
staerksten Nagel entdeckt und hing an diesem irgend eine
wohlausgedachte Luege auf, die er glauben musste, er
mochte wollen oder nicht. An dieser Luege blamierte er
sich, mochte er sich noch so sehr dagegen straeuben und
mochte er zehnmal und hundertmal klueger sein, als alle
die, welche beschlossen hatten, ihn zum Falle zu bringen.
Diese Luegenschmiede wurde weithin bekannt. Tausende
von Fremden kamen, um da einzukehren, und ein jeder,
dem es etwa einfiel, mit dem Wirt und seinen Stammgaesten
anzubinden, nahm seine Backpfeife mit und zog
beschaemt von dannen.

Gewoehnliche Gaeste kaufte man sich billig. Verlangte
einer ein Glas Bier, so bekam er einen Kognak. Begehrte
er einen Schnaps, so erhielt er Limonade. Wollte er
einen marinierten Hering essen, so setzte man ihm
Kartoffeln in der Schale und Apfelmus vor. Und keiner
weigerte sich, dies zu nehmen und zu bezahlen, denn
Jeder wusste, die Blamage kommt dann hinterher. Bessere
Gaeste hatten keine so gewoehnlichen Witze zu befuerchten.
Die liess man warten. "Der muss erst noch reif werden,"
pflegte der Luegenschmied zu sagen. Und Jeder wurde
reif, Jeder, mochte er sein, wer oder was er wollte, ob
studiert oder nicht studiert, ob hochgestellt oder niedrig.
Es gab da oft geradezu geniale Witze, immer aber mit einem
Einschlag aus dem Gewoehnlichen heraus. Einem Gast,
der sich rasieren lassen wollte, wurde gesagt, der Barbier
sei nicht zu Hause, sondern er sitze grad hier neben ihm.
Dieser war aber kein Barbier, sondern ein Baeckermeister.
Er seifte den Betreffenden mit Anilinwasser ein und
rasierte ihn, ohne dass einer der Anwesenden eine Miene
dabei verzog. Der Rasierte bezahlte und ging dann
vergnuegt von dannen, vollstaendig blau im Gesicht. Er
konnte sich wochenlang nicht sehen lassen, zur Strafe
dafuer, dass er in der Luegenschmiede behauptet hatte, er sei
gescheiter als alle, ihn koenne niemand foppen. Einem
andern Gaste wurde weisgemacht, sein Bruder sei heut'
Vormittag auf dem Jahrmarkt verunglueckt. Er sei einem
Riesenleierkasten zu nahe gekommen und mit dem rechten
Bein in das Raederwerk geraten; man habe ihm infolgedessen
das Bein unterhalb des Knies abnehmen muessen.
Der Mann sprang erschrocken auf und rannte fort, kam
aber sehr bald lachend und mit seinem vollstaendig
gesunden Bruder zurueck. Auch die Herren von der
Behoerde verkehrten sehr gern in der Luegenschmiede, doch
nur zu Zeiten, in denen sie sich dort allein und unbeobachtet
wussten. Sie liessen sich auch einen Ulk gefallen,
und oft hatte der Luegenschmied es nur ihrem Einflusse
zu verdanken, dass seine oft zu weitgehenden Witze ohne
unangenehme Folgen blieben. Denn die Sache artete,
wie Alles, was unten aus dem Niedrigen stammt, nach
und nach aus. Die Witze wurden gewoehnlicher; sie
verloren den Reiz. Man hatte sich verausgabt. Und ein
Jeder, der die Luegenschmiede betrat, glaubte, Luegen
machen und Unwahrheiten praesentieren zu duerfen. Der
Geist ging aus. Was frueher wirklicher Humor, wirkliche
Schalkhaftigkeit und wirklicher Scherz und Schwank gewesen
war, das wurde jetzt zur Zote, zur Zweideutigkeit,
zur Unwahrheit, zur Faelschung, zur unvorsichtigen
Klatscherei und Luege. Die Luegenschmiede ist jetzt
verschwunden. Das Haus wurde der Erde gleichgemacht.
Leider aber sind die Folgen dieser unangebrachten
Witzbolderei nicht auch verschwunden. Sie existieren noch
heute. Sie wirken fort. Auch das war ein Sumpf, und
zwar ein unter hellem Gruen und winkenden Blumen
verborgener Sumpf. Nicht nur die Ortsseele hat unter
ihm gelitten, sondern seine Miasmen sind auch im weiten
Umkreise rund ueber das Land gegangen, und leider,
leider bin auch ich einer von denen, die sehr und schwer
darunter zu leiden hatten und noch heutigen Tages
leiden muessen. Dass meine Gegner es wagen konnten,
den Karl May, der ich in Wirklichkeit und Wahrheit
bin, in die verlogenste aller Karikaturen zu verwandeln
und mich sogar als Marktweiberbandit und Raeuberhauptmann
durch alle Zeitungen zu schleppen, das wurde zum
groessten Teil durch die Luegenschmiede ermoeglicht, deren
Stammgaeste gar nicht bedachten, was sie an mir
begingen, als sie einander mit immer neuen Erfindungen
ueber meine angeblichen Abenteuer und Missetaten
traktierten. Ich komme hierauf an anderer Stelle zurueck
und habe hier noch ganz kurz zu sagen: Was ich ueber
jene Falschspielergesellschaft, ueber "Batzendorf" und ueber
die "Luegenschmiede" zu berichten hatte, sind nur einige
kurze Einblicke in die damaligen Verhaeltnisse meiner
Vaterstadt. Ich koennte diese Einblicke noch ueberaus
erweitern und vertiefen, um nachzuweisen, dass es wirklich
und wahrhaft ein sehr verseuchter Boden gewesen ist, in
den meine Seele gezwungen war, ihre Wurzeln zu schlagen,
will dies aber gern und mit Vergnuegen unterlassen,
weil ich kuerzlich zu meiner Freude gesehen habe, wieviel
sich dort veraendert hat. Ich hatte meine Vaterstadt
schon lange Zeit gemieden und wollte sie auch ferner
meiden, als ich durch eine Rechtssache gezwungen wurde,
sie noch einmal aufzusuchen. Ich wurde angenehm enttaeuscht.
Das meine ich nicht aeusserlich, sondern innerlich.
Ich habe der Staedte und Orte genug gesehen; da
kann mich nichts ueberraschen und auch nichts enttaeuschen.
Wie ich bei jeder Begegnung mit einem mir bisher fremden
Menschen zunaechst und vor allen Dingen seine Seele
kennenzulernen suche, so auch die Seele eines jeden
Ortes, den ich neu betrete. Und die Seele Hohenstein-Ernsttals
war zwar noch die alte; das sah ich sofort;
aber sie hatte sich gehoben; sie hatte sich gereinigt; sie
hatte ein anderes, besseres und wuerdigeres Aussehen
bekommen. Ich hatte Gelegenheit, sie einige Tage lang
beobachten zu koennen, und darf wohl sagen, dass mir
diese Beobachtungen Freude bereiteten. Ich fand
Intelligenz, wo es frueher keine gegeben hatte. Ich
begegnete einem regen Rechtsgefuehl, welches nicht so leicht wie
frueher irrezuleiten war. Es gab mehr Gemeindesinn,
mehr Zusammenhangsgefuehl. Ja, die materiellen Verhaeltnisse
zeigten ueberall schon einen Aufblick hinauf in
das Ideale. Der Boden, auf dem man lebte, hatte sich
gehoben und zeigte die Faehigkeit, sich auch fernerhin und
zusehends zu veredeln. Ich begegnete alten Bekannten,
aus denen in Wirklichkeit "Etwas geworden" war. Das
war mir eine Genugtuung, die ich nicht erwartet hatte.
Da gab es nicht mehr jene alten, indolenten Gesichter
mit dem Ausdruck unangenehmer Bauernpfiffigkeit, sondern
die Zuege sprachen von Einsicht und Faehigkeit, von
gesunder Klugheit und ueberlegsamer Urteilskraft. War
dies etwa nur eine Folge des Zuzuges von aussen her?
Gewiss nicht ausschliesslich, obwohl nicht abgeleugnet werden
kann, dass fremdes Blut auch im Gemeindeleben auffrischend,
staerkend und verbessernd wirkt. Ich gestehe
aufrichtig, dass ich seit jenem Besuche und seit jenen
Beobachtungen mit meiner Vaterstadt wieder sympathisiere
und von Herzen wuensche, dass der jetzt so deutlich sichtbare
Fortschritt auch nach geistigen Zielen ein dauernder
sein moege. Der Beweis ist erbracht, dass die alten Zeiten
vorueber sind. Man hat sich aufgerafft und steigt mit
jugendlicher Energie empor; das bringt Erfolg, und mit
dem Erfolg kommt auch der Segen.

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