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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
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PHILADELPHIA, Pa. -- The Philadelphia literary world will celebrate the launch of two new players today, April 10th: Kay Square Press, a new publishing company focused on Philadelphia-area artists, their stories, and their art; and Kay Square's first release, 'With the Rich and Mighty: Emlen Etting of Philadelphia' (ISBN: 978-0-9815129-0-7), a critical biography by Kenneth C. Kaleta.

FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).


Books: Mein Leben und Streben

K >> Karl May >> Mein Leben und Streben

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Und nun waren sie da, die grossen, erhabenen Augenblicke
meines ersten Buehnendebuets. Der erste Akt spielte
in Madrid. Da hatte ich nichts zu tun. Ich sass in
der Ankleidekammer und horchte auf das, was auf der
Buehne gesprochen wurde. Da wurde ich geholt. Ich
schnallte die Trommel an, setzte den Federhut auf und ging
nach meiner Kulisse. Don Fernando und Donna Klara
und noch irgend wer standen auf der Buehne. In der
gegenueberliegenden Kulisse lehnte der Schlossvogt Pedro,
der mir das Zeichen zu geben hatte. Er sah mich mit
einem so energischen Schritte kommen, dass er glaubte,
ich wollte gleich und direkt hinaus auf das Podium.
Darum hob er schnell die rechte Hand, um dem abzuwehren.
Ich aber nahm das ganz selbstverstaendlich fuer das
verabredete Zeichen, obgleich die Zigeuner noch nicht hinter
mir standen, begann meinen Wirbel zu schlagen und
marschierte hinaus, rund um die Buehne herum. Don
Fernando und Donna Klara standen vor Schreck ganz
starr. "Lausbub!" schrie mir der Schlossvogt zu, als ich
an ihm vorueberschritt. Er griff aus der Kulisse heraus,
um mich zu fassen und zu sich hineinzuziehen, aber schon
war ich an ihm vorueber. Aus allen Kulissen winkte
man mir, doch aufzuhalten und hineinzukommen; ich aber
bestand auf dem, was ausgemacht worden war, naemlich
dreimal rund um die Buehne herum. "Lausbub!" bruellte
der Schlossvogt, als ich zum zweiten Mal an ihm
vorueberkam, und zwar tat er das so laut, dass es trotz des
Trommelwirbels auch hinaus- und ueber den ganzen Zuschauerraum
schallte. Lautes Gelaechter antwortete von dorther;
ich aber begann meine dritte Runde. "Bravo, bravo!"
erklangen die Beifallsrufe des Publikums. Da kam endlich
Bewegung in den erschrockenen Herrn Direktor, der
den Don Fernando spielte. Er sprang auf mich zu, fasste
meine beiden Arme, so dass ich stehenbleiben und die
Trommelschlegel ruhen lassen musste und donnerte mich an:

"Junge, bist du denn ganz toll geworden? So halte
doch auf!

"Nein, nicht aufhalten, sondern weiter, immer weiter!"
rief man im Zuschauerraum lachend.

"Ja, weiter, immer weiter!" antwortete auch ich, indem
ich mich von ihm losriss. "Die Zigeuner haben zu kommen!
Raus mit der Bande, raus mit der Bande!"

"Ja, raus mit der Bande, raus mit der Bande!"
schrie, bruellte und johlte das Publikum.

Ich aber marschierte weiter und begann meinen Wirbel
von neuem. Und da kam sie, die Bande, wenn auch
nur notgedrungen, voran Vianda, die alte Zigeunermutter,
und dann die Andern alle hinterdrein. Nun begann erst
der eigentliche Umzug, dreimal rund um und dann zu
meiner Kulisse wieder hinein. Aber damit gab sich das
Publikum nicht zufrieden. Es rief: "Heraus mit der
Bande, heraus!" und wir mussten den Umzug von neuem
beginnen und immer wieder von neuem. Und am Schluss
des Aktes musste ich noch zweimal heraus. War das
ein Gaudium! Sodann hatte ich eigentlich nichts mehr
zu tun und konnte gehen, aber der Herr Direktor liess
mich nicht fort. Er schrieb mir eine kurze Ansprache auf,
die ich jetzt auswendig lernen und am Schlusse der
Vorstellung halten sollte. Fuer den Fall, dass ich meine Sache
gut machen wuerde, versprach er mir noch weitere fuenfzig
Pfennige. Das wirkte aeusserst anregend auf mein
Gedaechtnis. Als das Stueck zu Ende war und der Beifall
zu verklingen begann, marschierte ich noch einmal
trommelwirbelnd hinaus, um dann ganz vorn an der Rampe
die "hohen Herrschaften" zu bitten, sich noch nicht gleich
zu entfernen, weil die Frau Direktorin erscheinen und
von Platz zu Platz gehen werde, um Abonnementsbilletts
zu verkaufen, so billig, wie sie morgen, uebermorgen und
auch fernerhin unmoeglich abgegeben werden koennten. Als
Reminiszenz auf den Wortlaut des heutigen Beifalles
hatte der Herr Direktor dem Schlusse dieser Ansprache
folgende Fassung gegeben: "Also rrrrein mit der Hand
in den Beutel! Und rrrraus mit den Moneten, rrrraus!"

Das wurde nicht etwa uebel-, sondern mit gutwilligem
Lachen entgegengenommen und hatte den gewuenschten
Erfolg. Alle Gesichter strahlten, sowohl diejenigen der
hohen Direktion als auch diejenigen aller uebrigen
Kuenstlerinnen und Kuenstler, das meinige nicht ausgeschlossen,
denn ich bekam nicht nur meine weiteren fuenf Neugroschen,
sondern dazu auch noch ein Freibillett, welches fuer den
ganzen, diesmaligen Aufenthalt der Truppe bei uns galt.
Ich habe es wiederholt benutzt, und zwar fuer Stuecke,
in welche Vater mich gehen lassen konnte. Uebrigens gab
es bei dieser braven Truppe wohl kaum eine sittliche
Gefahr fuer die Zuhoererschaft, denn als der Herr Direktor
sich eines Tages mit am Kegelschieben beteiligte und bei
dieser Gelegenheit gefragt wurde, warum er alle zaertlichen
Liebesszenen so aengstlich aus seinen Stuecken streiche,
antwortete er: "Teils aus moralischem Pflichtgefuehl und teils
aus kluger Erwaegung. Unsere erste und einzige Liebhaberin
ist zu alt und auch zu haesslich fuer solche Rollen."

In den Stuecken, die ich da besuchte, forschte ich nach
dem Kreuz und nach den Faeden, an denen die Puppen
hangen. Ich war zu jung, sie zu finden. Das blieb
einer spaeteren Zeit vorbehalten. Auch wollte es mir nicht
gelingen, den Gott, den Teufel und den Menschen
herauszufinden. Das passiert mir sogar noch heut sehr haeufig,
obwohl diese drei Foktoren [sic] nicht nur die bedeutendsten,
sondern sogar die einzigen sind, aus deren Zusammenwirken
sich ein Drama aufzubauen hat. Das sage ich
jetzt, als Mann, als Greis. Damals, als Kind, verstand
ich nichts davon und liess mir von der leeren, hohlen
Oberflaechlichkeit gewaltig imponieren, wie jedes andere
groessere oder kleinere Kind. Die Menschen, die solche
Stuecke schrieben, die auf die Buehne gegeben wurden,
kamen mir wie Goetter vor. Waere ich ein so bevorzugter
Mensch, so wuerde ich nicht von geraubten Zigeunerinnen
erzaehlen, sondern von meinem herrlichen Sitara-Maerchen,
von Ardistan und Dschinnistan, von der Geisterschmiede
von Kulub, von der Erloesung aus der Erdenqual und
allen anderen, aehnlichen Dingen! Man sieht, ich befand
mich hier wieder an einem jener Punkte, an denen ich
aus dem Halt, den andere Kinder haben und der auch
mir so noetig war, in eine Welt emporgerissen wurde, in
die ich nicht gehoerte, weil sie nur von auserwaehlten
Maennern in reifen Jahren betreten werden darf. Und noch
Anderes kam hinzu.

Meine Eltern waren evangelisch-lutherisch. Demgemaess
war ich evangelisch-lutherisch getauft worden,
genoss evangelisch-lutherischen Religionsunterricht und
wurde, als ich vierzehn Jahre alt geworden war,
evangelisch-lutherisch konfirmiert. Aber zu einer
Stellungnahme gegen Andersglaeubige fuehrte das keineswegs.
Wir hielten uns weder fuer besser noch fuer berufener als
sie. Unser alter Pfarrer war ein lieber, menschenfreundlicher
Herr, dem es gar nicht in den Sinn kam, im Bereiche
seines Kirchenamtes religioesen Hass zu saeen. Unsere
Lehrer dachten ebenso. Und die, auf die es hier am
meisten ankam, naemlich Vater, Mutter und Grossmutter,
die waren alle drei urspruenglich tief religioes aber von
jener angeborenen, nicht angelehrten Religiositaet, die sich
in keinen Streit einlaesst und einem jeden vor allen Dingen
die Aufgabe stellt, ein guter Mensch zu sein. Ist er das,
so kann er sich dann um so leichter auch als guter Christ
erweisen. Ich hoerte einst den Herrn Pastor mit dem
Herrn Rektor ueber religioese Differenzen sprechen. Da
sagte der erstere: "Ein Eiferer ist niemals ein guter
Diplomat." Das habe ich mir gemerkt. Ich habe bereits
gesagt, dass ich an jedem Sonn- und Feiertag zweimal
in die Kirche ging, doch ohne bigott zu sein oder mir dies
gar als Verdienst anzurechnen. Ich habe taeglich gebetet,
in jeder Lage meines Lebens, und bete noch heut.
Seitdem ich lebe, ist es mir keinen Augenblick lang
beigekommen, an Gott, an seiner Allmacht, seiner Weisheit,
Liebe und Gerechtigkeit, zu zweifeln. Ich bin auch heut
noch unerschuetterlich in diesem meinem felsenfesten Glauben.

Ich habe stets eine Hinneigung zum Symbolismus
gehabt, und zwar nicht nur zum religioesen. Eine jede
Person und eine jede Handlung, die etwas Gutes, Edles,
Tiefes bedeutet, ist mir heilig. Darum machten einige
religioese Gebraeuche, an denen ich mich als Knabe zu
beteiligen hatte, auf mich einen ganz besonderen Eindruck.
Der eine dieser Gebraeuche war folgender: Die Konfirmanden,
welche am Palmsonntag eingesegnet worden waren,
beteiligten sich am darauf folgenden gruenen Donnerstag
zum ersten Male in ihrem Leben an der heiligen
Kommunion. Nur waehrend dieser einen Abendmalsdarreichung,
sonst waehrend des ganzen Jahres nicht,
standen die ersten vier Kurrendaner je zwei und zwei zu
beiden Seiten des Altares, um Handreichung zu tun.
Sie waren genau wie Pfarrer gekleidet, Priesterrock,
Baeffchen [sic] und weisses Halstuch. Sie standen zwischen
dem Geistlichen und den paarweise herantretenden Kommunikanten
und hielten schwarze, goldgeraenderte Schutztuecher
empor, damit ja nichts von der dargereichten heiligen
Speise verloren gehe. Da ich sehr jung zur Kurrende
gekommen war, hatte ich dieses Amtes mehrere
Male zu walten, ehe ich selbst zur Einsegnung kam. Diese
frommen, gottesglaeubigen Augenblicke vor dem Altare
wirken noch heute, nach so vielen Jahren, in mir fort.

Ein anderer dieser Gebraeuche war der, dass am
ersten Weihnachtsfeiertage jedes Jahres waehrend des
Hauptgottesdienstes der erste Knabe der Kurrende die
Kanzel zu besteigen hatte, um die Weissagung des Jesaias
Kap. 9 Vers 2 bis mit Vers 7 zu singen. Er tat dies
ganz allein, mit milder, leiser Orgelbegleitung. Es gehoerte
Mut dazu, und es kam nicht selten vor, dass der Organist
dem kleinen Saenger zur Hilfe zu kommen hatte, um ihn
vor dem Steckenbleiben zu bewahren. Auch ich habe
diese Weissagung gesungen, und genauso, wie die Gemeinde
sie von mir hoerte, so wirkt sie noch heute in mir
fort und klingt von mir hinaus bis in die fernsten Kreise
meiner Leser, wenn auch in andern Worten, zwischen
den Zeilen meiner Buecher. Wer als kleiner Schulknabe
auf der Kanzel gestanden und mit froehlich erhobener
Stimme vor der lauschenden Gemeinde gesungen hat,
dass ein helles Licht erscheine und von nun an des Friedens
kein Ende sein werde, den begleitet, wenn er sich
nicht absolut dagegen straeubt, jener Stern von Bethlehem
durch das Leben, der selbst dann noch weiterleuchtet, wenn
alle andern Sterne verloeschen.

Wer nicht gewoehnt ist, tiefer zu blicken, der wird
jetzt wahrscheinlich sagen, dass ich auch hier wieder auf
einen der Punkte gestossen sei, an denen mir ein fester
Halt nach dem andern unter den Fuessen hinweggenommen
wurde, so dass ich schliesslich seelisch ganz nur in der Luft
zu schweben hatte. Es ist aber grad das Gegenteil der
Fall. Es wurde mir nichts genommen, sondern viel, sehr
viel gegeben, zwar kein Halt und kein Unterschlupf in der
Richtung nach der Erde zu, dafuer aber ein Tau, stark
und fest genug, mich an ihm emporzuretten, wenn unter
mir der Abgrund sich oeffnen sollte, dem ich, wie
Fatalisten behaupten wuerden, von allem Anfang verfallen
war. Indem ich nun von diesem Abgrund zu sprechen
beginne, betrete ich diejenigen Gegenden meiner sogenannten
Jugend, in welcher die Suempfe lagen und heut noch
liegen, aus denen alle die Nebel und alle die Gifte stiegen,
durch welche mein Leben mir zu einer ununterbrochenen,
endlosen Qual geworden ist.

Dieser Abgrund heisst, damit ich ihn gleich beim
richtigen Namen nenne -- -- Lektuere. Ich bin ihn nicht
etwa hinabgestuerzt, ploetzlich, jaehlings und unerwartet,
sondern ich bin ihn hinabgestiegen, Schritt um Schritt,
langsam und absichtlich, sorgsam geleitet von der Hand
meines Vaters. Freilich ahnte dieser ebensowenig wie
ich, wohin dieser Weg uns fuehrte. Meine erste Lektuere
bildeten die Maerchen, das Kraeuterbuch und die Bilderbibel
mit den Anmerkungen unserer Vorfahren. Hierauf
folgten die verschiedenen Schulbuecher der Vergangenheit
und Gegenwart, die es im Staedtchen gab. Dann alle
moeglichen anderen Buecher, die Vater sich zusammenborgte.
Nebenbei die Bibel. Nicht etwa eine Auswahl biblischer
Geschichten, sondern die ganze, volle Bibel, die ich als
Knabe wiederholt durchgelesen habe, vom ersten bis zum
letzten Worte, mit allem, was drin steht. Vater hielt
das fuer gut, und keiner meiner Lehrer widersprach ihm
da, auch der Pfarrer nicht. Er duldete nicht, dass ich,
wenn auch nur scheinbar, muessig stand. Und er war
gegen alle Beteiligung an den "Unarten" anderer Knaben.
Er erzog mich, wie man Muster herausarbeitet, um sie
andern anzupreisen. Ich musste stets zu Hause sein, um
zu schreiben, zu lesen und zu "lernen"! Von dem
Handschuhnaehen wurde ich nach und nach befreit. Auch wenn
er ausging, brachte mir das keine Erloesung, sondern er
nahm mich mit. Wenn ich meine Altersgenossen auf
dem Markte springen, tollen, spielen und lachen sah,
wagte ich es nur selten, den Wunsch auszusprechen, mittun
zu duerfen, denn wenn Vater keine gute Laune hatte,
war dies hoechst gefaehrlich. Sass ich dann betruebt oder
gar mit heimlichen Traenen bei meinem Buche, so kam
es vor, dass Mutter mich leise zur Tuer hinaussteckte und
erbarmend sagte: "So geh schnell ein bisschen hinaus;
aber komme ja in zehn Minuten wieder, sonst schlaegt er
dich. Ich sag, ich habe dich wohingeschickt!" O, diese
Mutter, diese einzig gute, arme, stille Mutter! Wer da
wissen will, wie und was ich noch heut ueber sie denke, der
schlage in meinen "Himmelsgedanken" das Gedicht auf Seite
105 auf. Und das auf Seite 109 bezieht sich auf meine
Grossmutter, aus deren Seele die Gestalt meiner Marah Durimeh
herausgewachsen ist, jener orientalischen Koenigstochter, die
fuer mich und meine Leser als "Menschheitsseele" gilt.

Als ich so ziemlich alles, was sich in Hohenstein-Ernsttal
von Buechern jeden Genres in Privathaenden befand,
zusammengelesen und auch viel, sehr viel davon
abgeschrieben resp. notiert hatte, sah Vater sich nach neuen
Quellen um. Es gab deren drei, naemlich die Bibliotheken
des Herrn Kantors, des Herrn Rektors und des
Herrn Pastors. Der Herr Kantor zeigte sich auch hier
als der Vernuenftigste von allen. Er sagte, Buecher zur
Unterhaltung habe er nicht, sondern nur Buecher zum
Lernen, und fuer diese letzteren sei ich jetzt noch viel zu
jung. Aber er gab doch eines von ihnen her, denn er
meinte, fuer mich als Kurrendaner sei es sehr nuetzlich, den
lateinischen Text unserer Kirchengesaenge in die deutsche
Sprache uebersetzen zu lernen. Dieses Buch war eine
lateinische Grammatik, von welcher das Titelblatt fehlte,
doch auf dem naechsten Blatte stand zu lesen:

"Ein buer [sic] lernen muss,
Wenn er will werden dominus,
Lernt er aber mit Verdruss,
So wird er ein asinus!"

Vater war ganz entzueckt ueber diesen Vierzeiler und
meinte, ich solle nur ja dafuer sorgen, dass ich kein asinus,
sondern ein dominus werde. Also nun schnell und fleissig
lateinisch lernen!

Bald darauf fassten einige Ernsttaler Familien den
Entschluss, im naechsten Jahre nach Amerika auszuwandern.
Darum sollten ihre Kinder waehrend dieser Frist so viel
wie moeglich englisch lernen. Da verstand es sich ganz
von selbst, dass ich mitzutun hatte! Und sodann geriet
auf irgend eine, ich weiss nicht mehr, welche Weise ein
Buch in unsern Besitz, welches franzoesische Freimaurerlieder
mit Text und Melodie enthielt. Es war im Jahre
1782 in Berlin gedruckt und "Seiner Koeniglichen Hoheit,
Friedrich Wilhelm, Prinz von Preussen" gewidmet.
Darum musste es gut und von sehr hohem Werte sein!
Der Titel lautete: "Chansons maconniques", und zu der
Melodie, die mir am besten gefiel, waren sieben vierzeilige
Strophen zu singen, deren erste hierhergesetzt sein mag:

"Nons venerous de l'Arabie
La sage et noble antiquite,
Et la celebre Confrairie [sic]
Transmise a la posterite".

Das Wort "Freimaurerlieder" reizte ganz besonders.
Welch eine Wonne, in die Geheimnisse der Freimaurerei
eindringen zu koennen! Gluecklicherweise erteilte der Herr
Rektor fuer Privatschueler auch franzoesischen Unterricht.
Er gestattete mir, in diesem "Zirkle" einzutreten, und so
kam es, dass ich mich jetzt mit dem Lateinischen, Englischen
und Franzoesischen zugleich zu befassen hatte.

Der Herr Rektor war in Beziehung auf das Buecherverleihen
weniger zurueckhaltend als der Herr Kantor.
Sein Lieblingsfach war Geographie. Er besass hunderte
von geographischen und ethnographischen Werken, die er
meinem Vater alle fuer mich zur Verfuegung stellte. Ich
fiel ueber diesen Schatz mit wahrer Begeisterung her, und
der gute Herr freute sich darueber, ohne irgendein doch
so naheliegendes Bedenken zu hegen. Obgleich er auf
eine Pfarrstelle reflektierte, war er in seinem Innern
mehr Philosoph als Theolog und einer freieren Richtung
zugeneigt. Das sprach sich aber weniger in seinen Worten,
als vielmehr in den Buechern aus, die er besass. Zu derselben
Zeit oeffnete mir auch der Herr Pastor seine Bibliothek.
Er war ganz und gar nicht Philosoph, sondern
nur und nur und nur Theolog, weiter nichts. Ich meine
mit ihm nicht unsern alten, guten Pfarrer, von dem ich
schon gesprochen habe, sondern dessen Nachfolger, der mir
zunaechst alle seine Traktaetchen zu lesen gab und hierzu
dann allerlei Erweckungs-, Erbauungs- und Jugendschriften
von Redenbacher und andern guten Menschen fuegte. So
kam es, dass ich vom Rektor z. B. eine begeisterte Schilderung
der islamitischen Wohltaetigkeit vor mir liegen hatte
und vom Herrn Pastor daneben einen Missionsbericht,
in welchem ueber das offensichtliche Nachlassen der
christlichen Barmherzigkeit bittere Klage gefuehrt wurde. In
der Bibliothek des einen lernte ich Humboldt, Bonpland
und alle jene "Grossen" kennen, welche der Wissenschaft
mehr als der Religion vertrauen, und in der Bibliothek
des zweiten alle jene andern "Grossen", denen die religioese
Offenbarung himmelhoch ueber jedem wissenschaftlichen
Ergebnisse steht. Und dabei war ich nicht etwa ein
Erwachsener, sondern ein dummer, ein ganz dummer Junge;
aber noch viel toerichter als ich waren die, welche mich
in diese Konflikte fallen und sinken liessen, ohne zu wissen,
was sie taten. Alles, was in diesen so verschiedenen
Buechern stand, konnte gut, ja konnte vortrefflich sein;
mir aber musste es zum Gifte werden.

Aber es kam noch Schlimmeres. Der sprachliche
Privatunterricht, den ich jetzt bekam, musste bezahlt werden,
und ich war es, der sich dieses Geld auf irgendeine Weise
zu verdienen hatte. Wir sahen uns um. Fuer eine Hohensteiner
Schankwirtschaft wurde ein gewandter, ausdauernder
Kegelaufsetzer gesucht. Ich meldete mich, obwohl ich keine
Uebung besass, und bekam die Stelle. Da habe ich freilich
Geld verdient, sehr viel Geld, aber wie! Durch welche
Qualen! Und was habe ich noch ausserdem dafuer geopfert!
Der Kegelschub war ein vielbesuchter, zugebauter und
heizbarer, so dass er zur Sommer- und zur Winterszeit und
bei jeder Witterung benutzt werden konnte. Es wurde
taeglich geschoben. Von jetzt an hatte ich keine freie
Viertelstunde mehr, besonders auch keinen Sonntagnachmittag.
Da ging es gleich nach der Kirche los und dauerte bis
zur spaeten Abendstunde. Der Haupttag aber war der
Montag, denn dieser war der Tag des Wochenmarktes,
an dem die Landbewohner zur Stadt kamen, um ihre
Erzeugnisse zu bringen, ihre Einkaeufe zu machen und --
last not least -- eine Partie Kegel zu schieben. Aus
dieser einen aber wurden fuenf, wurden zehn, wurden
zwanzig, und es kam an diesen Montagen vor, dass ich
mich von Mittags zwoelf Uhr an bis nach Mitternacht
zu schinden hatte, ohne auch nur fuenf Minuten ausruhen
zu koennen. Zur Staerkung bekam ich des Nachmittags
und des Abends ein Butterbrod [sic] und ein Glas abgestandenes,
zusammengegossenes Bier. Es kam auch vor, dass ein
mitleidiger Kegler, welcher sah, dass ich kaum mehr konnte,
mir ein Glas Schnaps herausbrachte, um meine Lebensgeister
anzuregen. Ich habe mich ob dieser uebermaessigen
Anstrengungen daheim niemals beklagt, weil ich sah, wie
notwendig man das, was ich verdiente, brauchte. Der
Betrag, den ich da woechentlich zusammenbrachte, war gar
nicht unbedeutend. Ich bekam pro Stunde ein Fixum
und ausserdem fuer jedes Honneur, welches geschoben wurde,
einen festbestimmten Satz. Wurde nicht gespielt, sondern
frei gewettet oder gar hasardiert, so bekam dieser Satz
eine doppelte oder dreifache Hoehe. Es hat Montage
gegeben, an denen ich ueber zwanzig Groschen nach Hause
brachte, dafuer aber vor Muedigkeit die Treppe zu unserer
Wohnung mehr hinaufstuerzte als hinaufstieg.

Welchen Gewinn aber hatte ich in seelischer Beziehung?
Nicht den geringsten, sondern nur Verlust. Es wurde
zwar nur einfaches, billiges Bier, aber besonders viel
Schnaps getrunken. Ich werde an anderer Stelle nachweisen,
dass es sich hier nicht um Leute handelte, welche
das kannten, was man unter Ruecksicht oder gar Zartgefuehl
versteht. Man platzte mit allem, was auf die Zunge
kam, ohne Scheu heraus. Man kann sich denken, was
ich da alles zu hoeren bekam! Der langgestreckte, zugebaute
Kegelschub wirkte wie ein Hoerrohr. Jedes Wort, welches
da vorn bei den Spielern gesprochen wurde, klang deutlich
heraus zu mir. Alles, was Grossmutter und Mutter
in mir aufgebaut hatten, der Herr Kantor und der Herr
Rektor auch, das empoerte sich gegen das, was ich hier
zu hoeren bekam. Es war viel Schmutz und auch viel Gift
dabei. Es gab da nicht jene kraeftige, kerngesunde
Froehlichkeit wie z. B. bei einem oberbayrischen Kegelschieben,
sondern es handelte sich um Leute, welche aus der
brusttoetenden Atmosphaere ihres Webstuhles direkt in die
Schnapswirtschaft kamen, um sich fuer einige Stunden
ein Vergnuegen vorzutaeuschen, welches aber nichts weniger
als ein Vergnuegen war, fuer mich jedenfalls eine Qual,
koerperlich sowohl als auch seelisch.

Und doch gab es in dieser Schankwirtschaft ein noch
viel schlimmeres Gift als Bier und Branntwein und aehnliche
boese Sachen, naemlich eine Leihbibliothek, und zwar
was fuer eine! Niemals habe ich eine so schmutzige, innerlich
und aeusserlich geradezu ruppige, aeusserst gefaehrliche
Buechersammlung, wie diese war, nochmals gesehen! Sie rentierte
sich ausserordentlich, denn sie war die einzige, die es in
den beiden Staedtchen gab. Hinzugekauft wurde nichts.
Die einzige Veraenderung, die sie erlitt, war die, dass die
Einbaende immer schmutziger und die Blaetter immer schmieriger
und abgegriffener wurden. Der Inhalt aber wurde
von den Lesern immer wieder von neuem verschlungen,
und ich muss der Wahrheit die Ehre geben und zu meiner
Schande gestehen, dass auch ich, nachdem ich einmal
gekostet hatte, dem Teufel, der in diesen Baenden steckte,
gaenzlich verfiel. Was fuer ein Teufel das war, moegen
einige Titel zeigen: Rinaldo Rinaldini, der
Raeuberhauptmann, von Vulpius, Goethes Schwager. Sallo
Sallini, der edle Raeuberhauptmann. Himlo Himlini,
der wohltaetige Raeuberhauptmann. Die Raeuberhoehle auf
dem Monte Viso. Bellini, der bewunderswuerdige [sic] Bandit.
Die schoene Raeuberbraut oder das Opfer des ungerechten
Richters. Der Hungerturm oder die Grausamkeit der
Gesetze. Bruno von Loeweneck, der Pfaffenvertilger. Hans
von Hunsrueck oder der Raubritter als Beschuetzer der
Armen. Emilia, die eingemauerte Nonne. Botho von
Tollenfels, der Retter der Unschuldigen. Die Braut am
Hochgericht. Der Koenig als Moerder. Die Suenden des
Erzbischofs u. s. w. u. s. w.

Wenn ich zum Kegelaufsetzen kam und noch keine
Spieler da waren, gab mir der Wirt eines dieser Buecher,
einstweilen darin zu lesen. Spaeter sagte er mir, ich koenne
sie alle lesen, ohne dafuer bezahlen zu muessen. Und ich las
sie; ich verschlang sie; ich las sie drei- und viermal durch!
Ich nahm sie mit nach Haus. Ich sass ganze Naechte
lang, gluehenden Auges ueber sie gebeugt. Vater hatte
nichts dagegen. Niemand warnte mich, auch die nicht,
die gar wohl verpflichtet gewesen waeren, mich zu warnen.
Sie wussten gar wohl, was ich las; ich machte kein Hehl
daraus. Und welche Wirkung das hatte! Ich ahnte
nicht, was dabei in mir geschah. Was da alles in mir
zusammenbrach. Dass die wenigen Stuetzen, die ich, der
seelisch in der Luft schwebende Knabe, noch hatte, nun
auch noch fielen, eine einzige ausgenommen, naemlich mein
Glaube an Gott und mein Vertrauen zu ihm.

Die Psychologie ist gegenwaertig in einer Umwandlung
begriffen. Man beginnt immer mehr, zwischen Geist und
Seele zu unterscheiden. Man versucht, sie beide
auseinanderzuhalten, sie scharf zu definieren, ihre Unterschiede
nachzuweisen. Man behauptet, dass der Mensch nicht
Einzelwesen, sondern Drama sei. Soll ich mich dem
anschliessen, so darf ich das, was auf meinen kleinen, erst
im Entstehen begriffenen Geist und das, was auf meine
kindliche Seele wirkte, nicht miteinander verwechseln.
Die ganze Vielleserei, zu der ich bisher gezwungen gewesen
war, hatte meiner Seele nichts, gar nichts gebracht; nur
das winzige Geisterlein hatte die Wirkung davon
gehabt, aber was fuer eine Wirkung! Es war zu einem
kleinen, monstroes dicken, wasserkoepfigen Ungeheuer
aufgestopft und aufgenudelt worden. Der sehr gut, ja
vielleicht aussergewoehnlich veranlagte Knabe hatte sich zu
einer unartikulierten geistigen Missgestalt verwandelt, die
nichts Wirkliches besass als nur ihre Hilflosigkeit. Und
seelisch war ich ohne Heimat, ohne Jugend, hing nach
oben nur an dem erwaehnten starken, unzerreissbaren Tau
und wurde nach unten nur dadurch an der Erde
festgehalten, dass ich fuer Koenig und Vaterland, Gesetz und
Gerechtigkeit diejenige mehr poetisch als materielle
Hochachtung empfand, die aus den Tagen stammte, an
denen die elf Heldenkompagnieen Ernsttals sich gebildet
hatten, den schwer bedraengten Monarchen Sachsens und
seine Regierung von dem Untergange zu erretten. Nun
aber wurde mir auch dieser Halt genommen, und zwar
durch die Lektuere dieser schaendlichen Leihbibliothek. Alle
die Raeuberhauptleute, Banditen und Raubritter, von denen
ich da las, waren edle Menschen. Was sie jetzt waren,
das waren sie durch schlechte Menschen, besonders durch
ungerechte Richter und durch die grausame Obrigkeit geworden.
Sie besassen wahre Froemmigkeit, gluehende Vaterlandsliebe,
eine grenzenlose Wohltaetigkeit und warfen sich
zum Ritter und Retter aller Armen, aller Bedrueckten und
Bedraengten auf. Sie zwangen die Leser zur Hochachtung
und Bewunderung; alle Gegner dieser herrlichen Maenner
aber waren zu verachten, also besonders die Obrigkeit, der
Schnippchen auf Schnippchen geschlagen wurde. Und vor
allen Dingen die Fuelle des Lebens, der Taetigkeit, der
Bewegung, die in diesen Buechern herrschte! Auf jeder Seite
geschah etwas, und zwar etwas Hochinteressantes, irgend
eine grosse, schwere, kuehne Tat, die man zu bewundern
hatte. Was dagegen war in all den Buechern geschehen,
die ich bisher gelesen hatte? Was geschah in den Traktaetchen
des Pfarrers? In seinen langweiligen, nichtssagenden
Jugendschriften? Und was geschah in den sonst
ganz guten und brauchbaren Buechern des Herrn Rektors?
Da waren grosse, weite und ferne Laender beschrieben,
aber es ereignete sich nichts dabei. Da wurden fremde
Menschen und Voelker geschildert; aber sie bewegten sich
nicht, sie taten nichts. Das war alles nur Geographie,
nur Geographie, weiter nichts; jede Handlung fehlte.
Und nur Ethnographie, nur Ethnographie; aber die Puppen
standen still. Es war kein Gott, kein Mensch und auch
kein Teufel da, das Kreuz mit den Faeden in die Hand
zu nehmen und die toten Figuren zu beleben! Und es
gibt doch Einen, der diese Belebung ganz unbedingt
verlangt, naemlich der Leser. Und auf den kommt doch alles
an, weil er allein es ist, fuer den die Buecher geschrieben
werden. Die Seele des Lesers wendet sich von jeder
Bewegungslosigkeit ab, denn diese bedeutet fuer sie den Tod.
Welch ein Reichtum des Lebens dagegen in dieser
Leihbibliothek! Und welch ein Eingehen auf die Eigenheiten
und Beduerfnisse dessen, der so ein Buch in die Haende nimmt!
Kaum fuehlt er waehrend des Lesens einen Wunsch, so
wird dieser auch schon erfuellt. Und welche bewundernswerte,
unwandelbare Gerechtigkeit gibt es da. Jeder
gute, ehrenhafte Mensch, mag er zehnmal Raeuberhauptmann
sein, wird unbedingt belohnt. Und jeder boese
Mensch, jeder Suender, mag er zehnmal Koenig, Feldherr,
Bischof oder Staatsanwalt sein, wird unbedingt bestraft.
Das ist wirkliche Gerechtigkeit; das ist goettliche
Gerechtigkeit! Mag Goethe noch so viel ueber die Herrlichkeit
und Unumstoesslichkeit der goettlichen und der menschlichen
Gesetze dichten und schreiben, so hat er doch unrecht!
Recht hat nur sein Schwager Vulpius, denn der hat den
Rinaldo Rinaldini geschrieben!

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