Books: Mein Leben und Streben
K >>
Karl May >> Mein Leben und Streben
Pages:
1 |
2 |
3 | 4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22
"Aber was bringt sie ein?" fragte die Frau
Kantorin.
"Das Glueck bringt sie ein, das wirkliche, das wahre
Glueck!"
Bei diesen Worten trat er in das Haus; er liebte
es nicht, zu streiten. Ich ging nach unserm Hof. Da
stand ein Franzaepfelbaum. Unter den setzte ich mich nieder
und dachte ueber das nach, was der Herr Kantor gesagt
hatte. Also Gott, Koenig und Vaterland, in diesen Worten
liegt das wahre Glueck; das wollte und musste ich mir
merken! Spaeter hat dann das Leben an diesen drei
Worten herumgemodelt und herumgemeisselt; aber moegen
sich die Formen veraendert haben, das innere Wesen ist
geblieben.
Von allen, die heut ausgezogen waren, um grosse
Heldentaten zu verrichten, kam zuerst der geliehene Gaul
zurueck. Der Herr Adjutant hatte ihn einem Boten
uebergeben, der ihn heimbrachte, weil Laufen besser sei als
Reiten und weil der Reiter nicht genug Geld uebrig habe,
das Pferd zu ersetzen, falls es im Kampfe verwundet oder
gar erschossen werden sollte. Gegen Abend folgte der
Webermeister Kretzschmar. Er behauptete, dass er mit
seinen Plattfuessen nicht weitergekonnt habe; dies sei ein
Naturfehler, den er nicht aendern koenne. Als es dunkel
geworden war, stellten sich noch einige andere ein, welche
aus triftigen Gruenden entlassen worden waren und die
die Nachricht brachten, dass unser Armeekorps hinter
Chemnitz bei Oederan biwakiere und Spione nach Freiburg [sic]
geschickt habe, das dortige Schlachtfeld auszukundschaften.
Gegen Morgen kam die ueberraschende, aber ganz und gar
nicht traurige Kunde, dass man aus Freiburg [sic] die Weisung
erhalten habe, sofort wieder umzukehren; man werde gar
nicht gebraucht, denn die Preussen seien in Dresden
eingerueckt und so stehe fuer den Koenig und die Regierung
nicht das Geringste mehr zu befuerchten. Man kann sich
wohl denken, dass es heut nun keine Schule und keinerlei
Arbeit gab. Auch ich empoerte mich gegen das Handschuhflicken.
Ich riss einfach aus und gesellte mich den wackeren
Buben und Maedels zu, welche elf Kompagnieen bilden
und ihren heimkehrenden Vaetern entgegen ziehen sollten.
Dieser Plan wurde ausgefuehrt. Wir kampierten bei den
Wuestenbraender Teichen und zogen dann, als die Erwarteten
kamen, mit ihnen unter klingendem Spiel und Trommelschlag
den Schiesshausberg hinab, wo unsere verwaisten
Frauen und Muetter standen, um uns alle, Gross und Klein,
teils geruehrt, teils lachend in Empfang zu nehmen.
Warum ich das alles so ausfuehrlich erzaehle? Des
tiefen Eindruckes wegen, den es auf mich machte. Ich
habe die Quellen nachzuweisen, aus denen die Ursachen
meines Schicksals zusammengeflossen sind. Dass ich trotz
allem, was spaeter geschah, niemals auch nur einen einzigen
Augenblick im Gottesglauben wankte und selbst dann,
wenn das Schicksal mich gegen die harten Tafeln der Gesetze
schleuderte, nichts von der Achtung vor diesen Gesetzen
verlor, das wurzelt teils in mir selbst, teils aber
auch in diesen kleinen Ereignissen der fruehen Jugend, die
alle mehr oder weniger bestimmend auf mich wirkten.
Nie habe ich die Worte meines alten, guten Kantors
vergessen, die mir nicht nur zu Fleisch und Blut, sondern
zu Geist und Seele geworden sind.
Nach diesen Aufregungen kehrte das Leben in seine
ruhigen, frueheren Bahnen zurueck. Ich naehte wieder
Handschuhe und ging in die Schule. Aber diese Schule
genuegte dem Vater nicht. Ich sollte mehr lernen als
das, was der damalige Elementarunterricht bot. Meine
Stimme entwickelte sich zu einem guten, volltoenenden,
umfangreichen Sopran. Infolgedessen nahm der Herr
Kantor mich in die Kurrende auf. Ich wurde schnell
treffsicher und der Oeffentlichkeit gegenueber mutig. So
kam es, dass mir schon nach kurzer Zeit die Kirchensoli
uebertragen wurden. Die Gemeinde war arm; sie hatte
fuer teure Kirchenstuecke keine Mittel uebrig. Der Herr
Kantor musste sie abschreiben, und ich schrieb mit. Wo
das nicht angaengig war, da komponierte er selbst. Und
er war Komponist! Und zwar was fuer einer! Aber er
stammt aus dem kleinen, unbedeutenden Doerfchen Mittelbach,
von blutarmen, ungebildeten Eltern, hatte sich durch
das Musikstudium foermlich hindurchgehungert und, bis er
Lehrer resp. Kantor wurde, nur in blauen Leinenrock und
blaue Leinenhosen kleiden koennen und sah einen Taler fuer
ein Vermoegen an, von dem man wochenlang leben konnte.
Diese Armut hatte ihn um die Selbstbewertung gebracht.
Er verstand es nicht, sich geltend zu machen. Er war
mit allem zufrieden. Ein ganz vorzueglicher Orgel-, Klavier-
und Violinspieler, konnte er auch die komponistische
Behandlung jedes andern Musikinstrumentes und haette
es schnell zu Ruhm und Verdienst bringen koennen, wenn
ihm mehr Selbstvertrauen und Mut zu eigen gewesen
waere. Jedermann wusste: Wo in Sachsen und den
angrenzenden Gegenden eine neue Orgel eingeweiht wurde,
da erschien ganz sicher der Kantor Strauch aus Ernsttal,
um sie kennenzulernen und einmal spielen zu koennen.
Das war die einzige Freude, die er sich goennte. Denn
mehr werden zu wollen als nur Kantor von Ernsttal, dazu
fehlte ihm ausser der Beherztheit besonders auch die
Erlaubnis der sehr gestrengen Frau Friederike, die ein
wohlhabendes Maedchen gewesen war und darum in der
Ehe als zweiunddreissigfuessiger "Prinzipal" ertoente,
waehrend dem Herrn Kantor nur die Stimme einer sanften
"Vox humana" zugebilligt wurde. Sie besass mit ihrem
Bruder gemeinsam einige Obstgaerten, deren Ertraegnisse
mit der aeussersten Genauigkeit verwertet wurden, und
dass ich von ihr nur angefaulte oder teigige Aepfel und
Birnen bekam, das habe ich bereits erwaehnt. Sie wusste
das aber mit einer Miene zu geben, als ob sie ein Koenigreich
verschenke. Fuer den unendlich hohen Wert ihres Mannes,
sowohl als Mensch wie auch als Kuenstler, hatte sie nicht
das geringste Verstaendnis. Sie war an ihre Gaerten und
er infolgedessen an Ernsttal gekettet. Um sein geistiges
Dasein und seine seelischen Beduerfnisse bekuemmerte sie sich
nicht. Sie oeffnete keines seiner Buecher, und seine vielen
Kompositionen verschwanden, sobald sie vollendet waren,
tief in den staubigen Kisten, die unter dem Dache standen.
Als er gestorben war, hat sie das alles als Makulatur
an die Papiermuehle verkauft, ohne dass ich dies
verhindern konnte, denn ich war nicht daheim. Welch ein
tiefes, von anderen kaum zu fassendes Elend es ist, fuer
das ganze Leben an ein weibliches Wesen gebunden zu
sein, welches nur in niederen Lueften atmet und selbst den
begabtesten, ja genialsten Mann nicht in bessere Hoehen
kommen laesst, das ist nicht auszusagen. Mein alter Kantor
konnte dieses Elend nur darum ertragen, weil er eine
ungemeine Fuegsamkeit besass und hierzu eine Gutmuetigkeit,
die niemals vergessen konnte, dass er ein armer Teufel,
die Friederike aber ein reiches Maedchen und ausserdem
die Schwester des Herrn Stadtrichters gewesen war.
Spaeter gab er mir Orgel-, Klavier- und Violinunterricht.
Ich habe bereits gesagt, dass Vater den Bogen
zur Violine selbst fertigte. Dieser Unterricht war ganz
selbstverstaendlich gratis, denn die Eltern waren zu arm,
ihn zu bezahlen. Damit war die gestrenge Frau Friederike
gar nicht einverstanden. Der Orgelunterricht wurde
in der Kirche und der Violinunterricht in der Schulstube
gegeben; da konnte die Frau Kantorin keine Handhabe
finden. Aber das Klavier stand in der Wohnstube, und
wenn ich da klopfte, um anzufragen, so kam der Herr
Kantor unter zehnmal neunmal mit dem Bescheid heraus:
"Es gibt heut keinen Unterricht, lieber Karl. Meine
Frau Friederike haelt es nicht aus; sie hat Migraene".
Manchmal hiess es auch "sie hat Vapeurs". Was das
war, wusste ich nicht, doch hielt ich es fuer eine Steigerung
von dem, was ich auch nicht wusste, naemlich von der
Migraene. Aber dass sich das immer nur dann einstellte,
wenn ich klavierspielen kam, das wollte mir nicht
gefallen. Der gute Herr Kantor glich das dadurch aus,
dass er mich nach und nach, grad wie die Gelegenheit
es brachte, auch in der Harmonielehre unterwies, was die
Friederike gar nicht zu erfahren brauchte, doch war das
in der spaeteren Knabenzeit, und so weit bin ich jetzt
noch nicht.
Wie mein Vater sich in Allem ungeduldig zeigte,
so auch in dem, was er meine "Erziehung" nannte.
Notabene mich "erzog" er; um die Schwestern bekuemmerte
er sich weniger. Er hatte alle seine Hoffnungen darauf
gesetzt, dass ich im Leben das erreichen werde, was von
ihm nicht zu erreichen war, naemlich nicht nur eine
gluecklichere, sondern auch eine geistig hoehere Lebensstellung.
Denn das muss ich ihm nachruehmen, dass ihm zwar der
Wunsch auf ein sogenanntes gutes Auskommen am naechsten
stand, dass er aber den hoeheren Wert auf die kraeftige
Entwickelung der geistigen Persoenlichkeit setzte. Er fuehlte
das im Innern mehr und deutlicher, als er es in Worten
auszudruecken vermochte. Ich sollte ein gebildeter,
womoeglich ein hochgebildeter Mann werden, der fuer das
allgemeine Menschheitswohl etwas zu leisten vermag; dies
war sein Herzenswunsch, wenn er ihn auch nicht grad
in diesen, sondern in andern Worten aeusserte. Man sieht,
er verlangte nicht wenig, aber das war nicht Vermessenheit
von ihm, sondern er glaubte stets an das, was er
wuenschte, und war vollstaendig ueberzeugt, es erreichen zu
koennen. Leider aber war er sich ueber die Wege, auf
denen, und ueber die Mittel, durch welche dieses Ziel zu
erreichen war, nicht klar, und er unterschaetzte die gewaltigen
Hindernisse, die seinem Plane entgegenstanden. Er war
zu jedem, selbst zum groessten Opfer bereit, aber er bedachte
nicht, dass selbst das allergroesste Opfer eines armen Teufels
dem Widerstande der Verhaeltnisse gegenueber kein Gramm,
kein Quentchen wiegt. Und vor allen Dingen, er hatte
keine Ahnung davon, dass ein ganz anderer Mann als er
dazu gehoerte, mit leitender Hand derartigen Zielen
zuzusteuern. Er war der Ansicht, dass ich vor allen Dingen
so viel wie moeglich, so schnell wie moeglich zu lernen habe,
und hiernach wurde mit groesster Energie gehandelt.
Ich war mit fuenf Jahren in die Schule gekommen,
aus der man mit vierzehn Jahren entlassen wurde. Das
Lernen fiel mir leicht. Ich holte schnell meine zwei
Jahre aeltere Schwester ein. Dann wurden die Schulbuecher
aelterer Knaben gekauft. Ich musste daheim die
Aufgaben loesen, die ihnen in der Schule gestellt waren.
So wurde ich sehr bald klassenfremd, fuer so ein kleines,
weiches Menschenkind ein grosses, psychologisches Uebel,
von dem Vater freilich so viel wie nichts verstand. Ich
glaube, dass sogar nicht einmal die Lehrer ahnten, was
fuer ein grosser Fehler da begangen wurde. Sie gingen
von der anspruchslosen Erwaegung aus, dass ein Knabe,
den man in seiner Klasse nichts mehr lehren kann, ganz
einfach und trotz seiner Jugend in die naechst hoehere Klasse
zu versetzen ist. Diese Herren waren alle mehr oder
weniger mit meinem Vater befreundet, und so drueckte
sogar der Herr Lokalschulinspektor ein Auge darueber zu,
dass ich als acht- oder neunjaehriger Knabe schon bei den
elf- und zwoelfjaehrigen sass. In Beziehung auf meine
geistigen Fortschritte, zu denen in einer Elementarschule
freilich nicht viel gehoerte, war dies allerdings wohl richtig;
seelisch aber bedeutete es einen grossen, schmerzlichen
Diebstahl, den man an mir beging. Ich bemerke hier, dass
ich sehr scharf zwischen Geist und Seele, zwischen geistig
und seelisch unterscheide. Was mir in den Klassen, in
die ich meinem Alter nach noch nicht gehoerte, fuer meinen
kleinen Geist gegeben wurde, das wurde auf der andern
Seite meiner Seele genommen. Ich sass nicht unter
Altersgenossen. Ich wurde als Eindringling betrachtet und
schwebte mit meinen kleinen, warmen, kindlich-seelischen
Beduerfnissen in der Luft. Mit einem Worte, ich war
gleich von Anfang an klassenfremd gewesen und wurde
von Jahr zu Jahr klassenfremder. Die Kameraden, welche
hinter mir lagen, hatte ich verloren, ohne die, bei denen
ich mich befand, zu gewinnen. Ich bitte, ja nicht ueber
dieses nur scheinbar winzige, hoechst unwichtige Knabenschicksal
zu laecheln. Der Erzieher, der sich im Reiche der
Menschen- und der Kindesseele auskennt, wird keinen
Augenblick zoegern, dies ernst, sehr ernst zu nehmen. Jeder
erwachsene Mensch und noch viel mehr jedes Kind will
festen Boden unter den Fuessen haben, den es ja nicht
verlieren darf. Mir aber war dieser Boden entzogen.
Das, was man als "Jugend" bezeichnet, habe ich nie gehabt.
Ein echter, wirklicher Schulkamerad und Jugendfreund
ist mir nie beschieden gewesen. Die allereinfachste
Folge davon ist, dass ich selbst noch heut, im hohen Alter,
in meiner Heimat fremd bin, ja fremder noch als fremd.
Man kennt mich dort nicht; man hat mich dort nie
verstanden, und so ist es gekommen, dass um meine Person
sich dort ein Gewebe von Sagen gesponnen hat, die ich
ganz unmoeglich zu unterschreiben vermag.
Das, was ich nach Vaters Ansicht zu lernen hatte,
beschraenkte sich keineswegs auf den Schulunterricht und
auf die Schularbeiten. Er holte allen moeglichen
sogenannten Lehrstoff zusammen, ohne zu einer Auswahl
befaehigt zu sein oder eine geordnete Reihenfolge bestimmen
zu koennen. Er brachte Alles, was er fand, herbei. Ich
musste es lesen oder gar abschreiben, weil er meinte, dass
ich es dadurch besser behalten koenne. Was hatte ich da
alles durchzumachen! Alte Gebetbuecher, Rechenbuecher,
Naturgeschichten, gelehrte Abhandlungen, von denen ich
kein Wort verstand. Eine Geographie Deutschlands aus
dem Jahre 1802, ueber 500 Seiten stark, musste ich ganz
abschreiben, um mir die Ziffern leichter einzupraegen. Die
stimmten natuerlich laengst nicht mehr! Ich sass ganze
Tage und halbe Naechte lang, um mir dieses wueste, unnoetige
Zeug in den Kopf zu packen. Es war eine Verfuetterung
und Ueberfuetterung sondergleichen. Ich waere
hieran wahrscheinlich zu Grunde gegangen, wenn sich
mein Koerper nicht trotz der aeusserst schmalen Kost so
ueberaus kraeftig entwickelt haette, dass er selbst solche
Anstrengungen ganz leidlich ertragen konnte. Und es gab
auch Zeiten und Stunden der Erholung. Vater pflegte
naemlich keinen Spaziergang und keinen Weg ueber Land
zu machen, ohne mich mitzunehmen. Er pflegte hieran
nur eine Bedingung zu knuepfen, naemlich die, dass kein
Augenblick der Schulzeit dabei versaeumt wurde. Die
Spaziergaenge durch Wald und Hain waren wegen seiner
reichen Pflanzenkenntnisse immer hochinteressant. Aber
es wurde auch eingekehrt. Es gab bestimmte Tage und
bestimmte Restaurationen. Da kamen der Herr Lehrer
Schulze, der Herr Rektor, der reiche Wetzel, der Herr
Kaemmerer Thiele, der Kaufmann Vogel, der
Schuetzenhauptmann Lippold und andere, um Kegel zu schieben
oder einen Skat zu spielen. Vater war stets dabei und
ich mit, denn ich musste. Er meinte, ich gehoere zu ihm.
Er sah mich nicht gern mit anderen Knaben zusammen,
weil ich da ohne Aufsicht sei. Dass ich bei ihm, in der
Gesellschaft erwachsener Maenner, gewiss auch nicht besser
aufgehoben war, dafuer hatte er kein Verstaendnis. Ich
konnte da Dinge hoeren, und Beobachtungen machen, welche
der Jugend am besten vorenthalten blieben. Uebrigens
war Vater selbst in der angeregtesten Gesellschaft
ausserordentlich maessig. Ich habe ihn niemals betrunken
gesehen. Wenn er einkehrte, so war sein regelmaessiges
Quantum ein Glas einfaches Bier fuer sieben Pfennige
und ein Glas Kuemmel oder Doppelwacholder fuer sechs
Pfennige; davon durfte auch ich mit trinken. Bei
besonderen Veranlassungen teilte er ein Stueckchen Kuchen
fuer sechs Pfennige mit mir. Niemand hat ihn jemals
gewarnt, mich in solche Gesellschaften von Erwachsenen
mitzubringen, selbst der Rektor und der Pastor nicht, der
sich auch zuweilen einstellte. Diese Herren wenigstens
mussten doch wissen, dass ich da selbst auf erlaubten und
vollstaendig reinen Unterhaltungsgebieten als stiller, aber
sehr aufmerksamer Zuhoerer in Dinge und Verhaeltnisse
eingeweiht wurde, die mir noch Jahrzehnte lang fernzuliegen
hatten. Ich wurde nicht fruehreif, denn dieses
Wort pflegt man nur auf Geschlechtliches zu beziehen,
und davon bekam ich nichts zu hoeren, sondern etwas noch
viel Schlimmeres: Ich wurde aus meiner Kindheit
herausgehoben und auf den harten, schmutzigen Weg gezerrt,
auf dem meine Fuesse das Gefuehl haben mussten, als ob
sie auf Glassplittern gingen. Wie wohl ich mich dann
fuehlte, wenn ich zu Grossmutter kam und bei ihr mich
in mein liebes, liebes Maerchenreich fluechten konnte! Freilich
war ich viel zu jung, um einzusehen, dass dieses Reich
sich aus der wahrsten, festesten Wirklichkeit erhob. Fuer
mich hatte es keine Fuesse; es schwebte; es konnte mir
erst spaeter, wenn ich mich zum Verstaendnis emporgearbeitet
hatte, die Stuetze bieten, die mir so noetig war.
Da kam ein Tag, an dem sich mir eine Welt offenbarte,
die mich seitdem nicht wieder losgelassen hat. Es
gab Theater. Zwar nur ein ganz gewoehnliches, armseliges
Puppentheater, aber doch Theater. Das war im
Webermeisterhause. Erster Platz drei Groschen, zweiter Platz
zwei Groschen, dritter Platz einen Groschen, Kinder die
Haelfte. Ich bekam die Erlaubnis, mit Grossmutter
hinzugehen. Das kostete fuenfzehn Pfennige fuer uns beide.
Es wurde gegeben: "Das Muellerroeschen oder die Schlacht
bei Jena." Meine Augen brannten; ich gluehte innerlich.
Puppen, Puppen, Puppen! Aber sie lebten fuer mich.
Sie sprachen; sie liebten und hassten; sie duldeten; sie
fassten grosse, kuehne Entschluesse; sie opferten sich auf
Koenig und fuer Vaterland. Das war es ja, was der
Herr Kantor damals gesagt und bewundert hatte! Mein
Herz jubelte. Als wir nach Hause gekommen waren,
musste Grossmutter mir beschreiben, wie die Puppen
bewegt werden.
"An einem Holzkreuze," erklaerte sie mir. "Von diesem
Holzkreuze, gehen die Faeden hernieder, die an die Glieder
der Puppen befestigt sind. Sie bewegen sich, sobald man
oben das Kreuz bewegt."
"Aber sie sprechen doch!" sagte ich.
"Nein, sondern die Person, die das Kreuz in den
Haenden haelt, spricht. Es ist genauso, wie im wirklichen
Leben."
"Wie meinst du das?"
"Das verstehst du jetzt noch nicht; du wirst es aber
verstehen lernen."
Ich gab keine Ruhe, bis wir die Erlaubnis erhielten,
nochmals zu gehen. Es wurde gespielt "Doktor Faust
oder Gott, Mensch und Teufel." Es waere ein resultatloses
Beginnen, den Eindruck, den dieses Stueck auf mich
machte, in Worte fassen zu wollen. Das war nicht der
Goethesche Faust, sondern der Faust des uralten
Volksstueckes, nicht ein Drama, in dem die ganze Philosophie
eines grossen Dichters aufgestapelt wurde und auch noch
etwas mehr, sondern das war ein direkt aus der tiefsten
Tiefe der Volksseele heraus zum Himmel klingender Schrei
um Erloesung aus der Qual und Angst des Erdenlebens.
Ich hoerte, ich fuehlte diesen Schrei, und ich schrie ihn mit,
obgleich ich nur ein armer, unwissender Knabe war,
damals wohl kaum neun Jahre alt. Der Goethesche Faust
haette mir, dem Kinde, gar nichts sagen koennen; er sagt
mir, aufrichtig gestanden, selbst heut noch nicht, was er
der Menschheit wahrscheinlich hat sagen wollen und sollen;
aber diese Puppen sprachen laut, fast ueberlaut, und was
sie sagten, das war gross, unendlich gross, weil es so
einfach, so unendlich einfach war: Ein Teufel, der nur dann
zu Gott zurueckkehren darf, wenn er den Menschen mit
sich bringt! Und die Faeden, diese Faeden; die alle nach
oben gehen, mitten in den Himmel hinein! Und alles,
alles, was sich da unten bewegt, das haengt am Kreuz,
am Schmerz, an der Qual, am Erdenleid. Was nicht
an diesem Kreuze haengt, ist ueberfluessig, ist bewegungslos,
ist fuer den Himmel tot! Freilich kamen mir diese letzteren
Gedanken damals noch nicht, noch lange nicht; aber
Grossmutter sprach sich in dieser Weise, wenn auch nicht
so deutlich, aus, und was ich nicht direkt vor Augen sah,
das begann ich doch zu ahnen. Ich musste als Kurrendaner
Sonn- und Feiertags zweimal in die Kirche, und
ich tat dies gern. Ich kann mich nicht besinnen, jemals
einen dieser Gottesdienste versaeumt zu haben. Aber ich
bin aufrichtig genug, zu sagen, dass ich trotz aller
Erbauung, die ich da fand, niemals einen so unbeschreiblich
tiefen Eindruck aus der Kirche mit nach Hause genommen
habe wie damals aus dem Puppentheater. Seit jenem
Abende ist mir das Theater bis auf den heutigen Tag als
eine Staette erschienen, durch deren Tor nichts dringen
soll, was unsauber, haesslich oder unheilig ist. Als ich
den Herrn Kantor fragte, wer dieses Theaterstueck
ausgesonnen und niedergeschrieben habe, antwortete er, das
sei kein einzelner Mensch, sondern die Seele der ganzen
Menschheit gewesen, und ein grosser, beruehmter deutscher
Dichter, Wolfgang Goethe geheissen, habe daraus ein herrliches
Kunstwerk gemacht, welches nicht fuer Puppen, sondern
fuer lebende Menschen geschrieben sei. Da fiel ich
schnell ein: "Herr Kantor, ich will auch so ein grosser
Dichter werden, der nicht fuer Puppen, sondern nur fuer
lebende Menschen schreibt! Wie habe ich das anzufangen?"
Da sah er mich sehr lange und unter einem fast
mitleidigen Laecheln an und antwortete: "Fange es an, wie
du willst, mein Junge, so werden es doch meist nur Puppen
sein, denen du deine Arbeit und dein Dasein opferst."
Diesen Bescheid habe ich freilich erst spaeter verstehen lernen;
aber diese beiden Abende haben ohne Zweifel sehr
bestimmend auf meine kleine Seele gewirkt. Gott, Mensch
und Teufel sind meine Lieblingsthemata gewesen und
geblieben, und der Gedanke, dass die meisten Menschen nur
Puppen seien, die sich nicht von selbst bewegen, sondern
bewegt werden, steht bei allem, was ich tue, im nahen
Hintergrunde. Ob Gott, ob der Teufel oder ob ein
Mensch, ein Fuerst des Geistes oder ein Fuerst der Waffen,
das Kreuz, von dem die Faeden herunterhaengen, in den
Haenden haelt, um das Volk der Menschen zu beeinflussen,
das ist niemals sofort, sondern immer nur erst spaeter an
den Folgen zu ersehen.
Kurze Zeit darauf lernte ich auch Stuecke kennen, die
nicht von der Volksseele, sondern von Dichtern fuer das
Theater geschrieben worden waren, und das ist der Punkt,
an dem ich auf meine Trommel zurueckzukommen habe.
Es liess sich eine Schauspielertruppe fuer einige Zeit in
Ernsttal nieder. Es handelte sich also nicht um ein
Puppen-, sondern um ein wirkliches Theater. Die Preise
waren mehr als maessig: Erster Platz 50 Pfennige, zweiter
Platz 25 Pfennige, dritter Platz 15 Pfennige und vierter
Platz 10 Pfennige, nur zum Stehen. Aber trotz dieser
Billigkeit blieb taeglich ueber die Haelfte der Sitze leer.
Die "Kuenstler" fielen in Schulden. Dem Herrn Direktor
wurde himmelangst. Schon konnte er die Saalmiete nicht
mehr bezahlen; da erschien ihm ein Retter, und dieser
Retter war -- -- -- ich. Er hatte beim Spazierengehen
meinen Vater getroffen und ihm seine Not geklagt. Beide
berieten. Das Resultat war, dass Vater schleunigst nach
Hause kam und zu mir sagte: "Karl, hole deine Trommel
herunter; wir muessen sie putzen!" "Wozu?" fragte ich.
"Du hast die Preziosa und alle ihre Zigeuner dreimal
ueber die ganze Buehne herumzutrommeln". "Wer ist
die Preziosa?" "Eine junge, schoene Zigeunerin, die
eigentlich eine Grafenstochter ist. Sie wurde von den
Zigeunern geraubt. Jetzt kommt sie zurueck und findet
ihre Eltern. Du bist der Tambour und bekommst blanke
Knoepfe und einen Hut mit weisser Feder. Das zieht
Zuschauer herbei. Es wird bekannt gemacht. Wird das
"Haus" voll, so gibt der Herr Direktor dir fuenf
Neugroschen; wird es aber nicht voll, so bekommst du nichts.
Morgen vormittag 11 Uhr ist Probe."
Es versteht sich ganz von selbst, dass ich in Wonne
schwamm. Zigeunertambour! Eine Grafentochter! Blanke
Knoepfe! Weisse Feder! Dreimal um die ganze Buehne
herum! Fuenf Neugroschen! Ich schlief in der folgenden
Nacht sehr wenig und stellte mich mit meiner Trommel
sehr puenktlich zur Probe ein. Sie verlief sehr gut. Ich
gefiel saemtlichen Kuenstlerinnen und Kuenstlern. Die Frau
Direktorin streichelte mir die Wange. Der Herr Direktor
lobte mein intelligentes Gesicht, meinen Mut und mein
schnelles Begriffsvermoegen. Meine Rolle sei aber auch sehr
leicht. Vielleicht taete ich es fuer vierzig Pfennige; schon mit
dreissig Pfennigen sei dieses Honorar splendid zu nennen.
Aber Vater war mit dabei und ging um keinen Pfennig
herunter, denn er hatte meinen kuenstlerischen Wert erkannt
und liess nicht mit sich handeln. Ich hatte fuer die fuenfzig
Pfennige nur einmal aufzutreten, um dem grossen Zigeunerumzug
voranzumarschieren. Ich stand an einer Kulisse,
die Zigeuner alle hinter mir. Mir gegenueber in der
jenseitigen Kulisse stand der Regisseur, der den alten
Schlossvogt Pedro spielte. Wenn der die rechte Hand
emporhob, so war dies das Zeichen fuer mich, meinen Marsch
sofort zu beginnen und nach einem dreimaligen, strammen
Umgang in derselben Kulisse wieder zu verschwinden.
Das war so kinderleicht; man konnte gar nicht irren.
Die blanken Knoepfe bekam ich gleich nach der Probe mit.
Mutter musste sie mir anflicken. Es waren ueber dreissig
Stueck; sie gingen fast gar nicht ganz auf meine Weste.
Im Laufe des Nachmittages brachte man mir den Hut
mit der weissen Feder. Der wurde als Reklame zum
Fenster hinausgehaengt und hat seine Wirkung getan. Ich
hatte mich eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung
einzustellen. Da wurde ich von der Frau Direktorin
strahlenden Angesichtes empfangen, denn der Zuschauerraum
war schon jetzt derart gefuellt, dass schnell ganz vorn
noch einige "Logen" eingerichtet wurden mit dem Preise
von zehn Neugroschen pro Platz. Auch die waren rasch
verkauft. Vater, Mutter und Grossmutter hatten
Freiplaetze bekommen. Ich war eben an diesem Tage ein
hoechst wertvolles Menschenkind. Diese Erkenntnis hatte
sich so allgemein verbreitet, dass die Frau Direktorin sich
bewogen fuehlte, mir meine fuenf Neugroschen schon ehe
der Vorhang zum ersten Male aufging, in die rechte Hosentasche
zu stecken. Das erhoehte meine Sicherheit und meine
kuenstlerische Begeisterung bedeutend.
Pages:
1 |
2 |
3 | 4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22