Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Ich war die ganze Zeit des Tages nicht bei den
Eltern, sondern bei Grossmutter. Sie war mein alles.
Sie war mein Vater, meine Mutter, meine Erzieherin,
mein Licht, mein Sonnenschein, der meinen Augen fehlte.
Alles, was ich in mich aufnahm, leiblich und geistig, das
kam von ihr. So wurde ich ihr ganz selbstverstaendlich
aehnlich. Was sie mir erzaehlte, das erzaehlte ich ihr wieder
und fuegte hinzu, was meine kindliche Phantasie teils erriet
und teils erschaute. Ich erzaehlte es den Geschwistern
und auch anderen, die zu mir kamen, weil ich nicht zu
ihnen konnte. Ich erzaehlte in Grossmutters Tone, mit
ihrer Sicherheit, die keinen Zweifel duldete. Das klang
altklug und ueberzeugte. Es verlieh mir den Nimbus
eines ueber sein Alter hinaus sehr klugen Kindes. So
kamen auch Erwachsene, um mir zuzuhoeren, und ich waere
vielleicht zum Orakel oder zum Wunderkind verdorben
worden, wenn Grossmutter nicht so sehr bescheiden, wahr
und klug gewesen waere, da, wo ich in Gefahr stand,
einzuspringen. Einem blinden Kind wird wenig Arbeit
gegeben. Es hat mehr Zeit, zu denken und zu gruebeln als
andere Kinder. Da kann es leicht klueger erscheinen, als
es ist. Leider besass Vater nicht diese kluge Bescheidenheit
der Grossmutter und auch nicht die schweigsame Bedachtsamkeit
der Mutter. Er sprach sehr gern und uebertrieb,
wie wir bereits wissen, in allem, was er tat und
was er sagte. So kam es, dass ich dem Schicksal, dem
ich hier entging, spaeter doch noch verfiel, dem entsetzlichen
Schicksal, totgelobt zu werden.
Als ich sehen lernte, war mein Seelenleben schon
derart entwickelt und in seinen spaeteren Grundzuegen
festgelegt, dass selbst die Welt des Lichtes, die sich nun vor
meinen Augen oeffnete, nicht die Macht besass, den
Schwerpunkt, der in meinem Innern lag, zu sich hinauszuziehen.
Ich blieb ein Kind fuer alle Zeit, ein um so groesseres
Kind, je groesser ich wurde, und zwar ein Kind, in dem
die Seele derart die Oberhand besass und noch heute
besitzt, dass keine Ruecksicht auf die Aussenwelt und auf
das materielle Leben mich jemals bestimmen kann, etwas
zu unterlassen, was ich fuer seelisch richtig befunden habe.
Und so lange ich lebe, habe ich unausgesetzt die Erfahrung
gemacht, dass es dem Volke genau ebenso ergeht wie mir.
Es handelt am liebsten nicht aus aeusserlichen Gruenden,
sondern aus sich selbst heraus, aus seiner Seele heraus.
Die groessten und schoensten Taten der Nation wurden
aus ihrem Innern heraus geboren. Und waere der Geist
eines Dichters auch noch so stark und noch so erfinderisch,
so wird er es doch niemals fertig bringen der Geschichte eines
Volkes den Stoff zu einem grossen, nationalen Drama
aufzuzwingen, der diesem Volke nicht seelisch gegeben war.
Und gruenden wir hunderte von Jugendschriftenvereinen, von
Jugendschriftenkommissionen und tausende von Jugend-,
Schueler- und Volksbibliotheken, wir werden das Gegenteil
von dem erreichen, was wir erreichen wollen, falls wir
Buecher waehlen, deren Beduerfnis nur in unserm Pedantismus
und in unserer Methodik liegt, nicht aber in den
Seelen derer, denen wir sie aufzwingen. Ich habe diese
Seelen kennengelernt, habe sie studiert seit meiner Jugendzeit.
Ich bin selbst eine solche Seele gewesen, bin sie sogar noch
heut. Darum weiss ich, dass man dem Volke und der Jugend
keine Tugendmusterbuecher in die Hand geben darf, weil es
eben keinen Menschen gibt, der ein Tugendmuster ist. Der
Leser will Wahrheit, will Natur. Er hasst die sittlichen
Haubenstoecke, die immer genauso stehen, wie man sie
stellt, weder Fleisch noch Blut besitzen und genau nur
das anhaben, was ihnen von der Putzmacherin Schulmoralitaet
angezogen wird. Die Aufgabe des Jugendschriftstellers
besteht nicht darin, Gestalten zu schaffen,
die in jeder Lage so ueberaus koestlich einwandfrei handeln,
dass man sie unbedingt ueberdruessig wird, sondern seine
groesste Kunst besteht darin, dass er von seinen Figuren
getrost die Fehler und Dummheiten machen laesst, vor
denen er die jugendlichen Leser bewahren will. Es ist
tausendmal besser, er laesst seine Romanfiguren zugrunde
gehen, als dass der ergrimmte Knabe hingeht, um das
Boese, das nicht geschah, obgleich es der Wahrheit nach
geschehen musste, nun seinerseits aus dem Buche in das
Leben zu uebertragen. Hier liegt die Achse, um die sich
unsere Jugend- und Volksliteratur zu drehen hat.
Musterknaben und Mustermenschen sind schlechte Vorbilder; sie
stossen ab. Man zeige Negatives, aber lebenswahr und
packend, so wird man Positives erreichen.
Nachdem wir zu Miete gezogen waren, wohnten
wir am Marktplatze, auf dessen Mitte die Kirche stand.
Dieser Platz war der Lieblingsspielplatz der Kinder.
Gegen Abend versammelten sich die aelteren Schulknaben
unter dem Kirchentore zum Geschichtenerzaehlen.
Das war eine hoechst exklusive Gesellschaft. Es durfte
nicht jeder hin. Kam einer, den man nicht wollte, so
machte man keinen "Summs"; der wurde fortgepruegelt und
kehrte gewiss nicht wieder. Ich aber kam nicht, und ich
bat auch nicht, sondern ich wurde geholt, obgleich ich erst
fuenf Jahre alt war, die Andern aber dreizehn und
vierzehn Jahre. Welch eine Ehre! So etwas war noch
niemals dagewesen! Das hatte ich der Grossmutter und
ihren Erzaehlungen zu verdanken! Zunaechst verhielt ich
mich still und machte den Zuhoerer, bis ich alle Erzaehlungen
kannte, die hier im Schwange waren. Man nahm mir
das nicht uebel, denn ich hatte erst vor Kurzem sehen
gelernt, hielt die Augen noch halb verbunden und wurde
von Allen geschont. Dann aber, als das vorueber war,
wurde ich herangezogen. Alle Tage ein anderes Maerchen,
eine andere Geschichte, eine andere Erzaehlung. Das war
viel, sehr viel verlangt; aber ich leistete es, und zwar
mit Vergnuegen. Grossmutter arbeitete mit. Was ich
in der Daemmerstunde zu erzaehlen hatte, das arbeiteten
wir am fruehen Morgen, noch ehe wir unsere Morgensuppe
assen, durch. Dann war ich, wenn ich an das Kirchtor
kam, wohlvorbereitet. Unser schoenes Buch "Der Hakawati"
gab Stoff fuer lange Zeit. Hierzu kam, dass dieser Stoff
sich mit der Zeit ganz ausserordentlich vermehrte, doch
freilich nicht im Buche, sondern in mir. Das war die
sehr einfache und sehr natuerliche Folge davon, dass ich
nach meinem Sehendwerden die seelische Welt, die durch
den Hakawati in mir entstanden war, nun in die sichtbare
Welt der Farben, Formen, Koerper und Flaechen zu uebersetzen
hatte. Dadurch entstanden unzaehlige Variationen
und Vervielfaeltigungen, die ich nur dadurch, dass ich sie
erzaehlte, in feste Gestalt und Form zu bringen vermochte.
Inzwischen hatte Vater es erreicht, dass ich in die
Schule gehen durfte. Das durfte man erst vom sechsten
Lebensjahr an; aber meine Mutter war als Hebamme
sehr oft bei dem Herrn Pastor, der ihr diesen Wunsch
als Lokalschulinspektor sehr gern erfuellte, und mit dem
Herrn Elementarlehrer Schulze kam Vater woechentlich
zweimal zusammen, um Skat oder Schafkopf zu spielen,
und darum hielt es nicht schwer, die Erlaubnis auch von
dieser Seite zu erlangen. Ich lernte sehr schnell lesen
und schreiben, denn Vater und Grossmutter halfen dabei,
und dann, als ich das konnte, glaubte Vater die Zeit
gekommen, das, was er mit mir vorhatte, zu beginnen.
Es sollte sich naemlich an mir erfuellen, was sich an ihm
nicht erfuellt hatte. Er hatte im Forsthause einen Blick
in bessere und menschlichere Verhaeltnisse tun duerfen. Und
er musste immer daran denken, dass es unter unsern
Vorfahren bedeutende Maenner gegeben hatte, von denen wir,
ihre Nachkommen, sagen mussten, dass wir ihrer nicht
wuerdig seien. Er hatte das werden gewollt, war aber
von den Verhaeltnissen gewaltsam niedergehalten worden.
Das kraenkte und das aergerte ihn. Fuer sich hatte er mit
diesen Verhaeltnissen abgeschlossen. Er musste bleiben,
was er war, ein armer, ungebildeter Professionist. Aber
er uebertrug seine Wuensche und Hoffnungen und alles
Andere nun auf mich. Und er nahm sich vor, alles
Moegliche zu tun und nichts zu versaeumen, aus mir den
Mann zu machen, welcher zu werden ihm versagt
gewesen war. Das kann man gewiss nur loeblich von ihm
nennen. Nur kam es darauf an, welchen Weg und welche
Weise er meiner Erziehung gab. Er wollte, was fuer
mich gut und gluecklich war. Das konnte er nur mit
guten und gluecklichen Mitteln erreichen. Leider aber muss
ich, ohne der Zukunft vorzugreifen, sagen, dass meine
"Kindheit" jetzt, mit dem fuenften Jahre, zu Ende war.
Sie starb in dem Augenblick, an dem ich die Augen zum
Sehen oeffnete. Was diese armen Augen von da an bis
heut zu sehen bekamen, war nichts als Arbeit und Arbeit,
Sorge und Sorge, Leid und Leid, bis zur heutigen Qual
am Marterpfahl, an dem man mich schier ohne Ende
peinigt. -- -- --
_________
III
Keine Jugend.
_____
Du liebe, schoene, goldene Jugendzeit! Wie oft habe
ich dich gesehen, wie oft mich ueber dich gefreut! Bei
Andern, immer nur bei Andern! Bei mir warst du nicht.
Um mich gingst du herum, in einem weiten, weiten Bogen.
Ich bin nicht neidisch gewesen, wahrlich nicht, denn zum
Neid habe ich ueberhaupt keinen Platz in mir; aber wehe
hat es doch getan, wenn ich den Sonnenschein auf dem
Leben Anderer liegen sah, und ich stand so im hintersten,
kalten Schattenwinkel. Und ich hatte doch auch ein Herz,
und ich sehnte mich doch auch nach Licht und Waerme.
Aber Liebe muss sein, selbst im alleraermsten Leben, und
wenn dieser Aermste nur will, so kann er reicher als der
Reiche sein. Er braucht nur in sich selbst zu suchen.
Da findet er, was ihm das Geschick verweigert, und
kann es hinausgeben an alle, alle, von denen er nichts
bekommt. Denn wahrlich, wahrlich, es ist besser, arm
und doch der Gebende zu sein, als reich und doch der
immer nur Empfangende!
Hier ist es wohl am Platze, einen Irrtum, in dem
man sich ueber mich befindet, gleich von vornherein
aufzuklaeren. Man haelt mich naemlich fuer sehr reich, sogar
fuer einen Millionaer; das bin ich aber nicht. Ich hatte
bisher nur mein "gutes Auskommen," weiter nichts.
Selbst hiermit wird es hoechst wahrscheinlich zu Ende sein,
denn die nimmer ruhenden Angriffe gegen mich muessen
endlich doch erreichen, was man mit ihnen erreichen will.
Ich mache mich mit dem Gedanken vertraut, dass ich
genau so sterben werde, wie ich geboren bin, naemlich
als ein armer, nichts besitzender Mensch. Das tut
aber nichts. Das ist rein aeusserlich. Das kann an
meinem inneren Menschen und seiner Zukunft gar nichts
aendern.
Die Luege, dass ich Millionaer sei, dass mein Einkommen
180 000 Mark betragen habe, stammt von einem raffinierten,
sehr klug vorausberechnenden Gegner, der ein scharfer
Menschenkenner ist und sich keinen Augenblick bedenkt,
diese Menschenkenntnis selbst gegen die Stimme des
Gewissens in Gewinn und Vorteil umzusetzen. Er wusste
sehr wohl, was er tat, als er seine Luege in die Zeitungen
lanzierte. Er erweckte dadurch den allerniedrigsten und
allerschlimmsten Feind gegen mich, den Neid. Die frueheren
Angriffe gegen mich sind jetzt kaum der Rede wert. Aber
seit man mich im Besitz von Millionen waehnt, geht man
geradezu gnaden- und erbarmungslos gegen mich vor.
Sogar in den Artikeln sonst ganz achtbarer und humaner
Kritiker spielt diese Geldgehaessigkeit eine Rolle. Es
beruehrt unendlich peinlich, Leute, die sich in jedem anderen
Falle als litararische [sic] Kavaliere erweisen, auf diesem
ordinaeren Gaul herumreiten zu sehen! Ich besitze ein
schuldenfreies Haus, in dem ich wohne, und ein kleines
Kapital als eisernen Bestand fuer meine Reisen, weiter
nichts. Von dem, was ich einnehme, bleibt nichts uebrig.
Das reicht grad aus fuer meinen bescheidenen Haushalt
und fuer die schweren Opfer, die ich den mir aufgezwungenen
Prozessen zu bringen habe. Frueher konnte ich meinem
Herzen Genuege tun und gegen arme Menschen, besonders
gegen arme Leser meiner Buecher, mildtaetig sein. Das
hat nun aufgehoert. Zwar werde ich infolge jener
raffinierten Millionenluege jetzt mehr als je mit Zuschriften
gepeinigt, in denen man Geld von mir verlangt, aber ich
kann leider nicht mehr helfen, und fast ein Jeder, den ich
abweisen muss, fuehlt sich enttaeuscht und wird zum Feinde.
Ich konstatiere, dass jene Gewissenlosigkeit, mich als einen
steinreichen Mann zu schildern, mir mehr, viel mehr
geschadet hat als alle gegnerischen Kritiken und sonstigen
Feindseligkeiten zusammengenommen.
Nach dieser Abschweifung, die ich fuer noetig hielt,
nun wieder zurueck zur "Jugend" dieses angeblichen
"Millionaers", der nach ganz anderen Schaetzen strebt als alle
die, welche ihn auszubeuten trachten.
Es waren damals schlimme Zeiten, zumal fuer die
armen Bewohner jener Gegend, in der meine Heimat
liegt. Dem gegenwaertigen Wohlstande ist es fast unmoeglich,
sich vorzustellen, wie armselig man sich am Ausgange
der vierziger Jahre dort durch das Leben hungerte.
Arbeitslosigkeit, Misswuchs, Teuerung und Revolution,
diese vier Worte erklaeren Alles. Es mangelte uns an
fast Allem, was zu des Leibes Nahrung und Notdurft
gehoert. Wir baten uns von unserem Nachbarn, dem Gastwirt
"Zur Stadt Glauchau", des Mittags die Kartoffelschalen
aus, um die wenigen Brocken, die vielleicht noch
daran hingen, zu einer Hungersuppe zu verwenden. Wir
gingen nach der "roten Muehle" und liessen uns einige
Handvoll Beutelstaub und Spelzenabfall schenken, um
irgend etwas Nahrungsmittelaehnliches daraus zu machen.
Wir pflueckten von den Schutthaufen Melde, von den
Rainen Otterzungen und von den Zaeunen wilden Lattich,
um das zu kochen und mit ihm den Magen zu fuellen.
Die Blaetter der Melde fuehlen sich fettig an. Das ergab
beim Kochen zwei oder drei kleine Fettaeuglein, die
auf dem Wasser schwammen. Wie nahrhaft und wie
delikat uns das erschien! Gluecklicherweise gab es unter
den vielen Webern des Ortes, die arbeitslos waren, auch
einige wenige Strumpfwirker, deren Geschaeft nicht ganz
zum Stillstehen kam. Sie webten Handschuhe, so
ausserordentlich billige weisse Handschuhe, die man den Leichen
anzieht, ehe sie begraben werden. Es gelang Mutter,
solche Leichenhandschuhe zum Naehen zu bekommen. Da
sassen wir nun alle, der Vater ausgenommen, von frueh
bis abends spaet und stichelten darauf los. Mutter naehte
die Daumen, denn das war schwer, Grossmutter die Laengen
mit dem kleinen Finger und ich mit den Schwestern die
Mittelfinger. Wenn wir recht sehr fleissig waren, hatten
wir alle zusammen am Schluss der Woche elf oder sogar
auch zwoelf Neugroschen verdient. Welch ein Kapital!
Dafuer gab es fuer fuenf Pfennig Runkelruebensyrup, auf
fuenf Dreierbroetchen gestrichen; die wurden sehr gewissenhaft
zerkleinert und verteilt. Das war zugleich Belohnung
fuer die verflossene und Anregung fuer die kommende
Woche.
Waehrend wir in dieser Weise fleissig daheim arbeiteten,
hatte Vater ebenso fleissig auswaerts zu tun; leider
aber war seine Arbeit mehr ehrend als naehrend. Es
galt naemlich, den Koenig Friedrich August und die ganze
saechsische Regierung vor dem Untergange zu retten.
Vorher hatte man grad das Entgegengesetzte gedacht: Der
Koenig sollte abgesetzt und die Regierung aus dem Lande
gejagt werden. Das wollte man fast in ganz Sachsen;
aber in Hohenstein und Ernsttal kam man sehr bald hiervon
zurueck, und zwar aus den vortrefflichsten Gruenden;
es war naemlich zu gefaehrlich! Die lautesten Schreier hatten
sich zusammengetan und einen Baeckerladen gestuermt. Da
kam die heilige Hermandad und sperrte sie alle ein. Sie
fuehlten sich zwar einige Tage lang als politische Opfer
und Maertyrer gross und maechtig, aber ihre Frauen wollten
von solchem Heldentum nichts wissen; sie straeubten sich
mit aller Gewalt dagegen. Sie kamen zusammen; sie
gingen auseinander; sie liefen auf und ab; sie gewannen
die anderen Frauen; sie politisierten; sie diplomatisierten;
sie drohten; sie baten. Ruhige, vernuenftige Maenner gesellten
sich zu ihnen. Der alte, ehrwuerdige Pastor Schmidt
hielt Friedensreden. Der Herr Stadtrichter Layritz auch.
Der Polizist Eberhardt ging von Haus zu Haus und
warnte vor den schrecklichen Folgen der Empoerung; der
Wachtmeister Grabner sekundierte ihm dabei. Am grossen
Kirchentor erzaehlten sich die Jungens in der Abenddaemmerung
nur noch vom Erschossenwerden, vom Aufgehangenwerden
und ganz besonders vom Schafott, welches derart
beschrieben wurde, dass Jedermann, der es hoerte, sich
mit der Hand nach Hals und Nacken griff. So kam es,
dass die Stimmung sich ganz gruendlich aenderte. Von
der Absetzung des Koenigs war keine Rede mehr. Im
Gegenteil, er hatte zu bleiben, denn einen besseren als
ihn konnte es nirgends geben. Von jetzt an galt es nicht
mehr, ihn zu vertreiben, sondern ihn zu beschuetzen. Man
hielt Versammlungen ab, um zu beraten, in welcher Weise
dies am besten geschehe, und da allueberall vom Kampf
und Krieg und Sieg gesprochen wurde, so verstand es
sich ganz von selbst, dass auch wir Jungens uns nicht nur
in kriegerische Stimmungen, sondern auch in kriegerische
Gewaender und kriegerische Heldentaten hineinarbeiteten.
Ich freilich nur von ferne, denn ich war zu klein dazu
und hatte keine Zeit; ich musste Handschuhe naehen. Aber
die anderen Buben und Maedels standen ueberall an den
Ecken und Winkeln herum, erzaehlten einander, was sie
daheim bei den Eltern gehoert hatten, und hielten hoechst
wichtige Beratungen ueber die beste Art und Weise, die
Monarchie zu erhalten und die Republik zu hintertreiben.
Besonders ueber eine alte, boese Frau war man empoert.
Die war an Allem schuld. Sie hiess die Anarchie und
wohnte im tiefsten Walde. Aber des Nachts kam sie in
die Staedte, um die Haeuser niederzureissen und die Scheunen
anzubrennen; so eine Bestie! Gluecklicherweise waren
unsere Vaeter lauter Helden, von denen keiner sich vor
irgend Jemand fuerchtete, auch nicht vor dieser ruppigen
Anarchie. Man beschloss die allgemeine Bewaffnung fuer
Koenig und Vaterland. In Ernsttal gab es schon seit
alten Zeiten eine Schuetzen- und eine Gardekompagnie.
Die erstere schoss nach einem hoelzernen Vogel, die letzere [sic]
nach einer hoelzernen Scheibe. Zu diesen beiden Kompagnieen
sollten noch zwei oder drei andere gegruendet werden,
besonders auch eine polnische Sensenkompagnie zum
Totstechen aus der Ferne. Da stellte es sich denn heraus,
dass es in unserem Staedtchen eine ganz ungewoehnliche
Menge von Leuten gab, die ungemein kriegerisch veranlagt
waren, strategisch sowohl als auch taktisch. Man
wollte keinen von ihnen missen. Man zaehlte sie. Es
waren dreiunddreissig. Das stimmte sehr gut und rechnete
sich glatt aus, naemlich: Man brauchte pro Kompagnie
je einen Hauptmann, einen Oberleutnant und einen
Leutnant; wenn man zu den Schuetzen und der Garde noch
neun neue Kompagnieen formte, so ergab das in Summa
elf, und alle dreiunddreissig Offiziere waren unter Dach
und Fach. Dieser Vorschlag wurde ausgefuehrt, wobei
die Kopfzahl der einzelnen Kompagnieen ganz selbstverstaendlich
nur klein bemessen sein konnte; aber der Tambourmajor,
Herr Strumpfwirkermeister Loeser, der beim Militaer
gestanden und darum alle dreiunddreissig Offiziere
einzuexerzieren hatte, behauptete, dies sei nur vorteilhaft, denn
je kleiner eine Kompagnie sei, desto weniger Leute koennten
im Kriege von ihr weggeschossen werden, und so blieb es
bei dem, was beschlossen worden war.
Mein Vater war Hauptmann der siebenten Kompagnie.
Er bekam einen Saebel und eine Signalpfeife.
Aber er war mit dieser Charge nicht zufrieden; er trachtete
nach hoeherem. Darum beschloss er, sobald er ausexerziert
war, sich ganz heimlich, ohne dass irgend Jemand etwas
davon bemerkte, im "hoeheren Kommando" einzuueben. Und
da er mich ausersah, ihm dabei behilflich zu sein, so wurde
ich einstweilen vom Handschuhnaehen dispensiert und wanderte
mit ihm tagtaeglich hinaus in den Wald, wo auf einer
rings von Bueschen und Baeumen umgebenen Wiese unsere
geheimen Evolutionen vorgenommen wurden. Vater war
bald Leutnant, bald Hauptmann, bald Oberst, bald General;
ich aber war die saechsische Armee. Ich wurde erst als
"Zug", dann als ganze Kompagnie einexerziert. Hierauf
wurde ich Bataillon, Regiment, Brigade und Division.
Ich musste bald reiten, bald laufen, bald vor und bald
zurueck, bald nach rechts und bald nach links, bald
angreifen und bald retirieren. Ich war zwar nicht auf den
Kopf gefallen und hatte Lust und Liebe zur Sache. Aber
ich war noch so jung und klein, und so kann man sich
bei dem jaehen Temperamente meines Generals wohl
denken, dass es mir nicht moeglich war, mich in so kurzer
Zeit von der einfachen, kleinen Korporalschaft bis zur
vollzaehligen, gewaltigen Armee zu entwickeln, ohne die
Strenge der militaerischen Disziplin an mir erfahren zu
haben. Aber ich weinte bei keiner Strafe; ich war zu
stolz dazu. Eine saechsische Armee, welche weint, die gibt
es nicht! Auch liess der Lohn nicht auf sich warten.
Als Vater Vizekommandant geworden war, sagte er zu
mir: "Junge, dazu hast du viel geholfen. Ich baue dir
eine Trommel. Du sollst Tambour werden!" Wie das
mich freute! Und es gab Augenblicke, in denen ich wirklich
der Ueberzeugung war, alle diese Pueffe, Stoesse, Hiebe und
Katzenkoepfe nur zum Wohle und zur Rettung des Koenigs
von Sachsen und seines Ministeriums empfangen zu haben!
Wenn er das wuesste!
Die Trommel bekam ich, denn Vater hielt stets Wort.
Der Klempnermeister Leistner am Markt in Hohenstein
war ihm behilflich, sie zu bauen. Es war eine sehr gut
gelungene Solotrommel; sie existiert noch heut. Ich bin
spaeter, als ich etwas groesser war, doch auch noch als Knabe,
Tambour bei der siebenten Kompagnie gewesen und werde
diese Trommel noch einmal zu erwaehnen haben. Die elf
Kompagnieen taten ihre Schuldigkeit. Sie exerzierten fast
taeglich, wozu mehr als genug Zeit vorhanden war, weil
es keine Arbeit gab. Wie wir trotzdem existieren konnten
und wovon wir eigentlich gelebt haben, das kann ich heute
nicht mehr sagen; es kommt mir wie ein Wunder vor.
Es gab auch an andern Orten "Koenigsretter". Die standen
miteinander in Verbindung und hatten beschlossen, sobald
der Befehl dazu gegeben werde, nach Dresden aufzubrechen
und fuer den Koenig alles zu wagen, unter Umstaenden sogar
das Leben. Und eines schoenen Tages kam er, dieser Befehl.
Die Signalhoerner erklangen; die Trommeln wirbelten.
Aus allen Tueren stroemten die Helden, um sich auf
dem Marktplatz zu versammeln. Der Fleischermeister
Haase war Regimentsadjutant. Er hatte sich ein Pferd
geborgt und sass da mitten drauf. Es war keine leichte
Sache fuer ihn, zwischen dem Kommandanten, dem
Vizekommandanten und den Hauptleuten zu vermitteln, denn
der Gaul wollte immer anders als der Reiter. Die Frau
Stadtrichter Layritz hing eine Tischdecke und ihre
Sonntagssaloppe zu den Fenstern heraus. Das war geflaggt.
Wer etwas dazu hatte, der machte es ihr nach. Dadurch
gewann der Marktplatz ein festlich frohes Angesicht. Man
war ueberhaupt nur begeistert. Keine Spur von
Abschiedsschmerz! Niemand hatte das Beduerfnis, von Frau und
Kindern besonders Abschied zu nehmen. Lauter Jubel,
dreimal hoch, vivat, hurrah an allen Orten! Der Herr
Kommandant hielt eine Rede. Hierauf ein grandioser Tusch
der Blasinstrumente und Trommeln. Dann die Kommandorufe
der einzelnen Hauptleute: "Achtung -- -- Augen
rechts, rrrricht't euch -- -- Augen grrrade aus -- --
G'wehr bei Fuss -- -- G'wehr auf -- -- G'wehr praesentiert
-- -- G'wehr ueber -- -- Rrrrechts um -- --
Vorwaerts marsch!" Voran der Herr Adjutant auf dem
geborgten Pferde, hinter ihm die Musikanten mit dem
tuerkischen Schellenbaum, die Tamboure, sodann der
Kommandant und der Vizekommandant, hierauf die Schuetzen,
die Garde und die neun anderen Kompagnieen, so
marschierten die Heerscharen links, rechts -- links, rechts
zur damaligen Hintergasse hinaus und am Zechenteiche
vorueber, dem wir damals unsere Froesche anvertrauten,
nach Wuestenbrand, um ueber Chemnitz und Freiberg nach
der Hauptstadt zu gelangen. Eine Menge Angehoeriger
marschierte hinterdrein, um den Mutigen bis an das
Weichbild des Staedtchens das Geleit zu geben. Ich aber
stand bei meinem ganz besonderen Liebling, dem Herrn
Kantor Strauch, der unser Nachbar war, an seiner Haustuer,
dabei die Friederike, seine Frau, die eine Schwester
des Herrn Stadtrichters Layritz war. Sie hatten keine
Kinder, und ich war berufen, ihnen ihre kleinen wirtschaftlichen
Angelegenheiten zu besorgen. Ihn liebte ich gluehend;
sie aber war mir zuwider, denn sie belohnte alle
meine Wege, die ich fuer sie tat, nur mit angefaulten
Aepfeln oder mit teigigen Birnen und erlaubte ihrem
Manne nicht, monatlich mehr als nur zwei Zigarren zu
rauchen, das Stueck zu zwei Pfennige. Die musste ich
ihm vom Kraemer holen, weil er sich schaemte, so billige
selbst zu kaufen, und er rauchte sie im Hofe, weil die
Friederike den Tabaksgeruch nicht vertragen konnte. Auch
er war heut von dem Anblicke unserer Truppen aufrichtig
begeistert. Indem er ihnen nachblickte, sagte er:
"Es ist doch etwas Grosses, etwas Edles um solche
Begeisterung fuer Gott, fuer Koenig und Vaterland!"
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