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Books: Mein Leben und Streben

K >> Karl May >> Mein Leben und Streben

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Nun bleibt nur noch eine Schlussbemerkung in
Beziehung auf die Muenchmeyerromane uebrig. Einer meiner
erbittertsten Gegner schrieb, ich solle es ja Niemandem
weissmachen, dass ein Schundverlag sittliche Romane in
unsittliche verwandeln koenne; das wuerde eine Riesenarbeit
sein, der Niemand gewachsen ist. Dieser Herr scheint so
gluecklich zu sein, dem Leben und Treiben eines Schundverlages
unendlich fern zu stehen. Erstens wenn Jemand der Zeit
und der Muehe gewachsen ist, einen Roman zu schreiben,
so muss man doch noch viel mehr der kuerzeren Zeit und
der geringeren Muehe gewachsen sein, diesen Roman
umzuaendern! Zweitens erfordert eine solche Umaenderung
keineswegs soviel Zeit und Arbeit, wie mein Gegner
anzunehmen scheint. Die Einfuegung von einigen Worten
genuegt vollstaendig, einen "moralischen" Druckbogen in
einen "unmoralischen" zu verwandeln. Drittens sind
Kraefte mehr als genug fuer solche Umarbeitungen vorhanden,
und sie besitzen eine so erstaunliche Routine darin,
dass selbst der Kenner sich ueber die Masse, die sie
bewaeltigen, wundert. Ich habe hierueber Beweise erbracht
und werde auch noch weitere bringen. Das oft erwaehnte
Faktotum Walther sass bei Muenchmeyers taeglich von frueh
bis abends, nur um solche Arbeiten zu machen und dann
die Korrektur zu lesen, die der Verfasser niemals zu sehen
bekam. Was erst Fischer, der Kaeufer des Muenchmeyerschen
Geschaeftes, und dann einige Jahre spaeter seine Erben
mir ueber diese Umarbeitung meiner Romane materiell und
gerichtlich bezeugten, ist bekannt. Hierzu hat Muenchmeyers
Neffe, der Obermaschinenmeister war, als Zeuge im Prozess
bestaetigt, dass Muenchmeyer mit seiner eigenen Hand ganze
Kapitel veraendert hat. Ein anderer Zeuge hat beschworen,
Muenchmeyer habe ihm eingestanden, dass er an meinen
Romanen grosse, umfangreiche Aenderungen vornehme, ohne
es mir sagen zu duerfen. Ich brauche hier wohl nicht
noch weitere Beispiele, die mir zur Verfuegung stehen,
anzufuehren, um es begreiflich zu machen, dass ich absolut
die Vorlegung meiner Originalmanuskripte verlange, deren
Beweiseskraft doch jedenfalls eine ganz andere ist als etwa
die dunkle Erinnerung eines alten Schriftsetzers, der man
es zumutet, sich nach dreissig Jahren in dem Tohu wa bohu
der damaligen Muenchmeyerschen Schriftkaesten zurechtzufinden.
Uebrigens stechen diese Aenderungen oft so scharf
von meinem Urtexte ab, dass sehr zahlreiche Leser mir
versichern, ganz genau sagen zu koennen, wo die Faelschung
beginnt und wo sie endet.

Zuletzt kann ich es nicht unterlassen, auf einen Trick
meiner Gegner und besonders des Herrn Lebius aufmerksam
zu machen, den man anwendet, um meine den hoehern
Kreisen angehoerenden Leser gegen mich zu empoeren. Da
wird zum Beispiel an auffaelliger Stelle gesagt, dass ich
in hervorragender Gesellschaft in Dresden verkehre und
dass ich mir ueberhaupt die groesste Muehe gebe, mit
hochstehenden Leuten bekannt zu werden. Hiervon ist kein
Wort, kein Buchstabe wahr. Bin ich "Hans fuer mich",
so fuehle ich mich am wohlsten, und ich wuensche in dieser
Beziehung weiter nichts, als "Hans fuer mich" zu bleiben.
Ich moechte den Menschen sehen, der mir den Nachweis
liefern wollte, ich haette mich ihm gesellschaftlich
aufgedraengt! An andern Stellen wird emphatisch behauptet,
dass ich an "Hoefen" verkehre. Das ist erst recht nicht
wahr. Wenn irgend eine aristokratische Persoenlichkeit,
die zu irgend einem "Hofe" gehoert, meine Buecher liest
und gelegentlich einige Worte mit mir spricht, so bin grad
ich der Allerletzte, der dies dahin auslegt, dass ich "bei
Hofe verkehre". Es kann diesen Behauptungen, die pure
Erfindungen sind, nur die Absicht zu Grunde liegen, mich
den betreffenden Kreisen als indiskret oder gar als Luegner
zu kennzeichnen und mich selbst da zu schaedigen, wohin
ich absolut nicht gehoere. -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Am Schlusse dieses Bandes komme ich auf den Anfang
zurueck, auf mein altes, liebes Maerchen von "Sitara",
von dem ich ausgegangen bin. Nicht lange Zeit mehr,
so wird man dieses Maerchen als Wahrheit kennen lernen,
und zwar als die greifbarste, die es gibt. Es ist die
Aufgabe des begonnenen, gegenwaertigen Jahrhunderts,
unsere ungeuebten Augen fuer die grosse, erhabene Symbolik
des alltaeglichen Lebens zu schaerfen und uns zu der
beglueckenden und erhebenden Erkenntnis zu bringen, dass
es hoehere und unbestreitbarere Wirklichkeiten gibt als
diejenigen, mit denen der Werk- und Wochentag uns beschaeftigt.
Die Skizzen, die ich zeichnete und veroeffentlichte,
sollen der Vorbereitung zu dieser Erkenntnis dienen.
Darum sind sie symbolisch geschrieben und, um verstanden
zu werden, nur bildlich zu nehmen. Man moechte sich
eigentlich darueber wundern, dass dies dem gewoehnlichen
Leser so schwer zu fallen scheint. Es ist doch wohl keine
allzu harte Nuss, sich beim Lesen eines Gleichnisses irgend
etwas zu denken. Wenn ich unter Ardistan das Land
der ethisch niedrig stehenden und unter Dschinnistan das
Land der hochstehenden, edel denkenden Menschen meine,
so kann es doch keiner geradezu akademischen Bildung
beduerfen, einzusehen, was ich meine, wenn ich eine Reise
von Ardistan nach Dschinnistan beschreibe. Der Leser
hat sich einfach aus seiner Alltagswelt in meine
Sonntagswelt zu versetzen, und das ist doch wohl auch nicht
schwerer, als Sonntags seine Werkelstube zu verlassen,
um bei Glockenklang in die Kirche zu gehen.

Wie dieser Kirchgang vom irdischen Druck befreit,
so will ich durch meine Erzaehlungen das Innere meiner
Leser vom aeusseren Druck befreien. Sie sollen Glocken
klingen hoeren. Sie sollen empfinden und erleben, wie es
einem Gefangenen zumute ist, vor dem die Schloesser
klirren, weil der Tag gekommen ist, an dem man ihn
entlaesst. So leicht es ist, diese Gefangenschaft bildlich
zu nehmen, so leicht ist es auch, meine Buecher zu
verstehen und ihren Inhalt zu begreifen. Ich will, dass
meine Leser das Leben nicht laenger als ein nur materielles
Dasein betrachten. Diese Anschauung ist fuer sie ein
Gefaengnis, ueber dessen Mauern sie nicht hinaus in das von
der Sonne beschienene freie, weite Land zu schauen
vermoegen. Sie sind Gefangene, ich aber will sie befreien.
Und indem ich sie zu befreien trachte, befreie ich mich
selbst, denn auch ich bin nicht frei, sondern gefangen,
seit langer, langer Zeit. Damals, als ich mich im
Gefaengnisse befand, da war ich frei. Da lebte ich im Schutze
der Mauern. Da meinte es ein Jeder gut und ehrlich,
der zu mir in die Zelle trat. Da durfte mich niemand
beruehren. Da war es keinem erlaubt, den Werdegang
meines inneren Menschen zu stoeren. Kein Schurke hatte
Macht ueber mich. Was ich besass und was ich erwarb,
das war mein sicheres, unantastbares Eigentum, bis ich
-- -- entlassen wurde, laenger nicht! Denn mit dieser
Entlassung verlor ich meine Freiheit und meine Menschenrechte.
Was andere, die nur materiell zu reden wissen,
als Freiheit bezeichnen, das ist fuer mich ein Gefaengnis,
ein Arbeitshaus, ein Zuchthaus gewesen, in dem ich nun
schon sechsunddreissig Jahre lang geschmachtet habe, ohne,
ausser meiner jetzigen Frau, einen einzigen Menschen zu
finden, mit dem ich haette sprechen koennen wie damals
mit dem unvergesslichen katholischen Katecheten. Ich
lebte und arbeitete nicht fuer mich, sondern nur fuer Andere.
Was ich erwarb, um das wurde ich betrogen. Was ich
mir sparte, das stahl man mir. Ein Jeder durfte mit
mir machen, was ihm beliebte, denn ueberall fand er einen
Anwalt, der seine Sache fuehrte. Ein Jeder durfte mich
verdaechtigen, mich beleidigen, auf mich einschlagen, denn
ueberall gab es einen Paragraphen, der ihn schuetzte. Ich
musste um meines Eigentums willen sechs Jahre lang
prozessieren, und als ich den Prozess gewonnen hatte,
bekam ich noch lange nichts und wurde wegen Meineides
zweiundzwanzig Monate lang in Voruntersuchung genommen.
Nun prozessiere ich schon fast zehn Jahre lang
und habe noch immer kein Resultat. Das Gesetz will
es nicht anders. Inzwischen aber bin ich wie ein
Zuechtling gewesen, den Jeder staeupen, quaelen und martern
darf, wie es ihm beliebt, wenn es ihm nur gelingt, sich
mit einem jener Paragraphen zu bewaffnen, welche die
Ideale aller "schneidigen" Anwaelte sind. Jawohl, ich
bin Gefangener, Zuchthaeusler, noch immer! Ein Dutzend
Prozesse haben mich festgehalten, damit ich ja nicht
entweichen koenne, und Jeder, der Geld von mir wollte, aber
keines bekam, hat sich als Zuchtmeister gebaerdet und auf
mich eingeschlagen. Ich habe das Beste aller derer, fuer
die ich schreibe, gewollt, ihr inneres und aeusseres Heil,
ihr gegenwaertiges und ihr zukuenftiges Glueck. Was gab
man mir fuer diesen meinen guten Willen? Verachtung,
Spott und Hohn! Als ich Zuchthaeusler war, da war
ich keiner. Und nun ich aber keiner bin, da bin ich einer.
Warum?

Und Ihr lacht darueber, dass ich bildlich schreibe? Ist
fuer uns, die wir die Alleraermsten sind, nicht selbst die
Hoelle und das Fegefeuer bildlich? Wo gibt es die Hoelle,
wenn nicht bei Euch? Und wo gibt es das Fegefeuer,
wenn nicht bei uns? Dieses Fegefeuer meine ich, wenn
ich symbolisch von meiner "Geisterschmiede" erzaehle, deren
fuerchterliche Zeit ich heut oder morgen ueberwunden haben
werde. Ich zuerne Euch nicht, denn ich weiss, es musste
so sein. Es war meine Aufgabe, alles Schwere zu tragen
und alles Bittere durchzukosten, was es hier zu tragen
und durchzukosten gibt; ich habe das nun in meiner Arbeit
zu verwenden. Ich bin nicht verbittert, denn ich kenne
meine Schuld. Und was andere gezwungen an mir taten,
das trage ich nicht nach. Ich bitte nur um das Eine:
Lasst mir endlich, endlich Zeit, mit dieser Arbeit
zu beginnen!

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Nach meines Lebens schwerem Arbeitstag
Soll Feierabend sein im heil'gen Alter.
Und was ich hier vielleicht noch schauen mag,
Das sing ich Euch zur Harfe und zum Psalter.
Ich habe nicht fuer mich bei Euch gelebt;
Ich gab Euch alles, was mir Gott beschieden,
Und wenn Ihr nun mir Hass fuer Liebe gebt,
So bin ich auch mit solchem Dank zufrieden.

Nach meines Lebens schwerem Leidenstag
Leg allen Gram ich nun in Gottes Haende.
Und was mich hier vielleicht noch treffen mag,
Das fuehre er in mir zum frohen Ende.
Ich hab' die Schuld, die Ihr auf mich gelegt,
Gewisslich nicht allein fuer mich getragen,
Doch was dafuer sich irdisch in mir regt,
Das will ich gern nur noch dem Himmel sagen.

Nach meines Lebens schwerem Pruefungstag
Wird nun wohl bald des Meisters Spruch erklingen,
Doch, wie auch die Entscheidung fallen mag,
Sie kann mir nichts als nur Erloesung bringen.
Ich juble auf. Des Kerkers Schloss erklirrt;
Ich werde endlich, endlich nun entlassen.
Ade! Und wer sich weiter in mir irrt,
Der mag getrost mich auch noch weiter hassen!

E n d e.

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