Books: Mein Leben und Streben
K >>
Karl May >> Mein Leben und Streben
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 | 20 |
21 |
22
"Max Dittrich hatte von seiner ersten Frau keine
Kinder, wohl aber zwei von seiner Stieftochter, bevor
diese das 16. Lebensjahr erreichte."
"Seine Frau haermte sich ueber die Ausschweifungen
ihres Mannes zu Tode."
"Obgleich seine zweite Frau sehr tolerant war, trieb
Dittrich es schliesslich so schlimm, dass eine Ehescheidung
unvermeidlich wurde."
"Mit der 16jaehrigen mit im Hause wohnenden
Nichte seiner Frau unterhielt er ein mehrjaehriges
Verhaeltnis."
"Dann fing er ein Verhaeltnis mit einem jungen
Maedchen an."
"Seine Frau liess ihn durch ein Detektivbureau
beobachten."
"Waehrend des Ehescheidungsprozesses wohnte Dittrich
mit seiner Braut zusammen und hatte auch seine
Tochter bei sich."
"Jetzt ist er wegen schweren, syphilitischen
Nervenleidens Halbinvalide" usw.
Man kann sich den Schreck der Verwandten denken,
als sie das lasen und dann als Zeugen vor Gericht beordert
wurden, weil Max Dittrich ganz selbstverstaendlich
Herrn Lebius verklagte! Die Nichte musste im Hause
vernommen werden; sie lag krank. Die geschiedene Frau
Dittrichs ging in ihrer Herzensangst zum Richter und
sagte ihm aufrichtig, dass diese entsetzliche Sache ein
absoluter Totschlag fuer das Glueck ihrer jetzigen Ehe sei;
sie werde das wohl kaum ueberleben. Dieser vortreffliche
Herr hatte nicht nur das Gesetz im Kopfe, sondern dazu
auch ein menschliches Herz in der Brust und erledigte
die Vernehmung in entsprechender humaner Weise.
Selbst angenommen, dass die von Lebius angegebenen
Punkte alle auf Wahrheit beruhten, so liegt doch wohl
fuer jeden nur einigermassen gebildeten und nicht verrohten
Menschen die Frage nahe, ob die Veroeffentlichung solcher
Dinge _gesetzlich_ resp. _pressmoralisch_statthaft_ sei.
Ich bin ueberzeugt, dass jedermann, ausser Lebius, diese
Frage mit einem "Nein!" beantworten wird. Das
wuerde zur Charakterisierung dieses Herrn jedenfalls
genuegen, ist aber noch lange nicht alles, denn wenn man
Gelegenheit findet, die Akten Dittrich contra Lebius
aufzuschlagen, so sieht man am Schlusse derselben Herrn
Lebius in noch ganz anderer Weise beleuchtet. Er
gesteht da naemlich ein, dass seine Verleumdungen gegen
Max Dittrich
| nicht wahr gewesen seien, |
und erklaert sich bereit, die Kosten des Verfahrens zu
tragen! Ich glaube, mehr braucht man nicht zu wissen,
um diesen Herrn nun zu kennen.
Ob jemand aus dem Busch herausspringt und den
anderen ermordet, oder ob jemand aus den Spalten seines
Rowdyblattes heraus die Menschen niederknallt, so oft
es ihm beliebt, das wird von der Strafgesetzgebung der
Zukunft wohl ganz anders betrachtet und ganz anders
behandelt werden als heutigen Tages. Doch gibt es,
Gott sei Dank, auch jetzt schon geistige und menschheitsethische
Instanzen, welche den Totschlag einer Menschen_seele_
fuer wenigstens ebenso strafbar halten wie die
Ermordung eines Menschen_koerpers._
Am 27. Maerz 1905 hatte Lebius die oben aufgefuehrten
Anklagen in seiner "Sachsenstimme" gegen
Max Dittrich geschleudert, und am 18. November darauf
erklaerte er in der zweiten Strafkammer des Koeniglichen
Landgerichtes Dresden zu Protokoll:
| "Ich erklaere, dass ich die gegen den |
| Privatklaeger in der "Sachsenstimme" vom 27. Maerz |
| 1905 erhobenen, beleidigenden Behauptungen |
| ! ! ! als unwahr ! ! ! |
| hiermit zuruecknehme und mein Bedauern ueber |
| die gemachten Aeusserungen in der "Sachsenstimme" |
| ausdruecke und den Privatklaeger deshalb |
| ! ! ! um Verzeihung bitte ! ! ! |
Als dann einige Jahre spaeter Lebius in Berlin
Streit und Prozesse mit dem "Vorwaerts" begann, gab
dieser den Militaerschriftsteller Dittrich als Zeugen gegen
ihn an. Sofort griff Lebius zu seinem wohlbekannten
Trick, Zeugen durch die Presse unschaedlich zu machen.
Er veroeffentlichte genau dasselbe wieder, was er damals
ueber Dittrich veroeffentlicht und dann vor dem Dresdener
Landgericht
| ! ! ! als unwahr ! ! ! |
mit der Bitte um Verzeihung zurueckgenommen hatte.
Dittrich war demzufolge gezwungen, ihn wieder zu
verklagen und auf jene Zuruecknahme und Bitte um
Verzeihung hinzuweisen. Was tat Lebius? Er erklaerte in
seinem an das Koenigliche Amtsgericht Charlottenburg
gerichteten Schriftsatz vom 24. Dezember 1909, dass er
damals jene Abbitte und jenes Eingestaendnis der
Unwahrheit seiner Behauptungen lediglich
| "aus Gruenden wirtschaftlicher Natur" |
abgelegt habe. Seine Verhaeltnisse seien damals so
bedraengt gewesen, dass er nicht zu den Gerichtsterminen
nach Dresden habe reisen koennen. Er selbst also ist es,
der das folgende moralische Portraet von sich liefert:
| Lebius verleumdet den Militaerschriftsteller |
| Dittrich 1905 in seinem Dresdener Blatte. |
| Lebius erklaert 1905 vor dem Dresdener |
| Landgericht, dass diese Verleumdungen erlogen |
| seien, und bittet um Verzeihung. |
| Lebius bringt 1909 in seinem Berliner Blatte |
| jene von ihm als Luegen bezeichneten |
| Verleumdungen als Wahrheiten wieder. |
| Lebius erklaert 1909 in seinem Schriftsatz an |
| das Amtsgericht Charlottenburg, dass er damals |
| das Landgericht Dresden angelogen habe. |
Und warum dieser Rattenkoenig von Luegen vor Gericht!
Und wie ist es moeglich, dass ein Mensch, der doch
Ehr- und Schamgefuehl besitzen muss, sich vor Gericht als
Luegner erklaeren und dann auch diese Erklaerung als Luege
bezeichnen kann? Er selbst gibt uns die Antwort auf
diese Frage: Er befand sich in bedraengter Lage;
| ! ! ! er hatte kein Geld ! ! ! |
Also wenn Lebius kein Geld hat, so ist das ein fuer
ihn vollstaendig genuegender Grund, _Richter_und_
_Gerichtsaemter_zu_beluegen_und_sich_als_einen_
_Charakter_hinzustellen,_dem_kein_vorsichtiger_
_Mensch_mehr_etwas_glauben_kann!_
Ich koennte stundenlang fortfahren, in dieser Weise
von Lebius zu erzaehlen. Fuer meine heutigen Zwecke aber
genuegt das, was ich bis hierher sagte. Ich habe mir
die Unwahrheiten, welche Lebius ueber mich verbreitete,
notiert, nicht alle, sondern nur die augenfaelligsten. Es
sind jetzt _ueber_fuenfhundert,_ die ich ihm gerichtlich
beweisen kann. Er hat mir allein in den letzten drei
Wochen vier Beleidigungsklagen zugeschickt, obgleich ich
an diesen Beleidigungen ganz unbeteiligt bin. Das nennt
man Hinrichtung! Und dabei legt er, wie bereits
erwaehnt, den groessten Nachdruck immer darauf, dass ich
ihn verfolge, nicht aber er mich. Auf seine vielen und
fuerchterlichen Artikel in den Jahren 1904 und 1905 habe
ich nur einmal bei der Staatsanwaltschaft und zweimal
beim Gericht Hilfe gesucht. Ich habe dann zu allen
seinen ferneren Angriffen geschwiegen, bis er mich durch
die angebliche Kahl-Broschuere zwang, mich zu verteidigen,
weil ich _"vor_den_Richtern_kaput_gemacht"_werden_
_sollte._ Und selbst da habe ich ihm verziehen, habe mich
mit ihm verglichen, habe gegen sein Versprechen, mich
fortan in Ruhe zu lassen, meinen Strafantrag zurueckgezogen,
obgleich der betreffende Richter sagte, dass Lebius
_eine_schwere Strafe_ erleiden werde, falls es zur
Verhandlung komme. Siehe Gerichtsakten 20 B. 254 08/34,
gezeichnet Schenk, Nauwerk. Ich habe es ertragen, dass
Lebius trotz seines gerichtlichen Versprechens, mich kuenftig
in Ruhe zu lassen, meine geschiedene Frau gegen mich
verfuehrte, ausbeutete, ihres Einkommens und ihrer
Schmucksachen beraubte _und_sie_fast_an_den_Bettelstab_
_brachte._ Sie wurde von ihm zu gerichtlichen
Schritten gegen mich verleitet, die man fast wahnsinnig
nennen muss. Und dabei hatte er den Mut, in der ersten
Instanz des vorliegenden Beleidigungsprozesses zu
behaupten,
| "dass er ihre Interessen vertreten habe und |
| also den Schutz des Paragraphen 193 beanspruchen duerfe!" |
Niemals ist eine groessere Unwahrheit ausgesprochen
worden als diese! Lebius hat durch die Verfuehrung der
Frau Pollmer nur seine eigenen Privat- und Prozessinteressen
verfolgt, _die_Interessen_dieser_armen_Frau_
_aber_geradezu_mit_Fuessen_getreten._ Es ist unerhoert,
dass er dafuer auch noch den Schutz des Paragraphen 193
verlangt!
Es ist wiederholt von ihm in den Zeitungen behauptet
worden, dass er ein Mensch sei, "der ueber Leichen
geht." Meine geschiedene Frau hat anstatt "Mensch"
sogar ein anderes, aeusserst schlimmes Wort gebraucht,
ohne dass er es gewagt hat, sie darueber gerichtlich zu
belangen. Ob dieser Vorwurf wahr ist oder ob er zu
viel sagt, das koennte ich mit vielen Beispielen belegen;
ich will aber nur das eine bringen: Nach der in den
Blaetterberichten voellig korrumpierten Charlottenburger
Verhandlung vom 12. April dieses Jahres brachte der
"Boston American" in Boston, Massachusetts, folgende
ihm aus Berlin zugegangene Depeschennotiz:
"Autor frommer Buecher, ein Bandit. Berlin --
-- -- Herr Charles May, der Millionaer, Philanthrop,
Autor frommer Buecher und eine hervorragende Persoenlichkeit
Deutschlands, wurde heute von einer Jury als der
Verueber vieler, schwerer Verbrechen in der Gebirgsgegend
des suedlichen Sachsens, wo er vor 40 Jahren eine
Raeuberbande anfuehrte, gebrandmarkt. _May_brach_zusammen_
_und_wurde_unter_den_Schutz_seiner_Freunde_gestellt,_
_um_zu_verhindern,_dass_er_Selbstmord_begehe_
usw." Sich solche monstroese Unwahrheiten aussinnen,
um mich "kaput zu machen", das ist doch wohl
ueber Leichen gegangen. Oder nicht? Doch hiermit genug
ueber diesen Herrn Lebius. Alles Andere gehoert vor das
Gericht, nicht aber hierher. Um meine Leser klar sehen
zu lassen, ist nur noch zu konstatieren, dass der Muenchmeyersche
Rechtsanwalt Dr. Gerlach auch sein Rechtsanwalt
ist und dass Beide einander gegenseitig die weitgehendste
Hilfe und Unterstuetzung leisten. Ich habe noch
zwei aeusserst interessante Muenchmeyersche Champions zu
erwaehnen, die in Beziehung auf geistige Bedeutung zwar
weder an Gerlach noch an Lebius kommen, aber als
fromme, katholische Klosterbrueder mitten unter protestantischen
oder gar aus der Kirche ausgetretenen Kolportageinteressenten
doch einen frappierenden Eindruck machen.
Der Eine von Ihnen ist der Benediktinerpater Ansgar
Poellmann in Beuron. Ich habe schon einmal einem
Benediktinerpater vor Gericht gegenuebergestanden. Der
hiess Willibrord Bessler und bezeichnete sich als Professor.
Er veroeffentlichte eine schwere Beleidigung im "Stern der
Jugend" gegen mich. Ich machte die Benediktinerabtei
Seckau in Steiermark als seinen Wohnsitz ausfindig, reiste
hin und liess ihn vor das Kreisgericht Leoben zitieren.
Da stellte sich heraus, dass er gar nicht das Recht besass,
einen Professortitel zu fuehren. Er leistete mir folgende
schriftliche Abbitte:
"Indem ich die mir in Schriftstuecken beigelegten
Bezeichnungen "Professor" und "Jugendschriftsteller"
auf Wunsch naeher dahin bestimme, dass ich Lehrer an
der Privat-Gymnasial-Lehranstalt der Abtei Seckau
und Korrespondent der Jugendzeitschrift "Stern der
Jugend" bin, erklaere ich hiermit der Wahrheit gemaess,
dass ich die in genannter Zeitschrift (1903 Nro. 25)
enthaltene Notiz ueber Krankheitserscheinungen des
Schriftstellers Karl May bedauere und die von ihm gerichtlich
inkriminierten Worte in aller Form zuruecknehme.
Seckau, den 20. Oktober 1904.
Pater Willibrord Bessler
O.S.P." [sic]
Und jetzt nun wieder ein Benediktinerpater, den ich
gerichtlich belangen muss! Der Abt scheint hier wie dort
Ildefons Schober zu heissen. Ist es vielleicht derselbe?
Nicht in Seckau und nicht in Beuron, sondern anderwaerts,
haben die Benediktiner mir meine "Reiseerzaehlungen"
ohne mein Wissen in Menge nachgedruckt, bis ich es ihnen
untersagte. Ich weiss nicht, wie es moeglich ist, dass ein
Orden meine Werke ganz auf eigene Faust drucken und
verbreiten und mich doch so oeffentlich beleidigen und
verfolgen resp. mich und meine selben Werke in Acht und
Bann erklaeren kann! Ich bemuehe mich vergeblich, beides
logisch zusammen zu bringen. Denn dass ich diesen
Nachdruck unmoeglich dulden konnte, versteht sich ganz von
selbst! Uebrigens ist dieser Beuroner Pater derselbe, der
mir "einen Strick drehen will, um mich damit aus dem
Tempel der deutschen Kunst hinauszupeitschen". Also, erst
druckt man meine Buecher nach, ohne mich zu fragen, und
dann peitscht man mich hinaus! In dieser Weise charakterisiert
Pater Poellmann seinen eigenen Orden, der sich doch
wahrlich mehr als genug Verdienste um unsere Literatur
erworben hat, als dass er von einem seiner Angehoerigen
in dieser Weise beleumundet werden sollte!
Pater Poellmann hat in der katholischen Zeitschrift
"Ueber den Wassern" eine Reihe von Artikeln gegen mich
geschrieben, und ich habe hierauf in der Wiener "Freistatt"
geantwortet. Damit waeren wir nun eigentlich mit
einander fertig, und das Publikum haette zwischen ihm und
mir zu entscheiden. Aber waehrend ich in meinen Antworten
ganz selbstverstaendlich so sachlich und hoeflich wie
moeglich war, ist er in seinen Artikeln aus den Beleidigungen
fast nicht herausgekommen, so dass er sich zu einem
Gang vor das Gericht zu bequemen haben wird. Und
ausserdem ist sein persoenliches und literarisches Verhaeltnis
zu Herrn Lebius, dem Rechtsanwalt Gerlach und dem
Muenchmeyerschen Programm, mich in den Zeitungen "kaput
zu machen", festzustellen. Er hat geleugnet, mit Lebius,
Gerlach u. s. w. in Beziehung zu stehen; es sind ihm
aber derartige Beziehungen ganz unschwer nachzuweisen.
Hierueber ist Klarheit zu schaffen. Denn dass er in dieses
"Kaputmachen" auf das Kraeftigste mit eingegriffen hat,
kann nicht einmal er selbst in Abrede stellen. Seine
"Wasser"-Artikel werden sowohl im Lebius- als auch im
Pauline Muenchmeyer-Prozess auf das Eifrigste gegen
mich verwendet. Er ist sogar von Lebius als Zeuge oder
"Sachverstaendiger" benannt und wird als solcher in Berlin
auszusagen haben.
Herr Pater Poellmann befolgt in Beziehung auf unsern
Beleidigungsprozess eine Taktik, die ich nicht gutheissen
kann. Ich muss mich fragen, ob es in dieser seiner Taktik
liegt, das Leserpublikum irre zu fuehren. Zuerst erschienen
von Zeit zu Zeit gewisse, ironisch von oben herab
klingende Notizen darueber, dass ich es unterlassen habe,
meine Drohung, ihn zu verklagen, auszufuehren. Und
nun sich herausstellt, dass ich dieses Versprechen doch
gehalten habe, wird in gewissen, mir feindlich gesinnten
Zeitungen fort und fort behauptet, dass meine Beleidigungsklage
bald hier bald dort zurueckgewiesen worden sei und
ich saemtliche Kosten zu tragen habe. Das ist nicht
fair, vielleicht sogar unwuerdig. Es handelt sich hier um
die Zustaendigkeitsfrage, um weiter nichts. Als ich den
Strafantrag gegen Pater Poellmann stellte, gehoerte ich
in den Bezirk des Amtsgerichts Dresden. Inzwischen
wurde das Amtsgericht Koetzschenbroda eroeffnet, dem ich
jetzt nun zustaendig bin. Darum fragt es sich, ob die
Sache infolgedessen hier oder dort oder anderswo zu
verhandeln ist. Bis das entschieden ist, hat sie zu ruhen.
Wer es anders darstellt, kann nur entweder unwissend
oder boeswillig sein. Von Kosten weiss ich kein
Wort.
Ganz aehnlich liegt es mit meiner Beleidigungsklage
gegen Pater Expeditus Schmidt in Muenchen. Sie wurde
in Dresden eingereicht und in Koetzschenbroda erstmalig
verhandelt. Auch hier sind Zustaendigkeitsfragen erhoben
worden, doch nicht von mir. Mir kann es sehr gleichgueltig
sein, an welchem Orte das Urteil gesprochen wird,
denn meine Sache ist gerecht. Ich habe nicht noetig,
spitzfindig zu erwaegen, an welchem Orte, bei welchem Gerichte
und in welchem Falle ich meinen Prozess gewinne oder
verliere. Ich habe mich nicht an solche Nebendinge
zu klammern, sondern an die Sache selbst und ihre
Wahrheit zu halten; das Uebrige ueberlasse ich den
Richtern.
Mir sind diese Schiebereien nicht hinderlich, sondern
foerderlich gewesen. Sie haben mir Gelegenheit gegeben,
die Karten meiner Gegner kennen zu lernen. Vor allen
Dingen hat es sich herausgestellt, dass die beiden Pater
Schmidt und Poellmann in naher Beziehung zu dem Namen
und der Sache Muenchmeyer stehen. Ihr Anwalt steht
in Verbindung mit dem Muenchmeyerschen und Lebiusschen
Rechtsanwalt. Ich werde die Beweise erbringen, und
dann wird sich der Zusammenhang mit dem Muenchmeyerschen
Programm, mich "in allen Zeitungen vor ganz
Deutschland kaput zu machen", ganz von selbst ergeben.
Um einen kurzen Rundblick ueber den jetzigen Stand der
Dinge zu ermoeglichen, schliesse ich dieses Kapitel mit einem
Artikel, den das "Wiener Montags-Journal" am 17.
Oktober dieses Jahres brachte. Er lautet:
| Karl May als Schriftsteller. |
(Eine Genugtuung.)
Vor uns liegt eine stattliche Reihe von Baenden, die
Taetigkeit eines ungemein fruchtbaren und erfolgreichen
Schriftstellers. Zugleich aber auch seine Ehrenrettung.
Denn nicht oft noch ist die schriftstellerische Taetigkeit eines
Menschen der Grund fuer solch bodenlos gemeine und
hinterhaeltige Angriffe gewesen, wie sie Karl May zur
Zielscheibe hatten. Ehe wir in eine ausfuehrliche Wuerdigung
der so reichen Phantasie eines deutschen Romanziers
eingehen, wollen wir dem Geschmaehten selbst das Wort zu
einer Verteidigung geben, die jetzt, nach den erfolgreichen
Prozessen gegen seine haemischen und boshaften Widersacher,
zugleich eine Genugtuung ist. Herr May schreibt uns:
Die ganze sogenannte "Karl May-Hetze" ist auf
Unwahrheiten aufgebaut. Die erste dieser Unwahrheiten ist,
dass ich Jugendschriftsteller sei und meine Reiseerzaehlungen
fuer unerwachsene junge Leute geschrieben habe. Die meisten
dieser Erzaehlungen sind im "Deutschen Hausschatz"
erschienen, der doch gewiss niemals eine Knabenzeitung
gewesen ist. Und den spaeter erschienenen Baenden sieht jedes
ehrliche Auge sofort an, dass sie nur von geistig erwachsenen
Leuten verstanden werden koennen. Hiermit fallen
alle Vorwuerfe, die man mir als angeblichem "Jugendverderber"
macht, in sich selbst zusammen. Wenn die Jugend
meine Buecher trotzdem liest, und zwar sehr gerne, so
beweist das doch nicht, dass ich sie fuer sie bestimmt habe,
sondern dass die Jugendseele in ihnen findet, was ihr von
andern vorenthalten wird.
Eine zweite Unwahrheit ist die, dass ich in diesen
meinen Reiseerzaehlungen schwindle. Wer das behauptet,
ahnt gewiss nicht, welch ein schlimmes Zeugnis er seiner
eigenen Intelligenz erteilt. Reicht doch der Scharfblick
eines Tertianers aus, zu erkennen, dass alles, was ich
erzaehle, nur mit den Wurzeln in das reale Leben greift,
im uebrigen aber nach Regionen strebt, die nicht alltaeglich
sind. Jeder Leser, der mich begreift, weiss, dass ich Laender
und Voelker beschreibe, die bis heute fast nur in Maerchen
existieren, fuer uns aber nach und nach in das Reich der
absoluten Wirklichkeit zu treten haben. Wenn ich das, was
anderen noch ein Maerchen ist, als Wirklichkeit erschaue und
beschreibe, kann dies nur fuer unwissende oder uebelwollende
Menschen ein Grund sein, zu behaupten, dass ich schwindle.
Frueher ist es keinem Menschen eingefallen, in dieser
beleidigenden Weise ueber mich zu urteilen. Wer mich nicht
begriff, der sagte hoechstens, dass meine Phantasie eine
sehr ausgiebige sei. Erst als die groesste aller Unwahrheiten,
die es ueber mich gibt, verbreitet wurde, naemlich
die, dass ich "abgrundtief unsittliche Schundromane"
geschrieben habe, wagte man es, in einem solchen Tone mit
mir zu sprechen. Diese unwahre Behauptung ging von
einer Kolportagebuchhandlung aus, in deren Interesse es
lag, sie zu verbreiten, um durch meinen Namen moeglichst
viel Geld zu verdienen. Sie fand in Herrn Cardauns,
dem damaligen Hauptredakteur der "Koelnischen Volkszeitung",
den Mann, der durch seine Veroeffentlichungen fuer
diese Verbreitung mehr als reichlich sorgte und es sogar
unternahm, die sogenannten "Beweise" zu liefern, dass die
betreffenden Unsittlichkeiten aus keiner anderen als nur
aus meiner Feder stammen. Ganz selbstverstaendlich konnte
der wahre, unanfechtbare Beweis nur durch die Vorlegung
der von mir geschriebenen Originalmanuskripte gefuehrt
werden. Jeder andere Beweis konnte nur durch absichtliche
Taeuschung oder Selbstbetrug ermoeglicht sein und
musste sich schliesslich zur Spiegelfechterei gestalten.
Welche Art des Beweises nun fuehrte Herr Cardauns?
Er brachte Behauptung ueber Behauptung. Er fuehrte eine
ganze Reihe von "inneren Gruenden" an, hinter denen sich
der Mangel an wirklichen Gruenden versteckte. Er sprach
von Beweisen, Belegen, untrueglichen Aktenstuecken und
dergleichen. Das Wiener "Neuigkeits-Weltblatt" weist ihm
sogar die Behauptung nach, er besitze die Originalbelege
dafuer, dass May unzweifelhaft schuldig sei. Jedermann
musste hierauf annehmen, dass er meine Originalmanuskripte
in den Haenden habe, und darum glaubte man ihm, zumal
die Blaetter, in denen er seine Behauptungen aufstellte, mir
die Aufnahme meiner Entgegnungen beharrlich verweigerten.
Er machte mit seiner Selbsttaeuschung Schule: andere
taeuschten sich mit, bis sie mit der Zeit dann ganz von
selbst zur richtigen Einsicht kamen. Heute glauben nur
noch Wenige seinen Ausfuehrungen. Andere akzeptieren
sie aus prozessualen und aehnlichen guten Gruenden. Ob
Pater Expeditus Schmidt und Pater Ansgar Poellmann,
meine beiden neuesten Gegner, wirklich an ihren Cardauns
glauben, das weiss ich nicht; ich kann da nur vermuten.
Was sie behaupten, gilt fuer mich noch lange nicht als
Beweis. Aber sie fussen in allem, was sie gegen mich
tun, auf altem Cardaun'schem Grund und Boden und
scheinen wirklich ueberzeugt zu sein, dass ich naechstens unter
ihren und den Anschuldigungen ihrer Verbuendeten
zusammenbrechen werde.
Diese Verbuendeten sind: die fruehere Kolporteuse Frau
Pauline Muenchmeyer, Herausgeberin des beruechtigten,
von der Polizei konfiszierten "Venustempels". Ferner
der Rechtsanwalt dieser Frau, Dr. Gerlach in Dresden,
der nun schon seit neun Jahren unausgesetzt gegen mich im
Felde liegt. Und endlich der wohlbekannte Herr Rudolf
Lebius in Charlottenburg, der aus der christlichen Kirche
ausgetretene Sozialist, dem ich 3000 bis 6000 Mark und
dann sogar 10 000 Mark geben sollte, dafuer wolle er mich
in seinem Blatt loben und preisen. Ich gab ihm nichts.
Da ging er zu Muenchmeyers ueber und war seitdem der
unermuedlichste meiner Gegner. Ich bemerke ausdruecklich,
dass auch er Herrn Advokaten Gerlach zum Anwalt hat.
Und wenn ich nun hinzufuege, dass dieser Muenchmeyersche
Herr Gerlach zugleich auch Anwalt und Berater von Pater
Expeditus Schmidt und Pater Ansgar Poellmann ist, so
ergibt sich folgendes drastische Hetzjagdbild: Ich bin
vollstaendig eingekreist. Rund um mich stehen Herr Cardauns,
Frau Kolporteuse Pauline Muenchmeyer, Herr Advokat
Gerlach, Pater Schmidt, Herr Lebius und Pater Poellmann.
Diese alle sind jederzeit schussbereit. Sie leugnen zwar
den gegenseitigen Verkehr, geben sich aber in ihren
Prozessen gegenseitig als Zeugen und Sachverstaendige an und
helfen einander bei Sammlung von Beweismaterial gegen
mich und bei der Anfertigung von Eingaben und Schriftsaetzen
fuer das Gericht. Der Ueberragendste von ihnen
ist aber dieser Muenchmeyersche Advokat, der alles und
alle dirigiert, sogar die beiden Patres. Der unschaedlichste
und erfreulichste aber ist Herr Cardauns, der meines
Wissens niemals zu dem Eingestaendnis gebracht werden
konnte, dass er meine Originalmanuskripte nicht besitze,
kuerzlich aber in Bonn in meiner Gegenwart vor dem
beauftragten Richter als Zeuge zugeben musste, dass er sie noch
nie gesehen habe.
Ob mich die Dame Muenchmeyer mit Hilfe ihrer fuenf
weltlichen und geistlichen Genossen zur Strecke bringen
wird, ist eine schon laengst entschiedene Frage. Kein Kenner
der Verhaeltnisse stellt sie mehr auf. -- --
Radebeul-Dresden, Oktober 1910.
Karl May.
_________
IX.
Schluss.
_____
Wie meine "Reiseerzaehlungen" nur Skizzen sind, so ist
auch das vorliegende Werk nur Skizze. Es kann gar
nichts anderes sein, weil das, was ich erzaehle, noch nicht
zu Ende ist und weil eine Menge mir auferzwungener
Prozesse wie drohende Revolver auf mich gerichtet sind.
Ausserdem verhindern mich brutale Koerperschmerzen, in
der Weise zu schreiben, wie ich moechte. Zehn Jahre lang
taeglich viermal ganze Stoesse von Briefen und Zeitungen
erhalten, die von Gift und Hohn und Schadenfreude
ueberfliessen, das haelt kein Simson und kein Herkules aus.
Geist und Seele sind stark geblieben. Es hat sich in mir
nicht das Geringste geaendert. Mein Gottvertrauen und
meine Menschenliebe sind nicht ins Wanken gekommen.
Aber meinen Koerper, den frueher so unverwuestlich scheinenden,
hat es endlich doch gepackt. Er will zusammenbrechen.
Seit einem Jahre ist mir der natuerliche Schlaf versagt.
Will ich einmal einige Stunden ruhen, so muss ich zu
kuenstlichen Mitteln, zu Schlafpulvern greifen, die nur
betaeuben, nicht aber unschaedlich wirken. Auch essen kann
ich nicht. Taeglich nur einige Bissen, zu denen meine arme,
gute Frau mich zwingt. Dafuer aber Schmerzen, unaufhoerliche,
fuerchterliche Nervenschmerzen, die des Nachts
mich emporzerren und am Tage mir die Feder hundertmal
aus der Hand reissen! Mir ist, als muesse ich ohne Unterlass
bruellen, um Hilfe schreien. Ich kann nicht liegen, nicht
sitzen, nicht gehen und nicht stehen, und doch muss ich das
alles. Ich moechte am liebsten sterben, sterben, sterben,
und doch will ich das nicht und darf ich das nicht, weil
meine Zeit noch nicht zu Ende ist. Ich muss meine
Aufgabe loesen.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 | 20 |
21 |
22