A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W Y Z

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Books: Mein Leben und Streben

K >> Karl May >> Mein Leben und Streben

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Das geschah in der Zeit, als ich nicht mehr blind
war und schon laufen konnte. Ich war weder blind
geboren noch mit irgendeinem vererbten koerperlichen Fehler
behaftet. Vater und Mutter waren durchaus kraeftige,
gesunde Naturen. Sie sind bis zu ihrem Tode niemals
krank gewesen. Mich atavistischer Schwachheiten zu
zeihen, ist eine Boeswilligkeit, die ich mir unbedingt
verbitten muss. Dass ich kurz nach der Geburt sehr schwer
erkrankte, das Augenlicht verlor und volle vier Jahre
siechte, war nicht eine Folge der Vererbung, sondern der
rein oertlichen Verhaeltnisse, der Armut, des Unverstandes
und der verderblichen Medikasterei, der ich zum Opfer
fiel. Sobald ich in die Hand eines tuechtigen Arztes kam,
kehrte mir das Augenlicht wieder, und ich wurde ein
hoechst kraeftiger und widerstandsfaehiger Junge, der stark
genug war, es mit jedem andern aufzunehmen. Doch
ehe ich ueber mich selbst berichte, habe ich noch fuer einige
Zeit bei dem Milieu zu bleiben, in dem ich meine erste
Kindheit verlebte.

Mutter hatte mit dem Hause auch die auf ihm
stehenden Schulden geerbt. Die waren zu verzinsen.
Hieraus ergab sich, dass wir eben nur mietfrei wohnten,
und auch das nicht einmal ganz. Mutter war sparsam,
Vater in seiner Weise auch. Aber wie er in allem masslos
war, in seiner Liebe, seinem Zorne, seinem Fleisse,
seinem Lobe, seinem Tadel, so auch hier in der Beurteilung
der kleinen Erbschaft, die nur ein Ansporn sein
konnte, weiter zu sparen und das Haeuschen von Schulden
frei zu machen. Aber wenn er auch nicht geradezu
glaubte, ploetzlich reich geworden zu sein, so nahm er doch
an, jetzt zu einer andern Lebensfuehrung uebergehen zu
duerfen. Er verzichtete darauf, sich sein ganzes Leben
lang hinter dem Webstuhl abzurackern. Er hatte ja nun
ein Haus, und er hatte Geld, viel Geld. Er konnte zu
etwas anderem, besserem greifen, was bequemer war und
mehr lohnte als die Weberei. Waehrend er, nicht schlafen
koennend, im Bette lag und darueber nachdachte, was zu
ergreifen sei, hoerte er die Ratten ueber sich im leeren
Taubenschlag rumoren. Dieses Rumoren wiederholte
sich von Tag zu Tag, und so entstand, in der jedem
Psychologen wohlbekannten Weise in ihm der Entschluss,
die Ratten zu vertreiben und Tauben anzuschaffen. Er
wollte Taubenhaendler werden, obgleich er von diesem
Fache nicht das geringste verstand. Er hatte gehoert,
dass da sehr viel Geld zu verdienen sei, und war der
Meinung, dass er auch ohne die noetigen Sonderkenntnisse
genug Intelligenz besitze, jeden Haendler zu ueberlisten.
Die Ratten wurden vertrieben und Tauben angeschafft.

Leider war diese Anschaffung nicht ohne Geldkosten
zu bewerkstelligen. Mutter musste einen ihrer Beutel
opfern, vielleicht gar zwei. Sie tat es nur mit
Widerstreben. Sie fand an den Tauben nicht dasselbe
Wohlgefallen, welches wir Kinder an ihnen fanden. Am
meisten Vergnuegen machte es uns, wenn wir beobachteten,
wie die lieben Tierchen ihre zarten Kleider veraenderten.
Vater hatte zwei Paar sehr teure "Blaustriche" gekauft.
Er brachte sie heim und zeigte sie uns. Er hoffte,
wenigstens drei Taler an ihnen zu verdienen. Einige
Tage spaeter lagen die blauen Federn am Boden: sie
waren nicht echt, sondern nur angeklebt gewesen. Die
kostbaren "Blaustriche" entpuppten sich als ganz wertlose
Feldweisslinge. Vater erwarb einen sehr schoenen, jungen,
grauen Trommeltaeuberich fuer einen Taler fuenfzehn gute
Groschen. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass der
Taeuberich altersblind war. Er ging nicht aus dem
Schlage; sein Wert war gleich Null. Solche und
aehnliche Faelle mehrten sich. Die Folge davon war, dass
Mutter noch einen dritten Beutel opfern musste, um den
Taubenhandel in besseren Schwung zu bringen. Freilich
gab sich auch Vater grosse Muehe. Er feierte nicht. Er
besuchte alle Markte, alle Gasthoefe und Schankwirtschaften,
um zu kaufen oder Kaeufer zu finden. Bald kaufte er
Erbsen; bald kaufte er Wicken, die er "halb geschenkt"
erhalten hatte. Er war immer unterwegs, von einem
Dorf zum andern, von einem Bauern zum andern. Er
brachte immerfort Kaese, Eier und Butter heim, die wir
gar nicht brauchten. Er hatte sie teuer gekauft, um sich
die Bauersfrauen handelsgeneigt zu machen, und wurde
sie nur mit Muehe und Verlusten wieder los. Dieses
unstaete [sic], unnuetzliche Leben foerderte nicht, sondern frass das
Glueck des Hauses; es frass sogar auch noch die uebrigen
Leinenbeutel. Mutter gab gute Worte, vergeblich. Sie
haermte sich und hielt still, bis es Suende gewesen waere,
weiter zu tragen. Da fasste sie einen Entschluss und ging
zum Herrn Stadtrichter Layritz, der sich in diesem Falle
viel, viel vernuenftiger als damals gegen unsere Froesche
zeigte. Sie stellte ihm ihre Lage vor. Sie sagte ihm,
dass sie zwar ihren Mann sehr, sehr lieb habe, aber vor
allen Dingen auch auf das Wohl ihrer Kinder achten
muesse. Sie verriet ihm, dass sie ausser den bisher
erwaehnten Beuteln noch einen besitze, den sie ihrem Manne
noch nicht gezeigt, sondern verheimlicht habe. Der Herr
Stadtrichter solle doch die Guete haben, ihr zu
sagen, wie sie dieses Geld anlegen koenne, um sich und
ihre Kinder zu sichern. Sie legte ihm den Beutel vor.
Er oeffnete ihn und zaehlte. Es waren sechzig harte,
blanke, wohlgeputzte Taler. Darob grosses Erstaunen!
Der Herr Stadtrichter Layritz dachte nach; dann sagte
er: "Meine liebe Frau May, ich kenne Sie. Sie sind
eine brave Frau, und ich stehe fuer Sie ein. Unsere
Hebamme ist alt; wir brauchen eine juengere. Sie gehen
nach Dresden und werden fuer dieses Ihr Geld Hebamme.
Ich werde das besorgen! Kommen Sie mit der ersten
Zensur zurueck, so stellen wir Sie sofort an. Darauf gebe ich
Ihnen mein Wort. Kommen Sie aber mit einer niedrigeren
Zensur, so koennen wir Sie nicht brauchen. Jetzt aber
gehen Sie heim, und sagen Sie Ihrem Mann, er solle sofort
einmal zu mir kommen; ich haette mit ihm zu reden!"

Das geschah. Mutter ging nach Dresden. Sie
kam mit der ersten Zensur zurueck, und der Herr
Stadtrichter Layritz hielt Wort; sie wurde angestellt.
Waehrend ihrer Abwesenheit fuehrte Vater mit Grossmutter
das Haus. Das war eine schwere Zeit, eine Leidenszeit
fuer uns alle. Die Blattern brachen aus. Wir
Kinder lagen alle krank. Grossmutter tat fast ueber
Menschenkraft. Vater aber auch. Bei einer der
Schwestern hatte sich der Blatternkranke Kopf in einen
unfoermigen Klumpen verwandelt. Stirn, Ohren, Augen,
Nase, Mund und Kinn waren vollstaendig verschwunden.
Der Arzt musste durch Messerschnitte nach den Lippen
suchen, um der Kranken wenigstens ein wenig Milch einfloessen
zu koennen. Sie lebt heute noch, ist die heiterste
von uns allen und niemals wieder krank gewesen. Man
sieht noch jetzt die Narben, die ihr der Arzt geschnitten
hat, als er nach dem Mund suchte.

Diese schwere Zeit war, als Mutter wieder kam,
noch nicht ganz vorueber, mir aber brachte ihr Aufenthalt
in Dresden grosses Glueck. Sie hatte sich durch
ihren Fleiss und ihr stilles, tiefernstes Wesen das
Wohlwollen der beiden Professoren Grenzer und Haase
erworben und ihnen von mir, ihrem elenden, erblindeten
und seelisch doch so regsamen Knaben erzaehlt. Sie war
aufgefordert worden, mich nach Dresden zu bringen, um
von den beiden Herren behandelt zu werden. Das geschah
nun jetzt, und zwar mit ganz ueberraschendem Erfolge.
Ich lernte sehen und kehrte, auch im uebrigen
gesundend, heim. Aber das Alles hatte grosse, grosse
Opfer gefordert, freilich nur fuer unsere armen Verhaeltnisse
gross. Wir mussten um all der noetigen Ausgaben
willen das Haus verkaufen, und das wenige, was von
dem Kaufpreise unser war, reichte kaum zu, das Noetigste
zu decken. Wir zogen zur Miete. -- --

Und nun zu der Person, die in seelischer Beziehung
den tiefsten und groessten Einfluss auf meine Entwicklung
ausgeuebt hat. Waehrend die Mutter unserer Mutter in
Hohenstein geboren war und darum von uns die "Hohensteiner
Grossmutter" genannt wurde, stammte die Mutter
meines Vaters aus Ernsttal und musste sich darum als
"Ernsttaler Grossmutter" bezeichnen lassen. Diese Letztere
war ein ganz eigenartiges, tiefgruendiges, edles und, fast
moechte ich sagen, geheimnisvolles Wesen. Sie war mir
von Jugend auf ein herzliebes, beglueckendes Raetsel,
aus dessen Tiefen ich schoepfen durfte, ohne es jemals
ausschoepfen zu koennen. Woher hatte sie das Alles?
Sehr einfach: Sie war Seele, nichts als Seele, und die
heutige Psychologie weiss, was das zu bedeuten hat. Sie
war in der tiefsten Not geboren und im tiefsten Leide
aufgewachsen; darum sah sie Alles mit hoffenden, sich
nach Erloesung sehnenden Augen an. Und wer in der
richtigen Weise zu hoffen und zu glauben vermag, der
hat den Erdenjammer hinter sich geschoben und vor sich
nur noch Sonnenschein und Gottesfrieden liegen. Sie
war die Tochter bitter armer Leute, hatte die Mutter
frueh verloren und einen Vater zu ernaehren, der weder
stehen noch liegen konnte und bis zu seinem Tode viele
Jahre lang an einen alten, ledernen Lehnstuhl gefesselt
und gebunden war. Sie pflegte ihn mit unendlicher, zu
Traenen ruehrender Aufopferung. Die Armut erlaubte
ihr nur das billigste Wohnen. Das Fenster ihrer Stube
zeigte nur den Gottesacker, weiter nichts. Sie kannte
alle Graeber, und sie bedachte fuer sich und ihren Vater
nur den einen Weg, aus ihrer duerftigen Sterbekammer
im Sarge nach dem Kirchhofe hinueber. Sie hatte einen
Geliebten, der es brav und ehrlich mit ihr meinte; aber
sie verzichtete. Sie wollte nur ganz allein dem Vater
gehoeren, und der brave Bursche gab ihr Recht. Er sagte
nichts, aber er wartete und blieb ihr treu.

Droben auf dem Oberboden stand eine alte Kiste
mit noch aelteren Buechern. Das waren in Leder gebundene
Erbstuecke verschiedenen Inhaltes, sowohl geistlich
als auch weltlich. Es ging die Sage, dass es in der
Familie, als sie noch wohlhabend war, Geistliche, Gelehrte
und weitgereiste Herren gegeben habe, an welche diese
Buecher noch heut erinnerten. Vater und Tochter konnten
lesen; sie hatten es beide von selbst gelernt. Des Abends,
nach des Tages Last und Arbeit, wurde das Reifroeckchen *)
_______
*) Kleines Oellaempchen.

angebrannt, und eines von Beiden las vor. In den
Pausen wurde das Gelesene besprochen. Man hatte die
Buecher nahe schon zwanzigmal durch, fing aber immer
wieder von vorn an, weil sich dann immer neue Gedanken
fanden, die besser, schoener und auch richtiger zu sein
schienen als die frueheren. Am meisten gelesen wurde
ein ziemlich grosser und schon sehr abgegriffener Band,
dessen Titel lautete:

Der Hakawati

d.i.

der Maerchenerzaehler in Asia, Africa, Turkia, Arabia,
Persia und India sampt eyn Anhang mit Deytung,
explanatio und interpretatio auch viele Vergleychung
und Figuerlich seyn

von
Christianus Kretzschmann
der aus Germania war.
Gedruckt von Wilhelmus Candidus
A. D: M. D. C. V.

*
* *

Dieses Buch enthielt eine Menge bedeutungsvoller
orientalischer Maerchen, die sich bisher in keiner andern
Maerchensammlung befanden. Grossmutter kannte diese
Maerchen alle. Sie erzaehlte sie gewoehnlich woertlich
gleichlautend; aber in gewissen Faellen, in denen sie es fuer
noetig hielt, gab sie Aenderungen und Anwendungen,
aus denen zu ersehen war, dass sie den Geist dessen, was
sie erzaehlte, sehr wohl kannte und ihn genau wirken liess.
Ihr Lieblingsmaerchen war das Maerchen von Sitara;
es wurde spaeter auch das meinige, weil es die Geographie
und Ethnologie unserer Erde und ihrer Bewohner rein
ethisch behandelt. Doch dies hier nur, um anzudeuten.

Der Vater starb infolge einer Reihe von Blutstuerzen.
Die Pflege war so anstrengend, dass auch die Tochter
dem Tode nahe kam, doch ueberstand sie es. Nach
verflossener Trauerzeit kam May, der treue Geliebte, und
fuehrte sie heim. Nun endlich, endlich wirklich gluecklich!
Es war eine Ehe, wie Gott sie will. Zwei Kinder
wurden geboren, mein Vater und vor ihm eine Schwester,
welche spaeter einen schweren Fall tat und an den Folgen
desselben verkrueppelte. Man sieht, dass es an
Heimsuchungen, oder sagen wir Pruefungen, bei uns nicht
fehlte. Und ebenso sieht man, dass ich nichts verschweige.
Es darf nicht meine Absicht sein, das Haessliche schoen zu
malen. Aber kurz nach der Geburt des zweiten Kindes
trat jenes unglueckliche Weihnachtsereignis ein, welches
ich bereits erzaehlte. Der brave junge Mann stuerzte des
Nachts mit den Broten in die tiefe Schneeschlucht und
erfror. Grossmutter hatte mit ihren beiden Kindern an
den Christtagen nichts zu essen und erfuhr erst nach
langer Zeit der Qual, dass und in welch schrecklicher
Weise sie den geliebten Mann verloren hatte. Hierauf
kamen Jahre der Trauer und dann die schwere Zeit der
napoleonischen Kriege und der Hungersnot. Es war Alles
verwuestet. Es gab nirgends Arbeit. Die Teuerung wuchs;
der Hunger wuetete. Ein armer Handwerksbursche kam,
um zu betteln. Grossmutter konnte ihm nichts geben.
Sie hatte fuer sich und ihre Kinder selbst keinen einzigen
Bissen Brot. Er sah ihr stilles Weinen. Das erbarmte
ihn. Er ging fort und kam nach ueber einer Stunde
wieder. Er schuettete vor ihr aus, was er bekommen
hatte, Stuecke Brot, ein Dutzend Kartoffeln, eine Kohlruebe,
einen kleinen, sehr ehrwuerdigen Kaese, eine Duete [sic] Mehl,
eine Duete [sic] Graupen, ein Scheibchen Wurst und ein winziges
Eckchen Hammeltalg. Dann ging er schnell fort, um sich
ihrem Dank zu entziehen. Sie hat ihn nie wieder gesehen;
Einer aber kennt ihn gewiss und wird es ihm nicht
vergessen. Dieser Eine schickte auch noch andere, bessere
Hilfe. Einem abseits wohnenden Oberfoerster, den man
als ebenso wohlhabend, wie edeldenkend kannte, war die
Frau gestorben. Sie hatte ihm eine sehr reichliche Anzahl
Kinder hinterlassen. Er wuenschte Grossmutter zur
Fuehrung seiner Wirtschaft zu haben. Sie haette in dieser
Zeit der Not nur zu gern eingewilligt, erklaerte aber, sich
von ihren eigenen Kindern unmoeglich trennen zu koennen,
selbst wenn sie einen Platz, sie unterzubringen, haette. Der
brave Mann besann sich nicht lange. Er erklaerte ihr,
es sei ihm gleich, ob sechs oder acht Kinder bei ihm aessen;
sie wuerden alle satt. Sie solle nur kommen, doch nicht
ohne sie, sondern mit ihnen. Das war Rettung in der
hoechsten Not!

Der Aufenthalt in dem stillen, einsamen Forsthause
tat der Mutter und den Kindern wohl. Sie gesundeten
und erstarkten in der besseren Ernaehrung. Der Oberfoerster
sah, wie Grossmutter sich abmuehte, ihm dankbar zu sein
und seine Zufriedenheit zu erringen. Sie arbeitete fast
ueber ihre Kraft, fuehlte sich aber wohl dabei. Er
beobachtete das im Stillen und belohnte sie dadurch, dass
er ihren Kindern in jeder Beziehung dasselbe gewaehrte,
was die seinen bekamen. Freilich war er Aristokrat und
eigentlich stolz. Er ass mit seiner Schwiegermutter allein.
Grossmutter war nur Dienstbote, doch ass sie nicht in der
Gesinde- sondern mit in der Kinderstube. Als er aber
nach laengerer Zeit einen Einblick in ihr eigenartiges
Seelenleben erhielt, nahm er sich ihrer auch in innerer
Beziehung an. Er erleichterte ihr die grosse Arbeitslast,
erlaubte ihr, ihm und seiner Schwiegermutter des Abends
aus ihren Buechern vorzulesen, und gestattete ihr, dann
auch in seine eigenen Buecher zu schauen. Wie gern sie
das tat! Und er hatte so gute, so nuetzliche Buecher!

Den Kindern wurde in vernuenftiger Weise Freiheit
gewaehrt. Sie tollten im Walde herum und holten sich
kraeftige Glieder und rote Wangen. Der kleine May
war der juengste und kleinste von allen, aber er tat wacker
mit. Und er passte auf; er lernte und merkte. Er wollte
Alles wissen. Er frug nach jedem Gegenstand, den er
noch nicht kannte. Bald wusste er die Namen aller Pflanzen,
aller Raupen und Wuermer, aller Kaefer und Schmetterlinge,
die es in seinem Bereiche gab. Er trachtete, ihren
Charakter, ihre Eigenschaften und Gewohnheiten kennen
zu lernen. Diese Wissbegierde erwarb ihm die besondere
Zuneigung des Oberfoersters, der sich sogar herbeiliess,
den Jungen mit sich gehen zu lassen. Ich muss das
erwaehnen, um Spaeteres erklaerlich zu machen. Der nachherige
Rueckfall aus dieser sonnenklaren, hoffnungsreichen
Jugendzeit in die fruehere Not und Erbaermlichkeit konnte
auf den Knaben doch nicht gluecklich wirken.

In dieser Zeit war es, dass Grossmutter waehrend
des Mittagessens ploetzlich vom Stuhle fiel und tot zu
Boden sank. Das ganze Haus geriet in Aufregung. Der
Arzt wurde geholt. Er konstatierte Herzschlag;
Grossmutter sei tot und nach drei Tagen zu begraben. Aber
sie lebte. Doch konnte sie kein Glied bewegen, nicht einmal
die Lippen oder die nicht ganz geschlossenen Augenlider.
Sie sah und hoerte alles, das Weinen, das Jammern
um sie. Sie verstand jedes Wort, welches gesprochen
wurde. Sie sah und hoerte den Tischler, welcher kam,
um ihr den Sarg anzumessen. Als er fertig war, wurde
sie hineingelegt und in eine kalte Kammer gestellt. Am
Begraebnistage bahrte man sie im Hausflur auf. Die
Leichentraeger kamen, der Pfarrer und der Kantor mit
der Kurrende. Die Familie begann, Abschied von der
Scheintoten zu nehmen. Man denke sich deren Qual!
Drei Tage und drei Naechte lang hatte sie sich alle moegliche
Muehe gegeben, durch irgendeine Bewegung zu zeigen,
dass sie noch lebe -- -- vergeblich! Jetzt kam der letzte
Augenblick, an dem noch Rettung moeglich war. Hatte
man den Sarg einmal geschlossen, so gab es keine Hoffnung
mehr. Sie erzaehlte spaeter, dass sie sich in ihrer
fuerchterlichen Todesangst ganz unmenschliche Muehe
gegeben habe, doch wenigstens mit dem Finger zu wackeln,
als einer um den andern kam, um ihre Hand zum letzten
Male zu ergreifen. So tat auch das juengste Maedchen
des Oberfoersters, welches besonders sehr an Grossmutter
gehangen hatte. Da schrie das Kind erschrocken aus:
"Sie hat meine Hand angegriffen; sie will mich festhalten!"
Und richtig, man sah, dass die scheinbar Verstorbene
ihre Hand in langsamer Bewegung abwechselnd
oeffnete und schloss. Von einem Begraebnisse konnte nun
selbstverstaendlich nicht mehr die Rede sein. Es wurden
andere Aerzte geholt; Grossmutter war gerettet. Aber
von da an war ihre Lebensfuehrung noch ernster und
erhobener als vorher. Sie sprach nur selten von dem, was
sie in jenen unvergesslichen drei Tagen auf der Schwelle
zwischen Tod und Leben gedacht und empfunden hatte.
Es muss schrecklich gewesen sein. Aber auch hierdurch ist
ihr Glaube an Gott nur noch fester und ihr Vertrauen
zu ihm nur noch tiefer geworden. Wie sie nur scheintot
gewesen war, so hielt sie von nun an auch den sogenannten
wirklichen Tod nur fuer Schein und suchte jahrelang
nach dem richtigen Gedanken, dies zu erklaeren und
zu beweisen. Ihr und diesem ihrem Scheintode habe ich
es zu verdanken, dass ich ueberhaupt nur an das Leben
glaube, nicht aber an den Tod.

Dieses Ereignis war innerlich noch nicht ganz
ueberwunden, als Grossmutter infolge der Versetzung und
Wiederverheiratung des Oberfoersters mit ihren beiden
Kindern in ihre frueheren Verhaeltnisse zurueckgestossen wurde.
Sie kehrte nach Ernsttal zurueck und hatte nun wieder
jeden Pfennig direkt zu verdienen, den sie brauchte. Ein
braver Mann, der Vogel hiess und auch Weber war,
hielt um ihre Hand an. Jedermann redete ihr zu, sie
muesse ihren Kindern doch einen Vater geben; das sei sie
ihnen schuldig. Sie tat es und hatte es nicht zu bereuen;
war aber leider schon nach kurzer Zeit wieder Witwe.
Er starb und hinterliess ihr alles, was er besessen hatte,
die Armut und den Ruf eines braven, fleissigen Mannes.
Hierauf wurde es still und stiller um sie. Sie tat ihr
Maedchen zu einer Naehterin und ihren Knaben zu einem
Weber, der ihn von frueh bis abends am Spulrad
beschaeftigte. Denn dass der Junge nun weiter nichts als
nur ein Weber zu werden hatte, das verstand sich ganz
von selbst. Die Lust dazu war ihm freilich waehrend
seines Aufenthaltes im Forsthause vollstaendig vergangen;
er hatte sich schon ganz anderes gedacht, und es ist
gewiss erklaerlich, dass er spaeter, nachdem er in dieses
ungeliebte Handwerk hineingezwungen worden war, auf die
Idee kam, sich durch den Taubenhandel wieder daraus
zu befreien. Doch tat er sowohl als Knabe wie auch als
Juengling seine Pflicht. Er war fleissig und wurde ein
tuechtiger Weber, dessen Ware so viel Sauberkeit und
Akkuratesse zeigte, dass jeder Unternehmer ihn gern fuer
sich arbeiten liess. In seinen Freistunden aber strich er
durch Feld und Flur, um zu botanisieren und alle die
Kenntnisse festzuhalten, die er sich bei dem Oberfoerster
erworben hatte Darum machte es ihm grosse Freude,
dass sich unter der oben erwaehnten Erbschaft unserer
Mutter auch einige alte, hochinteressante Buecher befanden,
deren Inhalt ihm bei diesen seinen Freibeschaeftigungen
von grossem Nutzen war. Ich denke da besonders an
einen grossen, starken Folioband, der gegen tausend Seiten
zaehlte und folgenden Titel hatte:

Kraeutterbuch

Dess hochgelehrten vnnd weltberuehmten Herrn Dr. Petri
Andreae Matthioli. Jetzt widerumb mit vielen schoenen
newen Figuren / auch nuetzlichen Artzeneyen / vnnd andern
guten Stuecken / zum dritten Mal auss sondern Fleiss
gemehret vnnd verferdigt /

Durch
Joachimum Camerarium,
der loeblichen Reichsstatt Nuernberg Medicum, Doct.

Sampt dreien wohlgeordneten nuetzlichen Registern der
Kraeutter lateinische und deutsche Namen / vund dann
die Artzeneyen / dazu dieselbigen zugebrauchen jnnhaltendt.
Beneben genugsamen Bericht / von den Destillier vund
Brennoefen.

Mit besonderem Roem. Kais. Majest. Priviligio,
in keinerley Format nachzudrucken.
Gedruckt zu Franckfurt am Mayn
M. D. C.

*
* *

Es verstand sich ganz von selbst, dass Vater dieses
Buch sofort hernahm und fleissig durchstudierte. Es
enthielt sogar mehr, als der Titel versprach. So waren die
Namen der Pflanzen oft auch franzoesisch, englisch, russisch,
boehmisch, italienisch und sogar arabisch angegeben, was
spaeter besonders mir ganz ausserordentlich vorwaerts half.
Auch Vater ging von Seite zu Seite dieses koestlichen
Buchs, von Pflanze zu Pflanze. Er lernte viel, viel
mehr zu dem, was er bereits wusste. Nicht nur die
Kenntnis der Gewaechse an sich, sondern auch ihrer
ernaehrenden und technischen Eigenschaften und ihrer
Heilwirkungen. Die Vorfahren hatten diese Wirkungen
geprueft und den Band mit sehr vielen Randbemerkungen
versehen, welche sagten, wie diese Pruefungen ausgefallen
waren. Dieses Buch wurde mir spaeter eine Quelle der
reinsten, nuetzlichsten Freuden, und ich kann wohl sagen,
dass Vater mich dabei vortrefflich unterstuetzte.

Ein anderes dieser Buecher war eine Sammlung
biblischer Holzschnitte, wahrscheinlich aus der ersten Zeit
der xylographierenden Kunst. Ich besitze es, ganz ebenso
wie das Kraeuterbuch, noch heut. Es enthaelt sehr viele
und ganz vortreffliche Bilder; einige fehlen leider. Das
erste ist Moses und das letzte ist das Tier aus dem
elften Kapitel der Offenbarung Johannis. Das Titelblatt
ist nicht mehr vorhanden. Darum weiss ich nicht,
wer der Verfasser ist und aus welchem Jahre das Werk
stammt. Es war Grossmutters Hilfsbuch, wenn sie uns
die biblischen Geschichten erzaehlte. Jede dieser
Erzaehlungen war fuer uns ein Hochgenuss, und damit komme
ich auf den groessten Vorzug, den Grossmutter fuer uns
Kinder hatte, naemlich auf ihre unvergleichliche Gabe, zu
erzaehlen.

Grossmutter erzaehlte eigentlich nicht, sondern sie
schuf; sie zeichnete; sie malte; sie formte. Jeder, auch
der widerstrebendste Stoff gewann Gestalt und Kolorit
auf ihren Lippen. Und wenn zwanzig ihr zuhoerten, so
hatte jeder einzelne von den zwanzig den Eindruck, dass
sie das, was sie erzaehlte, ganz nur fuer ihn allein
erzaehlte. Und das haftete; das blieb. Mochte sie aus der
Bibel oder aus ihrer reichen Maerchenwelt berichten, stets
ergab sich am Schluss der innige Zusammenhang zwischen
Himmel und Erde, der Sieg des Guten ueber das Boese
und die Mahnung, dass Alles auf Erden nur ein Gleichnis
sei, weil der Ursprung aller Wahrheit nicht im
niedrigen sondern nur im hoeheren Leben liege. Ich bin
ueberzeugt, dass sie das nicht bewusst und in klarer
Absicht tat; dazu war sie nicht unterrichtet genug, sondern
es war angeborene Gabe, war Genius, und der erreicht
bekanntlich das, was er will, am sichersten, wenn man
ihn weder kennt noch beobachtet. Grossmutter war eine
arme, ungebildete Frau, aber trotzdem eine Dichterin von
Gottes Gnaden und darum eine Maerchenerzaehlerin, die
aus der Fuelle dessen, was sie erzaehlte, Gestalten schuf,
die nicht nur im Maerchen, sondern auch in Wahrheit
lebten.

In meiner Erinnerung tritt zuerst nicht das Maerchen
von Sitara, sondern das Maerchen "von der verloren
gegangenen und vergessenen Menschenseele" auf. Sie tat
mir so unendlich leid, diese Seele. Ich habe mit meinen
blinden, lichtlosen Kindesaugen um sie geweint. Fuer mich
enthielt diese Erzaehlung die volle Wahrheit. Aber erst
nach Jahren, als ich das Leben kennengelernt und mich
mit dem Innern des Menschen eingehend beschaeftigt
hatte, erkannte ich, dass die Kenntnis der Menschenseele
in Wirklichkeit verloren und vergessen wurde und dass
alle unsere Psychologie bisher nicht imstande war, uns
diese Kenntnis zurueckzubringen. Ich habe in meiner
Kindheit stundenlang still und regungslos gesessen und
in die Dunkelheit meiner kranken Augen gestarrt, um
nachzudenken, wohin die Verlorene und Vergessene
gekommen sei. Ich wollte und wollte sie finden. Da nahm
Grossmutter mich auf ihren Schoss, kuesste mich auf die
Stirn und sagte: "Sei still, mein Junge! Graeme dich
nicht um sie! Ich habe sie gefunden. Sie ist da!"
"Wo?" fragte ich. "Hier, bei mir", antwortete sie.
"Du bist diese Seele, du!" "Aber ich bin doch nicht
verloren," warf ich ein. "Natuerlich bist du verloren. Man
hat dich herabgeworfen in das aermste, schmutzigste Ardistan.
Aber man wird dich finden; denn wenn alle, alle dich
vergessen haben, Gott hat dich nicht vergessen." -- Ich
begriff das damals nicht; ich verstand es erst spaeter,
viel, viel spaeter. Eigentlich war in dieser meiner fruehen
Knabenzeit jedes lebendige Wesen nur Seele, nichts als
Seele. Ich sah nichts. Es gab fuer mich weder
Gestalten noch Formen, noch Farben, weder Orte noch
Ortsveraenderungen. Ich konnte die Personen und Gegenstaende
wohl fuehlen, hoeren, auch riechen; aber das genuegte
nicht, sie mir wahr und plastisch darzustellen. Ich konnte
sie mir nur denken. Wie ein Mensch, ein Hund, ein
Tisch aussieht, das wusste ich nicht; ich konnte mir nur
innerlich ein Bild davon machen, und dieses Bild war
seelisch. Wenn jemand sprach, hoerte ich nicht seinen
Koerper, sondern seine Seele. Nicht sein Aeusseres,
sondern sein Inneres trat mir naeher. Es gab fuer mich
nur Seelen, nichts als Seelen. Und so ist es geblieben,
auch als ich sehen gelernt hatte, von Jugend an bis auf
den heutigen Tag. Das ist der Unterschied zwischen mir
und anderen. Das ist der Schluessel zu meinen Buechern.
Das ist die Erklaerung zu allem, was man an mir lobt,
und zu allem, was man an mir tadelt. Nur wer blind
gewesen ist und wieder sehend wurde, und nur wer eine
so tief gegruendete und so maechtige Innenwelt besass, dass
sie selbst dann, als er sehend wurde, fuer lebenslang seine
ganze Aussenwelt beherrschte, nur der kann sich in alles
hineindenken, was ich plante, was ich tat und was ich
schrieb, und nur der besitzt die Faehigkeit, mich zu
kritisieren, _sonst_keiner!_

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