Books: Mein Leben und Streben
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Im Jahre 1891 lernte ich meinen jetzigen Verleger
F. E. Fehsenfeld, Freiburg, Breisgau, kennen. Ich
uebergab ihm den Buchverlag der bei Pustet in Regensburg
erschienenen Werke und vereinbarte mit ihm, nach diesen
dann auch die Muenchmeyerschen herauszugeben. Er nahm
die ersten sofort in Angriff, und sie gingen ausgezeichnet.
Wir waren beide ueberzeugt, dass wir mit den Muenchmeyerschen
nicht weniger Erfolg haben wuerden, stellten
die letzteren aber bis zur Vollendung der Pustetschen
Serie zurueck. Jede der beiden Serien sollte dreissig
Baende umfassen. Was daran fehlte, hatte ich noch
hinzuzuschreiben. Das ergab fuer die Pustetsche Serie ungefaehr
zehn Baende, die ich noch zu liefern hatte. Das war eine
Arbeit, die mir keine Zeit liess, mich jetzt um meine
Muenchmeyerschen Sachen zu bekuemmern. Darum musste mich
auch die unerwartete Nachricht, dass Muenchmeyer ploetzlich
gestorben sei, geschaeftlich vollstaendig gleichgueltig lassen.
Ich erkundigte mich nur nach seiner Nachfolge, und als
ich hoerte, dass seine Witwe das Geschaeft im Namen der
Erben weiterfuehre, war ich fuer mich beruhigt.
Da geschah etwas Ueberraschendes. Frau Pauline
Muenchmeyer schickte mir einen Boten, der den Auftrag
hatte, mich auszuforschen, ob ich vielleicht geneigt sein
werde, ihr einen neuen Roman zu schreiben. Dieser Bote
war auch ein "Vorbestrafter". Ich liess ihn unverrichteter
Sache wieder gehen, ohne ueber die Ursache seiner Sendung
besonders nachzudenken. Ich wusste damals nicht, was
ich erst viel spaeter erfuhr, naemlich dass es mit
Muenchmeyers nicht so glaenzend stand, wie ich dachte. Man
hatte einen Familienrat gehalten und war zu dem
Entschlusse gelangt, durch einen neuen Roman von Karl
May die Lage zu verbessern. Ich hatte weder Zeit
noch Lust, ihn zu schreiben, beschloss aber fuer den Fall,
dass man den Versuch erneuern werde, trotzdem in Verhandlungen
einzutreten, um ueber die Erfolge meiner bisherigen
Romane etwas Bestimmtes zu erfahren. Und die
Wiederholung des Versuches kam. Frau Muenchmeyer
stellte sich selbst und persoenlich bei uns ein. Sie besuchte
uns wiederholt. Sie bat. Sie bot sogar Vorausbezahlung
des Honorars. Sie schickte auch das Faktotum Walter
und liess Briefe durch ihn schreiben. Ich gab den Bescheid,
dass ich nicht eher etwas Neues liefern koenne, als
bis ueber das Alte volle Klarheit geschafft worden sei.
Ich muesse unbedingt erst wissen, wie es mit der
Abonnentenzahl meiner fuenf Romane stehe; die Zwanzigtausend
muesse doch schon laengst erreicht worden sein. Frau
Muenchmeyer versprach Bescheid. Sie lud mich und meine Frau
zum Essen zu sich ein, um da diesen Bescheid zu erteilen.
Wir stellten uns ein. Sie gestand ein, dass die Zwanzigtausend
erreicht seien, und zwar bei allen Romanen, nicht
nur bei einem; nur muesse es erst noch genau berechnet
werden, und das sei in der Kolportage so ungemein
schwierig und zeitraubend. Ich moege mich also in Geduld
fassen. Was meine Rechte betreffe, so fallen diese mir
hiermit wieder zu, ich koenne die Romane nun ganz fuer
mich verwenden. Da forderte ich sie auf, mir meine
Manuskripte zu schicken, nach denen ich setzen und drucken
lassen werde. Sie sagte, die seien verbrannt; sie werde
mir an ihrer Stelle die gedruckten Romane senden und
sie vorher extra fuer mich in Leder binden lassen. Das
geschah. Nach kurzer Zeit kamen die Buecher durch die
Post; ich war wieder Herr meiner Werke -- -- -- so
glaubte ich! Freilich war es mir unmoeglich, sie sofort
herauszugeben, weil die Pustetschen vorher zu erscheinen
hatten. Ich legte die Buecher also fuer einstweilen zurueck,
ohne mich mit der Pruefung ihres Inhaltes befassen
zu koennen. Ich hatte meinen Zweck erreicht, und von
der Abfassung eines neuen Romanes war keine Rede
mehr. Frau Muenchmeyer liess nichts mehr von sich hoeren.
Ich schrieb das auf Rechnung des Umstandes, dass nun
doch die "feinen Gratifikationen" faellig waren, deren
Zahlung man mit Schweigen zu umgehen suchte. Ich
aber draengte nicht; ich hatte mehr zu tun und brauchte
das Geld nicht zur Not. Ich will den Umstand nicht
uebergehen, dass meine Frau waehrend dieser ganzen Zeit
sich alle Muehe gab, mich von geschaeftlicher Strenge gegen
Frau Muenchmeyer abzuhalten. Diese ihre Vorliebe fuer
Muenchmeyer und seine Witwe bilden den Hauptgrund
der sonst unbegreiflichen Nachsicht, die ich uebte.
Ich stand grad im Begriff, eine laengere Reise nach
dem Orient anzutreten, als ich erfuhr, dass Frau Muenchmeyer
ihr Geschaeft verkaufen wollte. Ich schrieb ihr sofort
einen Brief, in dem ich sie warnte, etwa meine Romane
mit zu verkaufen. Ich legte ihr alles hierauf Bezuegliche
dar und ging zunaechst nach Oberaegypten. Von dort nach
Kairo zurueckgekehrt, fand ich Briefe vor, aus denen ich
erfuhr, dass der Verkauf trotz meiner Warnung geschehen
sei; der Verkaeufer [sic] heisse Fischer. Ich zoegerte nicht, an
diesen Herrn zu schreiben. Er antwortete mir im
Kolportageton, dass er das Muenchmeyersche Geschaeft nur wegen
der Romane von Karl May gekauft habe. Alles Andere
sei nichts wert. Er werde diese meine Sachen so
ausbeuten, wie es nur moeglich sei, und mich, falls ich ihn
daran hindere, auf Schadenersatz verklagen. Dieser Ton
fiel mir auf. In dieser Weise pflegt man nur mit sehr
minderwertigen Menschen zu sprechen. Ich musste diesem
mir vollstaendig unbekannten Herrn Fischer in einer Art
geschildert worden sein, die ihn zu dieser Achtungslosigkeit
verleitete. Ich forderte meine Frau auf, mir ueber diesen
Fall sofort und so ausfuehrlich wie moeglich zu berichten.
Ich gab ihr zu diesem Zwecke meine Reiseroute genau an.
Ich wartete in Kairo sechs Wochen, in Beirut vierzehn
Tage, in Jerusalem mehrere Wochen. Ich schrieb und
telegrafierte, doch vergebens; es kam kein Bericht. Endlich
erhielt ich einige Zeilen, in denen sie mir sagte, dass
sie in Paris gewesen sei, aber weiter nichts. Als in
Massaua, der Hauptstadt von Erythraea am roten Meere, mein
arabischer Diener mir die Post brachte, quoll mir eine
Menge deutscher Zeitungen entgegen, aus denen ich, der
gar nichts Ahnende, ersah, was sich in der Heimat
inzwischen gegen mich ereignet hatte. Fischer hatte meine
Abwesenheit benutzt, mit einer illustrierten Ausgabe meiner
Muenchmeyerschen Romane zu beginnen, und zwar mit
derartigen Reklametrompetenstoessen, dass alle Welt auf
dieses Unternehmen aufmerksam werden musste. Mein
Name war genannt, obgleich ich diese Romane, nur einen
ausgenommen, pseudonym geschrieben und Muenchmeyer
verpflichtet hatte, diese Pseudonymitaet auf keinen Fall
zu brechen. Zugleich stellte sich heraus, dass mit den
Romanen eine Umarbeitung vorgenommen werden sollte.
Mir wurde himmelangst. Ich schrieb heim und beauftragte
einen dortigen Freund, dem ich vollstaendig vertrauen
konnte, sich einen Rechtsanwalt zu Hilfe zu nehmen
und meine Sache bis zu meiner Heimkehr zu fuehren, wenn
noetig sogar gerichtlich.
Dieser Freund hiess Richard Ploehn und war der
Besitzer der "Saechsischen Verbandstoffabrik" in Radebeul,
die er gegruendet hatte. Man wird bald sehen, warum
ich fuer kurze Zeit bei ihm verweile. Er war ausserordentlich
gluecklich verheiratet. Seine Familie bestand nur aus
ihm, seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Wir waren
so innig mit einander befreundet, dass wir einander Du
nannten und, sozusagen, eine einzige Familie bildeten.
Aber ausser zu mir auch noch zu meiner Frau Du zu
sagen, das brachte Ploehn nicht fertig. Er versicherte, dass
ihm dies unmoeglich sei. Frau Ploehn ist jetzt meine Frau.
Es ist mir also nicht erlaubt, von ihren Eigenschaften oder
gar Vorzuegen zu sprechen. Die letzteren waren rein seelische.
Meine damalige Frau hat nie in einem meiner Buecher
gelesen. Der Zweck und Inhalt meiner Schriften war ihr
ebenso unbekannt und gleichgueltig wie meine Ziele und
Ideale ueberhaupt. Frau Ploehn aber war begeisterte Leserin
von mir und besass ein sehr ernstes und tiefes Verstaendnis
fuer all mein Hoffen, Wuenschen und Wollen. Ihr Mann
freute sich darueber. Er sah mein Ringen, mein angestrengtes
Arbeiten, oft dreimal woechentlich die ganze Nacht
hindurch, keine helfende Hand, kein warmer Blick, kein
aufmunterndes Wort; ich stand innerlich allein, allein,
allein, wie stets und allezeit. Das tat ihm wehe. Er
versuchte, durch seine Frau auf die meinige einzuwirken,
damit diese mir wenigstens die stoerende Korrespondenz
abnahm, vergeblich. Da bat er mich, seiner Frau zu
erlauben, dass diese es tue; das werde fuer sie und ihn
eine grosse Freude sein. Ich gestattete es den beiden
guten Menschen. Von da an lag mein Briefwechsel in
der Hand von Frau Ploehn. Tausenden von Leserinnen
und Lesern ist ueber der Unterschrift von "Emma May"
geantwortet worden, ohne dass sie wussten, dass es nicht
meine Frau, sondern eine schwesterliche Helferin war,
die mir meine Last erleichterte. Sie arbeitete sich mehr
und mehr in meine Gedankenwelt und meinen Briefwechsel
ein, so dass ich ihr schliesslich die ganze, umfangreiche
Korrespondenz getrost ueberlassen konnte. Ihr Mann
war stolz darauf. Noch stolzer fast war ihre Mutter,
eine einfach gewoehnte, sehr arbeitsame, praktische Frau,
die gar zu gern auch mitgeholfen haette, wenn es moeglich
gewesen waere, denn auch sie besass eine Seele, die nicht
unten bleiben wollte, sondern nach oben strebte.
Also diesen Freund beauftragte ich, meine Angelegenheit
so kraeftig wie moeglich in die Hand zu nehmen, und
er tat es, so gut er konnte. Er uebergab die prozessuale
Durchfuehrung einem Dresdener Rechtsanwalt und
benachrichtigte die gesamte deutsche Presse davon, dass ich
augenblicklich in Asien sei, nach meiner Heimkehr aber
nicht zoegern werde, mich bei der beabsichtigten
Vergewaltigung zu erwehren. Mehr konnte fuer den Augenblick
nicht getan werden, weil es mir unmoeglich war, meine
Reise abzubrechen. Von meiner Frau bekam ich keine
Nachricht. Es war ihr unmoeglich, sich um so ernste,
geschaeftliche Angelegenheiten zu bekuemmern. Ploehns aber
schrieben, doch konnten mich diese Briefe erst in Padang
auf der Insel Sumatra erreichen. Sie lauteten
aufregend. Die Presse hatte begonnen, sich mit meinen
Muenchmeyerschen Romanen zu beschaeftigen, und zwar in
einer fuer mich unguenstigen Weise. Es wurden Geruechte
ueber mich verbreitet, die teils laecherlich, teils gewissenlos
waren. Man las in den Zeitungen, dass ich mich gar
nicht im Orient befinde, sondern mich wegen einer
boesartigen Krankheit im Jodbad Toelz, Oberbayern, versteckt
habe. Haette ich geahnt, dass das in dieser luegenhaften,
gehaessigen und boeswilligen Weise ein ganzes Jahrzehnt
weitergehen werde, so wuerde ich meine Reise doch
unterbrochen und schleunigst nach Hause zurueckgekehrt sein.
Haette ich das getan, so waeren mir alle die unmenschlichen
Martern und Qualen, die ich waehrend dieser langen
Zeit ausgestanden habe, erspart geblieben. Leider aber
wusste ich damals noch nicht, was mit meinen Romanen
vorgegangen war und welche Leitgedanken im Muenchmeyerschen
Geschaeft ueber mich kursiert hatten und heute
noch kursierten. Ich glaubte, die Sache noch aus der
Ferne beilegen zu koennen und hielt nichts weiter fuer
noetig, als eine genaue Information, aus der sich die
einzuschlagenden Schritte zu ergeben haetten. Ich schrieb
also heim, dass meine Frau mit Ploehns nach Aegypten
kommen moechte, wo ich in Kairo mit ihnen zusammentreffen
wuerde. Sie kamen, aber sehr verspaetet, weil
Ploehn unterwegs krank geworden war. Was ich von
ihnen erfuhr, lautete keineswegs guenstig und klang
ausserdem sehr unbestimmt. Der Rechtsanwalt stand immer
noch erst bei den Vorbereitungen. Fischer hatte erklaert,
sich auf das Aeusserste wehren zu wollen; meine Romane
habe er von Frau Muenchmeyer gekauft; sie seien sein
wohlerworbenes, bar bezahltes Eigentum, mit dem er
machen koenne, was er wolle. Die Zeitungen waren
gegen mich eingenommen. Meine Muenchmeyerschen
Romane wurden als Schundromane bezeichnet. Ich sah
ein, dass ein Prozess mit Muenchmeyers nicht zu umgehen
war, und fragte meine Frau nach den fuer mich hierzu
noetigen Dokumenten.
Ich habe bereits gesagt, dass ich mir Muenchmeyers
Briefe aufgehoben hatte. Ihr Inhalt war fuer einen
Prozess gegen Muenchmeyer derart beweiskraeftig, dass ich
ihn glattweg gewinnen musste. Diese Briefe waren nebst
andern gleichwichtigen Sachen in einem bestimmten
Schreibtischkasten aufbewahrt. Ich hatte vor meiner
Abreise meine Frau auf diesen Kasten und seinen Inhalt
ganz besonders aufmerksam gemacht, ihr den Zweck der
Briefe ganz besonders erklaert und sie aufgefordert, dafuer
zu sorgen, dass ja nicht das geringste Blaettchen davon
verloren gehe. Als ich sie jetzt in Kairo nach diesen
Dokumenten fragte, versicherte sie mir, dass sie noch genau
so laegen, wie ich sie ihr uebergeben habe. Kein Mensch
habe sie beruehrt. Das beruhigte mich, denn das bedeutete
den sicher gewonnenen Prozess. Als meine Frau mir
diese Versicherung gab, stand Frau Ploehn dabei und
hoerte es. Sie sah sie gross an, sagte aber nichts. Das
fiel mir damals nicht auf; spaeter aber, als ich mich
dieses grossen, erstaunten, missbilligenden Blickes erinnerte,
wusste ich nur allzu gut, was er hatte sagen sollen.
Meine Frau war naemlich eines Abends zu Frau Ploehn
gekommen und hatte ihr mitgeteilt, dass sie soeben unsern
Trauschein verbrannt habe, der Vorbedeutung wegen,
die sich damit verbinde. Und einige Zeit spaeter hatte
sie ihr in derselben lachenden Weise gesagt, dass sie nun
auch die Dokumente aus dem Schreibtischkasten genommen
und verbrannt habe; sie wolle dadurch verhindern, dass ich
Muenchmeyers verklage. Frau Ploehn war hierueber entsetzt
gewesen, hatte aber die vollendete Tatsache nicht zu
aendern vermocht. Jetzt, als sie die Versicherung meiner
Frau mit anhoeren musste, dass die Briefe noch unberuehrt
vorhanden seien, gab es in ihr den ersten Riss zu jener
innern Scheidung, die erst dann auch aeusserlich zu Tage
trat, als nichts mehr verheimlicht werden konnte. Wir
reisten nach Aegypten, Palaestina, Syrien, ueber
Konstantinopel, Griechenland und Italien nach Hause. Waehrend
dieser Zeit ist meine Frau auf wiederholte Anfragen
immer dabei geblieben, dass die Dokumente voellig
unverletzt noch in dem betreffenden Kasten laegen. Sie
wurde schliesslich zornig und verbat sich jede weitere
Erwaehnung. Aber als ich nach Hause kam und mein erster
Schritt nach dem Schreibtisch war, fand ich den Kasten
-- -- -- leer! Hierueber zur Verantwortung gezogen,
erklaerte sie, dass sie die Briefe allerdings verbrannt und
vernichtet habe. Sie sei stets eine Freundin Muenchmeyers
gewesen und sei es auch noch heute. Sie wisse zwar,
dass ich recht habe, aber sie dulde nicht, dass ich
Muenchmeyers verklage. Darum habe sie die Papiere
verbrannt. Man kann sich denken, wie mir zu Mute war,
aber ich beherrschte mich und tat, was ich schon jahrelang
in solchen Faellen zu tun gewohnt war, ich war still,
nahm den Hut und ging.
Inzwischen waren die Presseangriffe gegen mich
immer zahlreicher und deutlicher geworden. Man
beschuldigte mich, zu gleicher Zeit fromm und unsittlich
geschrieben zu haben. Ich nahm die Romane her, die mir
Frau Muenchmeyer hatte einbinden lassen, und fand, dass
man von meinen Originalmanuskripten abgewichen war
und sie veraendert hatte. Also darum hatte man die
Manuskripte verbrannt, anstatt sie fuer mich aufzuheben!
Ich sollte die Aenderungen nicht nachweisen koennen!
Das Erste, was ich tat, war, dass ich die Presse hiervon
benachrichtigte und sie bat, die gerichtliche Entscheidung
abzuwarten. Sodann stellte ich schleunigst Klage. Ich
wollte die Sache nicht auf dem Wege des Zivil-, sondern
des Strafprozesses verfolgen, stiess dabei aber auf solchen
Widerstand bei meiner Frau, dass ich darauf verzichtete.
Ich befragte mich bei verschiedenen Rechtsanwaelten,
nicht nur in Dresden, sondern auch in Berlin und
anderswo. Ich haette so gern gleich direkt wegen der
"abgrundtiefen Unsittlichkeiten", die mir vorgeworfen
wurden, verklagt, doch wurde mir einstimmig versichert,
dass dies unmoeglich sei. Eine Klage koenne nicht auf
ideale Dinge gerichtet, sondern muesse materiell begruendet
sein. Ich muesse vor allen Dingen beweisen, dass ich der
rechtmaessige Eigentuemer der betreffenden Romane sei,
und also das Recht besitze, zu verklagen. Am Besten sei
es, die Klage auf "Rechnungslegung" zu richten. Das
geschah.
Um diese Zeit war es, dass sich der Kaeufer des
Muenchmeyerschen Geschaeftes, Herr Fischer, bei mir
meldete. Ich hatte keinen vernuenftigen Grund, ihn
abzuweisen; er wurde angenommen. Die Unterredung war
eine hochinteressante, sowohl psychologisch als auch
prozessual. Fischer machte gar kein Hehl daraus, dass er
wisse, ich sei vorbestraft. Er meinte, wer solches Werg
am Rocken habe, der solle sich wohl sehr hueten, zu
prozessieren, sonst koenne die Sache sehr leicht ein anderes
Ende nehmen, als man denke. Meine Romane seien jetzt
sein Eigentum. Man habe sie schon frueher veraendert,
und nun lasse er sie von Neuem umarbeiten, ganz so,
wie es ihm gefalle. Wenn ich gegen ihn prozessiere, so
koenne das laenger als zehn Jahre dauern; aber bis dahin
sei ich laengst kaput. Er sei aber gekommen, mir die
Hand zu bieten, all diesem Aerger zu entgehen. Ich
solle ihm siebzigtausend Mark zahlen, so verzichte er auf
meine Romane und liefere sie mir mit allen Rechten aus.
Dann sei es mir leicht, die ganze Aufregung der Presse
gegen mich mit einem einzigen Schlage zum Schweigen
zu bringen. Er biete mir seine Hilfe dazu an. Er wisse
mehr, als ich ahne. Er kenne die ganze Muenchmeyerei.
Man habe ihm Alles gesagt. Aber unter siebzigtausend
Mark koenne er nicht verzichten, denn er habe
hundertfuenfundsiebzigtausend Mark bezahlt.
Es ist ganz selbstverstaendlich, dass ich auf diesen
Vorschlag nicht einging. Ich erklaerte ihm, dass ich keinen
Pfennig geben werde und zur Klage fest entschlossen sei.
Da wollte er wissen, gegen wen ich diese Klage richten
werde, ob gegen ihn oder gegen Muenchmeyers Witwe.
Er rate mir zu dem Letzteren, weil er mir da wahrscheinlich
als Zeuge dienen koenne, denn er sei mit dieser
Frau keineswegs zufrieden, sondern stehe in
immerwaehrendem Streit mit ihr. Hierauf entfernte er sich
mit der Warnung, mich ja mit meinen Vorstrafen in
Acht zu nehmen.
Ich war gewillt, Frau Muenchmeyer zu verklagen.
Aber meine Frau und, wohl infolgedessen, auch mein
Rechtsanwalt bestimmten mich, hiervon abzusehen. So
wurde also Fischer verklagt. Aber die Witwe schien
keine Lust zu haben, sich von diesem Rechtshandel
ausscheiden zu lassen. Sie trat als Nebenintervenientin bei
und ist bis heut meine Gegnerin geblieben. Es gelang
mir, gegen Fischer eine einstweilige Verfuegung zu
erreichen, welche ihm verbot, meine Romane weiterzudrucken.
Er durfte nur noch komplettieren. In dieser fuer ihn
sehr heiklen Lage kam er mit meinem Rechtsanwalt zu
sprechen und klagte ueber den Verlust, der ihm dadurch
entstehe; dieser betrage schon vierzigtausend Mark. Wenn
das nicht aufhoere, muesse er sich noch ganz anders wehren
als bisher und mich durch die Veroeffentlichung meiner
Vorstrafen in allen Zeitungen vor ganz Deutschland
kaput machen. Als mein Rechtsanwalt mir diese Drohung
mitteilte, ging mir ein Licht auf; ich begann zu begreifen
und fuehlte mich verpflichtet, dieses Terrain zu sondieren.
Es kam eine Unterredung zwischen Fischer und mir zustande,
in einer separierten Weinstube, unter vier Augen.
Da wurde er offenherzig. Er sagte mir Alles, was er
waehrend der Verkaufsverhandlungen von Muenchmeyers
ueber mich und meine Romane erfahren hatte. Ich erfuhr
den ganzen Feldzugsplan, von dem ich bisher keine
Ahnung gehabt hatte. Es war ihm weisgemacht worden,
ich sei vorbestraft, und zwar mit Zuchthaus, weil ich als
Lehrer Umgang mit Schulmaedchen gepflogen habe. Das
passe ausserordentlich zu dem Vorwurf der Zeitungen,
dass ich unsittliche Romane geschrieben habe. Man brauche
das nur zu veroeffentlichen, so sei ich fuer immer kaput.
Ich sei jetzt ein beruehmter Mann und habe mich vor
solchen Veroeffentlichungen zu hueten; das wisse man ebenso
gut wie ich selbst. Was ich mit Muenchmeyer ueber meine
Romane ausgemacht habe, sei gleichgueltig. Muenchmeyer
sei tot. Es komme darauf an, wer zu schwoeren habe.
Und dass May den Eid nicht bekomme, dafuer werde man
zu sorgen wissen. Seine Vorstrafen seien die beste Hilfe,
die es gebe. Man brauche ihm nur mit der Veroeffentlichung
zu drohen, so nehme er gewiss jeden Prozess zurueck.
Es genuegen zwei Zeilen an ihn, so ist er still.
"Den haben wir in der Hand!"
In dieser Weise hatte man zu Fischer gesprochen,
und daraufhin hatte er das Geschaeft gekauft. So
versicherte er mir. Dass meine Romane veraendert worden
seien, das wisse er. Nur wisse er nicht genau, von wem.
Wahrscheinlich von Walter. Der habe ja weiter gar
nichts Anderes als solche Sachen zu machen und
dann die Korrekturen zu lesen gehabt. Und das sei gar
nicht schwer und gehe sehr schnell. Man braucht nur
ein Wort zu aendern oder einige Worte hinzuzufuegen, so
ist die "Unsittlichkeit" da, ohne die es bei solchen
Romanen nun einmal nicht abgehen will. Ich koenne diese
Aenderungen sehr leicht nachweisen; ich brauche nur
meine Originalmanuskripte vorzulegen.
"Aber die sind ja verbrannt!" fiel ich ein.
Das stellte Fischer aber ganz entschieden in Abrede.
Er behauptete, sie seien noch da. Er koenne sie mir
verschaffen, aber freilich unter den jetzigen Verhaeltnissen
nicht, wo ich sein Prozessgegner sei und ihn mit meiner
einstweiligen Verfuegung zugrunde richte. Er koenne nur
dann mein Helfer sein und als Zeuge fuer mich eintreten,
wenn ich diese Verfuegung fallen lasse und mich mit ihm
vergleiche.
Diese Unterredung war fuer mich von unendlicher
Wichtigkeit. Es galt, vorsichtig zu sein. Ich fragte
mich, ob ich trauen duerfe. Waren die Originalmanuskripte
wirklich noch da, so konnte ich allerdings alle
gegen mich gerichteten Vorwuerfe, wie Fischer gesagt
hatte, mit einem Schlage verstummen machen. Aber er
konnte mich taeuschen wollen oder auch selbst getaeuscht
worden sein. Ich durfte nicht vorschnell entscheiden; ich
musste beobachten und ueberlegen, zumal diese Wendung
meiner Angelegenheit in eine Zeit fiel, in der mich
schwere, innerliche Kaempfe derart beschaeftigten, dass ich
fuer Anderes weder Zeit noch Raum zu finden vermochte.
Das war die Zeit meiner Ehescheidung.
Aufrichtig gestanden, neige ich sehr zu der katholischen
Betrachtung der Ehe, dass diese ein Sakrament
sei. Wenn ich nicht dieser Ansicht waere, so haette ich
diesen Schritt schon laengst getan und nicht erst dann,
als es meine Gesundheit, mein Leben und meine ganze
innere und aeussere Existenz zu retten galt. Man hat
mir diesen Schritt in hohem Grade uebelgenommen, sehr
mit Unrecht. Katholische Kritiker, die anstatt auf
sachlichem Gebiete zu bleiben, ihre Angriffe auf das
persoenliche hinueberspielten, haben mir in einem Atem
vorgeworfen, dass ich Protestant sei und mich von meiner
Frau habe scheiden lassen. Wie unlogisch! Grad weil
ich als Protestant gelte, hat kein Mensch das Recht, mir
den zweiten Vorwurf zu machen. Fuer jeden nur einigermassen
anstaendigen Menschen ist die Ehescheidung eine
Angelegenheit von selbstverstaendlichster Diskretion. Die
meinige aber hat man in den Zeitungen herumgetragen,
mit den widerlichsten Randglossen versehen und zu den
ungeheuerlichsten Verdaechtigungen ausgenutzt. Ich will
das Alles hier uebergehen, um meine Bemerkungen, falls
ich zu ihnen gezwungen werde, an anderer Stelle zu
machen. Diese Zeit war nicht nur fuer mich, sondern
auch fuer Frau Ploehn eine beinahe toedliche, weil sie ihr
den Mann raubte, den sie mit einer Aufopferung liebte,
wie selten ein Mann geliebt worden ist. Ich habe
bereits gesagt, dass Ploehn auf der Reise nach Aegypten
krank geworden sei. Er erholte sich nur scheinbar
wieder. Das Uebel repetierte, nachdem er in die Heimat
zurueckgekehrt war. Ein Jahr spaeter kam der Tod. Frau
Ploehn brach fast zusammen. Waere ihre Mutter nicht
gewesen, so waere sie ihrem Manne sicher nachgestorben.
Gluecklicherweise bot ihr auch die Korrespondenz, die sie
fuer mich mit meinen Lesern fuehrte, die seelische Erleichterung
und Unterstuetzung, deren sie bedurfte. Sie besass
zwei Zinshaeuser in Dresden, die sie gern gegen ein ihr
angebotenes Landgrundstueck verkaufen wollte, welches zu
dem Dorfe Niedersedlitz gehoerte. Dorthin hatte Fischer
seine Buchdruckerei verlegt. Auch seine Privatwohnung
lag da. Frau Ploehn bat mich, sie zur Besichtigung
dieses Grundstueckes zu begleiten, und als wir uns nun
einmal in Niedersedlitz befanden, lag der Gedanke nahe,
dies Fischer wissen zu lassen. Er lud uns nach seiner
Privatwohnung ein, und es entspann sich da eine
Verhandlung, welche am naechsten Tage zu einem Vergleiche
fuehrte.
Ich will so kurz wie moeglich sein. Fischer klagte
darueber, dass er sich durch den Kauf des Muenchmeyerschen
Geschaeftes zum "Schundverleger" degradiert habe;
er versicherte, dass er sich heraussehne, und er behauptete,
dass ich ihm dazu behilflich sein koenne wie kein Anderer.
Dieses Letztere war auch ich ueberzeugt. Er hatte die
veraenderten Romane erworben, ohne dass Frau Muenchmeyer
das Recht besass, sie ihm zu verkaufen. Wenn er
dafuer sorgte, dass ich meine Originalmanuskripte
zurueckerhielt, konnte er die Schundarbeiten fallen lassen und
an ihrer Statt meine Originale herausgeben; da war
ihm und zugleich auch mir geholfen; er war kein
Schundverleger mehr, und ich konnte beweisen, dass ich nichts
Unsittliches geschrieben hatte. Das war der Grundgedanke
des Vergleiches, und als wir ihn unterschrieben,
war ich ueberzeugt, dass aller Streit gehoben sei. Fischer
bezeugte mir damals oeffentlich in den Zeitungen, dass die
unsittlichen Stellen meiner Muenchmeyerromane _nicht_aus_
_meiner_Feder_stammen,_sondern_von_dritter_
_Hand_hineingetragen_worden_seien._
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