Books: Mein Leben und Streben
K >>
Karl May >> Mein Leben und Streben
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 | 16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22
"Fuer einen Plagiator gehalten zu werden, ist heutzutage
sehr leicht. Es darf ein Autor bloss versaeumen,
absichtlich oder unabsichtlich, die Quelle zu zitieren, der
er diese oder jene Stelle entnommen hat. Einen lieben
Freund hat Jedermann, der den gluecklich entdeckten
Plagiator an den vermeintlichen Pranger stellt. Richard
von Kralik ist unlaengst des Plagiates beschuldigt worden,
weil er -- ohne seine Schuld -- mangelhaft zitiert
worden ist. Solchen Plagiatschnuefflern moechten wir die
Ansicht Goethes ueber das Plagiat in das Gedaechtnis
rufen. Der Gegenstand des Gespraeches zwischen ihm und
Eckermann am 18. Januar 1825 waren Lord Byrons
angebliche Plagiate. Siehe "Eckermanns Gespraeche mit
Goethe", 3. Auflage Band I S. 133. Da sagte Goethe:
"Byron weiss sich auch gegen dergleichen, ihn selbst
betreffende unverstaendige Angriffe seiner eigenen Nation
nicht zu helfen; er haette sich staerker dagegen ausdruecken
sollen. _Was_da_ist,_das_ist_mein,_ haette er sagen
sollen. _Ob_ich_es_aus_dem_Leben_oder_aus_dem_
_Buche_genommen_habe,_das_ist_gleichviel;_es_
_kam_bloss_darauf_an,_dass_ich_es_richtig_gebrauchte!_
Walter Scott brauchte eine Szene aus meinem
"Egmont", und er hatte ein Recht dazu, _und_weil_es_
_mit_Verstand_geschah,_so_ist_er_zu_loben._ So
hat er auch den Charakter meiner "Mignon" in einem
seiner Romane nachgebildet, ob aber mit ebenso viel
Weisheit, ist eine andere Frage. Lord Byrons "verwandelter
Teufel" ist ein fortgesetzter Mephistopheles,
und das ist recht. Haette er aus origineller Grille
ausweichen wollen, so haette er es schlechter machen muessen.
So singt mein Mephistopheles ein Lied von Shakespeare,
und warum sollte er das nicht? Warum sollte ich mir
die Muehe geben, ein eigenes zu erfinden, wenn das von
Shakespeare eben recht war und eben das sagte, was es
sollte? Hat daher auch die Exposition meines "Faust"
mit der des "Hiob" einige Aehnlichkeit, so ist das
wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als
zu tadeln."
Soweit diese kurze Auswahl von Gewaehrsnamen.
Was haben unsere Beruehmtesten getan, ohne dass man
sie beschimpfte? Und was habe ich getan, dass man mich
als den niedrigsten aller Betrueger und Diebe behandelt?
Ich habe, ohne mir etwas dabei zu denken, einige meiner
kleinen, asiatischen Erzaehlungen mit ganz nebensaechlichen
geographischen und ethnographischen Arabesken verziert,
welche ich in Buechern fand, die laengst der Allgemeinheit
angehoeren. Das ist erlaubt. Das ist sogar mein gutes
Recht. Was aber sagt Pater Poellmann dazu? Er beschimpft
mich oeffentlich als einen _"Freibeuter_auf_
_schriftstellerischem_Gebiete,_fuer_ewige_Zeiten_das_
_Musterbeispiel_eines_literarischen_Diebes!_ Emerson,
der Beruehmtesten und Edelsten einer in Amerika,
sagt: "Der groesste Genius ist zugleich auch der groesste
Entlehner". Und Goethe sagt: "Was da ist, das ist
mein. Ob ich es aus dem Leben oder aus dem Buche
nehme, das ist gleich!" Wie haette da wohl das
entsprechende Urteil Pater Poellmanns ueber diese beiden
Heroen zu lauten? Sie haetten fuer ihn "fuer ewige Zeiten
die schlimmsten aller literarischen Bestien" zu sein, stinkend
vor Raubgier und Verworfenheit! Eine Kritik, die so
unwissend, so unerfahren, so selbstueberhebend und so
wenig masshaltend ist wie diese hier, die bildet eine
Gefahr nicht nur fuer die Literatur, sondern fuer das ganze
Volk.
Ich habe in diesen meinen "Reiseerzaehlungen" genau
so geschrieben, wie ich es mir einst vorgenommen hatte,
fuer die Menschenseele zu schreiben, fuer die Seele, nur
fuer sie allein. Und nur sie allein, fuer die es geschrieben
ist, soll es lesen, denn nur sie allein kann mich verstehen
und begreifen. Fuer seelenlose Leser ruehre ich keine Feder.
Ein Musterschriftsteller, der Mustergeschichten fuer
Musterleser schreibt, bin ich nicht und mag es auch niemals
sein und niemals werden. Haben wir es erst so weit
gebracht, dass wir nur noch Musterautoren, Musterleser
und Musterbuecher haben, dann ist das Ende da! Ich
bin so kuehn, zu behaupten, dass wir uns nicht die
vorhandenen Musterbuecher, sondern den vorhandenen Schund
zum Muster zu nehmen haben, wenn wir erreichen wollen,
was die wahren Freunde des Volkes zu erreichen streben.
Schreiben wir nicht wie die Langweiligen, die man nicht
liest, sondern schreiben wir wie die Schundschriftsteller,
die es verstehen, Hunderttausende und Millionen
Abonnenten zu machen! Aber unsere Sujets sollen edel
sein, so edel, wie unsere Zwecke und Ziele. Schreibt
fuer die grosse Seele! Schreibt nicht fuer die kleinen
Geisterlein, fuer die Ihr Eure Kraft verzettelt und
verkruemelt, ohne dass sie es Euch danken. Denn gebt Ihr
Euch noch so viel Muehe, ihren Beifall zu erringen, so
behaupten sie doch, es besser zu koennen als Ihr, obgleich
sie gar nichts koennen! Und schreibt nichts Kleines,
wenigstens nichts irdisch Kleines. Sondern hebt Eure Augen
empor zu den grossen Zusammenhaengen. Dort gibt es
zwar auch Kleines, aber hinter und in diesem Kleinen
wohnt das wahrhaft Grosse. Und wenn Ihr dabei auch
Fehler macht, so viele Fehler und so grosse Fehler wie
Karl May, das schadet nichts. Es ist besser, auf dem
Wege zur Hoehe zuweilen zu stolpern und diese Hoehe aber
doch zu erreichen, als auf dem Wege zur Tiefe nicht zu
stolpern und ihr verfallen zu sein. Oder gar erhobenen
Hauptes und stolzen Schrittes auf seinem eigenen Aequator
immer rundum zu laufen und immer wieder bei sich selbst
anzukommen, ohne ueber irgendeine Hoehe gestiegen zu
sein. Denn Berge muessen wir haben, Ideale,
hochgelegene Haltepunkte und Ziele.
Vielleicht habe ich allzuviele Ideale und Ziele und
laufe darum Gefahr, kein einziges von ihnen zu erreichen;
aber ich befuerchte nicht, dass es so ist. Was ich will und
was ich erstrebe, das habe ich bereits gesagt; ich brauche
es nicht zu wiederholen. Und ich habe schon so viele
steile Hoehen zu ueberwinden gehabt, dass ich mich unmoeglich
fuer einen jener armen Teufel halten kann, die immer
auf ihrem eigenen, ebenen Aequator bleiben. Es gibt
Leute, welche meinen Stil als Muster hinstellen; es gibt
Andere, welche sagen, ich habe keinen Stil; und es gibt
Dritte, die behaupten, dass ich allerdings einen Stil habe,
aber es sei ein ausserordentlich schlechter. Die Wahrheit
ist, dass ich auf meinen Stil nicht im Geringsten achte.
Ich schreibe nieder, was mir aus der Seele kommt, und
ich schreibe es so nieder, wie ich es in mir klingen hoere.
Ich veraendere nie, und ich feile nie. Mein Stil ist also
meine Seele, und nicht mein "Stil", sondern meine Seele
soll zu den Lesern reden. Auch befleissige ich mich keiner
sogenannten kuenstlerischen Form. Mein schriftstellerisches
Gewand wurde von keinem Schneider zugeschnitten, genaeht
und dann gar gebuegelt. Es ist Naturtuch. Ich
werfe es ueber und drapiere es nach Bedarf oder nach
der Stimmung, in der ich schreibe. Darum wirkt das,
was ich schreibe, direkt, nicht aber durch huebsche
Aeusserlichkeiten, die keinen innern Wert besitzen. Ich will nicht
fesseln, nicht den Leser von aussen festhalten, sondern ich
will eindringen, will Zutritt nehmen in seine Seele, in
sein Herz, in sein Gemuet. Da bleibe ich, denn da kann
und darf ich bleiben, weil ich weder stoerende Formen
noch stoerendes Gewand mitbringe und genauso bin, wie
mich die Seele wuenscht. Dass dies das Richtige ist, das
haben mir jahrzehntelange, schoene Erfahrungen bestaetigt.
Diese aufrichtige Natuerlichkeit muss, kann und darf ich
mir gestatten, weil ich das, was ich erreichen will, nur
allein durch sie zu bewirken vermag, weil ich an meine
Leser nicht andere oder gar hoehere kuenstlerische Ansprueche
stelle als an mich selbst und weil die Zeit, in der ich meinen
Arbeiten auch aeusserlich eine aesthetisch hoehere Form zu
geben habe, noch nicht gekommen ist. Jetzt skizziere ich
noch, und Skizzen pflegt man zu nehmen, wie sie sind.
Es gibt, die Humoresken und erzgebirgischen Dorfgeschichten
abgerechnet, in meinen Werken keine einzige
Gestalt, die ich kuenstlerisch durchgefuehrt und vollendet
hatte, selbst Winnetou und Hadschi Halef Omar nicht,
ueber die ich doch am meisten geschrieben habe. Ich bin
ja mit mir selbst noch nicht fertig, bin ein Werdender.
Es ist in mir noch Alles in Vorwaertsbewegung, und
alle meine inneren Gestalten, alle meine Sujets bewegen
sich mit mir. Ich kenne mein Ziel; aber bis ich es erreicht
habe, bin ich noch unterwegs, und alle meine Gedanken
sind noch unterwegs. Freilich hat keiner unserer
Dichter und Kuenstler, vor allen Dingen keiner unserer
grossen Klassiker, mit seinen Arbeiten gewartet, bis er
innerlich reif geworden ist, aber ich bin auch in dieser
Beziehung als Outsider zu betrachten, werde von Vielen
sogar als Outlaw oder Outcast bezeichnet und darf mir
darum noch lange nicht erlauben, was Andere sich
gestatten. Was bei Andern selbstverstaendlich ist, das ist
bei mir entweder schlecht oder laecherlich, und was bei
Andern als Grund der Entschuldigung, der Verzeihung
gilt, das wird bei mir verschwiegen. Ich habe ein
einziges Mal etwas kuenstlerisches schreiben wollen, mein
"Babel und Bibel". Was war die Folge? Es ist als
"elendes Machwerk" bezeichnet und derart mit Spott und
Hohn ueberschuettet worden, als ob es von einem Harlekin
oder Affen verfasst worden sei. Da weicht man zurueck
und wartet auf seine Zeit. Und diese kommt gewiss.
Man kann wohl literarische Hanswuerste beseitigen, nicht
aber Geistesbewegungen unterdruecken, die unbesiegbar
sind. Es faellt mir nicht ein, hier Anklagen aufzustellen,
denen doch keine Folge gegeben wuerde. Unterlassen aber
darf ich es trotzdem nicht, zur Beleuchtung des hier
beruehrten Punktes ein Beispiel anzufuehren, ein einziges,
welches so deutlich spricht, dass ich ohne Weiteres auf
alle andern Belege verzichten kann. Naemlich ein Verein,
dessen Zweck in der Anlegung von Volksbibliotheken und
Verbreitung von Buechern besteht, hat bisher jaehrlich
mehrere tausend Baende von mir vertrieben. Ploetzlich
stellte er das ein, und um Auskunft gebeten, gab die
Zentralstelle dieses Vereines folgende, in den Zeitungen
kursierende Auskunft: "Hierseits wird zwar von dem
weitern Vertrieb der Mayschen Schriften Abstand
genommen, und werden die Buecher nicht mehr durch unsere
Verzeichnisse angeboten, damit wollen wir aber nicht
sagen, dass der Inhalt der Mayschen Reiseerzaehlungen
zu verwerfen ist, und wir muten auch den Vorstaenden
unserer Vereine nicht zu, nunmehr diese Buecher aus den
Bibliotheken zu entfernen. Unsere jetzige ablehnende
Stellungnahme gilt nicht den _Schriften,_ sondern der
_Persoenlichkeit_ des Verfassers. _Sie_koennen_also_ohne_
_Bedenken_die_Baende_weiter_ausleihen."_ Das genuegt
gewiss! Meinen Buechern ist nichts anzuhaben; meine
Person aber wird an den Pranger gestellt! Warum?
Infolge jener "Mache", von der ich schon weiter oben
sprach. Denn man glaube ja nicht, dass die "Karl
May-Hetze", oder, ein wenig anstaendiger ausgedrueckt, das
"Karl May-Problem" eine literarische Angelegenheit sei.
Es handelt sich hier keineswegs um schriftstellerische oder
gar um ethische Gruende, sondern, die Sache beim richtigen
Namen genannt, um eine rein persoenliche Abschlachtung
aus moralisch ganz niedrigen, prozessualen
Gruenden. Was man da von sittlichen und journalistischen
Notwendigkeiten sagt, ist nichts als Spiegelfechterei, um
die Wahrheit zu verstecken. Wollte man hierueber einen
Roman schreiben, so koennte dieser der sensationellste aller
Kolportageromane werden, und die Hauptpersonen wuerden
folgende sein: Der Hauptredakteur a. D. Dr. Hermann
Cardauns in Bonn, die Kolporteuse a. D. Pauline Muenchmeyer
in Dresden, der Franziskanermoench Dr. Expeditus
Schmidt in Muenchen, der aus der christlichen Kirche
ausgetretene Sozialdemokrat a. D. Rudolf Lebius in
Charlottenburg, der Benediktinerpater Ansgar Poellmann in
Beuron und der Rechtsanwalt der Kolporteuse Muenchmeyer,
Dr. Gerlach in Niederloessnitz bei Dresden. Dieser
Roman wuerde fuer die Beleuchtung der gegenwaertigen
Gesetzgebung ein hoechst wichtiger sein und auch ueber andere
Verhaeltnisse, gesellschaftliche, geschaeftliche, psychologische,
ueberraschende Streiflichter werfen. Es wuerde da
viel Schmutz, sehr viel Schmutz zu sehen sein, der nichts
weniger als appetitlich ist, und so will ich, da ich ihn
auch hier zu erwaehnen und zu zeigen habe, mich bemuehen,
so schnell wie moeglich ueber ihn hinwegzukommen.
_________
VIII.
Meine Prozesse.
_____
Joergensen, den meine Leser wahrscheinlich kennen, sagt
in seiner Parabel "Der Schatten" zum Dichter: "Sie
wissen nicht, was Sie tun, wenn Sie hier sitzen und
schreiben und Ihre Seele von der Macht des Weines
und der Nacht anschwillt. Sie wissen nicht, wie viele
Menschenschicksale Sie durch eine einzige Zeile auf dem
weissen Papier umbilden, erschaffen, veraendern. Sie
wissen nicht, wie manches Menschenglueck Sie toeten, wie
manches Todesurteil Sie unterschreiben, hier, in Ihrer
stillen Einsamkeit, bei der friedlichen Lampe, zwischen den
Blumenglaesern und der Burgunderflasche. Bedenken Sie,
_dass_wir_Andern_das_leben,_was_Ihr_Dichter_
_schreibt._ Wir sind, wie Ihr uns bildet. Die Jugend
dieses Reiches wiederholt wie ein Schatten Eure Dichtung.
Wir sind keusch, wenn Ihr es seid; wir sind unsittlich,
wenn Ihr es wollt. Die jungen Maenner glauben
je nach Eurem Glauben oder Eurer Verleugnung. Die
jungen Maedchen sind zuechtig oder leichtfertig, wie es die
Weiber sind, die Ihr verherrlicht."
Joergensen hat hier vollstaendig Recht. Seine Ansicht
ist ganz die meinige. Ja, ich gehe sogar noch weit ueber
die seinige hinaus. Der Dichter und Schriftsteller hat
einen weit groessern, entweder schaffenden oder zerstoerenden,
reinigenden oder beschmutzenden Einfluss, als die meisten
Menschen ahnen. Wenn es wahr ist, was die neuere
Psychologie behauptet, naemlich "Nicht Einzelwesen, Drama
ist der Mensch", so darf man die Taetigkeit des Schriftstellers
unter Umstaenden sogar eine schoepferische, anstatt
nur eine schaffende nennen. Weil ich mir dessen wohlbewusst
bin, bin ich mir auch der ungeheuern Verantwortung
bewusst, welche auf uns Schreibenden ruht, sobald
wir zur Feder greifen. So oft ich dieses Letztere
tue, tue ich es in der aufrichtigen Absicht, als Schaffender
nur Gutes, niemals aber Boeses zu schaffen. Man kann
sich also denken, wie erstaunt ich war, als ich erfuhr,
dass ich im Verlage von H. G. Muenchmeyer "abgrundtief
unsittliche" Buecher geschrieben haben solle. Der
Ausdruck "abgrundtief unsittlich" ist von Cardauns, dessen
Eigenheit es bekanntlich ist, sich als Gegner in den
uebertriebensten Verschaerfungen zu ergehen. Bei ihm ist dann
Alles nicht nur erwiesen, sondern "zur Evidenz erwiesen",
nicht ausgesonnen, sondern "raffiniert ausgesonnen",
nicht entstellt, sondern "bis zur Unkenntlichkeit entstellt".
Darum genuegte bei diesen Muenchmeyerschen Romanen,
weil sie angeblich von mir waren, das einfache Wort
"unsittlich" nicht, sondern es war ganz selbstverstaendlich,
dass sie gleich "abgrundtief unsittlich" sein mussten.
Die erste Spur von diesen meinen "Unsittlichkeiten"
tauchte drueben in den Vereinigten Staaten auf.
Kommerzienrat Pustet, welcher da drueben Filialen besitzt,
schrieb mir von diesem Geruecht und wuenschte, dass ich
mich darueber aeussere. Das tat ich. Ich antwortete ihm,
dass ich von Unsittlichkeiten nichts wisse und die Sache
untersuchen lassen werde, wenn es sein muesse sogar
gerichtlich. Das Resultat werde ich ihm dann mitteilen.
Damit war fuer ihn die Sache abgemacht. Er war ein
Ehrenmann, ein Mann von Geist und Herz, dem es
niemals eingefallen waere, durch Hintertueren zu verkehren.
Wir hatten einander gern. Auf ihn faellt ganz gewiss
auch nicht die geringste Spur von Schuld an der
unbeschreiblich schmutzigen und widerlich leidenschaftlichen
Hetze gegen mich. Weil das Geruecht aus Amerika kam,
hatte ich zunaechst drueben zu recherchieren. Das erforderte
lange Zeit, und es war mir unmoeglich, etwas
Bestimmtes zu erfahren. Ich wusste nur, dass sich das
Geruecht auf meine Muenchmeyerschen Romane bezog,
doch fand ich Niemand, der imstande war, mir die
Kapitel oder Stellen zu bezeichnen, in denen die Unsittlichkeit
lag. Und auf ein blosses, vages Geruecht hin alle
fuenf Romane, also ungefaehr achthundert Druckbogen nach
Dingen, die ich gar nicht kannte, muehsam durchzuforschen,
dazu hatte ich keine ueberfluessige Zeit, und das war mir
auch gar nicht zuzumuten. Wer den Mut besass, mich
anzuklagen, der musste die unsittlichen Stellen genau
kennen und war verpflichtet, sie mir anzugeben. Darauf
wartete ich. Es meldete sich aber Keiner, der es tat.
Auch Pustet tat es nicht. Wahrscheinlich kannte er die
angeblichen Unsittlichkeiten ebenso wenig als ich. Leider
war ich nach einiger Zeit gezwungen, ihm meine
Mitarbeiterschaft zum zweiten Male aufzusagen. Das erste
Mal hatte ich es getan, als Heinrich Keiter noch lebte.
Dieser hatte mir eine meiner Arbeiten ganz bedeutend
gekuerzt, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Ich habe
Korrekturen und Kuerzungen nie geduldet. Der Leser soll
mich so kennen lernen, wie ich bin, mit allen Fehlern
und Schwaechen, nicht aber wie der Redakteur mich
zustutzt. Darum teilte ich Pustet mit, dass er von mir
kein Manuskript mehr zu erwarten habe. Er versuchte,
mich brieflich umzustimmen, doch vergeblich. Da kam er,
der alte Herr, persoenlich nach Radebeul. Das war
ruehrend, hatte aber auch keinen Erfolg. Er schickte dann
seinen Neffen, ganz selbstverstaendlich mit demselben
negativen Resultate, denn sie beide waren es doch nicht, die
sich an meinen Rechten vergriffen hatten. Da kam der
Richtige, Heinrich Keiter selbst. Er versprach mir, dass
es nie wieder geschehen solle, und daraufhin nahm ich
meine Absage zurueck. Man hat mir das von gewisser
Seite bis heut noch nicht vergessen. Man drueckt das
folgendermassen aus: "Heinrich Keiter hat Kotau vor
Karl May machen muessen." Ich besitze hierueber
Zuschriften aus nicht gewoehnlichen Haenden. Aber er trug
selbst die Schuld, nicht ich. Ich habe Heinrich Keiter
geachtet, wie Jedermann ihn achtete. Ich erkenne alle
seine Verdienste an, und es tut mir noch leid, dass ich
damals gezwungen war, Charakter zu zeigen. Es ging
nicht anders. Ich musste die Buchform meiner
"Reiseerzaehlungen" nach dem Texte des "Hausschatzes" drucken
lassen und durfte darum nicht zugeben, dass an meinen
Manuskripten herumgeaendert wurde.
Spaeter schrieb ich fuer Pustet meinen vierbaendigen
Roman "Im Reiche des silbernen Loewen". Ich war
grad bis zum Schluss des zweiten Bandes gelangt, da
bekam ich von befreundeten Redaktionen einen Waschzettel
des "Hausschatzes" geschickt, dessen Inhalt mich
veranlasste, meine damalige Absage zu wiederholen. Ich
telegraphierte Pustet, dass ich mitten in der Arbeit
aufhoeren muesse und kein Wort weiter fuer ihn schreiben
werde. Er musste mir sogar das in seinen Haenden befindliche,
noch ungedruckte Manuskript wieder senden, wofuer
ich ihm das darauf entfallende Honorar wiederschickte.
Ich wuerde hierueber kein Wort verlieren, wenn
mir nicht vor kurzer Zeit, allerdings von sehr unmassgeblicher
Seite, mit Enthuellungen aus jener Zeit gedroht
worden waere. Ich habe darum die Gelegenheit wahrgenommen,
hier die Wahrheit festzustellen. Und ich stelle
zugleich noch weiter fest, dass ich mit Herrn Kommerzienrat
Pustet niemals persoenlich gebrochen habe und eine
aufrichtige Freude und Genugtuung empfand, als er
nach einer Reihe von ungefaehr zehn Jahren seinen jetzigen
Hausschatzredakteur, Herrn Koeniglichen Wirklichen Rat
Dr. Otto Denk, zu mir nach Hotel Leinfelder in Muenchen
sandte, um mich zu veranlassen, wieder Mitarbeiter des
"Hausschatzes" zu werden. Ich habe ihm daraufhin den
"Mir von Dschinnistan" geschrieben.
Damit bin ich den mir gemachten Vorwuerfen der
Cardaunsschen "abgrundtiefen Unsittlichkeit" vorausgeeilt
und kehre nun zu ihnen zurueck, um dieser Angelegenheit
auf Grund und Wurzel zu gehen. Der Grund heisst
Muenchmeyer, und die Wurzel heisst ebenso. Die hierher
gehoerigen Tatsachen bilden eine ueber dreissig Jahre lange
Kette, deren Ringe logisch, geschaeftlich und juristisch
innig ineinander greifen. Das Meiste von ihnen ist
erwiesen. Einiges liegt noch in den Akten, um an das
Tageslicht gezogen zu werden. Ich bin nicht gewillt,
den laufenden Prozessen vorzugreifen, und werde also
nur diejenigen Punkte besprechen, ueber die volle Klarheit
herrscht.
Ich habe bereits gesagt, dass Muenchmeyer meine
Vorstrafen kannte. Er wusste sogar Alles, was man
hinzugelogen hatte. Er wuenschte sehr, dass ich einen
Roman hierueber schreiben moechte; ich lehnte das aber
entschieden ab. Ich habe im Kreise seiner Familie und
Bekannten meine Vergangenheit nicht verheimlicht, sondern
ganz unbefangen davon erzaehlt und meine Ansichten
ueber Verbrecher und Verbrechen, Schuld, Strafe und
Strafvollzug ausfuehrlich dargelegt. Kein einziges Glied
der Muenchmeyerschen Familie darf behaupten, nicht
davon gewusst zu haben. Auch die Arbeiter der Firma
erfuhren es, Setzer, Drucker und alle Andern, ebenso die
mitarbeitenden Schriftsteller. "May ist bestraft; er hat
gesessen," das drang bald leiser, bald lauter, aber ueberall
durch. Es ist also grundfalsch, jetzt nun von ploetzlichen
"Enthuellungen" oder gar von meiner "Entlarvung" zu
sprechen. Wer behauptet, er habe mich entlarvt, der luegt.
Wichtig ist, dass Muenchmeyer eine ganz ausgesprochene
geschaeftliche Vorliebe grad fuer bestrafte Mitarbeiter
hatte. Geht man die Schriftsteller und Schriftstellerinnen
durch, die fuer ihn geschrieben haben, so bilden die
Bestraften einen ganz bedeutenden Prozentsatz von ihnen.
Das bemerkte ich schon bald, nachdem ich bei ihm
eingetreten war. Auch Walter, sein Hauptfaktotum, von
dem er alles tun liess, was Niemand wissen durfte, war
vorbestraft. Gleich nach meiner Uebernahme der Redaktion
brachte er mir einen Wiener Postbeamten, der sich
an der Kasse vergriffen hatte, als Mitarbeiter. Als sich
aehnliche Faelle wiederholten und ich ihn nach seinen
Gruenden fragte, antwortete er: "Mit einem Schriftsteller,
der bestraft worden ist, kann man machen, was
man will, denn er fuerchtet, dass seine Vorstrafen verraten
werden." "Also auch ich?!" rief ich aus, erstaunt
ueber diese Aufrichtigkeit. "Unsinn!" entgegnete er. "Mit
Ihnen ist das etwas ganz Anderes. Wir sind Freunde!
Und Sie sind doch kein gewoehnlicher Mensch, der mit
sich machen laesst, was man will! Selbst wenn ich Sie
nicht aufrichtig lieb haette, bei Ihnen zoege man den
Kuerzern!" Er gab sich Muehe, das in mir erwachte
Misstrauen zu beseitigen, aber es wollte doch nicht ganz
verschwinden und trug auch mit dazu bei, dass ich kuendigte
und wegen des Heiratsangebotes die Redaktion aufgab.
Auch spaeter, als ich nach sechs Jahren das "Waldroeschen"
fuer ihn zu schreiben begann, tauchte dieses Bedenken
gegen ihn wieder in mir auf. Aber die Ausnahmestellung,
die er mir persoenlich und geschaeftlich bei sich
einraeumte, das Ausnahmehonorar, welches er mir zahlte,
und vor allen Dingen die Einwuerfe, die mir meine Frau
bei jeder Gelegenheit gegen mein Misstrauen machte, das
alles wirkte dahin, dass ich schliesslich zu meinem frueheren
Vertrauen zurueckkehrte.
Dass ich von meinen Muenchmeyerschen Romanen
keine Korrekturen zu lesen und also auch meine Manuskripte
nicht mehr zurueckbekam, habe ich bereits erwaehnt.
Ich konnte also nicht kontrollieren, ob der Druck mit
meinem Originalmanuskript uebereinstimmte. Doch war
mir hier so bestimmt Ehrlichkeit versprochen worden, dass
ich einen Betrug fuer ausgeschlossen hielt. Auch dass
Muenchmeyer spaeter einmal behaupten koenne, meine Romane mit
allen Rechten nicht bloss bis zum zwanzigtausendsten
Abonnenten, sondern fuer immer erworben zu haben, erschien
mir als unmoeglich, denn erstens hatte ich mir alle seine
Briefe aufgehoben, in denen er Alles, was wir schriftlich
miteinander ausgemacht hatten, nach und nach wiederholte,
und zweitens hatte ich auch noch einen andern vollgueltigen
Beweis in der Hand, dass er diese Rechte nicht fuer immer
besass. Er hatte naemlich den schriftlichen Versuch gemacht,
diese Rechte noch nachtraeglich zu erwerben. Er hatte das
durch einen Revers getan, den er mir durch jenes
vorbestrafte Faktotum Walter schickte und zur Unterschrift
vorlegen liess. Ich wies aber diesen ausserordentlich
pfiffigen Boten mit seinem Revers zurueck. Dieser Walter
war es auch, durch den ich auf meine Anfragen immer
die schriftliche oder muendliche Versicherung bekam, dass
die Zwanzigtausend noch nicht erreicht sei. Uebrigens
hatte ich nicht die geringste Sorge, weder um meine Rechte
noch um meine "feinen Gratifikationen". Meine Rechte
waren mir sicher, und Muenchmeyers standen sich jetzt in
pekuniaerer Beziehung so, dass sie, wie ich glaubte, mehr
als bloss zahlungsfaehig waren. Dass er mit schlechtgehenden
Romanen wieder verlor, was er an gutgehenden
verdiente, und dass er sich auf Wechselreitereien eingelassen
hatte, durch welche seine Kapitalkraft arg geschaedigt wurde,
davon wusste ich nichts. Ich war also ueberzeugt, ruhig
warten zu koennen und gar keine Veranlassung zu haben,
verfruehte und darum beleidigende Forderungen zu stellen.
Uebrigens war meine Frau so vollstaendig gegen alles
geschaeftliche Draengen und Treiben, dass ich nun auch um
den aeusseren haeuslichen Frieden besorgt sein musste, falls
ich gegen Muenchmeyer nicht so nachsichtig war, wie sie
wuenschte. Auch behaupten die Kolportageverleger, dass
es in ihrer Buchfuehrung viel schwieriger sei und viel
laengere Zeit erfordere, als bei andern Verlegern,
nachzuweisen, wieviel feste Abonnenten man habe. Es springen
bestaendig welche ab, und es kommen bestaendig welche
hinzu, darum hatte ich Geduld.
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 |
12 |
13 |
14 |
15 | 16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21 |
22