Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Ich schrieb damals schon einige Jahre fuer
Pustet in Regensburg, in dessen "Deutschem Hausschatz"
meine "Reiseerzaehlungen" erschienen. Die Firma Pustet
ist eine katholische und der "Deutsche Hausschatz" ein
katholisches Familienblatt. Aber diese konfessionelle
Zugehoerigkeit war mir hoechst gleichgueltig. Der Grund,
warum ich dieser hochanstaendigen Firma treugeblieben
bin, war kein konfessioneller, sondern ein rein geschaeftlicher.
Kommerzienrat Pustet liess mir naemlich schon bei
der zweiten, kurzen Erzaehlung durch seinen Redakteur
Vinzenz Mueller mitteilen, dass er bereit sei, alle meine
Manuskripte zu erwerben; ich solle sie keinem anderen
Verlag senden. Und zahlen werde er sofort. Bei laengeren
Manuskripten, die ich ihm nach und nach schicken solle, gehe
er sehr gern auf Teilzahlungen ein; so viel Seiten, so viel
Geld! Es wird wohl selten einen Schriftsteller geben, dem
ein solches Anerbieten gemacht wird. Ich ging mit Freuden
darauf ein. Rund zwanzig Jahre lang ist das Honorar,
wenn ich das Manuskript heute zur Post sandte, genau
uebermorgen eingetroffen. Ich erinnere mich keines
einzigen Males, dass es spaeter gekommen waere. Und
niemals hat es in Beziehung auf das Honorar auch nur
die geringste Differenz zwischen uns gegeben. Ich habe
nie mehr verlangt, als was vereinbart worden war, und
als Pustet es mir ploetzlich verdoppelte, tat er das aus
eigenem, freiem Entschlusse, ohne dass ich einen hierauf
bezueglichen Wunsch geaeussert hatte. Solchen Verlegern
bleibt man treu, auch ohne nach ihrem Glauben und
ihrer Konfession zu fragen.
Aber noch wertvoller als diese Puenktlichkeit war fuer
mich der Umstand, dass alle meine Manuskripte
vorausbestellt waren und sicher an- und aufgenommen wurden.
Das machte es mir moeglich, meine auf die "Reiseerzaehlungen"
bezueglichen Plaene nun endlich auszufuehren. Es
war mir nun der noetige Spaltenraum fuer lange Zeit
hinaus sichergestellt. Durch wen ich diese Erzaehlungen
dann spaeter in Buchform herausgeben wuerde, war eine
Frage, die einstweilen noch offenbleiben konnte. Es gibt
feindselige Menschen, welche behaupten, dass ich mich
nur um des Geldes willen an diesen katholischen Verlag
herangemacht habe. Das ist eine Unwahrheit, fuer deren
Gewissenlosigkeit und Verwerflichkeit ich keine Worte
finde. Ich habe ganz das Gegenteil von dem getan,
dessen man mich da beschuldigt. Ich habe dem "Deutschen
Hausschatz" und seinem Herausgeber Opfer gebracht,
von deren Groesse die Familie Pustet keine Ahnung
hatte. Vor mir liegt ein Brief, den Professor Josef
Kuerschner, der bekannte, beruehmte Publizist, mit dem ich
sehr befreundet war, am 3. Oktober 1886 an mich
schrieb. Es handelte sich um die bei Spemann in
Stuttgart erscheinende Revue "Vom Fels zum Meere",
fuer welche ich mitgearbeitet habe. Der Brief lautet wie
folgt:
"Sehr geehrter Herr!
Sie haben inzwischen schon wieder fuer andere
Unternehmungen Beitraege geliefert, waehrend Sie mich
mit dem laengst Versprochenen noch immer im Stiche
liessen. Das ist eigentlich nicht recht, und ich bitte
Sie dringend, nun Ihr Versprechen mir gegenueber
wahr zu machen. Ich will diese Gelegenheit nicht
voruebergehen lassen, ohne Sie zu fragen, ob Sie nicht
geneigt waeren, einmal einen recht packenden, fesselnden
und situationsreichen Roman zu schreiben. Ich wuerde
I h n e n in diesem Falle ein Honorar bis zu tausend
Mark pro "Fels"-Bogen zusichern koennen, wenn Sie
etwas Derartiges schreiben wuerden.
In vorzueglicher Hochachtung
Ihr ergebenster
Josef Kuerschner.
Das Honorar, welches ich von Pustet bekam, war
gegen diese tausend Mark so unbedeutend, dass ich mich
scheue, seinen Betrag hier zu nennen. Wenn ich Pustet
trotzdem vorgezogen habe, so ist das ein gewiss wohl mehr
als hinreichender Beweis, dass ich fuer den "Hausschatz"
nicht geschrieben habe, um "mehr Geld zu machen, als
ich von Andern bekam". Auch meine andern Verleger
zahlten bedeutend mehr als Pustet. Das muss ich, um
diesen boeswilligen Ausstreuungen zu begegnen, hiermit
konstatieren. Ueber den Inhalt dieser meiner
Hausschatzerzaehlungen berichte ich an anderer Stelle. Ich habe,
der Logik der Tatsachen gehorchend, mich von Pustet
zurueck zu Muenchmeyer zu wenden.
Es war ihm Jahre 1882, als ich mit meiner Frau
auf einer Erholungstour nach Dresden kam. Ich hatte
ihr Muenchmeyer so lebhaft geschildert, dass sie sich ein
ganz richtiges Bild von ihm machen konnte, obgleich sie
ihn noch nicht gesehen hatte. Sie wuenschte aber sehr,
ihn kennen zu lernen, von dem ihr auch Andere gesagt
hatten, dass er ein huebscher Kerl, ein glanzvoller Unterhalter
und fuer schoene Frauen begeistert sei. Er pflegte
in dieser Jahreszeit um die Daemmerstunde in einer
bestimmten Gartenrestauration zu verkehren. Als ich ihr
das sagte, bat sie mich, sie hinzufuehren. Ich tat es,
obgleich es mir widerstrebte, ihm diejenige zu zeigen, die ich
seiner Schwaegerin vorgezogen hatte. Ich hatte mich
nicht geirrt. Er war da. Der einzige Gast im ganzen
Garten. Die Freude, mich wiederzusehen, war aufrichtig;
das sah man ihm an. Aber gab es nicht vielleicht auch
geschaeftliche Ursachen zu dieser Freude? Er hatte gar
so zusammengedrueckt und niedergeschlagen dagesessen, den
Kopf in beide Haende gelegt. Nun aber war er ploetzlich
froh und munter. Er strahlte vor Vergnuegen. Er
machte mir in seiner Kolportageweise die unmoeglichsten
Komplimente, eine so schoene Frau zu haben, und meiner
Frau gratulierte er in denselben Ausdruecken zu dem
Glueck, einen so schnell beruehmt gewordenen Mann zu
besitzen. Er kannte meine Erfolge, uebertrieb sie aber,
um uns beiden zu schmeicheln. Er machte Eindruck auf
meine Frau, und sie ebenso auf ihn. Er begann, zu
schwaermen, und er begann, aufrichtig zu werden. Sie
sei schoen wie ein Engel, und sie solle sein Rettungsengel
werden, ja, sein Rettungsengel, den er brauche in seiner
jetzigen grossen Not. Sie koenne ihn retten, indem sie
mich bitte, einen Roman fuer ihn zu schreiben. Und nun
erzaehlte er:
Als ich aus seinem Geschaeft getreten war, hatte er
keinen passenden Redakteur fuer die von mir gegruendeten
Blaetter gefunden. Er selbst verstand nicht, zu redigieren.
Sie verloren sehr schnell ihren Wert; die Abonnenten
fielen ab; sie gingen ein. Dabei blieb es aber nicht. Es
wollte ueberhaupt nichts mehr gelingen. Verlust folgte
auf Verlust, und jetzt stand es so, dass er die Hamletfrage
Sein oder Nichtsein nicht laenger von sich weisen
konnte. Er habe soeben, in diesem Augenblick, darueber
nachgedacht, durch wen oder was er Rettung finden koenne,
doch vergeblich. Da seien wir beide gekommen, grad wie
vom Himmel geschickt. Und nun wisse er, dass er gerettet
werde, naemlich durch mich, durch einen Roman von mir,
durch meine schoene, junge, liebe, gute Herzensfrau, die
mir keine Ruhe lassen werde, bis dieser Roman in seinen
Haenden sei. Der Pfiffikus hatte sich durch diese derben
Lobeserhebungen der Mithilfe meiner unerfahrenen Frau
vollstaendig versichert. Er drang in mich, ihm seinen Wunsch
zu erfuellen, und sie bat mit. Er stellte mir klugerweise
vor, dass eigentlich nur ich schuld an seiner jetzigen schlimmen
Lage sei. Vor sechs Jahren habe alles ausserordentlich
gut gestanden; aber dass ich seine Schwaegerin nicht habe
heiraten wollen und aus der Redaktion gegangen sei, das
habe alles in das Gegenteil verwandelt. Um das wieder
gut zu machen, sei ich also moralisch geradezu verpflichtet,
ihm jetzt unter die Arme zu greifen.
Was diesen letzteren Gedanken betraf, so fuehlte ich
gar wohl, dass etwas Wahres daran sei. Man hatte
damals meine Bereitwilligkeit, die Schwester der Frau
Muenchmeyer zu heiraten, fuer so selbstverstaendlich gehalten,
dass ueberall davon gesprochen worden war. Dadurch, dass
ich den Plan zurueckwies, hatte nicht nur dieses Maedchen,
sondern auch die ganze Familie eine beinahe oeffentliche
Zuruecksetzung erlitten, an der ich zwar nicht die Schuld
trug, die mich aber geneigt machte, Muenchmeyer als Ersatz
dafuer irgend eine Liebe zu erweisen. Hierzu kam, dass
wir uns nicht gezankt hatten, sondern als Freunde
auseinander gegangen waren. Es konnte also wohl einen
geschaeftlichen, nicht aber einen persoenlichen Grund geben,
seinen Wunsch zurueckzuweisen. Aber auch in geschaeftlicher
Beziehung lag kein zwingender Grund vor, mich zu weigern.
Zeit hatte ich; ich brauchte sie mir nur zu nehmen. In
dem Umstand, dass Muenchmeyer Kolportageverleger war,
lag kein Zwang fuer mich, ihm nun auch meinerseits nichts
Anderes als nur einen Schund- und Kolportageroman zu
schreiben. Es konnte etwas Besseres sein, eine organische
Folge von Reiseerzaehlungen, wie ich sie Pustet und anderen
Verlegern lieferte. Tat ich das, so war damit zugleich
auch meinem Lebenswerke gedient, und ich konnte das,
was ich fuer Muenchmeyer schrieb, ganz ebenso spaeter fuer
mich in Baenden erscheinen lassen, wie das fuer meine
Hausschatzerzaehlungen bestimmt worden war.
Diese Erwaegungen gingen mir durch den Kopf, waehrend
Muenchmeyer und meine Frau auf mich einsprachen.
Ich erklaerte schliesslich, dass ich mich vielleicht entschliessen
koennen, den gewuenschten Roman zu schreiben, doch nur
unter der Bedingung, dass er nach einer bestimmten Zeit
mit saemtlichen Rechten wieder an mich zurueckfalle. Es
duerfe an meinem Manuskripte absolut kein Wort geaendert
werden; das wisse er ja von frueher her. Muenchmeyer
erklaerte, hierauf einzugehen, doch moege ich ihn mit dem
Honorar nicht druecken. Er sei in Not und koenne nicht
viel zahlen. Spaeter, wenn mein Roman gut einschlage,
koenne er das durch eine "feine Gratifikation" ausgleichen.
Das klang ja gut. Er bat, ihm keine Zeit zu setzen, an
welcher der Roman wieder an mich zurueckzufallen habe,
sondern lieber eine Abonnentenzahl, nach welcher, sobald
sie erreicht worden sei, er aufzuhoeren und mir meine Rechte
wiederzugeben habe. Er berechnete, dass er mit sechs- bis
siebentausend Abonnenten auf seine Rechnung komme;
was darueber hinausgehe, sei Verdienst. Darum schlug
ich vor, im Falle, dass ich den Roman schreiben werde,
solle Muenchmeyer bis zum zwanzigtausendsten Abonnenten
gehen duerfen, weiter nicht; dann habe er mir eine "feine
Gratifikation" zu zahlen, und der Roman falle mit allen
Rechten an mich zurueck. Ob ich ihn dann gegen das
entsprechende Honorar bei ihm oder bei einem anderen
Verleger weiter erscheinen lasse, sei lediglich meine Sache.
Hierauf ging Muenchmeyer sofort ein, ich aber gab meine
Zusage noch nicht definitiv; ich erklaerte, mir die Sache
erst noch reiflich ueberlegen und meine Entscheidung dann
morgen geben zu wollen.
Muenchmeyer kam schon am folgenden Morgen in unser
Hotel, um sich meinen Bescheid zu holen. Ich sagte ja,
halb freiwillig und halb gezwungen. Meine Frau hatte
nicht nachgelassen, bis ich ihr das Versprechen gab, ihm
seinen Wunsch zu erfuellen. Er bekam den Roman zu den
erwuenschten Bedingungen, naemlich nur bis zum
zwanzigtausendsten Abonnenten. Dafuer hatte er fuer die Nummer
35 Mark zu bezahlen und beim Schluss eine "feine
Gratifikation". Er gab den Handschlag. Unser Kontrakt
war also kein schriftlicher, sondern ein muendlicher. Er sagte,
wir seien beide ehrliche Maenner und wuerden einander
nie betruegen. Es klinge fuer ihn wie eine Beleidigung,
von ihm eine Unterschrift zu verlangen. Ich ging aus
zwei guten Gruenden hierauf ein. Naemlich erstens durften
nach damaligem saechsischem Gesetz bei Mangel eines
Kontrakts ueberhaupt nur tausend Exemplare gedruckt werden;
Muenchmeyer haette sich also, wenn er unehrlich sein wollte,
nur selbst betrogen; so dachte ich. Und zweitens konnte
ich mir den fehlenden schriftlichen Kontrakt sehr leicht und
unauffaellig durch Briefe verschaffen. Ich brauchte meine
Geschaeftsbriefe an Muenchmeyer sehr einfach nur so
einzurichten, dass seine Antworten nach und nach Alles
enthielten, was zwischen uns ausgemacht worden war. Das
habe ich denn auch getan und seine Antworten mir heilig
aufgehoben.
Er wuenschte sehr, dass ich mit dem Roman sofort
beginne. Ich tat ihm diesen Gefallen und kehrte schleunigst
nach Hohenstein zurueck, um unverweilt anzufangen. Meine
Frau trieb fast noch mehr als Muenchmeyer selbst. Er
hatte eine persoenliche Vorliebe fuer den nichtssagenden
Titel "Das Waldroeschen". Ich ging auch hierauf ein,
huetete mich aber, ihm sonst noch irgendwelche Konzessionen
zu machen. Schon nach einigen Wochen kamen guenstige
Nachrichten. Der Roman "ging". Dieses "ging" ist ein
Fachausdruck, welcher einen nicht gewoehnlichen Erfolg
bedeutet. Ich bekam weder Korrektur noch Revision zu
lesen, und das war mir ganz lieb, denn ich hatte keine
Zeit dazu. Beleghefte gingen mir nicht zu, weil sie mich
verzettelt haetten. Ich sollte meine Freiexemplare nach
Vollendung des Romans gleich komplett bekommen. Damit
war ich einverstanden. Freilich bekam ich dadurch keine
Gelegenheit, mein Originalmanuskript mit dem Druck zu
vergleichen, aber das machte mir keine Sorge. Es war
ja bestimmt worden, dass mir kein Wort geaendert werden
duerfe, und ich besass damals die Vertrauensseligkeit, dies
fuer genuegend zu halten.
Der Erfolg des "Waldroeschens" schien nicht nur ein
guter, sondern ein ungewoehnlicher zu werden. Muenchmeyer
zeigte sich in seinen Briefen sehr zufrieden. Er
schrieb wiederholt, dass er sich schon jetzt, nach so kurzer
Zeit fuer gerettet halte, denn er hoffe doch, dass der Roman
so zugkraeftig bleibe, wie er bis jetzt gewesen sei. Er regte
den Gedanken an, dass wir nicht in Hohenstein bleiben,
sondern nach Dresden ziehen moechten, da er mich in seiner
Naehe haben wolle. Meine Frau griff diesen Gedanken
mit Begeisterung auf und sorgte dafuer, dass er so schnell
wie moeglich ausgefuehrt wurde. Ich straeubte mich keineswegs.
Hatte ich doch waehrend der Hohensteiner Zeit mehr
und mehr an jene Warnung denken muessen, welche in dem
Buche des Katecheten zu lesen gewesen war. Ich hatte,
dieser Warnung zum Trotz, mich nicht nur an der Stelle,
an der ich geboren worden war, sesshaft niedergelassen,
sondern mir auch eine Frau von dort genommen. Ich
war fuer einige Zeit geneigt gewesen, den Inhalt dieser
Buchstelle als Aberglauben zu betrachten, sah sie aber
gar bald wieder mit dem Auge des Psychologen an und
wurde sodann durch die Schwere der Tatsachen gezwungen,
einzusehen, dass ein einzelner Schwimmer unbedingt leichter
ueber truebe Gewaesser hinueberlangt, als wenn er eine
zweite Person mitzunehmen hat, die weder schwimmen
kann noch schwimmen will. Darum war mir diese
Ortsveraenderung ganz recht, doch zog ich aus Vorsicht nicht
nach Dresden selbst, sondern nach Blasewitz, um mir
Ellbogenfreiheit zu sichern. Muenchmeyer stellte sich auch da
sofort ein, und zwar woechentlich mehrere Male. Es entwickelte
sich ein anfangs ganz foerderlicher Verkehr zwischen
ihm und uns. Ich arbeitete so, dass ich mir fast keine
Ruhe goennte. Der Roman schritt sehr schnell vorwaerts,
und sein Erfolg wuchs derart, dass Muenchmeyer mich bat,
noch einen zweiten und womoeglich noch einige weitere
zu schreiben. Ich ahnte nicht, dass meine Entscheidung
ueber diesen seinen Wunsch eine fuer mich hochwichtige sei
und dass sie mir, falls sie bejahend ausfallen sollte, zu
einer Quelle unsagbaren Elendes und unaussprechlicher
Qual werden koenne. Ich betrachtete nur die angeblichen
Vorteile, sah aber nicht die Gefahr.
Diese Gefahr entwickelte sich, wie schon einmal, aus
meinen literarischen Plaenen heraus. Muenchmeyer hatte
diese Plaene nicht vergessen; er kannte sie noch ganz gut.
Er erinnerte mich jetzt an sie. Ich hatte sie damals nicht
ausfuehren koennen, weil ich meine Stellung bei ihm aufgab.
Jetzt aber war ich kein Angestellter, sondern ein
freier Mann, der durch nichts verhindert werden konnte,
das zu tun, was ihm beliebte. Und die Hauptsache, ich
brauchte das, was ich schreiben wollte, nicht, wie bei
Pustet, auf viele Jahrgaenge auseinander zu dehnen, sondern
ich konnte es flottweg hintereinander schreiben, um das,
was jetzt als Heftroman erschien, spaeter in Buchform
herauszugeben. Das bestrickte mich. Hierzu kam das
bestaendige Zureden meiner Frau, welche die geringen Einwaende,
die ich zu erheben hatte, sehr leicht zum Schweigen
brachte. Kurz, ich gab meine Zustimmung, noch einige
Roman zu schreiben, und zwar zu ganz denselben Bedingungen
wie das "Waldroeschen". Diese Arbeiten hatten
mir also auch nach dem zwanzigtausendsten Abonnenten
mit allen Rechten wieder zuzufallen, und dann war mir
eine "feine Gratifikation" zu zahlen. Es gab nur eine
einzige Aenderung, naemlich die, dass ich fuer diese Romane
ein Honorar von fuenfzig Mark pro Heft bezog, anstatt
nur fuenfunddreissig bei dem "Waldroeschen".
Infolge dieser Abmachungen begann fuer mich von
jetzt an eine Zeit, an die ich heut nicht ohne Genugtuung,
zugleich aber auch nicht ohne tiefe Beschaemung denken
kann. Ich frage nicht, ob ich mich durch diese Aufrichtigkeit
blamiere; meine Pflicht ist, die Wahrheit zu sagen, weiter
nichts. Es war ein fast fieberhafter Fleiss, mit dem ich
damals arbeitete. Ich brauchte nicht, wie andere
Schriftsteller, muehsam nach Sujets zu suchen; ich hatte mir ja
reichhaltige Verzeichnisse von ihnen angelegt, in die ich
nur zu greifen brauchte, um sofort zu finden, was ich
suchte. Und sie alle waren schon fertig durchdacht; ich
hatte nur auszufuehren; ich brauchte nur zu schreiben.
Und dieses letztere tat ich mit einem Eifer, der mich weder
rechts noch links schauen liess, und grad das, das war
es, was ich wollte. Ich hatte einsehen muessen, dass es
fuer mich kein anderes Glueck im Leben gab, als nur das,
welches aus der Arbeit fliesst. Darum arbeitete ich, so
viel und so gern, so gern! Dieser ruhelose Fleiss ermoeglichte
es mir, zu vergessen, dass ich mich in meinem Lebensglueck
geirrt hatte und noch viel, viel einsamer lebte, als es
vorher jemals der Fall gewesen war. Dieses tiefe, innere
Verlassensein draengte mich, um die trostlose Oede auszufuellen,
zu rastlosem Fleisse und machte mich leider gleichgueltig
gegen die Notwendigkeit, geschaeftlich vorsichtig zu
sein. Es kam bei Muenchmeyer so viel vor, was mich
veranlassen konnte, auf der Hut zu sein, dass mehr als
genugsam Grund vorlag, die Zukunft und Integritaet alles
dessen, was ich fuer ihn schrieb, so sicher wie moeglich zu
stellen. Dass ich hieran nicht dachte, war ein Fehler, den
ich zwar entschuldigen, mir aber selbst heut noch nicht
verzeihen kann.
Muenchmeyer war Hausfreund bei uns geworden.
Er hatte sich in Blasewitz eine Art Garconlogis gemietet,
um seine Sonnabende und Sonntage bequemer bei uns
verbringen zu koennen. Er kam auch an Abenden der
andern Tage und brachte fast immer seinen Bruder, sehr
oft auch andere Personen mit. Er wuenschte zwar, dass
ich mich dadurch ja nicht in meiner Arbeit stoeren lassen
moege, doch konnte mich das nicht hindern, Herr meiner
Wohnung zu bleiben und dann, als mir dies nicht mehr
moeglich erschien, diese Wohnung aufzugeben und aus
Blasewitz fort, nach der Stadt zu ziehen. Meine neue
Wohnung lag in einer der stillsten, abgelegensten Strassen,
und mein neuer Wirt, ein sehr energischer Schloss- und
Rittergutsbesitzer, duldete keinen ruhestoerenden Laerm und
ueberhaupt keine Ueberfluessigkeiten in seinem Hause. Grad
das war es, was ich suchte. Ich fand da die innere und
aeussere Stille und die Sammlung, die ich brauchte.
Muenchmeyer kam noch einige Male, dann nicht mehr. Dafuer
aber stellten, ich wusste nicht, warum, sich Einladungen
von Frau Muenchmeyer ein, sie auf ihren Sonntagswanderungen
durch Wald und Heide zu begleiten. Diese
Wanderungen waren ihr vom Arzt geraten, der ihr tiefe
Lufteinatmung verordnet hatte. Ich musste mich wohl
oder uebel an ihnen beteiligen, weil dies der Wunsch
meiner Frau war, deren Gruende ich leider nicht zu wuerdigen
verstand. Sie fand sich nicht in die Abgeschiedenheit unserer
jetzigen Wohnung; sie entzweite sich mit dem Wirte. Ich
musste kuendigen. Wir zogen aus, nach einer Radauwohnung
des amerikanischen Viertels, die ueber einer Kneipe
lag, so dass ich nicht arbeiten konnte. Da wurde sie krank.
Der Arzt riet ihr sehr fruehe Spaziergaenge nach dem grossen
Garten, dem weltbekannten Dresdener Park. Solchen
aerztlichen Verordnungen hat man zu gehorchen. Es gab
fuer mich keinen Grund, diese Spaziergaenge zu verhindern,
die morgens vier bis fuenf Uhr begannen und ungefaehr
drei Stunden waehrten. Ich wusste nicht, dass Frau
Muenchmeyer auch nicht gesund war und dass auch sie
von ihrem Arzt die Weisung erhalten hatte, fruehe
Morgenspaziergaenge nach dem Grossen Garten zu machen. Erst
nach langer, sehr langer Zeit erfuhr ich, was waehrend
dieser Spaziergaenge geschehen war. Meine Frau war
mir nicht nur seelisch, sondern auch geschaeftlich verloren
gegangen. Die beiden Damen sassen tagtaeglich frueh morgens
in einer Konditorei des grossen Gartens und trieben eine
Hausfrauen- und Geschaeftspolitik, deren Wirkungen ich
erst spaeter verspuerte. Ich machte Schluss und zog von
Dresden fort, nach Koetzschenbroda, dem aeussersten Punkt
seiner Vorortsperipherie.
Schon vorher war ich mit meinem letzten Romane
fuer Muenchmeyer fertig geworden. Ich hatte ihm fuenf
geschrieben, in der Zeit von nur vier Jahren. Wenn
man spaeter vor Gericht behauptet hat, dass ich fuer Muenchmeyer
nicht fleissig, sondern faul gewesen sei, so bitte ich,
mir einen Verfasser zu nennen, der mehr geleistet und
zugleich auch noch fuer andere Verleger gearbeitet hat.
Hiermit sei fuer heut mit meiner "Kolportagezeit"
abgeschlossen. -- -- --
_________
VII.
Meine Werke.
_____
Wenn ich hier von meinen Werken spreche, so meine ich
diejenigen meiner Buecher, mit denen sich die Kritik
beschaeftigt hat oder noch beschaeftigt. Diejenigen, ueber
welche die Kritik, ob mit oder ohne Absicht, geschwiegen
hat, koennen auch hier uebergangen werden. Zu diesen
gehoeren meine Humoresken, meine erzgebirgischen
Dorfgeschichten und einige andere Sachen, die noch in den
Zeitungen verborgen liegen, ohne gesammelt worden zu
sein. Ich koennte hierzu auch noch meine "Himmelsgedanken"
rechnen, die man nicht erwaehnen zu wollen scheint, seit
es Herrn Herman [sic] Cardauns passierte, dass er sich mit
ihnen so wundersam blamierte. Er schrieb bekanntlich:
"Als lyrischen Dichter aber muessen wir uns ihn verbitten,"
obgleich sich in dieser ganzen Sammlung nicht ein einziges
lyrisches Gedicht befindet! Auch meine sogenannten "Union-
oder Spemannbaende" brauche ich hier nicht zu besprechen,
weil man sie nirgends angegriffen hat, obgleich ich nur
als Jugendschriftsteller angegriffen werde und sie die
einzigen Sachen sind, die ich fuer die Jugend geschrieben
habe. Es handelt sich also nur um die Fehsenfeldschen
"Reiseerzaehlungen" und um die bei Muenchmeyer
erschienenen "Schundromane", welch letztere im naechsten
Kapitel behandelt werden.
Meine "Reiseerzaehlungen" haben, wie bereits erwaehnt,
bei den Arabern von der Wueste bis zum Dschebel Marah
Durimeh und bei den Indianern von dem Urwald und
der Praerie bis zum Mount Winnetou aufzusteigen. Auf
diesem Wege soll der Leser vom niedrigen Anima-Menschen
bis zur Erkenntnis des Edelmenschentums gelangen.
Zugleich soll er erfahren, wie die Anima sich auf diesem
Wege in Seele und Geist verwandelt. Darum beginnen
diese Erzaehlungen mit dem ersten Bande in der "Wueste".
In der Wueste, d. i. in dem Nichts, in der voelligen
Unwissenheit ueber Alles, was die Anima, die Seele und
den Geist betrifft. Indem mein Kara Ben Nemsi, das
"Ich", die Menschheitsfrage, in diese Wueste tritt und die
Augen oeffnet, ist das Erste, was sich sehen laesst, ein
sonderbarer, kleiner Kerl, der ihm auf einem grossen
Pferde entgegengeritten kommt, sich einen langen beruehmten
Namen beilegt und gar noch behauptet, dass er Hadschi
sei, obgleich er schliesslich zugeben muss, dass er noch
niemals in einer der heiligen Staedte des Islams war, wo
man sich den Ehrentitel eines Hadschi erwirbt. Man
sieht, dass ich ein echt deutsches, also einheimisches,
psychologisches Raetsel in ein fremdes orientalisches Gewand
kleide, um es interessanter machen und anschaulicher loesen
zu koennen. Das ist es, was ich meine, wenn ich behaupte,
dass alle diese Reiseerzaehlungen als Gleichnisse, also bildlich
resp. symbolisch zu nehmen sind. Von einem Mystizismus
oder dergleichen kann dabei gar keine Rede sein.
Meine Bilder sind so klar, so durchsichtig, dass sich hinter
ihnen gar nichts Mystisches zu verstecken vermag.
Dieser Hadschi, der sich Hadschi Halef Omar nennt
und auch seinen Vater und Grossvater noch als Hadschis
hinten anfuegt, bedeutet die menschliche Anima, die sich
fuer die Seele oder gar fuer den Geist ausgibt, ohne selbst
zu wissen, was man unter Seele oder Geist zu verstehen
hat. Dies geschieht bei uns nicht nur im gewoehnlichen,
sondern auch im gelehrten Leben alltaeglich, aber man
ist derart blind fuer diesen Fehler, dass ich eben arabische
Personen und arabische Zustaende herbeiziehen muss, um
diese blinden Augen sehend zu machen. Ich schicke darum
diesen Halef gleich in den ersten Kapiteln nach Mekka,
wodurch seine Luege zur Wahrheit wird, weil er nun
wirklich Hadschi ist, und lasse ihn dann sofort seine
"Seele" kennen lernen -- -- -- Hannah [sic], sein Weib.
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