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New Philadelphia Book Publisher Highlights Local Talent
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FlatSigned Press Alleges Don Imus Remarks Damage Legacy of President Gerald R. Ford
NEW YORK, N.Y. -- Nathan Yungerberg, an accomplished model scout and professional child photographer is launching a nation-wide casting call to find the cover model for his highly anticipated book release, 'The Model Child: A Parents Guide to the Child Modeling Industry' (ISBN: 978-0-9817018-0-6).


Books: Mein Leben und Streben

K >> Karl May >> Mein Leben und Streben

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Muenchmeyer hatte es zu einer nicht unbedeutenden
Druckerei mit Setzersaal, Stereotypie usw. gebracht. Was
er herausgab, war allerdings die niedrigste Kolportage. Er
sprach von einem sogenannten "Schwarzen Buch" mit lauter
Verbrechergeschichten, von einem sogenannten "Venustempel",
der eine wahre Goldgrube sei, und von einigen anderen
Werken gleicher Art. Fuer heut aber handle es sich
um ein Wochenblatt, welches er unter dem Titel "Der
Beobachter an der Elbe" herausgebe. Gruender und
Redakteur dieses Blattes sei ein aus Berlin stammender
Schriftsteller namens Otto Freytag, ein sehr geschickter,
tatkraeftiger, aber in geschaeftlicher Beziehung hoechst
gefaehrlicher Mensch. Dieser habe sich mit ihm ueberworfen, sei
ploetzlich aus der Redaktion gelaufen, habe alle
Manuskripte mitgenommen und wolle nun ein ganz aehnliches
Blatt wie den "Beobachter an der Elbe" herausgeben,
um ihn tot zu machen. "Wenn ich nicht sofort einen
anderen Redakteur bekomme, der diesem Menschen ueber ist
und es mit ihm aufzunehmen versteht, bin ich verloren!"
schloss Muenchmeyer seinen Bericht.

"Aber wie kommen Sie da grad auf mich?" erkundigte
ich mich. "Ich bin weder Redakteur noch in irgend
einer Weise bewaehrt!"

"Das lassen Sie meine Sorge sein! Ich habe viel
von Ihnen gehoert und, vor allen Dingen, ich habe Ihre
Manuskripte gelesen. Ich kenne mich aus. Sie sind der,
den ich brauche!"

"Aber ich habe ganz andere Sachen vor, und zur
Kolportage wird mich niemand bringen!"

"Weil Sie sie nicht kennen. Man kann doch auch
Gutes mit ihr leisten. Was haben Sie denn vor?"

Ich erklaerte ihm meine Plaene. Da fing er Feuer;
er begeisterte sich fuer sie. Er gehoerte zu jenen Leuten,
die gern vom Hohen schwaermen, aber doch vom
Niedrigen leben.

"Das ist ja vortrefflich, ganz vortrefflich!" rief er
aus. "Und das koennen Sie Alles bei mir erreichen, am
besten und schnellsten bei mir!"

"Wieso?"

"Sie geben diese Sachen bei mir in Druck und machen
diesen Freytag und sein neues Blatt damit tot!"

"Das waere allerdings bequem. Aber wenn mir Ihr
,Beobachter an der Elbe' nicht gefaellt? Ich kenne ihn
ja nicht."

"So lassen wir ihn eingehen, und Sie gruenden ein
neues Blatt an seiner Stelle!"

"Was fuer eines?"

"Ganz nach Ihrem Belieben, wie es fuer Ihre Zwecke
passt!"

Ich gestehe, dass er mich durch dieses Versprechen schon
mehr als halb gewann. Das klang in Beziehung auf meine
Plaene ja fast wie ein Himmelsgeschenk! Er fuegte noch
weitere Versprechungen hinzu, durch welche er es mir leicht
machte, auf seine Wuensche einzugehen. Hierzu kamen meine
eigenen Erwaegungen. Es wurde mir hier ganz unerwartet
die praechtigste Gelegenheit geboten, den Buchdruck, die
Schriftsetzerei, die Stereotypie und alles noch hierher
Gehoerige in bequemster Weise kennenzulernen. Das hatte
fuer mich als Schriftsteller sehr hohen Wert und wurde
mir wahrscheinlich nie wieder geboten. Der Gehalt, den [sic]
Muenchmeyer mir zahlen konnte, war zwar nicht bedeutend,
aber es flossen mir ja ausserdem derartige Honorare zu,
dass ich ihn eigentlich gar nicht brauchte. Und ich war
gar nicht gebunden. Er bot mir vierteljaehrige Kuendigung
an. Ich konnte also alle drei Monate gehen, wenn es
mir nicht gefiel.

"Versuchen Sie es! Sagen Sie ja!" forderte er
mich auf, indem er mir einen Monatsgehalt hinzaehlte.

"Wann haette ich anzutreten?" fragte ich.

"Spaetestens uebermorgen. Es eilt. Dieser Freytag
darf uns nicht vorauskommen."

"Aber Sie wissen doch, dass ich bestraft bin!"

"Ich weiss Alles. Das tut aber nichts."

"Und ich stehe sogar auch unter Polizeiaufsicht!"

"Das habe ich nicht gewusst; aber auch das tut
nichts. Grad weil dies so ist, sind Sie mir der
Allerliebste! Schlagen Sie ein!"

Das klang gradezu ruehrend. Er hielt mir die Hand
hin; Vater und Mutter nickten mir bittend zu; da gab
ich ihm den Handschlag; ich war -- -- -- Redakteur.

Als ich nach Dresden kam, nahm ich mir zunaechst
ein moebliertes Logis, doch stellte mir Muenchmeyer sehr
bald mehrere Zimmer als Redaktionswohnung zur
Verfuegung, und ich kaufte mir die Moebel dazu. Ich fand
den Verlag ganz ungemein haesslich. Das "Schwarze Buch"
war geradezu empoerend verbrecherisch. Der "Venustempel"
zeigte sich als ein scheussliches, auf die niedrigste
Sinnenlust berechnetes Unternehmen mit zotenhaften
Beschreibungen und entsetzlich nackten, aufregenden
Abbildungen. Beigegeben war eine Hausapotheke fuer
Geschlechtskrankheiten, an welcher Summen verdient wurden, die
mir fast unglaublich erschienen. Diese schamlosen Hefte
und Bilder lagen ueberall umher. Die Arbeiter und
Arbeiterinnen nahmen sie mit heim. Die vier Toechter
Muenchmeyers, damals noch im Schul- und Kindesalter,
lasen und spielten mit ihnen, und als ich Frau
Muenchmeyer vor den Folgen warnte, antwortete sie: "Was
denken Sie! Das ist unser bestes Buch! Das bringt eine
Masse Geld!" Ich nahm mir vor, dies muesse entweder
anders werden oder ich wuerde ohne Kuendigung wieder
fortgehen. Was den "Beobachter an der Elbe" betrifft,
dessen Redaktion ich uebernommen hatte, so sah ich gleich
mit dem ersten Blick, dass er verschwinden muesse.
Muenchmeyer war so vernuenftig, dies zuzugeben. Wir liessen
das Blatt eingehen, und ich gruendete drei andere an
seiner Stelle, naemlich zwei anstaendige Unterhaltungsblaetter,
welche "Deutsches Familienblatt" und "Feierstunden"
betitelt waren, und ein Fach- und Unterhaltungsblatt
fuer Berg-, Huetten- und Eisenarbeiter, dem ich die
Ueberschrift "Schacht und Huette" gab. Diese drei Blaetter
waren darauf berechnet, besonders die seelischen Beduerfnisse
der Leser zu befriedigen und Sonnenschein in ihre Haeuser
und Herzen zu bringen. In Beziehung auf "Schacht und
Huette" bereiste ich Deutschland und Oesterreich, um die
grossen Firmen z. B. Hartmann, Krupp, Borsig usw. dafuer
zu interessieren, und da ein solches Blatt damals Beduerfnis
war, so erzielte ich Erfolge, ueber die ich selbst erstaunte.
Unsere Blaetter stiegen so, dass Muenchmeyer mir zu Weihnachten
ein Klavier schenkte. Sein Konkurrent Freytag gab
sich alle Muehe, hatte zwar anfaenglich auch Erfolg, musste
sein Blatt aber schon nach kurzer Zeit eingehen lassen.

In dieser Zeit der Entwicklung war es, dass Muenchmeyer
von auswaertigen Behoerden wegen der Verbreitung
des "Venustempels" angezeigt wurde. Verfasser dieses
Schand- und Schundwerkes war eben jener Otto Freytag,
der nur deshalb mit Muenchmeyer gebrochen hatte, weil
dieser ihn an dem Gewinn, den das Werk brachte, nicht
partizipieren liess. Das Buch enthielt eine luestern
geschriebene Abteilung ueber "die Prostitution", die zu
Polizeianzeigen allerdings direkt herausforderte. Es wurde
Muenchmeyer von irgend einer Seite verraten, von welcher,
das weiss ich nicht, dass eine Haussuchung nach dem
"Venustempel" stattfinden werde. Sofort begann eine fieberhafte
Ruehrigkeit, die Verluste, die hier drohten, zu verhueten.
Jedermann, dem man traute, musste helfen; mir aber
sagte man kein Wort; man schaemte sich. Es lagen
Tausende von gedruckten Exemplaren da. Man versteckte
ganze Stoesse, die bis zur Decke reichten, hinter andern
Werken. Man fuellte den Lift damit aus. Man benutzte
jede verborgene Stelle. Man schaffte eine Menge der
gefaehrdeten Buecher in die Privatwohnungen und verbarg
sie sogar unter den Betten der Kinder. Das ging so schnell
und gelang so gut, dass die Polizei, als sie sich einstellte,
kaum eine ganz geringe Nachlese fand, und noch lange
hat man sich im Muenchmeyerschen Hause des Schnippchens
geruehmt, welches damals der sonst so findigen Dresdener
Behoerde geschlagen worden sei. Ich erfuhr erst spaeter,
viel spaeter hiervon und zog meine Konsequenzen. Meines
Bleibens war hier nicht. Ich wollte aus dem Abgrund
heraus, nicht aber wieder hinunter!

Ich darf wohl sagen, dass ich in jener Zeit fleissig
gewesen bin und mir ehrliche Muehe gegeben habe, die
Muenchmeyersche Kolportage in einen anstaendigen Verlag
zu verwandeln. Muenchmeyer befreundete sich so mit mir,
dass wir wie Brueder verkehrten. Das war mir ganz lieb,
so lange er tat, was ich fuer richtig hielt. Ich begann
gleich in den ersten Nummern der drei neugegruendeten
Blaetter mit der Ausfuehrung meiner literarischen Plaene.
Ich habe bereits gesagt, dass ich in dieser Beziehung mein
Augenmerk auf die Bewohner zweier Erdhaelften, naemlich
auf die Indianer und auf die islamitischen Volker richten
wollte. Das tat ich nun hier. Ich bestimmte das "Deutsche
Familienblatt" fuer die Indianer und die "Feierstunden"
fuer den Orient. Im ersteren Blatte begann ich sofort
mit "Winnetou", nannte ihn aber einem anderen
Indianerdialekt gemaess einstweilen noch In-nu-woh. Ich war
ueberzeugt, dass diese beiden Blaetter eine Zukunft haetten,
und ich bildete mir ein, fuer eine ganze Reihe von
Jahrgaengen Redakteur bleiben zu koennen. Da gab es Raum
und Zeit genug fuer das, was ich wollte. Ganz
selbstverstaendlich schrieb ich auch fuer andere Firmen, die ich
wohl nicht zu nennen brauche, doch ohne die Absicht, mich
bei ihnen festzusetzen. Leider stellte sich meinen guten,
weit ausschauenden Absichten ganz ploetzlich ein unerwartetes
Hindernis entgegen, welches eigentlich gar nicht bestimmt
war, ein Hindernis zu sein; es sollte vielmehr eine
Anerkennung, eine Foerderung bedeuten. Man machte mir
naemlich, um mich an die Firma zu binden, den Vorschlag,
die Schwester der Frau Muenchmeyer zu heiraten. Man
lud, um dies zu erreichen, meinen Vater nach Dresden
ein. Er durfte zwei Wochen lang als Gast bei Muenchmeyers
wohnen und bekam vom Vater der Frau Muenchmeyer
die Bruederschaft angetragen. Das bewirkte grad
das Gegenteil. Ich sagte "nein" und kuendigte, denn
nun verstand es sich ganz von selbst, dass ich nicht bleiben
konnte, zumal es um diese Zeit war, dass ich ueber jenen
Streich, den man der Dresdener Polizei gespielt hatte,
das Naehere erfuhr. Nun hatten meine Plaene einstweilen
zu schweigen, doch gab ich sie nicht auf. Als das
Vierteljahr vorueber war, zog ich von Muenchmeyers fort, doch
nicht von Dresden. Die Trennung von der Kolportage
tat mir nicht im geringsten wehe. Ich war wieder frei,
schrieb einige notwendige Manuskripte und ging sodann
auf Reisen. Hierbei meine Vaterstadt beruehrend, wurde
ich als Zeuge auf das dortige Amtsgericht geladen und
erfuhr, dass Freytag, der Verfasser, und Muenchmeyer, der
Verleger des "Venustempels", wegen dieses Schandwerkes
kuerzlich bestraft worden seien. Das hatte man mir
verschwiegen. Wie froh war ich, nicht in den Bezirk dieses
Venustempels hineingeheiratet zu haben!

Nach der Heimkehr von der soeben erwaehnten Reise
hatte ich Veranlassung, eine meiner Schwestern, die in
Hohenstein verheiratet war, aufzusuchen. Ich wohnte
einige Tage bei ihr und lernte da ein Maedchen kennen,
welches einen ganz eigenartigen Eindruck auf mich machte.
Ich habe am Anfange dieses meines Buches gesagt, dass
ich die sonderbare Eigentuemlichkeit besitze, die Menschen
mehr seelisch als koerperlich vor mir zu sehen. Ob das
ein Vorzug oder ein Nachteil ist, kann nicht ich
entscheiden; aber infolge dieser meiner Eigenheit kommt es
nicht selten vor, dass ich eine haessliche Person schoen und
eine schoene haesslich finde. Die interessantesten Wesen
sind mir die, deren seelische Gestalt mir raetselhaft
erscheint, deren Konturen ich nicht erkennen kann oder deren
Kolorit ich nicht begreife. Solche Personen ziehen mich
an, selbst wenn sie abstossend wirken; ich kann nichts
dafuer. Und mit dem Maedchen, von dem ich hier spreche,
hatte es noch eine andere, ganz eigentuemliche Bewandtnis.
Naemlich als ich, vierzehn Jahre alt, Proseminarist in
Waldenburg war, ging ich eines Novembertages von dort
nach Ernstthal zu den Eltern, um meine Waesche zu holen.
Auf dem Rueckwege kam ich ueber den Hohensteiner Markt.
Da wurde gesungen. Die Kurrende stand vor einem
Hause. Es war da eine Leiche, die beerdigt werden
sollte. Ich kannte das Haus. Unten wohnte ein Mehlhaendler
und oben eine von fremdher zugezogene Persoenlichkeit,
die man bald als Barbier, bald als Feldscheer [sic], Chirurg
oder Arzt bezeichnete. Er barbierte nicht Jedermann, und es
war bekannt, dass er noch weit mehr konnte als das. Sein
Name war Pollmer. Er hatte eine Tochter, die man fuer
das schoenste Maedchen der beiden Staedte hielt; das wusste
ich. Die sollte jetzt begraben werden. Darum blieb ich
stehen. Zwei Frauen, die auch zuhoeren und zusehen
wollten, stellten sich hinter mich. Eine dritte kam hinzu,
die war vom Dorfe, sie fragte, was das fuer eine
Leiche sei.

"Pollmers Tochter," antwortete eine der beiden ersten
Frauen.

"Ach?! Dem Zahndoktor seine? Woran ist denn
die gestorben?"

"An ihrem eigenen Kinde. Besser waere es, dieses
waere tot, sie aber lebte noch. Auf so einem Kinde, an
dem die Mutter stirbt, kann niemals Segen ruhen; das
bringt Jedermann nur Unheil."

"Was ist denn der Vater?"

"Der? Es hat ja keinen!"

"Du lieber Gott! Auch das noch? Da waere es
freilich besser, der Nickel koennte gleich mitbegraben
werden!"

Jetzt hoerte der Gesang auf. Man brachte den Sarg
heraus. Der Leichenzug bildete sich. Droben am offenen
Fenster der Wohnstube erschien eine weibliche Person,
welche etwas auf den Armen trug. Das war das Kind,
der "Nickel", der seine eigene Mutter getoetet hatte und
Jedermann Unheil brachte! Ich verstand von dem allem
nichts. Was weiss ein vierzehnjaehriger Junge von den
Vorurteilen dieser Art von Menschen! Aber als der
Leichenzug an mir vorueber war, und ich meinen Weg
fortsetzte, nahm ich Etwas mit, was mich spaeter noch
oft beschaeftigte, naemlich die Frage, warum man sich vor
einem Kinde, welches keinen Vater hat und schuld an
dem Tode seiner Mutter ist, in Acht nehmen muss. Ich
glaubte infolge meiner Jugend und Unerfahrenheit an
das, was die alten Weiber gesagt hatten, und fuehlte eine
Art von Grauen, so oft ich an dieses Leichenbegraebnis
und an den unglueckseligen "Nickel" dachte. Sobald ich
spaeter ueber den Hohensteiner Markt kam, schaute ich
ganz unwillkuerlich nach dem betreffenden Fenster in der
Oberstube des Mehlhaendlerhauses. Nach Verlauf einer
Reihe von Jahren sah ich einmal den Kopf eines Kindes,
eines Maedchens, herausschauen. Ich blieb fuer einen
Augenblick stehen, um das Gesicht zu betrachten. Es
war nichtssagend und hatte weder etwas Wohltuendes
noch etwas Fuerchterliches an sich. Spaeter begegnete ich
einmal auf der Gasse einem stark gebauten, hochgewachsenen
Manne, der ein ungefaehr zwoelfjaehriges Maedchen
an der Hand fuehrte. Das war der alte Pollmer mit
seinem "Nickel". Der Alte sah sehr ernst, das Kind
aber recht munter und freundlich aus; es hatte gar
nichts an sich, was verriet, "dass seine Mutter an ihm
gestorben war". Dann habe ich es noch verschiedene
Male gesehen, als angehenden Backfisch, bleich, lang
aufgeschossen, ueberaus schmal, ganz uninteressant, ein
vollstaendig gleichgueltiges Wesen. Nie haette ich gedacht, dass
dieses Maedchen jemals in meinem Leben eine wenn auch
nur unbedeutende Rolle spielen koenne. Und nun ich jetzt
bei meiner Schwester wohnte, wurden mir bei einer ihrer
Freundinnen einige junge Maedchen vorgestellt, unter
denen sich auch ein "Fraeulein Pollmer" befand. Das
war der "Nickel"; aber er sah ganz anders aus als
frueher. Er sass so still und bescheiden am Tisch,
beschaeftigte sich sehr eifrig mit einer Haekelei und sprach
fast gar kein Wort. Das gefiel mir. Dieses Gesicht
erroetete leicht. Es hatte einen ganz eigenartigen,
geheimnisvollen Augenaufschlag. Und wenn ein Wort ueber
die Lippen kam, so klang es vorsichtig, erwaegend, gar
nicht wie bei andern Maedchen, die Alles grad so
herausschwatzten, wie es ihnen auf die Zunge laeuft. Das gefiel
mir sehr. Ich erfuhr, dass ihr Grossvater, naemlich
Pollmer, meine "Geographischen Predigten" gelesen hatte
und sie immer wieder las. Das gefiel mir noch mehr.
Sie erschien mir von ihren Freundinnen ganz verschieden.
Hinter den Gestalten der Letzteren sah ich keine Spur
von Geist und nur einen Hauch von Seele. Hinter der
Pollmer aber lag psychologisches Land, ob Hoch- oder
Niederland, ob Wueste oder Fruchtbarkeit, das konnte ich
nicht unterscheiden, aber Land war da; das sah ich
deutlich, und es entstand der Wunsch in mir, dieses Land
kennen zu lernen. Dass sie nicht aus einer wohlhabenden
oder gar vornehmen Familie stammte, konnte mich nicht
verhindern, ich war ja selbst auch nur ein armer
Webersohn und eigentlich viel weniger als das.

Am naechsten Tage kam ihr Grossvater zu mir. Sie
hatte ihm von mir erzaehlt und in ihm den Wunsch
erweckt, mich nach der Lektuere meiner "Predigten" nun
auch persoenlich kennen zu lernen. Er schien von mir
befriedigt zu sein, denn er forderte mich auf, nun auch
ihn zu besuchen. Ich tat es. Es entwickelte sich ein
Verkehr zwischen uns, der dann, als ich meinen Besuch
beendet hatte und wieder nach Dresden ging, sich aus
einem persoenlichen in einen schriftlichen verwandelte.
Aber Pollmer schrieb nicht gern. Die Briefe, die ich
bekam, waren von der Hand seiner Enkeltochter. Wer
haette jemals gedacht, dass ich mit dem "Nickel", der Einem
"nur Unheil bringt", in Korrespondenz treten wuerde!

Ihre Zuschriften machten einen ausserordentlich guten
Eindruck. Sie sprach da von meinem "schoenen,
hochwichtigen Beruf", von meinen "herrlichen Aufgaben", von
meinen "edlen Zielen und Idealen". Sie zitierte Stellen
aus meinen "Geographischen Predigten" und knuepfte
Gedanken daran, deren Trefflichkeit mich erstaunte. Welch
eine Veranlagung zur Schriftstellersfrau! Zwar kam es
mir zuweilen so vor, als ob nur ein maennlicher Verfasser,
und zwar ein sehr gebildeter, solche Briefe schreiben
koenne, aber es war mir nicht moeglich, sie eines solchen
Betruges fuer faehig zu halten. Meine Schwester schrieb
mir auch. Sie floss vom Lobe "Fraeulein Pollmers" ueber
und lud mich fuer die Weihnachtsferien ein, sie wieder zu
besuchen. Ich tat es. Ich vergass, dass grad die
Weihnachtszeit mir selten freundlich gesinnt gewesen ist und
dass ich vor der Stelle, an der ich geboren wurde,
gewarnt worden bin. Diese Weihnacht entschied ueber
mich, wenn ich mich auch nicht sofort verlobte. Ich hatte
ja Zeit. Diese Zeit verbrachte ich meist auf Reisen, bis
ich mich zu Pfingsten wieder in der Heimat einstellte,
um das Seelenstudium des "Nickels", der nun "mein
Nickel" werden sollte, weiter fortzusetzen. Aber es kam
nicht zu dieser Fortsetzung, sondern gleich zu einer
Entscheidung, wie sie sonst nur auf der Buehne zu sein
pflegt. Naemlich als Pollmer erfuhr, dass ich wieder da
sei, besuchte er mich und lud mich zu sich zum
Mittagessen ein. Er war laengst Witwer, und seine Familie
bestand nur aus ihm und seiner Enkeltochter. Ich wusste,
dass er sich ueberall nur hoechst lobend ueber mich aussprach,
und dass meine Vorstrafen ihn ganz und gar nicht hinderten,
mich fuer einen guten, vertrauenswuerdigen Menschen
zu halten. Aber ich wusste auch, dass er sein Enkelkind
fuer das schoenste und wertvollste Wesen der ganzen
Umgegend hielt und dass er ganz maerchenhafte Gedanken
in Beziehung auf dessen Verheiratung hatte. Er war
der Ansicht, dass solche strahlende Beautes der groesste
Reichtum ihrer Familie seien und nur moeglichst reich
und vornehm verheiratet werden duerfen. Ganz selbstverstaendlich
konnte diese seine Meinung nicht ohne Einfluss
auf seine Enkeltochter geblieben sein; das bemerkte
ich sehr wohl; und vielleicht war es die hoechste Zeit, sie
diesem Einflusse zu entziehen. Ich antwortete darum,
als er mich bat, heut bei ihm zu Mittag zu essen:

"Sehr gern, doch nur unter der Bedingung, dass ich
nicht nur Ihretwegen, sondern auch um Ihrer Tochter
willen kommen darf."

Er horchte ueberrascht auf.

"Um Emmas willen?" fragte er.

"Ja."

"Wie meinen Sie das? Haben Sie Absichten auf
sie? Wollen Sie sie etwa heiraten?"

"Allerdings."

"Alle Wetter! Davon weiss ich kein Wort! Das ist
aber doch wohl nur Ihre Absicht! Was sagt denn sie
dazu?"

"Sie ist einverstanden."

Da sprang er von dem Stuhle auf, wurde tiefrot
im Gesicht und rief aus:

"Daraus wird nichts, nichts, nichts! Meine Tochter
ist nicht dazu geboren und nicht dazu erzogen, dass sie
sich mit einem armen Teufel durch das Leben schindet!
Die kann andere Maenner kriegen. Die soll mir keinen
Schriftsteller heiraten, der, wenn es gut geht, nur von
seiner Beruehmtheit und nur vom Hunger lebt!"

"Denken Sie dabei etwa auch mit an meine Vorstrafen?"
fragte ich. "Das wuerde ich gelten lassen!"

"Unsinn! Das kuemmert mich nicht. Es laufen
Hunderttausende in der Freiheit herum, die in das
Zuchthaus gehoeren! Nein, das ist es nicht. Ich habe ganz
andere Gruende. Sie bekommen meine Tochter nicht!"

Er rief das sehr laut aus.

"Oho!" antwortete ich.

"Oho? Hier gibt es kein Oho! Ich wiederhole
Ihnen, Sie bekommen meine Tochter nicht!"

Er stampfte bei jedem dieser Worte, um ihren Eindruck
zu verstaerken, mit dem Spazierstock auf den Boden.
Es juckte mir foermlich in der Hand, sie ihm auf die
Achsel zu legen und ihm lachend zu sagen: "Gut, so behalten
Sie sie!" Aber dagegen baeumte sich das vaeterliche
Erbteil in mir auf, der zaehe, unbedachte Zorn, der
niemals das Richtige tut. Ich brauste nun auch auf:

"Wenn ich sie nicht bekomme, so nehme ich sie mir!"

"Versuchen Sie das!"

"Ich werde es nicht nur versuchen, sondern ich werde
es tun, wirklich tun!"

Da lachte er.

"Sie werden sich nicht zu mir wagen. Ich verbitte
mir von jetzt an jeden Besuch!"

"Das versteht sich ganz von selbst. Aber ich sage
Ihnen im voraus: Sie werden seiner Zeit persoenlich zu
mir kommen und mich bitten, Sie zu besuchen. Jetzt
aber leben Sie wohl!"

"Ich Sie bitten? Nie, nie, niemals!"

Er ging. Ich aber schrieb drei Zeilen und schickte
sie seiner Tochter. Die lauteten: "Entscheide zwischen
mir und Deinem Grossvater, Waehlst Du ihn, so bleib;
waehlst Du mich, so komm sofort nach Dresden!" Dann
reiste ich ab. Sie waehlte mich; sie kam. Sie verliess
den, der sie erzogen hatte und dessen einziges Gut sie
war. Das schmeichelte mir. Ich fuehlte mich als Sieger.
Ich tat sie zu einer Pfarrerswitwe, die zwei erwachsene,
hochgebildete Toechter besass. Durch den Umgang mit
diesen Damen wurde es ihr moeglich, sich Alles, was sie
noch nicht besass, spielend anzueignen. Von da aus bekam
sie Gelegenheit, eine selbstaendige Wirtschaft fuehren
zu koennen. Auch ich arbeitete mit gutem, ja mit sehr
gutem Erfolg. Ich wurde bekannt und bezog sehr anstaendige
Honorare. Ich hatte mit meinen "Reiseerzaehlungen"
begonnen, die sofort in Paris und Tours auch
in franzoesischer Sprache erschienen. Das sprach sich
herum; das imponierte sogar dem "alten Pollmer". Er
hoerte von Kennern, dass ich im Begriff stehe, ein
wohlhabender, vielleicht gar ein reicher Mann zu werden. Da
schrieb er an seine Tochter. Er verzieh ihr, dass sie ihn
um meinetwillen verlassen hatte, und forderte sie auf,
nach Hohenstein zu kommen, ihn zu besuchen, mich aber
mitzubringen. Sie erfuellte ihm diesen Wunsch, und ich
begleitete sie. Aber ich ging nicht zu ihm, sondern nach
Ernstthal zu meinen Eltern. Er schickte nach mir; ich
aber antwortete, er wisse wohl, was ich ihm vorausgesagt
habe. Wenn er mich bei sich haben wolle, muesse
er persoenlich kommen, mich einzuladen. Und er kam!

Ich fuehlte mich wieder als Sieger. Wie toericht
von mir! Hier hatte nicht ich, sondern nur die Erwaegung
gesiegt, dass ich es wahrscheinlich zu einem Vermoegen
bringen werde, und es gab sogar die Gefahr fuer mich,
dass diese Erwaegung nicht allein vom Grossvater getroffen
worden war. Uebrigens bat er sie, bis zu unserer
Verheiratung bei ihm in Hohenstein zu bleiben. Ich hatte
nichts dagegen und gab mein Logis in Dresden auf, um
bei den Eltern in Ernsttal zu wohnen. Es war damals
eine Zeit ganz eigenartiger innerer und aeusserer
Entwicklungen fuer mich. Ich schrieb und machte Reisen.
Von einer dieser Reisen zurueckgekehrt, erfuhr ich, kaum
aus dem Kupee gestiegen, dass heute nacht der "alte Pollmer"
gestorben sei; der Schlag hatte ihn getroffen. Ich
eilte nach seiner Wohnung. Man hatte mir zuviel
gesagt. Er war nicht tot; er lebte noch, er konnte aber
weder sprechen noch sich bewegen. Sein Enkelkind sass
in einer seitwaerts liegenden Stube bei einer klingenden
Beschaeftigung. Sie hatte nach seinem Gelde gesucht und
es gefunden. Es war nicht viel; ich glaube kaum
zweihundert Mark. Ich zog sie davon fort, zu dem Kranken
hinueber. Er erkannte mich und wollte reden, brachte es
aber nur zu einem unartikulierten Lallen. Aus seinem
Blicke sprach eine ungeheure Angst. Da kam der behandelnde
Arzt. Er hatte ihn schon gleich frueh am Morgen
untersucht, tat dies jetzt wieder und gab uns den Bescheid,
dass alle Hoffnung vergeblich sei. Als er sich entfernt
hatte, glitt die Tochter des Sterbenden vor mir
nieder und bat mich, sie ja nicht zu verlassen. Ich
versprach es ihr und habe Wort gehalten. Ich habe sogar
noch mehr getan. Ich habe ihren Wunsch erfuellt, in
Hohenstein wohnen zu bleiben. Wir mieteten uns eine
Etage des oberen Marktes und haetten da unendlich gluecklich
leben koennen, wenn uns ein solches Glueck beschieden
gewesen waere.

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