Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Der Morgen graute. Ich ging den Leichenweg hinab,
ueber den Markt hinueber und oeffnete leise die Tuer unseres
Hauses, stieg ebenso leise die Treppe hinauf nach der
Wohnung und setzte mich dort an den Tisch. Das tat ich ohne
Absicht, ohne Willen, wie eine Puppe, die man am
Faden zieht. Nach einiger Zeit oeffnete sich die
Schlafkammertuer. Mutter trat heraus. Sie pflegte sehr zeitig
aufzustehen, ihres Berufes wegen. Als sie mich sah,
erschrak sie. Sie zog die Kammertuer schnell hinter sich
zu und sagte aufgeregt, aber leise:
"Um Gotteswillen! Du? Hat jemand dich kommen
sehen?"
"Nein," antwortete ich.
"Wie siehst du aus! Schnell wieder fort, fort, fort!
Nach Amerika hinueber! Dass man dich nicht erwischt!
Wenn man dich wieder einsperrt, das ueberlebe ich nicht!"
"Fort? Warum?" fragte ich.
"Was hast du getan; was hast du getan! Dieses
Feuer, dieses Feuer!"
"Was ist es mit dem Feuer?"
"Man hat dich gesehen! Im Steinbruch -- -- im
Walde -- -- auf dem Felde -- -- und gestern auch bei
dem Haus, bevor es niederbrannte!"
Das war ja entsetzlich, geradezu entsetzlich!
"Mut -- -- ter! Mut -- -- ter!" stotterte ich. "Glaubst
du etwa, dass -- -- --"
"Ja, ich glaube es; ich muss es glauben, und Vater
auch," unterbrach sie mich. "Alle Leute sagen es!"
Sie stiess das hastig hervor. Sie weinte nicht, und
sie jammerte nicht; sie war so stark im Tragen innerer
Lasten. Sie fuhr in demselben Atem fort:
"Um Gottes willen, lass dich nicht erwischen, vor
allen Dingen nicht hier bei uns im Hause! Geh, geh!
Ehe die Leute aufstehen und dich sehen! Ich darf nicht
sagen, dass du hier warst; ich darf nicht wissen, wo du
bist; ich darf dich nicht laenger sehen! Geh also, geh!
Wenn es verjaehrt ist, kommst du wieder!"
Sie huschte wieder in die Kammer hinaus, ohne mich
beruehrt zu haben und ohne auf ein ferneres Wort von
mir zu warten. Ich war allein und griff mir mit beiden
Haenden nach dem Kopfe. Ich fuehlte da ganz deutlich
die dicke Lehm- und Haeckselschicht. Dieser Mensch, der
da stand, war doch nicht etwa ich? An den die eigene
Mutter nicht mehr glaubte? Wer war der Kerl, der in
seiner schmutzigen, verknitterten Kleidung aussah, wie ein
Vagabund? Hinaus mit ihm, hinaus! Fort, fort!
Ich habe noch so viel Verstand gehabt, den
Kleiderschrank zu oeffnen und einen andern, saubern Anzug
anzulegen. Dann bin ich fortgegangen. Wohin? Die
Erinnerung laesst mich im Stich. Ich war wieder krank
wie damals. Nicht geistig, sondern seelisch krank. Die
inneren Gestalten und Stimmen beherrschten mich
vollstaendig. Wenn ich mir Muehe gebe, mich auf jene Zeit
zu besinnen, so ist es mir wie Einem, der vor fuenfzig
Jahren irgend ein Theaterstueck gesehen hat und nach
dieser Zeit noch wissen soll, was von Augenblick zu
Augenblick geschah und wie die Kulissen sich verwandelten.
Einzelne Bilder sind mir geblieben, doch so undeutlich,
dass ich nicht behaupten kann, was wahr daran ist und
was nicht. Ich habe in jener Zeit jenen dunklen Gestalten
gehorcht, welche in mir wohnten und mich beherrschten.
Was ich getan habe, erscheint jedem Unbefangenen
unglaublich. Man beschuldigte mich, einen
Kinderwagen gestohlen zu haben! Wozu? Ein leeres
Portemonnaie mit nur drei Pfennigen Inhalt! Anderes
ist schon glaublicher und Einiges direkt erwiesen. Man
hatte mich festgenommen, und wo Etwas geschehen war,
da transportierte man mich als "hoffentlichen Taeter" hin.
Das war eine hochinteressante Zeit fuer die Habitues der
Ernsttaler Luegenschmiede. Da wurde fast taeglich Neues
erzaehlt oder Altes variiert, was ich begangen haben sollte.
Jeder Vagabund, der in den Ortsbereich dieser Maerchen
kam, legte sich meinen Namen bei, um auf meine Rechnung
hin zu suendigen. Das war selbst fuer einen aeusserlich
und innerlich Gefangenen zuviel. Ich zerbrach
waehrend eines Transportes meine Fesseln und verschwand.
Wohin, das beabsichtige ich, im zweiten Bande, in dem
ich von meinen Reisen erzaehle, ausfuehrlich zu berichten.
Fuer jetzt ist nur dasselbe wie frueher zu erwaehnen, naemlich,
dass ich seelisch um so freier wurde, je weiter ich mich
von der Heimat entfernte, dass mich draussen in der Ferne
ein unwiderstehlicher Trieb zur Heimkehr packte und dass
ich innerlich wieder um so freier wurde, je mehr ich mich
der Gegend meines Geburtsortes naeherte. Gibt es
Jemand, der das zu ergruenden vermag? Ich folgte teils
jenem unbegreiflichen Zwange, teils kehrte ich freiwillig
zurueck, und zwar um meiner guten Plaene und um meiner
Zukunft willen. Hatte ich gesuendigt; so hatte ich zu buessen;
das verstand sich ganz von selbst. Und bevor diese Busse
nicht erledigt war, konnte es fuer mich keine erspriessliche
Arbeit und keine Zukunft geben. Ich kehrte also nach
fuenf Monaten wieder heim, um mich dem Gericht zu
stellen, tat dies aber leider nicht stracks, wie es richtig
gewesen waere, sondern verfiel jenen inneren Gewalten,
die sich wieder einstellten und mich verhinderten, zu tun,
was ich mir vorgenommen hatte. Die Folge davon war,
dass ich, anstatt mich freiwillig zu stellen, ergriffen wurde.
Das verschaerfte meine Lage derart, dass ich die Strenge
des Richters, der mein Urteil faellte, vollstaendig begreife.
Umso weniger aber ist der Rechtsanwalt zu begreifen,
der mir von Gerichts wegen als Verteidiger gestellt
wurde. Er hat mich nicht verteidigt, sondern belastet,
und zwar in der schlimmsten Weise. Er bildete sich ein,
bei dieser billigen Gelegenheit Kriminalpsychologie treiben
zu koennen oder treiben zu sollen, und doch fehlte ihm
nicht mehr als Alles, was noetig ist, um eine solche
Aufgabe auch nur einigermassen zu loesen. Ich haette gar
wohl leugnen koennen, gab aber Alles, dessen man mich
beschuldigte, glattweg zu. Das tat ich, um die Sache
um jeden Preis los zu werden und so wenig wie moeglich
Zeitverlust zu erleiden. Dieser Advokat war unfaehig, mich
oder ueberhaupt ein nicht ganz alltaegliches Seelenleben
zu begreifen. Das Urteil lautete auf 4 Jahre Zuchthaus
und zwei Jahre Polizeiaufsicht. So schwer es mir faellt,
dies fuer die Oeffentlichkeit niederzuschreiben, ich kann mich
nicht davon entbinden; es muss so sein. Nicht mich bedaure
ich, sondern meine armen, braven Eltern und Geschwister,
welch erstere mir noch im Grabe leid tun, dass
ihr Sohn, auf den sie so grosse, vielleicht nicht ganz
unberechtigte Hoffnungen setzten, durch die unendliche
Grausamkeit der Tatsachen und Verhaeltnisse gezwungen
ist, derartige Gestaendnisse zu machen.
Es kann mir nicht einfallen, die Missetaten, die mir
vorgeworfen werden, hier aufzuzaehlen. Mein Henker,
Schinder und Abdecker zu sein, ueberlasse ich jener
abgrundtiefen Ehrlosigkeit, die mich vor nun zehn Jahren an
das Kreuz geschlagen und waehrend dieser Zeit keinen
Augenblick lang aufgehoert hat, immer neue Qualen fuer
mich zu ersinnen. Sie mag in diesen Faekalienstoffen
weiterwuehlen, zum Entzuecken aller jener niedern
Lebewesen, denen diese Stoffe Lebensbedingungen sind. Und
ebensowenig bin ich gewillt, mit dieser meiner jetzigen
Gefangenschaft Sensation zu treiben. Ich habe schlicht
und einfach ueber sie zu berichten, die Wahrheit zu sagen
und mich dann zu beeilen, diesem vermeintlichen Abgrund,
der aber ganz und gar kein Abgrund ist, fuer immer Valet
zu sagen.
Meine Strafe war schwer und lang, und der auf
zwei Jahre Polizeiaufsicht lautende Zusatz konnte mir
bei meiner Einlieferung keineswegs als Empfehlung dienen.
Ich war also auf strenge Behandlung gefasst. Sie war
ernst, aber sie tat nicht weh. Eine Anstaltsdirektion
handelt ganz richtig, wenn sie sich nicht voreingenommen
zeigt, sondern ruhig abwartet, ob und wie der Eingelieferte
sich fuegt. Nun, ich fuegte mich! Freilich wurde fuer dieses
Mal auf meinen Stand keine Ruecksicht genommen. Man
teilte mich derjenigen Beschaeftigung zu, in der grad
Arbeiter gebraucht wurden. Ich wurde Zigarrenmacher.
Ich bat, isoliert zu werden; man gestattete es mir. Ich
habe vier Jahre lang dieselbe Zelle bewohnt und denke
noch heut mit jener eigenartigen, dankbaren Ruehrung an
sie zurueck, welche man stillen, nicht grausamen
Leidensstaetten schuldet. Auch die Arbeit wurde mir lieb. Sie
war mir hochinteressant. Ich lernte alle Arten von Tabak
kennen und alle Sorten von Zigarren fertigen, von der
billigsten bis zur teuersten. Das taegliche Pensum war
nicht zu hoch gestellt. Es kam auf die Sorte, auf den
guten Willen und auf die Geschicklichkeit an. Als ich
einmal eingeuebt war, brachte ich mein Pensum spielend
fertig und hatte auch noch stunden- und halbe Tage lang
uebrige Zeit. Diese Zeit fuer mich verwenden zu duerfen,
war mein innigster Wunsch, und der wurde mir eher,
viel eher erfuellt, als ich es fuer moeglich hielt.
Ich betone hier ein fuer allemal, dass es fuer mich keinen
Zufall gibt. Das weiss ein jeder meiner Leser. Fuer
mich gibt es nur eine Fuegung. So auch in diesem Falle.
Die Anstaltskirche in Waldheim hatte eine protestantische
und eine katholische Gemeinde. Der katholische Katechet
(Anstaltslehrer) fungierte waehrend des katholischen
Gottesdienstes als Organist. Nun war er aber im Laufe der
Zeit so mit neuen Pflichten und vieler Arbeit ueberbuerdet
worden, dass er fuer das Orgelspiel einen Stellvertreter
suchen musste, zumal er bei Verhinderung des Geistlichen
die Predigt vorzulesen hatte und also nicht auch
noch die Orgel uebernehmen konnte. Die Direktion billigte
ihm zu, sich einen Vertreter unter den Gefangenen zu
suchen. Er tat es. Es gab eine ganze Anzahl bestrafter
Lehrer unter den Gefangenen. Sie wurden geprueft.
Warum keiner von ihnen genommen wurde, das weiss
ich nicht. Sie waren alle laenger da, als ich, hatten
also Zeit gehabt, sich das Vertrauen zu erwerben, welches
zur Bekleidung einer solchen Stelle gehoert. Ich aber war
mit nichts weniger als guten Attesten eingeliefert, konnte
der zukuenftigen Polizeiaufsicht unmoeglich entgehen und
hatte noch keine Zeit gefunden, zu zeigen, dass ich trotzdem
Vertrauen verdiente. Hier liegt die Ursache fuer mich,
keinen Zufall, sondern eine Schickung anzunehmen. Der
Katechet kam in meine Zelle, unterhielt sich eine Weile
mit mir und ging dann fort, ohne mir etwas zu sagen.
Einige Tage spaeter kam auch der katholische Geistliche.
Auch er entfernte sich nach kurzer Zeit, ohne dass er sich
ueber den Grund seines Besuches aeusserte. Aber am
naechsten Tage wurde ich in die Kirche gefuehrt, an die
Orgel gesetzt, bekam Noten vorgelegt und musste spielen.
Die Herren Beamten sassen unten im Schiff der Kirche
so, dass ich sie nicht sah. Bei mir war nur der Katechet,
der mir die Aufgaben vorlegte. Ich bestand die Pruefung
und musste vor dem Direktor erscheinen, der mir eroeffnete,
dass ich zum Organisten bestellt sei und mich also sehr
gut zu fuehren habe, um dieses Vertrauens wuerdig zu
sein. Das war der Anfang, aus dem sich so sehr viel
fuer mich und mein Innenleben entwickelte.
Ich, der Protestant, Orgelspieler in einer
katholischen Kirche! Das brachte mir zunaechst einige
Bewegungsfreiheiten innerhalb der Anstaltsgebaeude. Man
konnte mir doch keinen Aufseher mit an die Orgel stellen!
Aber es brachte mir noch mehr, naemlich Achtung und
diejenige Ruecksichtnahme, nach der ich in Beziehung auf
gewisse Aeusserlichkeiten strebte. Der Aufseher unserer
Visitation war ein stiller, ernster Mann, der mir sehr
wohlgefiel; als er im Meldebuch las, dass ich katholischer
Organist geworden sei, kam er verwundert in meine Zelle,
um mich zu fragen, ob vielleicht in meinen Einlieferungsakten
ein Versehen unterlaufen sei; da sei ich als
evangelisch-lutherisch bezeichnet. Ich verneinte das Versehen.
Da sah er mich gross an und sagte:
"Das ist noch gar nicht dagewesen! Da musst
du -- -- -- hm, da muessen Sie sehr musikalisch sein!"
Die Gefangenen werden natuerlich "Du" genannt;
von jetzt an aber sagte er "Sie", und Andere taten ihm
das nach. Das war eine scheinbar kleine, aber trotzdem
sehr wertvolle Errungenschaft, weil aus ihr vieles Andere
folgerte. Bald stellte sich zu meiner freudigen
Ueberraschung heraus, dass mein Aufseher der Dirigent des
Blaeserkorps war. Ich erzaehlte ihm von meiner
musikalischen Beschaeftigung in Zwickau. Da brachte er mir
schleunigst Noten, um mir eine Probeaufgabe zu erteilen.
Ich bestand auch diese Pruefung, und von nun an war
dafuer gesorgt, dass ich nicht verhindert wurde, in meiner
freien Zeit nach meinen Zielen zu streben. Dieser Aufseher
ist mir ein lieber, vaeterlicher Freund gewesen, und
wir haben, als er spaeter pensioniert war und nach Dresden
zog, noch lange in lieber, achtungsvoller Weise mit
einander verkehrt.
Der katholische Katechet hiess Kochta. Er war nur
Lehrer, ohne akademischen Hintergrund, aber ein
Ehrenmann in jeder Beziehung, human wie selten Einer und
von einer so reichen erzieherischen, psychologischen
Erfahrung, dass das, was er meinte, einen viel groesseren Wert
fuer mich besass, als ganze Stoesse von gelehrten Buechern.
Nie sprach er ueber konfessionelle Dinge mit mir. Er
hielt mich fuer einen Protestanten und machte nicht den
geringsten Versuch, auf meine Glaubensanschauung
einzuwirken. Und wie er sich zu mir, so verhielt ich mich
zu ihm. Nie habe ich ihm eine Frage nach dem
Katholizismus vorgelegt. Was ich da wissen musste, das
wusste ich bereits oder konnte es in anderer Weise
erfahren. Mir war das schoene Verhaeltnis heilig, das
nach und nach zwischen ihm und mir entstand, ohne dass
sich stoerende Gegensaetze in das rein menschliche Wohlwollen
schleichen durften. Er tat seinen Kirchendienst,
ich meinen Orgeldienst, aber im Uebrigen blieb die Religion
zwischen uns vollstaendig unberuehrt und konnte also umso
direkter und reiner auf mich wirken. Grad dieses sein
Schweigen war so beredt, denn es liess seine Taten sprechen,
und diese Taten waren die eines Edelmenschen, dessen
Wirkungskreis zwar ein kleiner ist, der aber selbst das
Kleinste gross zu nehmen weiss.
Ich hatte nie katholische Kirchenlieder gespielt; jetzt
lernte ich sie kennen. Was fuer Orgel- und sonstige
Musikstuecke bekam ich in die Hand! Ich hatte geglaubt,
Musikverstaendnis zu besitzen. Ich Tor! Dieser einfache
Katechet gab mir Nuesse zu knacken, die mir sehr zu schaffen
machten. Was Musik eigentlich ist, das begann ich erst
jetzt zu ahnen, und die Musik ist nicht etwa das
allergeringste Mittel, durch welches die Kirche wirkt.
Der katholische Pfarrer kam nur dann zu mir, wenn
eine besondere Feststellung in Beziehung auf die
Orgelbegleitung noetig war. Er sprach nur das Allernoetigste,
ueber Religion gar nicht; aber wenn er zu mir hereintrat
war es stets, als ob bei mir die Sonne zu scheinen
beginne. Solche Sonnenmenschen sind selten, und doch muesste
eigentlich jeder Geistliche ein Sonnenmensch sein, denn
der Laie ist nur allzusehr geneigt, die Kirche so zu
betrachten und zu beurteilen, wie ihre Priester sich zu ihm
stellen. Ueber den Unterschied zwischen dem protestantischen
und dem katholischen Gottesdienst gehe ich hinweg, aber
jeder vernuenftige Mensch wird es fuer ganz naturgemaess
und selbstverstaendlich halten, dass ich nicht vier Jahre
lang an dem letzteren teilnehmen, ja sogar aktiv an ihm
beteiligt sein konnte, ohne von ihm beeinflusst zu werden.
Wir sind doch keine Steine, von denen alles Weiche
abprallt! Und sogar dieser Stein wird warm, wenn
der Sonnenstrahl ihn trifft! Und diese Gottesdienste
waren ja Sonnenstrahlen! Es liegt noch heut eine
unendliche Dankbarkeit fuer diese Waerme und diese Guete in
mir, die sich meiner annahm und keinen einzigen Vorwurf
fuer mich hatte, als alles Andere gegen mich war. Ich
habe sie gesegnet bis auf den heutigen Tag und werde
sie segnen, so lange ich lebe! Wie arm muessen doch die
Menschen innerlich sein, welche behaupten, dass ich katholisiere!
Es ist ganz unmoeglich, dass sie die Menschenseele und die
in ihr liegenden Heiligtuemer kennen. Uebrigens habe
ich ueber den katholischen Glauben gar nichts geschrieben,
ueber den mohammedanischen aber ganze Baende. Der
Vorwurf, dass ich islamitisiere, erscheint also viel berechtigter,
als der, dass ich katholisiere. Warum macht man mir
diesen nicht? Die Madonna ist von hundert protestantischen
Malern dargestellt und von hundert protestantischen Dichtern,
sogar von Goethe, behandelt worden. Warum sagt man
von diesen nicht, dass sie katholisieren? Ich habe der
katholischen Kirche fuer die hochsinnige Gastfreundlichkeit,
die sie mir, dem Protestanten, vier Jahre lang erwies,
durch ein einziges Ave Maria gedankt, welches ich fuer
meinen Winnetou dichtete. Ist das ein Grund, mich
der religioesen Heuchelei zu bezichtigen? Noch dazu des
Geldes wegen! Ich wiederhole: Wie arm muessen diese
Menschen sein, wie unendlich arm! -- --
Ich muss konstatieren, dass diese vier Jahre der
ungestoerten Einsamkeit und konzentrierten Sammlung mich
sehr, sehr weit vorwaerts gebracht haben. Es stand mir
jedes Buch zur Verfuegung, das ich fuer meine Studien
brauchte. Ich stellte meine Arbeitsplaene fertig und
begann dann mit der Ausfuehrung derselben. Ich schrieb
Manuskripte. Sobald eines fertig war, schickte ich es heim.
Die Eltern vermittelten dann zwischen mir und den Verlegern.
Ich schrieb diesen nicht direkt, weil sie jetzt noch
nicht erfahren sollten, dass der Verfasser der Erzaehlungen,
die sie druckten, ein Gefangener sei. Einer aber erfuhr
es doch, weil er persoenlich zu den Eltern kam. Das war
der spaeter noch viel zu erwaehnende Kolportagebuchhaendler
H. G. Muenchmeyer in Dresden. Er war Zimmergesell
gewesen, hatte bei Tanzmusiken auf dem Dorfe das
Klappenhorn geblasen und war dann Kolporteur geworden. In
dieser Eigenschaft kam er auch nach Hohenstein-Ernsttal
und lernte in einem benachbarten Dorfe eine Dienstmagd
kennen, die er heiratete. Das fesselte ihn an die
Gegend. Er wurde da bekannt und erfuhr auch von mir.
Was er da Tolles hoerte, schien ihm ausserordentlich passend
fuer seine Kolportage. Er suchte meinen Vater auf und
machte sich vertraut mit ihm. So kamen ihm meine
Manuskripte in die Hand. Er las sie. Einiges war ihm
zu hoch. Anderes aber gefiel ihm so, dass es ihn, wie er
sagte, entzueckte. Er bat, es drucken zu duerfen, und
bekam die Erlaubnis dazu. Er wollte sofort bezahlen und
legte das Geld auf den Tisch. Vater aber nahm es nicht.
Er schob es zurueck und forderte ihn auf, es mir persoenlich
zu geben, wenn ich entlassen sei. Hierauf ging Muenchmeyer
sehr gern ein. Er versicherte, ich sei der Mann,
den er gebrauchen koenne; er werde mich nach meiner
Heimkehr aufsuchen und alles Naehere mit mir besprechen.
Dies erzaehle und stelle ich fuer einstweilen fest. Es ist
fuer manches Folgende von grosser Wichtigkeit, zu wissen,
dass Muenchmeyer nicht nur meine Vergangenheit, wie sie
in Wahrheit verlief, genau kannte, sondern auch Alles
gehoert hatte, was hinzugelogen worden war.
Was meinen seelischen Zustand betrifft, so hatte ich
Ruhe, vollstaendige Ruhe. In den ersten vier Wochen der
letzten vier Jahre war es noch vorgekommen, dass die
dunklen Gestalten mich innerlich gequaelt und mit Zurufen
belaestigt hatten; das hatte aber nach und nach aufgehoert
und war schliesslich still geworden, ohne sich wieder zu
regen. Wenn ich hierueber nachdachte, ohne auf
psychologische Abwege zu geraten, so kam ich zu der Einsicht,
dass diese Gebilde nur solange Einfluss besitzen, wie man
in den betreffenden Anschauungen steckt. Hat man aber
die letzteren ueberwunden, dann muessen die Schreckbilder
schwinden. Und dies schien das Richtige zu sein; der
Katechet war derselben Meinung. Ich hatte ihm von
meinen inneren Anfechtungen nichts erzaehlt, wie ich in
rein persoenlichen und familiaeren Dingen ueberhaupt nie
einen Menschen zu meinem Vertrauten mache. Aber zuweilen
fiel doch ein Wort, welches nicht andeuten sollte,
aber doch andeutete. Er wurde aufmerksam. Einmal
kam ich im Verlauf des Gespraeches darauf, von meinen
dunklen Gestalten und ihren quaelenden Stimmen zu sprechen;
aber ich tat so, als ob ich von einem Andern spraeche, nicht
von mir selbst. Da laechelte er. Er wusste gar wohl, wen
ich meinte. Am naechsten Tage brachte er mir ein kleines
Buch, dessen Titel lautete: "Die sogenannte Spaltung des
menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung
ueberhaupt." Ich las es. Wie koestlich es war! Welche
Aufklaerung es gab! Nun wusste ich auf einmal, woran
ich mit mir war! Nun mochten sie wiederkommen, diese
Stimmen; ich hatte sie nicht mehr zu fuerchten! Spaeter,
als er sich das Buch wieder holte, dankte ich ihm, der
Freude entsprechend, die ich darueber empfand. Da fragte
er mich:
"Nicht wahr, Sie waren es selbst, von dem Sie
erzaehlten?"
"Ja," antwortete ich.
"Haben Sie alles verstanden?"
"Nein, noch nicht."
"Dieses hier?"
Er schlug eine Stelle auf; da war zu lesen: "Wer
an diesen schweren Anfechtungen leidet, der huete sich vor
der Stelle, an der er geboren wurde. Er wohne niemals
laengere Zeit dort. Und vor allen Dingen, wenn er einmal
heiratet, so hole er sich seine Frau ja nicht von diesem
Orte!"
"Nein, das verstehe ich noch nicht," gestand ich ein.
"Ich auch nicht," gab er zu. "Aber denken Sie
darueber nach!"
Dieses Nachdenken, welches er mir riet, fuehrte mich
zu keinem Resultate. Es handelte sich um eine rein
psychologische Frage. Da ist die Erfahrung die einzige wissende
Lehrerin, und diese Erfahrung musste ich machen, ehe
ich es begriff, leider, leider! -- -- --
_________
VI.
Bei der Kolportage.
_____
Es war ausgestanden. Ich kehrte heim. Es war
ein stuermischer Fruehlingstag, es regnete und schneite.
Vater kam mir entgegen. Es fiel ihm auch dieses Mal
nicht ein, mir Vorwuerfe zu machen. Er hatte meine
Manuskripte gelesen und meine Briefe fast auswendig
gelernt. Er wusste nun, dass er in Beziehung auf meine
Zukunft nichts mehr zu befuerchten hatte. Er kam bei
dieser Gelegenheit auch auf Muenchmeyer zu sprechen und
darauf, dass dieser mich aufsuchen wolle.
"Das wird vergeblich sein," sagte ich. "Dieser Mann
will Schundromane, aufregende Liebesgeschichten, weiter
nichts. Solche Sachen schreibe ich nicht. Er glaubt
wahrscheinlich, dass ich so ehrlos bin, ihm aus dem, was man
ueber mich faselt, einen Kolportageroman zusammenzuflicken,
der ihm allerdings viel Geld einbringen, mich aber
vernichten wuerde. Da irrt er sich. Ich habe ganz andere
Zwecke und Ziele!"
Vater gab mir recht. Als wir oberhalb der Stadt
angekommen waren und sie vor uns liegen sahen, zeigte er
nach dem naechsten Dorf hinueber, auf ein alleinstehendes,
neugebautes Haus und fragte mich:
"Kennst du das dort?"
"Ist es nicht die Stelle, wo damals das Feuer war?"
"Ja. Einige Tage, nachdem du fort warst, kam es
heraus, wer es angezuendet hat. Es wurde mit dem Taeter
sehr rasch verfahren. Er ist noch eher in das Zuchthaus
gekommen als du. Mutter wird es dir erzaehlen."
"O nein! Ich will nichts wissen, gar nichts. Bitte
sie, dass sie hierueber schweigen soll!"
Noch an demselben Abend erfuhr ich, dass der
Ortswachtmeister in der Kneipe damit geprahlt hatte, wie scharf
er mich empfangen und beaufsichtigen werde, zwei Jahre
lang; er lasse mich keinen Tag lang aus den Augen! Er
kam schon am andern Vormittag und warf sich derart in
die Brust, dass man es wirklich keinem in dieser Weise
behandelten Menschen uebelnehmen kann, wenn er dadurch
rueckfaellig wird. Er behauptete, zwei Jahre lang mein
Vorgesetzter zu sein, bei dem ich mich taeglich zu melden habe.
Dann zog er die betreffenden Gesetzesparagraphen aus der
Tasche, um mir eine Vorlesung ueber meine Pflichten zu
halten. Ich sagte kein Wort, sondern oeffnete die Tuer und
gab ihm einen Wink, sich zu entfernen. Als er das nicht
sofort tat, tat ich es. Ich ging zum Buergermeister und
machte kurzen Prozess. Ich forderte einen Auslandspass,
und als mir die Auskunft wurde, dass dies nicht so ohne
weiteres moeglich sei, war ich schon am naechsten Tage ohne
Pass unterwegs.
Im Zuge sass ich in einem sonst leeren Coupe. Es
ging ueber die Grenze. Da begann es ploetzlich in mir
laut zu wueten und zu toben, zu schreien und zu bruellen
wie in einem Dorfwirtshause, in dem die Bauernknechte
mit Stuhlbeinen aufeinander schlagen. Hunderte von
Gestalten und Hunderte von Stimmen waren es, von denen
das kam. Frueher haette es mich entsetzt; heut aber liess
es mich kalt. Diese Sumpfreminiszenzen, die mich nicht
hergeben wollten, hatten ihre Macht ueber mich verloren.
Ich reagierte nicht darauf, und so sollte es nach und nach
ganz von selber still werden.
Wohin diese Reise ging und wie sie verlief, soll der
zweite Band berichten. Inzwischen kam Muenchmeyer, um
nach mir zu fragen. Ich war schon fort. Da zahlte er
das Honorar und ging unverrichteter Sache wieder heim.
Ungefaehr dreiviertel Jahre spaeter erschien er wieder, und
zwar nicht allein, sondern mit seinem Bruder. Dieses Mal
fand er mich daheim, denn ich war wieder da, um meine
"Geographischen Predigten" zu schreiben und in Druck zu
geben. Sein Bruder war Schneider gewesen und dann
auch Kolporteur geworden. Das Geschaeft war bisher gut
gegangen, sogar ausserordentlich gut; nun aber stand es in
Gefahr, ganz ploetzlich zusammenzubrechen. Man brauchte
einen Retter, und der sollte ich sein, ausgerechnet ich! Das
war mir unbegreiflich, weil ich mit Muenchmeyer noch nie
etwas zu tun gehabt hatte, auch gar nichts mit ihm zu
tun haben wollte und weder ihn noch seine Lage kannte.
Er erklaerte sie mir. Er war ein klug berechnender, sehr
beredter Mann, und sein Bruder sekundierte ihm in so
trefflicher Weise, dass ich beide nicht kurzer Hand
abwies, sondern sie aussprechen liess. Aber als sie das
getan hatten, war ich -- -- -- eingefangen, obgleich ich es
nie fuer moeglich gehalten haette, dass ich jemals zu der
"Kolportage" in irgend eine Geschaeftsbeziehung treten
koenne.
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