Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Aber diese Gleichnisse sind nicht kurze Schriftstuecke
wie z. B. die herrlichen Gleichnisse Christi, sondern
lange Erzaehlungen, in denen viele Personen handelnd
auftreten. Und ihre Zahl ist gross; sie sollen eine
ganze Reihe von Baenden fuellen und das Material fuer
jene spaetere grosse Aufgabe bilden, mit der ich meine
Taetigkeit beschliessen will. Sie koennen also keine
sorgfaeltig ausgefuehrten Gemaelde sein, sondern nur
Federzeichnungen, nur Skizzen, Voruebungen, Etuden, an
welche nicht der Massstab gelegt werden darf, der nur
fuer ausgesprochene Kunstwerke gilt. Ich kann und will
und darf kein kunstvollendeter Paul Heyse sein, sondern
meine Aufgabe ist, aus hochgelegenen Marmor und
Alabasterbruechen die Bloecke fuer spaetere Kunstwerke zu brechen,
deren Form ich hoechstens andeuten kann, weil mir die
Zeit zur Ausfuehrung nicht zur Verfuegung steht. Diese
Andeutung gebe ich eben in Maerchen, die meinen
erzaehlenden Gleichnissen eingeschoben sind und die Punkte
bilden, um welche sich das Interesse des Lesers
konzentriert. Die kuenstlerische Kritik braucht sich also mit
meinen Reiseerzaehlungen nicht zu befassen, weil es gar
nicht meine Absicht ist, ihnen eine kuenstlerische Form oder
gar Vollendung zu geben. Sie haben den einfachen,
schlichten Arm- oder Fussringen der Araberinnen zu
gleichen, die weiter nichts sein sollen, als eben nur silberne
Ringe. Der Wert liegt im Metall, nicht in der Arbeit.
Der Maler, welcher fluechtige Skizzen zeichnet, um ein
grosses Gemaelde vorzubereiten, wuerde sich gewiss ueber
den Kritiker verwundern, der an diese Skizzen denselben
Massstab legen wollte, den er dann spaeter an das
Gemaelde zu legen hat.
Soviel ueber die Plaene, welche damals in mir entstanden
und die ich festgehalten und befolgt habe bis auf
den heutigen Tag. Sie kamen nicht ploetzlich, und sie
kamen nicht in gesellschaftlicher Fuelle, sondern langsam,
einer nach dem andern. Und sie reiften nicht eilig aus,
sondern es dauerte monate- und jahrelang, ehe ich mir
von dem einen Punkt bis zum naechsten klar geworden
war. Ich hatte aber auch genugsam Zeit dazu. Ich
legte mir eine Art von Buchhaltung ueber diese Plaene
und ihre Ausfuehrung an; ich habe sie mir heilig aufgehoben
und besitze sie noch heut. Jeder Gedanke wurde
in seine Teile zerlegt, und jeder dieser Teile wurde notiert.
Ich stellte sogar ein Verzeichnis ueber die Titel und den
Inhalt aller Reiseerzaehlungen auf, die ich bringen wollte.
Ich bin zwar dann nicht genau nach diesen Verzeichnissen
gegangen, aber es hat mir doch viel genuetzt, und ich
zehre noch heut von Sujets, die schon damals in mir
entstanden. Auch schriftstellerte ich fleissig; ich schrieb
Manuskripte, um gleich nach meiner Entlassung moeglichst
viel Stoff zur Veroeffentlichung zu haben. Kurz, ich war
begeistert fuer mein Vorhaben und fuehlte mich, obgleich
ich Gefangener war, unendlich gluecklich in der Aussicht
auf eine Zukunft, die, wie ich wohl hoffen durfte, keine
ganz gewoehnliche zu werden versprach.
Das Schicksal schien mit meinen Vorsaetzen einverstanden
zu sein. Es spendete mir, als ob es mich fuer
alles Leid entschaedigen wolle, eine reiche, hochwillkommene
Gabe: Ich wurde begnadigt. Die Direktion hatte fuer
mich ein Gnadengesuch eingereicht, auf welches ich ein
volles Jahr meiner Strafzeit erlassen bekam. Ich stand
in der ersten Disziplinarklasse und erhielt ein
Vertrauenszeugnis ausgestellt, welches mir den Rueckweg in das
Leben glaettete und mich aller polizeilichen Scherereien
ueberhob. Der Kenner weiss, was das bedeutet!
Es war ein schoener, warmer Sonnentag, als ich die
Anstalt verliess, zum Kampfe gegen des Lebens Widerstand
mit meinen Manuskripten bewaffnet. Ich hatte nach
Hause geschrieben, um die Meinigen von meiner Heimkehr
zu benachrichtigen. Wie freute ich mich auf das
Wiedersehen. Angst vor Vorwuerfen brauchte ich nicht zu
haben; dies war ja schon laengst durch Briefe geordnet.
Ich wusste, dass ich willkommen sei und dass man mir
mit keinem Worte wehe tun werde. Am meisten freute
ich mich auf Grossmutter. Wie musste sie sich gegraemt
und gehaermt haben! Und wie gern wuerde sie mir ihre
alte, liebe, treue Hand entgegenstrecken. Wie entzueckt
wuerde sie ueber meine Plaene sein! Wie sehr wuerde sie
mir helfen, sie auszudenken und so tief wie moeglich
auszuschoepfen! Ich ging von Zwickau nach Ernsttal, also
genau denselben Weg, den ich damals als Knabe
gegangen war, um in Spanien nach Hilfe zu suchen. Es
laesst sich denken, was fuer Gedanken mich auf diesem Weg
begleiteten. Ich hatte auf jenem Heimwege mit dem
Vater den Vorsatz gefasst, ihn nie wieder durch Derartiges
zu betrueben; wie schlecht aber hatte ich Wort gehalten!
Sollte ich heut etwa aehnliche Vorsaetze fassen, fuer deren
Erfuellung die Ohnmacht des Menschen keine Gewaehr zu
leisten vermag? Das "Maerchen von Sitara" tauchte
vor mir auf. Gehoerte ich vielleicht zu denen, auf deren
Seelen, wenn sie geboren werden, der Teufel wartet, um
sie in das Elend zu schleudern, so dass sie verloren gehen?
Alles Straeuben und Aufbaeumen hilft nichts; sie sind dem
Untergange geweiht. Gilt das auch mir?
Meine Gedanken wurden trueber und trueber, je mehr
ich mich der Heimat naeherte. Es war, als ob mir von
dort aus boese Ahnungen entgegenwehten. Meine frohe
Zuversicht schien mich verlassen zu wollen; ich musste mir
Muehe geben, sie festzuhalten. Von der Lungwitzer Hoehe
aus schaute ich ueber das Staedtchen hin. Da schlaengelten
sich vor meinen Augen die Wege, die ich damals so oft
gegangen war, in heissem Kampfe mit jenen fuerchterlichen
inneren Stimmen liegend, die mir Tag und Nacht hindurch
in einem fort die Worte "des Schneiders Fluch,
des Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch" zuriefen.
Und was war das? Indem ich hieran dachte, hoerte ich
ganz dieselbe Stimme erklingen, in mir, ganz deutlich, wie
erst nur von Weitem, aber sie schienen sich zu naehern, "des
Schneiders Fluch, des Schneiders Fluch, des Schneiders
Fluch!" Sollte und wollte sich das etwa wiederholen?
Ich erschrak, wie ich noch nie erschrocken bin, und eilte
von dieser Stelle und von dieser Erinnerung fort, die
Hoehe hinab, durch das Staedtchen hindurch, nach Hause,
nach Hause, nach Hause!
Ich kam eher, als man mich erwartete. Meine Eltern
wohnten noch im ersten Stock desselben Hauses. Ich stieg
die Treppe empor und dann gleich noch eine zweite hinauf
nach dem Bodenraume, wo Grossmutter sich immer am
liebsten aufgehalten hatte. Ich wollte zunaechst zu ihr und
dann erst zu Vater, Mutter und Geschwistern. Da sah ich
die wenigen Sachen, die sie besessen hatte; sie selbst aber
war nicht da. Da stand ihre Lade, mit blauen und gelben
Blumen bemalt. Sie war verschlossen, der Schluessel
abgezogen. Und da stand ihre Bettstelle; sie war leer. Ich
eilte hinab in die Wohnstube. Da sassen die Eltern. Die
Schwestern fehlten. Das war Zartgefuehl. Sie hatten
gemeint, die Eltern gingen vor. Ich gruesste gar nicht und
fragte, wo Grossmutter sei. "Tot -- -- -- gestorben!"
lautete die Antwort. "Wann?" "Schon voriges Jahr."
Da sank ich auf den Stuhl und legte Kopf und Arme
auf den Tisch. Sie lebte nicht mehr! Man hatte es mir
verschwiegen, um mich zu schonen, um mir die Gefangenschaft
nicht noch zu erschweren. Das war ja recht gut
gedacht; nun aber traf es mich um so wuchtiger. Sie war
nicht eigentlich krank gewesen; sie war nur so
hingeschwunden, vor Gram und Leid um -- -- -- mich!
Es dauerte lange Zeit, ehe ich den Kopf wieder hob,
um die Eltern nun zu gruessen. Sie erschraken. Sie
sagten mir spaeter, mein Gesicht habe schlimmer ausgesehen
als dasjenige einer Leiche. Die Geschwister kamen hinzu.
Sie freuten sich des Wiedersehens, aber sie schauten mich
so sonderbar an, so scheu. Das war nichts weiter als
der Reflex meines eigenen Gesichts. Ich gab mir zwar
die groesste Muehe, aber ich konnte den Schlag, der mich
soeben getroffen hatte, doch nicht ganz verbergen. Ich
wollte nur von Grossmutter wissen, jetzt weiter nichts, und
man erzaehlte mir. Sie hatte sehr viel von mir gesprochen,
aber niemals ein Wort, welches mich haette kraenken muessen,
wenn ich dabeigewesen waere. Und sie hatte nie geklagt
oder gar geweint. Sie hatte gesagt, nun wisse sie, dass
ich eine jener Seelen sei, die bei ihrer Geburt zur falschen
Stelle geschleudert werden, um dort vernichtet zu werden.
Nun sei sie ueberzeugt, dass ich durch die Geisterschmiede
muesse, um alle irdischen Qualen ueber mich ergehen zu lassen.
Aber sie wisse, ich werde nicht schreien, ich werde tragen,
was zu tragen ist, und mir den Weg nach Dschinistan [sic]
erzwingen. Je naeher sie dem Tode kam, desto
ausschliesslicher lebte sie nur noch ihrer Maerchenwelt und
desto ausschliesslicher sprach sie nur noch von mir. An
einem der letzten Tage erzaehlte sie, dass der laengst
verstorbene Herr Kantor heute Nacht bei ihr gewesen sei.
Er war unser Nachbar gewesen. Die beiden Haeuser
stiessen aneinander. Da habe sich ploetzlich im Dunkel
die Mauer auseinander getan, und es sei hell geworden,
aber nicht in einem gewoehnlichen Licht, sondern von einem,
welches sie noch nie gesehen habe. Von ihm beleuchtet,
sei der Herr Kantor erschienen. Er haben genauso
ausgesehn wie damals, als er noch lebte. Er sei langsam
bis an ihr Bett gekommen, habe sie freundlich laechelnd
gegruesst, wie es immer seine Art und Weise war, und
dann gesagt, dass sie sich ja nicht um mich sorgen solle;
ich koenne wohl stuerzen wie jeder Andere, nicht aber liegen
bleiben; es werde mir zwar schwer gemacht, doch erreiche
ich sicher mein Ziel. Nach diesen Worten nickte er ihr
wieder freundlich zu und ging ebenso langsam, wie er
gekommen war, nach der Mauerluecke zurueck. Sie schloss
sich hinter ihm. Das Licht verschwand; es wurde wieder
dunkel.
Als sie das erzaehlt hatte, war es gewesen, als ob
ein Teil jenes fremden, ihr bisher unbekannten Lichtes
auf ihrem Gesicht zurueckgeblieben sei, und es lag auch
noch dann darauf, als sie die Augen geschlossen hatte
und nicht mehr atmete. Ihr Tod war ein sanfter, ein
friedlicher, ein seliger gewesen; mir aber war gar nicht
friedlich und gar nicht selig zu Mute, als man mir von
ihm erzaehlte. Es tauchten Vorwuerfe in mir auf, aber
keine Vorwuerfe, die nur Gedanken sind, wie bei andern
Leuten, die nicht von derselben Veranlagung sind wie ich,
sondern Vorwuerfe viel wesentlicherer, viel kompakterer
Art. Ich sah sie in mir kommen, und ich hoerte, was
sie sagten, jedes Wort, ja wirklich, jedes Wort! Das
waren nicht Gedanken, sondern Gestalten, wirkliche Wesen,
die nicht die geringste Identitaet mit mir zu besitzen schienen
und doch identisch waren. Welch ein Raetsel! Aber welch
ein ungewoehnliches, furchtbar beaengstigendes Raetsel! Sie
glichen jenen in mir schreienden, dunkeln Gestalten
von frueher her, mit denen ich -- -- -- mein Gott, kaum
hatte ich an sie gedacht, so waren sie wieder da, ganz so,
wie ich damals gezwungen gewesen war, sie in meinem
Innern zu sehen und zu hoeren. Ich vernahm ihre Stimmen
so deutlich, als ob sie vor mir stuenden und an Stelle
der Eltern und Geschwister mit mir spraechen. Und sie
blieben. Sie gingen, als ich mich niederlegte, mit mir
schlafen. Aber sie schliefen nicht und liessen auch mich nicht
schlafen. Es begann das fruehere Elend, die fruehere
Marter, der fruehere Kampf mit unbegreiflichen Maechten,
die um so gefaehrlicher waren, als ich absolut nicht entdecken
konnte, ob sie Teile von mir seien oder nicht. Sie
schienen es zu sein, denn sie kannten einen jeden meiner
Gedanken, noch ehe er mir selbst zum Bewusstsein kam.
Und doch konnten sie ganz unmoeglich zu mir gehoeren,
weil das, was sie wollten, fast stets das Gegenteil von
meinem Willen war. Ich hatte mit meiner Vergangenheit
abgeschlossen. Der vor mir liegende Teil meines
Lebens sollte ein ganz anderer sein, als der, welcher hinter
mir lag. Diese Stimmen aber waren bemueht, mich mit
aller Gewalt in die Vergangenheit zurueckzuzerren. Sie
verlangten wie frueher, dass ich mich raechen solle. Nun
erst recht mich raechen, fuer die im Gefaengnis verlorene,
koestliche Zeit! Sie wurden von Tag zu Tag lauter; ich
aber stemmte mich gegen sie; ich tat, als ob ich nichts,
gar nichts hoere. Das war aber selbst bei der groessten
Kraftaufwendung nicht laenger als hoechstens nur einige
Tage lang auszuhalten. Indessen besuchte ich einige
Verleger, um mit ihnen ueber die Herausgabe der im Gefaengnisse
geschriebenen Manuskripte zu verhandeln. Hierbei
stellte es sich heraus, dass waehrend dieser meiner
Abwesenheit die inneren Stimmen um so mehr verstummten,
je weiter ich mich von der Heimat entfernte, und wieder
um so deutlicher wurden, je mehr ich mich ihr wieder
naeherte. Es war, als ob diese finstern Gestalten dort
sesshaft seien und nur dann ueber mich herfallen koennten,
wenn ich die Unvorsichtigkeit beging, mich dort einzufinden.
Ich beschloss hierauf die Probe zu machen. Ich kassierte
meine Honorare ein und machte eine laengere Auslandsreise.
Wohin, das habe ich im zweiten Bande dieses
Werkes zu erzaehlen, in welchem meinen Reisen und ihren
Ergebnissen ein groesserer Raum gewidmet werden soll,
als ich ihnen hier gewaehren koennte. Waehrend dieser
Reise verschwanden diese Bilder ganz und gar; ich wurde
vollstaendig frei von ihnen. Dafuer aber stellte sich ein
ganz ungewoehnlicher Drang in mir ein, nach der Heimat
zurueckzukehren. Es war kein gesunder, sondern ein kranker
Trieb; das fuehlte ich gar wohl, aber er wurde so stark,
dass ich die Widerstandskraft verlor und ihm gehorchte.
Ich kehrte heim, und kaum war ich dort, so stuerzte sich
Alles, was ich beseitigt glaubte, wieder auf mich. Die
Anfechtungen begannen von Neuem. Ich vernahm unausgesetzt
den inneren Befehl, an der menschlichen Gesellschaft
Rache zu nehmen, und zwar dadurch Rache, dass
ich mich an ihren Gesetzen vergriff. Ich fuehlte, dass ich,
falls ich diesem Befehle Gehorsam leiste, ein hoechst
gefaehrlicher Mensch sein werde, und nahm alle mir gegebene
Kraft zusammen, gegen dieses entsetzliche Schicksal
anzukaempfen.
Ich halte es hier fuer noetig, zu konstatieren, dass ich
meinen Zustand keineswegs fuer pathologisch hielt. Alle
meine Vorfahren waren, soweit ich sie kannte, sowohl
koerperlich als auch geistig kerngesunde Menschen gewesen.
Es gab nichts Atavistisches an mir. Was sich in dieser
Beziehung mir angeheftet hatte, das war gewiss nicht
von innen heraus erzeugt, sondern von aussen her an
mich herangetreten. Ich arbeitete fleissig, fast Tag und
Nacht, wie ich ueberhaupt an der Arbeit stets meine groesste
Freude gefunden habe. Man kaufte meine Sachen gern.
Ich litt also keineswegs Not, zumal ich bei den Eltern
wohnte, die sich jetzt auch besser standen als frueher. Ich
haette vollstaendig zu leben gehabt, auch wenn ich mir nichts
verdiente. Bei diesen Arbeiten wiederholte sich das, was
ich schon frueher beschrieben habe. Wenn ich etwas Gewoehnliches
schrieb, stellte sich nicht die geringste Hinderung
ein. Sobald ich mir aber ein hoeheres Thema stellte,
eine geistig, religioes oder ethisch wertvollere Aufgabe,
wurden Gewalten in mir rege, die sich dagegen empoerten
und mich dadurch hinderten, meine Arbeit zustande zu
bringen, dass sie mir, wahrend ich schrieb, die trivialsten,
bloedesten oder gar verbotensten Gedanken dazwischenwarfen.
Ich sollte nicht empor; ich sollte unten bleiben. Hierzu
gesellte sich ein alter, sehr wohlbekannter Hallunke, dem
Niemand trauen darf, und wenn er auch noch so schmeichelt;
ich meine den Durst. Der Abscheu vor Branntwein ist
mir angeboren; ich geniesse ihn hoechstens als Arznei.
Wein war mir schon des Preises wegen bisher versagt,
und auch fuer Bier besitze ich keineswegs die Zuneigung,
welche man empfinden muss, um ein Trinker zu werden.
Jetzt aber fuehlte ich seltsamer Weise stets grossen Durst,
wenn ich auf meinen Spaziergaengen an einem Wirtshause
vorueberging, und auch des Abends, wenn Andere nicht
mehr arbeiteten, trat mir das Verlangen nahe, die Feder
hinzulegen und in die Kneipe zu gehen, wie sie. Ich tat
es aber nicht. Vater tat es. Er konnte sein Glas einfaches
Bier und sein Schnaeppschen [sic] nicht gut entbehren.
Ich aber hatte keine Lust dazu und blieb daheim. Das
war mir nicht etwa ein Opfer und fiel mir nicht etwa
schwer, o nein. Ich erzaehle es nur des psychologischen
Interesses wegen, weil es mir hoechst sonderbar erscheint,
dass dieser meiner ganzen Natur widersprechende und mir
sonst vollstaendig fremde Durst nach Spirituosen immer
nur dann auftrat, wenn jene Stimmen die Oberhand in
mir hatten, sonst aber nie!
Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Grossmutter
meine Arbeitsplaene vorzulegen; nun war sie tot. Ich
sprach hierueber also mit den Eltern und Geschwistern.
Vater hatte jetzt Anderes zu denken. Er war in einer
Art sozialer Mauserung begriffen und darum fuer mich
nicht zu haben, zumal er des Abends nie daheim blieb.
Auch die Schwestern hatten andere Interessen. Mein
ganzer Gedankenkreis war ihnen fremd. So blieb mir
nur die Mutter. Sie sass des Abends mit ihrem Strickstrumpf
still am Tische, an dem ich schrieb. Ich legte
ihr so gern die Gedanken vor, mit denen ich meine Feder
beschaeftigte. Sie hoerte mir ruhig zu. Sie nickte
einverstanden. Sie laechelte ermutigend. Sie sagte ein liebes,
troestendes Wort. Sie war wie eine Heilige. Aber auch
sie verstand mich nicht. Sie fuehlte nur; sie ahnte. Und
sie wuenschte von ganzem Herzen, dass Alles so werden
moechte, wie ich es mir ersehnte. Und als sie sah, wie
fest und unerschuetterlich ich an meine Zukunft glaubte,
da glaubte auch sie und war so froh, wie eine Mutter
sein kann, deren Kind noch so gluecklich ist, sich auf Gott,
auf die Menschheit und auf sich selbst verlassen zu duerfen.
Ich aber fuehlte mich einsam, einsam wie immer. Denn
auch im ganzen Orte gab es keinen einzigen Menschen,
der mich haette verstehen wollen oder gar verstehen koennen.
Und diese Einsamkeit war mir, grad mir, dem innerlich
so schwer Angefochtenen im hoechsten Grade gefaehrlich.
Nichts war mir noetiger als verstaendnisvolle Geselligkeit.
Aber ich stand, wenn auch nicht aeusserlich, so doch innerlich
stets allein und war also den Gestalten, die mich bezwingen
wollten, fast unausgesetzt und schutzlos preisgegeben.
Und mitten in dieser Schutzlosigkeit wurde ich
nun auch von andern Feinden gepackt, die, obgleich sie
keine inneren, sondern aeusserliche waren, doch ebenso wenig
mit den Haenden gefasst werden konnten.
Meine Mutter hatte infolge ihres Berufes unausgesetzt
in andern Familien zu verkehren. Sie war Vertrauensperson.
Man hatte sie gern. Man teilte ihr Alles
mit, ohne dass man sie um Verschwiegenheit zu bitten
brauchte. Sie erfuhr Alles, was im Staedtchen und in
der Umgegend geschah. Es hatte irgendwo einen Einbruch
gegeben. Jedermann sprach von ihm. Der Taeter war
entkommen. Bald gab es wieder einen, in derselben Weise
ausgefuehrt. Dazu kamen einige Schwindeleien, wahrscheinlich
von herabgekommenen Handwerksburschen in Szene
gesetzt. Ich hoerte gar nicht hin, als man es erzaehlte,
bemerkte aber nach einiger Zeit, dass Mutter noch ernster
als gewoehnlich war und mich, wenn sie glaubte, unbeobachtet
zu sein, so eigentuemlich mitleidig betrachtete. Ich
blieb anfaenglich still, glaubte aber sehr bald, sie nach dem
Grunde fragen zu muessen. Sie wollte nicht antworten;
ich bat aber so lange, bis sie es tat. Es zirkulierte ein
Geruecht, ein unfassbares Geruecht, dass ich jener Einbrecher
sei. Wem sollte man es zutrauen, als mir, dem entlassenen
Gefangenen? Ich lachte aeusserlich dazu, innerlich aber war
ich empoert, und es gab einige schwere Naechte. Es bruellte
vom Abend bis zum Morgen in meinem Innern. Die
Stimmen schrien mir zu: "Wehre dich, wie du willst,
wir geben dich nicht los! Du gehoerst zu uns! Wir
zwingen dich, dich zu raechen! Du bist vor der Welt ein
Schurke und musst ein Schurke bleiben, wenn du Ruhe
haben willst!" So klang es bei Nacht. Wenn ich am
Tage arbeiten wollte, brachte ich nichts fertig. Ich konnte
nicht essen. Mutter hatte es auch dem Vater gesagt.
Beide baten mich, mir die Sache nicht zu Herzen zu
nehmen. Sie konnten fuer mich eintreten. Sie wussten
ja genau, dass ich in den betreffenden Zeiten nicht aus
dem Haus gekommen war. Was wir erfuhren, war alles
im Vertrauen gesagt. Kein Name wurde genannt. Darum
gab es keinen Punkt, an dem ich zugreifen konnte, mich
zu wehren. Aber es kam schlimmer. Die heimatliche
Polizei wollte mir nicht wohl. Ich war mit Vertrauenszeugnis
entlassen worden und darum ihrer Aufsicht entgangen.
Jetzt glaubte sie, Veranlassung zu haben, sich
mit mir zu beschaeftigen. Es kamen einige neue Schelmenstreiche
vor, deren Taeter ganz unbedingt mit einer gewissen
Intelligenz behaftet waren. Man glaubte, dies
auf mich deuten zu muessen. Das war zu derselben Zeit,
in der sich die schon erwaehnte "Luegenschmiede" zu bilden
begann. Neue Geruechte kursierten, romantisch
ausgeschmueckt. Der Herr Wachtmeister erkundigte sich unter
der Hand, wo ich an dem und dem Tag, zu der und der
Zeit gewesen sei. Die Augen hingen an mir, wo ich mich
sehen liess; aber sobald ich diese Blicke wiedergab, schaute
man schnell hinweg. Da kam ein armer Wurm, aber ein
guter Kerl, ein Schulkamerad, der mich immer lieb gehabt
hatte und auch jetzt noch an mir hing. Der war sprichwoertlich
unbeholfen und unverzeihlich aufrichtig. Er hielt
grob sein fuer Menschenpflicht. Der konnte es nicht
laenger aushalten. Er kam zu mir und erzaehlte mir auf
Handschlag und Schweigepflicht Alles, was gegen mich
im Schwange ging. Das war so dumm und doch so empoerend,
so leichtsinnig und gewissenlos, so -- -- so -- --
so -- -- so -- -- -- ich fand keine Worte, dem armen,
wohlmeinenden Menschen fuer seine schmerzhafte Aufrichtigkeit
zu danken. Aber als er mein Gesicht sah, machte er
sich so schnell wie moeglich von dannen.
Das war ein schwerer, ein unglueckseliger Tag. Es
trieb mich fort, hinaus. Ich lief im Wald herum und
kam spaet abends todmuede heim und legte mich nieder, ohne
gegessen zu haben. Trotz der Muedigkeit fand ich keinen
Schlaf. Zehn, fuenfzig, ja hundert Stimmen verhoehnten
mich in meinem Innern mit unaufhoerlichem Gelaechter.
Ich sprang vom Lager auf und rannte wieder fort, in
die Nacht hinein; wohin, wohin, das beachtete ich gar
nicht. Es kam mir vor, als ob die inneren Gestalten aus
mir herausgetreten seien und neben mir herliefen. Voran
der fromme Seminardirektor, dann der Buchhalter, der
mir seine Uhr nicht geborgt haben wollte, eine Rotte von
Kegelschiebern, mit Kegelkugeln in den Haenden, und hierauf
die Raubritter, Raeuber, Moenche, Nonnen, Geister und
Gespenster aus der Hohensteiner Schundbibliothek. Das
verfolgte mich hin und her; das jagte mich auf und ab.
Das schrie und jubelte und hoehnte, dass mir die Ohren
gellten. Als die Sonne aufging, fand ich mich im Innern
eines tiefen, steilen Steinbruchs emporkletternd. Ich hatte
mich verstiegen; ich konnte nicht weiter. Da hatten sie
mich fest, und da liessen sie mich nicht wieder hinab. Da
klebte ich zwischen Himmel und Erde, bis die Arbeiter
kamen und mich mit Hilfe einiger Leitern herunterholten.
Dann ging es weiter, immer weiter, weiter, den ganzen
Tag, die ganze naechste Nacht; dann brach ich zusammen
und schlief ein. Wo, das weiss ich nicht. Es war auf
einem Raine, zwischen zwei eng zusammenstehenden
Roggenfeldern. Ein Donner weckte mich. Es war wieder Nacht,
und der Gewitterregen floss in Stroemen herab. Ich eilte
fort und kam an ein Ruebenfeld. Ich hatte Hunger und
zog eine Ruebe heraus. Mit der kam ich in den Wald,
kroch unter die dicht bewachsenen Baeume und ass. Hierauf
schlief ich wieder ein. Aber ich schlief nicht fest; ich wachte
immer wieder auf. Die Stimmen weckten mich. Sie hoehnten
unaufhoerlich "Du bist ein Vieh geworden, frissest
Rueben, Rueben, Rueben!" Als der Morgen anbrach, holte
ich mir eine zweite Ruebe, kehrte in den Wald zurueck und
ass. Dann suchte ich mir eine lichte Stelle auf und liess
mich von der Sonne bescheinen, um trocken zu werden.
Die Stimmen schwiegen hier; das gab mir Ruhe. Ich
fand einen langen, wenn auch nur oberflaechlichen Schlaf,
waehrend dessen Dauer ich mich immer von einer Seite
auf die andere warf, und von kurzen, aufregenden Traumbildern
gequaelt wurde, die mir vorspiegelten, dass ich bald
ein Kegel, nach dem man schob, bald ein Zigeuner aus
Preziosa und bald etwas noch Schlimmeres sei. Dieser
Schlaf ermuedete mich nur noch mehr, statt dass er mich
staerkte. Ich entwand mich ihm, als der Abend anbrach,
und verliess den Wald. Indem ich unter den Baeumen
hervortrat, sah ich den Himmel blutigrot; ein Qualm
stieg zu ihm auf. Sicherlich war da ein Feuer. Das
war von einer ganz eigenen Wirkung auf mich. Ich
wusste nicht, wo ich war; aber es zog mich fort, das Feuer
zu betrachten. Ich erreichte eine Halde, die mir bekannt
vorkam. Dort setzte ich mich auf einen Stein und starrte
in die Glut. Zwar brannte ein Haus; aber das Feuer war
in mir. Und der Rauch, dieser dicke, erstickende Rauch!
Der war nicht da drueben beim Feuer, sondern hier bei
mir. Der huellte mich ein, und der drang mir in die Seele.
Dort ballte er sich zu Klumpen, die Arme und Beine und
Augen und Gesichtszuege bekamen und sich in mir bewegten.
Sie sprachen. Aber was? Ich bin mir erst spaeter, viel
spaeter klar ueber die Entstehung solcher innerer
Schreckgebilde geworden. Damals war ich es noch nicht, und so
konnten sie die entsetzliche Wirkung aeussern, gegen welche
meine auf das Aeusserste angespannten Nerven keine
Widerstandskraft mehr besassen. Ich fiel in mir zusammen, wie
das brennende Haus da drueben zusammenfiel, als die
Flammen niedriger und niedriger wurden und endlich
erloschen. Da raffte ich mich auf und ging. In mir war
auch Alles erloschen. Ich war dumm, vollstaendig dumm.
Mein Kopf war wie von einer dicken Schicht von Lehm
und Haecksel umhuellt. Ich fand keinen Gedanken. Ich
suchte auch gar nicht danach. Ich wankte beim Gehen.
Ich lief irr. Ich torkelte weiter, bis ich endlich
einen Ort erreichte, an dessen Kirchhof die Strasse,
auf der ich mich befand, vorueberfuehrte. Ich lehnte mich
an die Mauer des Gottesackers und weinte. Das war
wohl unmaennlich, aber ich hatte nicht die Kraft, es zu
verhindern. Diese Traenen waren keine erloesenden. Sie
brachten mir keine Erleichterung; aber sie schienen meine
Augen zu reinigen und zu staerken. Ich sah ploetzlich, dass
es der Ernsttaler Kirchhof war, an dem ich stand. Er
war mir ebenso vertraut wie die Strasse, an der er lag;
heut aber hatte ich weder ihn noch sie erkannt.
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