Books: Mein Leben und Streben
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Karl May >> Mein Leben und Streben
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Auf diesem Gedankenpfade weitergehend, gelangte ich
zu Betrachtungen und Schluessen, die scheinbar hoechst
seltsam, im Grunde genommen aber ganz natuerlich waren.
Es wurde zwischen meinen vier engen Waenden hell; sie
weiteten sich. Erst ahnte ich, dann sah ich und endlich
erkannte ich die zwar verborgenen aber doch innigen
Zusammenhaenge zwischen dem Kleinsten und dem Groessten,
dem Koerperlichen und dem Seelischen, dem Leiblichen und
dem Geistigen, dem Endlichen und dem Unendlichen.
Das war der Zeitpunkt, an dem ich begann, die lieben,
alten Maerchen meiner Grossmutter in ihrer tiefen
Bedeutung zu begreifen. Ich lag naechtelang wach und
dachte nach. Ich war angekettet im tiefsten, niedrigsten,
verachtetsten Ardistan und schickte meine ganze Sehnsucht
und alle meine Gedanken zum hellen, freien Dschinnistan
empor. Ich stellte mir vor, die verloren gegangene
Menschenseele zu sein, die niemals wiedergefunden werden
kann, wenn sie sich nicht selbst wiederfindet. Dieses
Wiederfinden kann nie hoch oben in Dschinnistan, sondern nur
hier unten in Ardistan geschehen, im Erdenleid, in der
Menschheitsqual, bei der Traeberkost des verlorenen Sohnes
unserer biblischen Geschichte. Meine Phantasie begann,
das, was ich suchte, in Form zu fassen, um es ergreifen
und festhalten zu koennen. Es wohnte und lebte in mir.
Aber nicht nur da, sondern auch ausserhalb, allueberall, in
jedem andern Menschen, auch im Menschengeschlecht, als
Grosses und Ganzes gedacht. Da entstand in mir meine
Marah Durimeh, die grosse, herrliche Menschheitsseele,
der ich die Gestalt meiner geliebten Grossmutter gab. Da
tauchte zum ersten Male mein Tatellah-Satah in mir
auf, jener geheimnisvolle "Bewahrer der grossen Medizin",
den meine Leser im dreiunddreissigsten meiner Baende
kennen gelernt haben. Und da wurde auch der Gedanke
"Winnetou" geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke,
nicht aber er selbst, den ich erst spaeter fand. Damals
habe ich die psychologischen Werke der Beamtenbibliothek
und alle andern, die mir zugaengig wurden -- fast
verschlungen, haette ich beinahe gesagt; aber das wuerde nicht
wahr sein, denn ich habe sie langsam, Wort fuer Wort
zerlegt und jedes einzelne Wort mit einer Bedachtsamkeit
in mir aufgenommen, die hoechst wahrscheinlich nicht
allzu haeufig ist; aber ich habe das wie atemlos und mit
einem Hunger, mit einem Eifer getan, als ob mein Leben,
meine Seligkeit davon abhaenge, mir innerlich klar zu
werden. Und als ich dann glaubte, mich auf dem richtigen
Wege zu befinden, da griff ich in meine Kinderzeit
zurueck und holte den alten, kuehnen Wunsch hervor, "ein
Maerchenerzaehler zu werden, wie du, Grossmutter bist."
Ich befand mich ja an einem der groessten und reichsten
Fundorte alles dessen, was da zu erzaehlen war, im
Gefaengnisse. Da kondensiert und verdichtet sich alles, was
draussen in der Freiheit so leicht und so duenn vorueberfliesst,
dass man es nicht ergreifen und noch viel weniger
betrachten kann. Und da erheben sich die Gegensaetze, die
draussen sich wie auf ebener Flaeche vermischen, so bergeshoch,
dass in dieser Vergroesserung Alles offenbar wird,
was anderwaerts in Heimlichkeit verborgen bleibt. Ich
hatte sie vor mir aufgeschlagen, die anspruchsvollen,
hochgelehrten Werke ueber Psychologie, besonders ueber
Kriminalpsychologie. Fast jede Zeile war mir eingepraegt. Sie
enthielten die Theorie, ein Konglomerat von Raetseln und
Problemen. Die Praxis aber lag rund um mich her, in
ebenso klarer wie erschuetternder Aufrichtigkeit. Welch ein
Unterschied zwischen beiden? Wo war die Wahrheit zu
suchen? In den aufgeschlagenen Buechern oder in der
aufgeschlagenen Wirklichkeit? In beiden! Die Wissenschaft
ist wahr, und das Leben ist wahr. Die Wissenschaft
irrt, und das Leben irrt. Ihre beiderseitigen Wege
fuehren ueber den Irrtum zur Wahrheit; dort muessen sie
sich treffen. Wo diese Wahrheit liegt und wie sie lautet,
das koennen wir nur ahnen. Es ist nur einem einzigen
Auge vergoennt, sie vorauszusehen, und das ist das Auge
des -- -- Maerchens. Darum will ich Maerchenerzaehler
sein, nichts Anderes als Maerchenerzaehler, ganz so, wie
Grossmutter es war! Ich brauche nur die Augen zu
oeffnen, so sehe ich sie aufgespeichert, diese Hunderte und
Aberhunderte von fleischgewordenen Gleichnissen und nach
Erloesung trachtenden Maerchen. In jeder Zelle eins und
auf jedem Arbeitsschemel eins. Lauter schlafende
Dornroeschen, die darauf warten, von der Barmherzigkeit und
Liebe wachgekuesst zu werden. Lauter in Fesseln schmachtende
Seelen, in alten Schloessern, die in Gefaengnisse
umgewandelt sind, oder in modernen Riesenbauten, in denen
Humanitaet von Zelle zu Zelle, von Schemel zu Schemel
geht, um aufzuwecken und freizumachen, was des Aufwachens
und der Freiheit wert sich zeigt. Ich will zwischen
Wissenschaft und Leben vermitteln. Ich will Gleichnisse
und Maerchen erzaehlen, in denen tief verborgen die
Wahrheit liegt, die man auf andere Weise noch nicht zu
erschauen vermag. Ich will Licht schoepfen aus dem Dunkel
meines Gefaengnislebens. Ich will die Strafe, die mich
getroffen hat, in Freiheit fuer andere verwandeln. Ich
will die Strenge des Gesetzes, unter der ich leide, in ein
grosses Mitleid mit allen denen, die gefallen sind,
verkehren, in eine Liebe und Barmherzigkeit, vor der es
schliesslich kein "Verbrechen" mehr und keine "Verbrecher"
gibt, sondern nur Kranke, Kranke, Kranke.
Aber kein Mensch darf ahnen, dass das, was ich erzaehle,
nur Gleichnisse und nur Maerchen sind, denn wuesste
man das, so wuerde ich nie erreichen, was ich zu erreichen
gedenke. Ich muss selbst zum Maerchen werden, ich selbst,
mein eigenes Ich. Es wird das freilich eine Kuehnheit
sein, an der ich leicht zugrunde gehen kann, was aber
liegt am Schicksal eines kleinen Einzelmenschen, wenn es
sich um grosse, riesig emporstrebende Fragen der ganzen
Menschheit handelt? An dem winzigen Schicksaelchen eines
verachteten Gefangenen, der fuer die Gesellschaft schon so
und ueberhaupt verloren ist, wenn sich die Art und Weise,
in der man ueber das "Verbrechen" denkt und spricht,
nicht baldigst aendert!
Das war ein Gedanke, der mir ganz ploetzlich kam,
sich aber tief einnistete und mich nicht wieder verliess.
Er gewann Macht ueber mich; er wurde gross. Er nahm
endlich meine ganze Seele ein, und zwar wohl deshalb,
weil er in sich die Erfuellung alles dessen barg, was schon
von meiner Kindheit an Wunsch und Hoffnung in
mir lebte. Ich hielt ihn fest, diesen Gedanken; ich
erweiterte und vertiefte ihn; ich arbeitete ihn aus. Er
hatte mich, und ich hatte ihn; wir wurden beide identisch.
Aber das geschah nicht schnell, sondern es brauchte eine lange,
lange Zeit, und es gingen noch truebere und noch schwerere
Tage dahin, als die gegenwaertigen waren, ehe ich meinen
Arbeitsplan entwickelte und derart festgelegt hatte, dass
an ihm nichts mehr zu aendern war. Ich nahm mir vor,
zunaechst noch weiter an meinen Humoresken und erzgebirgischen
Dorfgeschichten zu schreiben, um der deutschen
Leserwelt bekannt zu werden und ihr zu zeigen, dass ich
mich absolut nur auf gottesglaeubigem Boden bewege.
Dann aber wollte ich zu einem Genre greifen, welches
im allgemeinsten Interesse steht und die groesste
Eindrucksfaehigkeit besitzt, naemlich zur Reiseerzaehlung. Diesen
Erzaehlungen wirkliche Reisen zugrunde zu legen, war nicht
absolut notwendig; sie sollten ja doch nur Gleichnisse
und nur Maerchen sein, allerdings ausserordentlich
vielsagende Gleichnisse und Maerchen. Trotzdem aber waren
Reisen wuenschenswert, zu Studienzwecken, um die verschiedenen
Milieus kennen zu lernen, in denen meine Gestalten
sich zu bewegen hatten. Vor allem galt es, sich
tuechtig vorzubereiten, Erdkunde, Voelkerkunde, Sprachkunde
treiben. Ich hatte meine Sujets aus meinem eigenen
Leben, aus dem Leben meiner Umgebung, meiner Heimat
zu nehmen und konnte darum stets der Wahrheit gemaess
behaupten, dass Alles, was ich erzaehle, Selbsterlebtes und
Miterlebtes sei. Aber ich musste diese Sujets hinaus
in ferne Laender und zu fernen Voelkern versetzen, um ihnen
diejenige Wirkung zu verleihen, die sie in der heimatlichen
Kleidung nicht besitzen. In die Praerie oder unter Palmen
versetzt, von der Sonne des Morgenlandes bestrahlt oder
von den Schneestuermen des Wilden Westens umtobt, in
Gefahren schwebend, welche das staerkste Mitgefuehl der
Lesenden erwecken, so und nicht anders mussten alle meine
Gestalten gezeichnet sein, wenn ich mit ihnen das erreichen
wollte, was sie erreichen sollten. Und dazu hatte ich in
allen den Laendern, die zu beschreiben waren, wenigstens
theoretisch derart zu Hause zu sein, wie ein Europaeer
es nur immer vermag. Es galt also zu arbeiten, schwer
und angestrengt zu arbeiten, um mich vorzubereiten, und
dazu war der stille ungestoerte Gefaengnisraum, in dem
ich lebte, grad so die richtige Stelle.
Es gibt irdische Wahrheiten, und es gibt himmlische
Wahrheiten. Die irdischen Wahrheiten werden uns durch
die Wissenschaft, die himmlischen durch die Offenbarung
gegeben. Die Wissenschaft pflegt ihre Wahrheiten zu
beweisen; was die Offenbarung behauptet, wird von den
Gelehrten hoechstens als glaubhaft, nicht aber als bewiesen
betrachtet. So eine himmlische Wahrheit steigt an den
Strahlen der Sterne zur Erde nieder und geht von Haus
zu Haus, um anzuklopfen und eingelassen zu werden.
Sie wird ueberall abgewiesen, denn sie will geglaubt sein,
aber das tut man nicht, weil sie keine gelehrte Legitimation
besitzt. So geht sie von Dorf zu Dorf, von Stadt zu
Stadt, von Land zu Land, ohne erhoert und aufgenommen
zu werden. Da steigt sie am Strahl der Sterne wieder
himmelan und kehrt zu dem zurueck, von dem sie ausgegangen
ist. Sie klagt ihm weinend ihr Leid. Er aber
laechelt mild und spricht: "Weine nicht! Geh' wieder
zur Erde nieder, und klopfe bei dem Einzigen an, dessen
Haus du noch nicht fandest, beim Dichter. Bitte ihn,
dich in das Gewand des Maerchens zu kleiden, und versuche
dann dein Heil noch einmal!" Sie gehorcht. Der
Dichter nimmt sie liebend auf und kleidet sie. Sie
beginnt ihren Gang als Maerchen nun von Neuem, und
wo sie anklopft, ist sie jetzt willkommen. Man oeffnet ihr
die Tueren und die Herzen. Man lauscht mit Andacht
ihren Worten; man glaubt an sie. Man bittet sie, zu
bleiben, denn jeder hat sie liebgewonnen. Sie aber muss
weiter, immer weiter, um zu erfuellen, was ihr aufgetragen
worden ist. Doch geht sie nur als Maerchen; als Wahrheit
aber bleibt sie zurueck. Und wenn man sie auch nicht
sieht, sie ist doch da und herrscht im Haus, fuer alle
Folgezeiten.
So, das ist das Maerchen! Aber nicht das Kindermaerchen,
sondern das wahre, eigentliche, wirkliche Maerchen,
trotz seines anspruchslosen, einfachen Kleides die
hoechste und schwierigste aller Dichtungen, der in ihm
wohnenden Seele gemaess. Und einer jener Dichter, zu
denen die ewige Wahrheit kommt, um sie kleiden zu lassen,
wollte ich sein! Ich weiss gar wohl, welche Kuehnheit
des war. Doch gestehe ich es, ohne mich zu fuerchten.
Die Wahrheit ist so verhasst und das Maerchen so
verachtet, wie ich selbst es bin; wir passen zueinander.
Das Maerchen und ich, wir werden von Tausenden gelesen,
ohne verstanden zu werden, weil man nicht in die Tiefe
dringt. Wie man behauptet, dass das Maerchen nur fuer
Kinder sei, so bezeichnet man mich als "Jugendschriftsteller",
der nur fuer unerwachsene Buben schreibe. Kurz,
ich brauche mich gar nicht zu entschuldigen, dass ich so
verwegen gewesen bin, nur ein Maerchen- und
Gleichnisschriftsteller sein zu wollen. Gleicht doch mein "Leben
und Streben" schon an und fuer sich selbst einem Maerchen,
und sind es doch fast unzaehlige Fabeln und Maerchen, mit
denen meine Person von gegnerischer Seite umkleidet
worden ist! Und wenn ich mich dagegen verwahre, so
glaubt man mir ebenso wenig, wie Mancher dem Maerchen
glaubt. Aber, wie jedes echte Maerchen doch endlich
einmal zur Wahrheit wird, so wird auch alles an mir zur
Wahrheit werden, und was man mir heut nicht glaubt,
das wird man morgen glauben lernen.
Also alle meine Reiseerzaehlungen, die ich zu schreiben
beabsichtigte, sollten bildlich, sollten symbolisch sein. Sie
sollten Etwas sagen, was nicht auf der Oberflaeche lag.
Ich wollte Neues, Beglueckendes bringen, ohne meine Leser
mit dem Alten, Bisherigen in Kampf und Streit zu
verwickeln. Und was ich zu sagen hatte, das musste ich
suchen lassen; ich durfte es nicht offen vor die Tueren
legen, weil man Alles, was man so billig bekommt, liegen
zu lassen pflegt und nur das zu schaetzen weiss, was man
sich muehsam zu erringen hat. Es waere ein unverzeihlicher
Fehler gewesen, gleich von vornherein anzudeuten, dass
meine Reiseerzaehlungen bildlich zu nehmen seien. Man
haette mich einfach nicht gelesen, und Alles, was ich loesen
wollte, waere Fabel und Maerchen geblieben. Der Leser
musste ungeahnt finden, was ich gab; er betrachtete
es dann als wohlerrungen und hielt es fuer das Leben
fest.
Aber was war denn eigentlich das, was ich geben
wollte? Das war vielerlei und nichts Alltaegliches. Ich
wollte Menschheitsfragen beantworten und Menschheitsraetsel
loesen. Man lache mich aus; aber ich habe es
gewollt; ich habe es versucht und werde es weiter
versuchen. Ob ich es erreiche, kann weder ich noch ein
Anderer wissen. Es mag bei der Ausfuehrung dann wohl
mancher Fehler untergelaufen sein, denn ich bin ein irrender
Mensch; mein Wollen aber ist gut und rein gewesen. Ich
wollte ferner meine psychologischen Erfahrungen zur
Veroeffentlichung bringen. Ein junger Lehrer, der bestraft
worden ist, seine psychologischen Erfahrungen? Ist das
nicht noch laecherlicher als das Vorhergehende? Mag man
es dafuer halten; ich aber habe an hundert und wieder
hundert ungluecklichen Menschen gesehen, dass sie nur darum
in das Unglueck geraten waren und nur darum darin
stecken blieben, weil ihre Seelen, diese kostbarsten Wesen
der ganzen irdischen Schoepfung, vollstaendig vernachlaessigt
worden waren. Der Geist ist das verzogene, eingebildete
Lieblingskind, die Seele das zurueckgesetzte, hungernde
und frierende Aschenbroedel. Fuer den Geist sind
alle Schulen da, von der A-B-C-Schuetzen-Schule bis
hinauf zur Universitaet, fuer die Seele aber keine einzige.
Fuer den Geist werden Millionen Buecher geschrieben,
wie viele fuer die Seele? Dem Menschengeiste werden
tausend und abertausend Denkmaeler gesetzt; wo stehen
die, welche bestimmt sind, die Menschenseele zu
verherrlichen? Wohlan, sage ich mir, so will ich es sein, der
fuer die Seele schreibt, ganz nur fuer sie allein, mag man
darueber laecheln oder nicht! Man kennt sie nicht. Darum
werden viele meine Werke entweder nicht oder falsch
verstehen, aber das soll mich ja nicht hindern, zu tun, was
ich mir vorgenommen habe.
Das war eigentlich genug fuer einen Menschen; aber
ich wollte nicht das allein, ich wollte noch viel mehr.
Ich sah um mich herum das tiefste Menschenelend liegen;
ich war fuer mich der Mittelpunkt desselben. Und hoch
ueber uns lag die Erloesung, lag die Edelmenschlichkeit,
nach der wir emporzustreben hatten. Diese Aufgabe war
aber nicht allein die unsrige, sondern sie ist allen Menschen
erteilt; nur dass wir, die wir um so viel tiefer lagerten
als die Andern, weit mehr und weit muehsamer aufzusteigen
hatten als sie. Aus der Tiefe zur Hoehe, aus Ardistan
nach Dschinnistan, vom niedern Sinnenmenschen zum
Edelmenschen empor. Wie das geschehen muesse, wollte ich
an zwei Beispielen zeigen, an einem orientalischen und
an einem amerikanischen. Ich teilte mir die Erde fuer
diese meine besonderen Zwecke in zwei Haelften, in eine
amerikanische und eine asiatisch-afrikanische. Dort wohnt
die indianische Rasse und hier die semitisch-mohammedanische.
An diese beiden Rassen wollte ich meine Maerchen, meine
Gedanken und Erlaeuterungen knuepfen. Darum galt es,
mich vor allen Dingen mit den arabischen u. s. w. Sprachen
und den Indianerdialekten zu beschaeftigen. Der unwandelbare
Allahglaube der einen und der hochpoetische Glaube
an den "grossen, guten Geist" der Andern harmonierte mit
meinem eigenen, unerschuetterlichen Gottesglauben. In
Amerika sollte eine maennliche und in Asien eine weibliche
Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches
Wollen emporzuranken haetten. Die eine ist mein
Winnetou, die andere Marah Durimeh geworden. Im Westen
soll die Handlung aus dem niedrigen Leben der Savanne
und Prairie nach und nach bis zu den reinen und lichten
Hoehen des Mount Winnetou emporsteigen. Im Osten
hat sie sich das Treiben der Wueste bis nach dem
hohen Gipfel des Dschebel Marah Durimeh zu erheben.
Darum beginnt mein erster Band mit dem Titel "durch
die Wueste." Die Hauptperson aller dieser Erzaehlungen
sollte der Einheit wegen eine und dieselbe sein, ein
beginnender Edelmensch, der sich nach und nach von allen
Schlacken des Animamenschentumes reinigt. Fuer Amerika
sollte er Old Shatterhand, fuer den Orient aber Kara
Ben Nemsi heissen, denn dass er ein Deutscher zu sein
hatte, verstand sich ganz von selbst. Er musste als selbst
erzaehlend, also als "Icherzaehler" dargestellt werden.
Sein Ich ist keine Wirklichkeit, sondern dichterische Imagination.
Doch, wenn dieses "Ich" auch nicht selbst existiert,
so soll doch Alles, was von ihm erzaehlt wird, aus der
Wirklichkeit geschoepft sein und zur Wirklichkeit werden.
Dieser Old Shatterhand und dieser Kara Ben Nemsi,
also dieses "Ich" ist als jene grosse Menschheitsfrage
gedacht, welche von Gott selbst geschaffen wurde, als er
durch das Paradies ging um zu fragen: "Adam, d. i.
Mensch, wo bist Du?" "Edelmensch, wo bist Du?" Ich
sehe nur gefallene, niedrige Menschen!" Diese Menschheitsfrage
ist seitdem durch alle Zeiten und alle Laender des
Erdkreises gegangen, laut rufend und laut klagend, hat
aber nie eine Antwort erhalten. Sie hat Gewaltmenschen
gesehen zu Millionen und Abermillionen, die einander
bekaempften, zerfleischten und vernichteten, nie aber einen
Edelmenschen, der den Bewohnern von Dschinnistan glich
und nach ihrem herrlichen Gesetze lebte, dass ein Jeder
Engel seines Naechsten zu sein habe, um nicht an sich
selbst zum Teufel zu werden. Einmal aber muss und
wird die Menschheit doch so hoch gestiegen sein, dass auf
die bis dahin vergebliche Frage von irgendwoher die beglueckende
Antwort erfolgt: "hier bin ich. Ich bin der erste
Edelmensch, und Andere werden mir folgen!" So geht
auch Old Shatterhand und so geht Kara Ben Nemsi durch
die Laender, um nach Edelmenschen zu suchen. Und wo
er keinen findet, da zeigt er durch sein eigenes edelmenschliches
Verhalten, wie er sich ihn denkt. Und dieser imaginaere
Old Shatterhand, dieser imaginaere Kara Ben Nemsi,
dieses imaginaere "Ich" hat nicht imaginaer zu bleiben,
sondern sich zu realisieren, zu verwirklichen, und zwar in
meinem Leser, der innerlich Alles miterlebt und darum
gleich meinen Gestalten emporsteigt und sich veredelt. In
dieser Weise trage ich meinen Teil zur Loesung der grossen
Aufgabe bei, dass sich der Gewaltmensch, also der niedrige
Mensch, zum Edelmenschen entwickeln koenne.
Indem ich diese Gedanken in mir bewegte, fuehlte
ich gar wohl, dass ich mich durch ihre Ausfuehrung einer
Gefahr aussetzen wuerde, die fuer mich keine geringe war.
Wie nun, wenn man diese Imagination nicht verstand
und dieses "Ich" also nicht begriff? Wenn man glaubte,
ich meine mich selbst? Lag es da nicht nahe, dass ein
Jeder, dem es an Intelligenz oder gutem Willen fehlte,
zwischen Wirklichkeit und Imagination zu unterscheiden,
mich als Luegner und Schwindler bezeichnen wuerde? Ja,
das lag allerdings in der Moeglichkeit, aber fuer wahrscheinlich
hielt ich es nicht. Ich hatte dieses "Ich," also
diesen Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand, ja mit
allen Vorzuegen auszustatten, zu denen es die Menschheit
im Verlaufe ihrer Entwicklung bis heut gebracht hat.
Mein Held musste die hoechste Intelligenz, die tiefste
Herzensbildung und die groesste Geschicklichkeit in allen
Leibesuebungen besitzen. Dass sich das in der Wirklichkeit
nicht in einem einzelnen Menschen vereinigen konnte,
das verstand sich doch wohl ganz von selbst. Und wenn
ich, wie ich mir vornahm, eine Reihe von dreissig bis
vierzig Baenden schrieb, so war doch gewiss anzunehmen,
dass kein vernuenftiger Mann auf die Idee kommen werde,
dass ein einziger Mensch das Alles erlebt haben koenne.
Nein! Der Vorwurf, dass ich ein Luegner und Schwindler
sei, war, wenigstens fuer denkende Leute, vollstaendig
ausgeschlossen! So glaubte ich damals. Ja, ich war sogar
fest ueberzeugt, trotzdem ich mit dem "Ich" mich nicht
selbst meinte, doch mit bestem Gewissen behaupten zu
koennen, dass ich den Inhalt dieser Erzaehlungen selbst
erlebt oder miterlebt habe, weil er ja aus meinem eigenen
Leben oder doch aus meiner naechsten Naehe stammte. Ich
hielt es fuer gar nicht schwer, sondern sogar fuer sehr leicht
und vor allen Dingen auch fuer interessant, sich vorzustellen,
dass Karl May diese Reiseerzaehlungen zwar niederschreibt,
sie aber so verfasst, als ob sie nicht aus seinem eigenen
Kopfe stammen, sondern ihm von jenem imaginaeren "Ich",
also von der grossen Menschheitsfrage, diktiert worden
seien. Ob diese meine Annahme richtig war, wird bald
die Folge zeigen.
Der Vorsatz, meine Gestalten teils in indianische
und teils in orientalische Gewaender zu kleiden, fuehrte mich
ganz selbstverstaendlich zu tiefem Mitgefuehle fuer die Schicksale
der betreffenden Voelkerschaften. Der als unaufhaltsam
bezeichnete Untergang der roten Rasse begann, mich
ununterbrochen zu beschaeftigen. Und ueber die Undankbarkeit
des Abendlandes gegenueber dem Morgenlande, dem es
doch seine ganze materielle und geistige Kultur verdankt,
machte ich mir allerlei schwere Gedanken. Das Wohl
der Menschheit will, dass zwischen beiden Friede ist, nicht
laenger Ausbeutung und Blutvergiessen. Ich nahm mir
vor, dies in meinen Buechern immerfort zu betonen und
in meinen Lesern jene Liebe zur roten Rasse und fuer die
Bewohner des Orients zu erwecken, die wir als Mitmenschen
ihnen schuldig sind. Man versichert mir heut,
dies nicht etwa bei nur Wenigen, sondern bei Hunderttausenden
erreicht zu haben, und ich bin nicht abgeneigt,
dies zu glauben.
Und nun die Hauptfrage: Fuer wen sollten meine
Buecher geschrieben sein? Ganz selbstverstaendlich fuer das Volk,
fuer das ganze Volk, nicht nur fuer einzelne Teile desselben,
fuer einzelne Staende, fuer einzelne Altersklassen. Vor allen
Dingen nicht etwa allein fuer die Jugend! Auf diese
letztere Versicherung habe ich das groesste Gewicht und
den schaerfsten Ton zu legen. Waere es meine Absicht
gewesen, Jugendschriftsteller sein oder werden zu wollen,
so haette ich ganz notwendigerweise auf die Ausfuehrung
aller meiner Plaene und auf die Erreichung aller meiner
Ideale fuer immer verzichten muessen. Und dies zu tun,
ist mir niemals eingefallen. Zwar hatte ich auch an die
Jugend zu denken, denn sie bietet nicht nur zeitlich die
erste Stufe des Volkes; sie ist es nicht nur, aus der sich
das Volk immer fort und fort ergaenzt, sondern sie ist
es, die im Aufwaertsstreben der Menschheit den Alten
und den Bequemen voranzusteigen hat, um das von unsern
Pionieren neu gesichtete Terrain schnellsten Tempo's zu
besetzen. Aber wie sie nur einen Teil des Volkes bildet,
so konnte das, was ich an sie zu richten hatte, auch nur
ein Teil dessen sein, was ich fuer das Volk als Ganzes
schrieb. Wenn ich sage, dass ich fuer das Volk schreiben
wollte, so meine ich damit, fuer den Menschen ueberhaupt,
mag er so jung oder so alt sein, wie er ist. Aber nicht
jedes meiner Buecher ist fuer jeden Menschen. Und doch
auch wieder ist es fuer jeden Menschen, aber nach und
nach, je nachdem er sich vorwaerts entwickelt, je nachdem
er aelter und erfahrener wird, je nachdem er faehig
geworden ist, ihren Inhalt zu verstehen und zu begreifen.
Meine Buecher sollen ihn durch das ganze Leben begleiten.
Er soll sie als Knabe, als Juengling, als Mann, als
Greis lesen, auf jeder dieser Altersstufen das, was ihrer
Hoehe entsprechend ist. Das Alles langsam, mit
Ueberlegung und Bedacht. Wer meine Buecher verschlingt,
und zwar wahllos verschlingt, um den ist es vielleicht
schade; auf alle Faelle aber ist es noch mehr schade um sie!
Wer sie missbraucht, der soll nicht mich oder sie, sondern
sich selbst zur Verantwortung ziehen. Ich erinnere da
an das Rauchen, an das Essen und Trinken. Rauchen
ist ein Genuss. Essen und Trinken ist unerlaesslich. Aber
jederzeit zu rauchen, zu essen, zu trinken, und Alles, was
einem geboten wird, zu rauchen und zu verzehren, wuerde
nicht nur toericht, sondern sogar schaedlich sein. Eine gute,
interessante Lektuere soll man geniessen, aber nicht wie ein
Haifisch verschlingen! Da meine Buecher nur Gleichnisse
und Maerchen enthalten, versteht es sich ganz von selbst,
dass man reiflich ueber sie nachdenken soll und dass sie
nur in die Haende von Leuten gehoeren, die nicht nur
nachdenken koennen, sondern auch nachdenken wollen.
Als ich damals diese Gedanken erwog und meine
Plaene fasste, hatte ich zwar schon Verschiedenes geschrieben
und an die Oeffentlichkeit gegeben, aber es war mir noch
nicht eingefallen, mich als Schriftsteller oder gar als
Kuenstler zu bezeichnen. Und jeder wirkliche Schriftsteller
muss doch zugleich auch Kuenstler sein. Ich hielt mich
noch nicht einmal fuer einen zuenftigen Lehrling, sondern
nur erst fuer einen ausserhalb der Zunft herumtastenden
Anfaenger, der seine ersten, kindlichen Gehversuche macht.
Und doch schon so weit umfassende, weit hinausreichende
Plaene! Wenn ich diese Plaene ueberschaute, so haette mir
eigentlich himmelangst werden sollen, denn es gehoerten jedenfalls
mehrere arbeitsreiche, ungestoerte, glueckliche Menschenleben
dazu, den vor mir liegenden Stoff echt literarisch,
also kuenstlerisch zu bewaeltigen. Aber es wurde mir doch
nicht angst, sondern ich blieb sehr ruhig dabei. Ich fragte
mich: Muss man denn Schriftsteller sein, und muss man
denn Kuenstler sein, um solche Sachen schreiben zu duerfen?
Wer will und kann es Einem verbieten? Machen wir es
ohne Zunft, wenn es nur richtig wird! Und machen wir
es ohne Kunst, wenn es nur Wirkung hat und das erreicht,
was es erreichen soll! Ob Schriftsteller und Kuenstler
mich als "Kollegen" gelten lassen wuerden, das musste
mir damals gleichgueltig sein. Zwar, meinen individuellen
Stolz besass ich ebenso wie jeder andere Mensch, und von
Kunst dachte ich so hoch, wie man nur denken kann. Aber
diese meine Gedanken waren anders als diejenigen anderer
Leute, besonders der Fachgenossen. Kuenstler zu sein,
duenkte mich das Allerhoechste auf Erden, und es lebte tief
in meinem Herzen der heisse Wunsch, diese Hoehe zu erreichen,
und sollte es erst noch in der letzten Stunde vor
meinem Tode sein. Jener Kindheitsabend, an dem ich
den "Faust" zu sehen bekam, stand noch unvergessen in
meiner Seele, und die Vorsaetze, die ich an ihn geschlossen
hatte, besassen noch ganz denselben Willen und dieselbe
Macht ueber mich wie vorher. Fuer das Theater schreiben!
Dramen schreiben! Dramen, in denen gezeigt wird, wie
der Mensch aufsteigen soll und aufsteigen kann aus dem
Erdenleide zur Daseinsfreude, aus der Sklaverei des
niedern Triebes zur Seelenreinheit und zur Seelengroesse.
Um so Etwas schreiben zu koennen, muss man Kuenstler
sein, und zwar echter, wahrer Kuenstler. Aber was ich
nur da als Kunst dachte, das war etwas ganz Anderes
als das, was die heutige Kritik als Kunst bezeichnet, und
so blieb mir weiter nichts uebrig, als alle meine Wuensche,
die sich darauf bezogen, als Literat ein Kuenstler, und
zwar ein wahrer, wertvoller Kuenstler sein zu duerfen, fuer
lange, lange Jahre zurueckzustellen und bis dahin zu bleiben,
was ich eben war, naemlich ein unzuenftiger Anfaenger, der
nicht die geringste Praetentien [sic] besass, ein Zunftgenosse zu
werden. Wie ich stets, seitdem ich lebte, abgesondert und
einsam gestanden hatte, so war ich schon damals ueberzeugt,
dass auch mein Weg als Literat ein einsamer sein
und bleiben werde, so weit mein Leben reiche. Was ich
suchte, fand sich nicht im alltaeglichen Leben. Was ich
wollte, war etwas dem gewoehnlichen Menschen vollstaendig
Fernliegendes. Und was ich fuer richtig hielt, das war
hoechst wahrscheinlich fuer andere Leute das Falsche.
Zudem war ich ja ein bestrafter Mensch. Da lag es mir
nahe, ganz fuer mich zu bleiben und keinen wertvolleren
Menschen mit mir zu belaestigen. In Beziehung auf
Kunst war ich nicht sachverstaendig. Vielleicht hatten die
andern recht; ich konnte irren. Fuer alle Faelle aber hielt
mich mein Ideal fest, am Abende meines Lebens, nach
vollendeter Reife, ein grosses, schoenes Dichterwerk zu
schaffen, eine Symphonie erloesender Gedanken, in der
ich mich erkuehne, Licht aus meiner Finsternis zu schoepfen,
Glueck aus meinem Unglueck, Freude aus meiner Qual.
Dies fuer spaeter, wenn mir der Tod einst seinen ersten
Wink erteilt. Fuer jetzt aber galt es, zu lernen, viel zu
lernen und auf dieses Werk vorzubereiten, damit es
nicht misslinge. Jetzt Maerchen und Gleichnisse geben,
um dann am Schlusse des Lebens aus ihnen die Wahrheit
und die Wirklichkeit zu ziehen und auf die Buehne
zu bringen!
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